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Sunset by Modick

Klaus Modick tanzt begabt um das papierene kalb: das buch. er ist ein beachtliches multitalent: literaturwissenschaftler, dozent, buchkritiker, werbetexter, übersetzer, essayist, lyriker und ganz besonders: romancier. das gewinnende an ihm ist seine souverän-kritische distanz zum literaturbetrieb, den er durchschaut und mit entwaffnender offenheit bloß legt: es geht auch um die auflagen, nicht nur um den musenkuss. so einer ist erfrischend.

sein roman „Sunset“ (2012) bietet uns einblicke in die welt der exil-literatur, über dessen Großindustriellen der Literatur (44), Lion Feuchtwanger, der autor in jungen jahren promoviert hatte. basis der handlung ist die zwischen Feuchtwanger und Bertolt Brecht geknüpfte beziehung. Brecht wird dabei als eher berechnend dargestellt, er sucht die nähe zu L.F., weil Sie Erfolg haben, in München einflussreich sind und über die notwendigen Beziehungen verfügen.(35) aufbrausend seine überzeugungen vertretend, wird Brecht von dem väterlichen Freund L.F. als schwankend zwischen Zwang und Zynismus, Selbstaufgabe und Opposition (52) erinnert. Brecht als der geniale verwerter anderer ideen, Feuchtwanger als der organisierte handwerker und katalysator, das ist die hypotenuse dieses tragfähigen dreiecks.

die spitze bildet Marta Feuchtwanger, geb. Löffler, die Lion von der Geliebten zur Gattin und Gefährtin (9) wurde, und die heimlich von Bertolt angeschmachtet wird. sie erhält zum endgültigen abschied von Brecht eine brosche, die eigentlich seiner frau Helene Weigel zugeeignet war. Marta organisiert nicht nur ihrer beider auskömmliches leben, sondern auch den exilantenkreis in Los Angeles und umgebung in ihrer villa Aurora. berühmtheiten gehen ein und aus, der eine oder andere wird diskret finanziell unterstützt, aber die protagonisten werden nur gestreift, weil sie für die erinnerungsarbeit von L.F. weniger bedeutend sind.

es geht um Bertolt Brecht, dessen tod am 16.8.1956 um einen tag verspätet per telefax L.F. vermeldet wird. das löst eine kaskade von fast wehmütigen erinnerungen aus. in diese erinnerungsarbeit sind nun die literaturwissenschaftlichen kenntnisse des autors Modick auktorial integriert. und mehr noch. es fließen seine reflexionen über das schreiben im alter ein, hin zu dem einen vollendeten werk als lebensbilanz. hier einige erhellende zitate:

1. die zeit der bilanz angesichts des sonnenuntergangs (sunset als metapher: ortsname, naturschauspiel, tod) bricht an. Der Preis des Alterns ist die Einsamkeit. (11) … und seit geraumer Zeit habe er keine Todesfurcht mehr, da ja nichts einem je fehlen könne, wenn man selber fehle. (21) Manchmal kommt es ihm so vor, als hätte er schon Erinnerungen an sich selbst. (28)

2. das schreiben ist ein prozess des verstehens. Sein Instrument ist die Einfühlung, das Medium der historischen Romane und seine Voraussetzung die gründliche Recherche. (11) Man konnte nicht willkürlich beginnen. Es brauchte etwas dazu, das von Absicht, Recherche und Wissen unabhängig war. (29) Unabhängig von der Gattung schreiben, unabhängig vom Bescheidwissen, einfach so, wie ja auch Gedanken, Gefühle nicht an Formen gebunden waren? (31) Auch das Talent eines Schriftstellers ist wie Schminke, unter der in Falten und Runzeln das Werk liegt. (44) Bei Tageslicht betrachtet, erwies sich das meiste zwar als unbrauchbar, aber was er nicht ins Netz der Worte zieht, verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Ozean des Vergessens. (65)

3. das sprachvermögen bedeutet viel. Und doch ist es bitter, abgespalten zu sein vom lebendigen Strom der Muttersprache. Die Sprache ändert sich ständig, passt sich dem Leben an. (68) Es machte ihn krank, …, nur sagen zu können, was er sagen könne, statt das sagen zu können, was er sagen wolle! (69)

4. und das fazit reift: Rührt daher die quälende, im alter wachsende Ahnung, dass sich das Leben in der Literatur nicht ausspricht, sondern verbirgt? (108) Man kann sein Werk erst schreiben, wenn das Thema reif ist. (108) …kommt der Moment, da man nur noch das Wahre schreiben mag, und dann muss man feststellen, dass man die Wahrheit nicht kennt. So schrecklich ist das. (112) Immer aber schreibt man, weil man geliebt werden will. (120) Dichtung, denkt er plötzlich, ist mehr als Worte. Vielleicht wird man erst wirklich zum Dichter, wenn man vor der Welt verstummt. (175)

Modicks roman hat uns der so genannten exil-literatur näher gebracht und uns vom wesen des literarischen schreibens unterrichtet, dies in elegantem stil und ohne jeglichen erhobenen zeigefinger. denn die leser/innen sollen selber denken! wie wir, die wir auch den bezug zu den heutigen scharen von asylsuchenden menschen sehen, die sich in einer ihnen fremden kultur und sprache wiederfinden. wer ist ihnen ein spendabler Lion Feuchtwanger? wer ist ihnen ein dröhnender Bertolt Brecht? und wie viel versuchen wir von unserer Paranoia zur Staatsdoktrin zu machen (13)? insofern ist Modicks Sunset ein hoch aktuelles buch.

© 16.06.2015 brmu
zitate kursiv mit seitenangaben aus: Klaus Modick, Sunset, Piper tb7418, 4. auflage 2015

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Williams' Stoner steinhart?

die einhellige meinung des wieder gut besetzten lesekreises in der Buchhandlung Brockmann in Brühl: ein herausragendes buch mit vielen kleinen resonanzen zum tatsächlichen (er)leben.

der us-amerikanische autor John Williams legte 1965 seinen roman „Stoner“ vor, unbeachtet von der lesewelt, such is life! das blatt wendete sich bei einer neuauflage im jahre 2006. plötz­lich passt der roman in die zeit und es wird eine übersetzung angefertigt, die den deutsch­sprachigen markt erobert.

im zentrum steht der protagonist William Stoner, der ständig in dreiecksbeziehungen laviert. bei aller bewertung muss die beschriebene zeit um die beiden weltkriege im letzten jahr­hun­dert im auge behalten werden. eine prüde zeit mit kruden, gesellschaftlichen konventionen. er, William Stoner, der aufsteiger aus der unteren gesellschaftschicht als „landei“ findet sich in der mittelschicht (heute: bildungsbürgertum) zwar zurecht, aber nur zum preis der abkapse­lung im reich seiner bücher: für die literatur kämpft er – sonst nicht.

die eltern vom lande wollen ihn zum studierten agronom fördern, er dankt es ihnen nicht, verheimlicht zunächst die änderung seiner studienrichtung ins literarische. Allerdings merkte er bald, dass er ihnen nichts zu sagen hatte und dass sie einander bereits fremd wurden, ein Verlust, der seine Liebe zu ihnen noch vermehrte. (36) das passiert wohl allen, die sich durch bildung aus ihrer gesellschaftlichen ebene fortentwickeln.

nach einem intensiven gespräch [… was er hörte, war eine Art Beichte, und was er zu verstehen meinte, war eine Bitte um Hilfe. (71)] verliebt er sich in die schöne Edith Elaine Bostwick, upper class. Kaum war es [das gespräch] vorbei, spürte er, dass sie einander auf eine Weise fremd waren, die er nicht erwartet hätte; und er wusste, er hatte sich verliebt. (71) ist das eine solide voraussetzung für eine glückliche ehe? der roman beantwortet diese frage vehement. Edith hingegen dankt es ihm nicht, weil männliche versorgung zwar gesellschaftlich gut, männliche nähe im bett für sie scheinbar unerträglich ist. ergo: man richtet sich recht und schlecht ein: In ihrem gemeinsamen Leben waren sie an einem Punkt angelangt, an dem sie nur noch selten über sich oder übereinander sprachen, um das heikle Gleichgewicht nicht zu gefährden, das ihnen ihr zusammenleben ermöglichte. (152)

in Stoner verbleibt ein vakuum, das seine studentin Katherine Discoll eine zeit lang füllt. sie will ihn lieben, sex ist kein problem, der altersunterschied spielt keine rolle, er liebt auch sie und wird phasenweise ein anderer. als es aber durch eine intrige von Lomax hart auf hart kommt, dankt er es ihr nicht und lässt sie im stich. später schickt sie ihm ihre doktorarbeit, die trotzdem ihm gewidmet ist. Da brach sich das so lang angestaute Verlustgefühl Bahn, überflutet ihn, und er ließ sich mitreißen, verlor alle Beherrschung. Er wollte nicht gerettet werden. Dann lächelte er liebevoll wie über eine Erinnerung, und ihm kam der Gedanke, dass er auf die sechzig zuging, weshalb er eigentlich über solche Leidenschaften erhaben sein sollte, über eine solche Liebe. (314) was für eine indifferenz!

statt seinen vorgesetzten Dr. Hollis N. Lomax direkt anzugehen, weil der einmal seine frau öffentlich zum abschied „keusch“ geküsst hatte, was bei ihr heftige, sexuelle fantasien aus­löste, die sie mit Stoner nie hatte, rächt er sich an dessen provokanten, aber schwächelnden assistenten Charls Walker und macht ihn in einer prüfung fertig. der krieg zwischen Stoner und Lomax beherrscht den roman über weite strecken und kostet Stoner seine einzige, wahre liebe. Lomax steckt hinter der intrige gegen Katherine, er deckt das „illegitime“ liebes­ver­hältnis auf, zwingt also Stoner farbe zu bekennen, was der nicht schafft. denn dann hätte er seine komfortzone >campus und literatur< aufgeben müssen.

erst sehr spät kommt Stoner die einsicht: Mit einem Mal kam ihm das Spiel, das er mit Lomax getrieben und auf seltsame Weise auch genossen hatte, belanglos und gemein vor. (319) und später im zusammenhang mit der ihm gegenüber eingeforderten emeritierung: Schätze, ich bin Lomax was schuldig. (331)

die strecke der einsichten setzt sich auf dem sterbebett fort. dort kommt es klassisch zu einer versöhnung mit Edith: Eine neue Ruhe breitete sich zwischen ihnen aus, eine Stille, die wie der Beginn einer Verliebtheit war, … (341) Sie hatten sich das Leid vergeben, das sie einander zugefügt hatten, und betrachteten selbstversunken, was aus ihrem gemeinsamen Leben hätte werden können. (342) ein leben, welches der konjunktiv beherrscht, ist ein verhuschtes leben, wie das von Stoner, der weder als hochschullehrer karriere gemacht hat, noch sich privat entwickelt hat. tieftauchen in die literatur als ersatz von leben.

William Stoner wird nicht beinhart skizziert. als Pearl Harbor angegriffen wird, reagiert er nachdenklich. Er spürte die Wucht er öffentlichen Tragödie, spürte einen so durchdringenden Schrecken und Schmerz, dass persönliche Tragödien und Missgeschicke gleichsam auf eine andere Ebene gerückt und durch die ungeheuerlichen Dimensionen, in denen sie stattfanden, zugleich verstärkt wurden. (306) hier zeigt er eine ähnliche sensibilität, wie sein damaliger spiritus rector, der englischlehrer Archer Sloane, der beim ende des ersten weltkriegs am 11.11.1918 bitterlich weinte, dass die Tränen über die tiefen Hautfalten rannen. (58)

als „sensibelchen“ laviert er zwischen den grenzen, die ihm das leben seiner zeit aufnötigt. er ist ein friedlicher typ, dem man passagenweise gerne folgt. doch sein eklatantes versagen gegenüber seiner tochter Grace, zunächst von ihm betreut und hoffnungsvoll aufblühend, dann durch die „erziehung“ ihrer mutter und dem tod von kind und mann letztlich dem alkohol verfällt, befremdet aus heutiger zeit massiv und lässt den protagonisten als kaschierten versager erscheinen, obwohl er doch meint, er habe in sich eine Fähigkeit zur Gewalt, von der er bislang nichts geahnt hatte. (308) nur einmal zeigt Stoner seine zähne und widersetzt sich dem lehrplan von Lomax, in dem er sein altes oberseminar anstelle der anfängerübungen durchzieht und damit auch durchkommt.

warum nicht für Grace gegen Edith, warum nicht für Kathreen gegen Edith? weil das gesellschaftliche feld durch konventionen völlig vermint war und ein widersetzen alles zum einsturz gebracht hätte. nur der campus war der schonraum, in dem er spät zur revolte ansetzte. man kann es ihm verzeihen, denn sein kollege Albert Camus war noch nicht auf der bildfläche erschienen.

wie gesagt: ein beeindruckendes werk mit vielen facetten. der autor hätte das sicherlich auch noch gerne gehört. aber der literaturbetrieb kann gnadenlos sein. das werk soll autobio­gra­fische züge tragen, was en detail darin passiert, hat Wikipedia hier beschrieben.

© 19.05.2015 brmu
zitate kursiv (seitenzahl) aus: John Williams, Stoner, dtv tb 14395, 2015, 3. auflage, 349 seiten, übersetzt von Bernhard Robben.

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Barnes' erinnerungsgeschichte

am 27. april 2015 hatten wir uns mit dem englischen schriftsteller Julian Barnes, beschäftigt, der 2011 einen kleinen roman, betitelt „The Sense of an Ending“ vorgelegt hatte, eingedeutscht zu: „Vom Ende einer Geschichte“, wobei das ende die große überraschung enthält. was in dem roman passiert, kann man bei Wikipedia nachlesen: hier.

der zentrale, beeindruckende erzählfaden wird durch die erinnerungsarbeit des protagonisten Tony Webster gezwirbelt, wobei der begriff >zeit< reflektiert wird: Doch in der Schule fing alles an, darum muss ich kurz auf einige Vorfälle eingehen, die sich zu Anekdoten ausweiten, zu annähernden Erinnerungen, die dann die Zeit zu Gewissheiten verzerrte. (10) Und doch lehren uns die kleinsten Freuden und Schmerzen, wie geschmeidig die Zeit ist. (10)

in der schule hatte sich ein dreiergespann unterschiedlicher charaktere gefunden: Tony Webster, Colin und Alex. dann stößt ein neuer hinzu: Adrian Finn – und die roman kann starten. Wir waren grundsätzlich auf Verarschung aus, außer wenn es uns ernst war. (13) Adrian aber trieb uns dazu, an die Anwendung des Denkens auf das Leben zu glauben, an die Vorstellung, dass Handeln von Prinzipien geleitet werden sollte. (16) Man möchte meinen, dass Adrian eine bereicherung der gruppe darstellt.

in dem schonraum >schule< machen sie ihre ersten erfahrungen und vergleichen ihr leben mit dem in der literatur: Das war auch so eine Angst, die uns quälte: dass es im Leben anders zugehen könnte als in der Literatur. (22) Wahre Literatur handelte von psychologischen, emotionalen und gesellschaftlichen Wahrheiten und stellte sie in den Handlungen und Überlegungen der Protagonisten anschaulich dar. (23) diese überlegungen sind auktorial und zielen darauf ab, den leser/innen die interpretationsarbeit bezogen auf das ende zu erleichtern.

werden erinnerungen längs eines zeitpfeils geordnet, so erhalten wir das, was man schlechthin >geschichte< nennt. der geschichtslehrer Old Joa Hunt verwickelt die drei in ein gespräch, indem er fragt (24-25): Was ist Geschichte? Toni antwortet: Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger. der lehrer ergänzt: … auch die Summe der Selbsttäuschungen der Besiegten. Colin meint: Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln. Sie stößt immer wieder auf. und Adrian als der intellektuelle der jungengruppe zitiert Patrick Lagrange: Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheit der Erinnerungen auf die Unzulänglichkeit der Dokumentation treffen. auch dieser klassendisput hat auktoriale züge, will uns helfen, den roman zu verstehen.

anlässlich der selbsttötung von Adrian reflektiert Tony: Wir treffen eine instinktive Entscheidung und bauen uns dann eine Infrastruktur von Argumenten auf, uns dies Entscheidung zu rechtfertigen. Und das Ergebnis nenne wir den gesunden Menschenverstand. (68) das ist die kernaussage aller neurobiologen über die den entscheidungen voraulaufenden hirnprozesses, was zu der kontroversen debatte führt, ob es einen freien willen gäbe.

Im späteren Leben erwartet man doch ein wenig Ruhe, nicht wahr? … Aber dann begreift man allmählich, dass das Leben sich nicht bemüßigt fühlt, Verdienste zu belohnen. (75) Tony kommt zu der erkenntnis, dass es, weil es immer weniger Zeugen des eigenen Lebens gibt, auch weniger Bestätigung und folglich weniger Gewissheit darüber gibt, was man ist oder geworden ist. (75) davon können betagte rentner/innen ein gut lied singen; ein typischer satz, der eine hohe resonanz im lesepublikum erzeugt, nach dem motto: ja, genau so ist es – und ich lese jetzt begierig weiter.

die dem selbstbetrug anheimfallende erinnerungsarbeit könnte durch ein ererbtes tagebuch aufgemsicht werden. Tony will dieses tagebuch als erbe einfordern, erhält aber nur ein paar seiten als kopie. der motor des romans ist die suche nach diesem tagebuch des toten Adrian. Das Tagebuch war Beweismaterial; es war  - vielleicht – eine Bestätigung. Es könnte die trivialen Wiederholungen der Erinnerung durchbrechen. Es könnte etwas in Gang setzten- auch wenn ich keine Ahnung hatte, was. (96) es könnte die tatsächlichen zusammenhänge der erinnerungsfetzen zu einem neuen gewebe bewirken. Wenn wir jung sind, erfinden wir verschiedene Zukünfte für uns selbst; wenn wir alt sind, erfinden wir verschiedene Vergangenheiten für andere. (100) und weiter geht der prozess der selbsterkenntnis: Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlen Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung infrage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben. Anderen – aber vor allem – uns selbst erzählt haben. (117)

wenn dieser prozess der lebenslangen klärung anhält, dann bleibt enttäuschung nicht aus. Denn wie jeder politische oder historische Wandel früher oder später enttäuschen muss, so muss auch das Erwachsensein enttäuschen. Und auch das Leben. (129) man kann seine nachwelt nur bitten: Denkt nicht schlecht von mir, behaltet mich in guter Erinnerung. Sagt anderen, dass ihr mich gern habt, dass ihr mich geliebt habt, dass ich kein schlechter Kerl war. Auch wenn das womöglich alles gar nicht stimmt. (132) Tony dämmert es, dass er lange falsche freund-feind-bilder hatte.

sicherlich kann man diesen roman als campus-roman abtun oder als liebesgeschichte. das greift aber wohl zu kurz. der sich durchziehende rote faden behandelt eine ur-eigene thematik aller leser/innen: die selbsterfindung der persönlichkeit als ein prozess der integration in die welt. wie selbstkritisch der autor mit sich und seinem genre umgeht, kann aus einer beiläufigen anmerkung von Veronica, Tonys ehmalige freundin, abgeleitet werden. beide unterhalten sich über den englischen dichter Ted Hughes und Veronica meint: Dichtern geht nicht so der Stoff aus wie Romanciers … Weil sie nicht im selben Maße vom Stoff abhängig sind. (34) dem stoff, aus dem die erinnerung ist.

© 18.05.2015 brmu

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Kaisers Blasmusikpop

Wie die Wissenschaft in die Berge kam, ein neugier erzeugender untertitel, der es in sich hat. denn in dem opulenten erzählwerk Blasmusikpop von Vea Kaiser geht es nur am rande um blaskapellen-popmusik. auf 494 seiten begegnet uns abgeschiedenheit und die damit einher­ge­henden, tradierten verhaltensweisen einer sozialen gruppe, Bergbarbaren (11) genannt, und wie diese durch einfluss von außen (Zivilisation genannt) allmählich verändert werden.

selbstredend ist das dorf St. Peter am Anger (13) mit seinen knapp 500 seelen frei erfunden, wie die autorin immer wieder beteuert, aber die verhaltensweisen sind so typisiert dargestellt, dass man nicht umhin kann, sie in der eigenen umgebung zu suchen – und zu finden. St. Peter am Anger ist überall.

das macht auch den sog des buches aus. in einer schier ungebändigten fabulier­kunst (die autorin hat angeblich ~ 4000 seiten originalmanuskript in ~ 21 monaten geschrieben) werden uns immer wieder verhaltensmuster angeboten, von denen die leser/innen sagen können: ja, das habe ich auch schon so ähnlich erlebt, gehört, gekontert. das provinzielle an sich, auf tradition beharrend, neuerungen verdächtigend, mit religion verha­kelt.

und dann kommen einige junge, löcken wider den stachel und wollen die enge des dorfes und der hirne verlassen. der erste protagonist, Johannes Gerlitzen, schafft es, flüchtet in die stadt und wird mit bauernschlauheit und zäher zielstrebigkeit am ende mediziner. als solcher kehrt er zurück und praktiziert im dorf gegen aberglauben und kräuterweiblein, bis ihn bei einem hilfseinsatz ein erdrutsch vor den augen seines enkels verschluckt (144). das macht betroffen und der roman könnte hier mit der botschaft enden: hat alles nichts gebracht. doch! eine lange exposition für ein langwurzeliges thema.

denn da ist der enkel, der dem doktor-opa nacheifern will, denn der Opa hat immer gesagt, ich bin sein Nachfolger. (146) dieser Johannes A. Irrwein der dritten generation schlägt auch aus der art und peilt andere horizonte an. er schafft es ins gymnasium in der stadt, gelangt mit fleiß, talent und arbeitswille bis zur matura (abitur). die aber vergeigt er dramatisch, weil er in der prüfung in rüder weise seinem angehimmelten Herodot dokumentarische geschichts­schrei­bung attestiert, was höchst umstritten ist. er wird von der prüfungskommission gebeten, sein Verhalten über die Sommerferien zu bedenken und uns … zu zeigen, dass Sie auch anders können und reif für die Welt sind. (276) als geschlagener „Hochg’schissener“ kommt er in das dorf seiner wurzeln zurück.

nun könnte er an seinem schicksal zerbrechen, und tatsächlich versucht er auch einen selbst­mord zu begehen, denn er war der Typus des Hinabspringers (282); der roman wäre eneut mit einer negtiven botschaft beendet. aber Vea Kaiser wartet noch mit 200 seiten auf, es muss sich also noch etwas tun. und in der tat wird der versuchte selbstmord zu einer schlüssel­szene, zu einem kipppunkt in dem ganzen geschehen: im salatbeet liegend erscheint J. A. Irrwein Herodot und fordert ihn auf, in seinem dorf historiografie zu betreiben, eher teilnehmende beobachtungen à la ethnologie zu betreiben. dieser auftrag führt letztlich zu der katarsis, die die autorin angestrebt hat. hier hätte der roman auch das zeug zu einer novelle gehabt.

sie hat die grundaussage ihres ersten romans in einem interview mit dem Alpenmagazin so formuliert: Es geht ja im Roman auch darum, dass der Johannes lernt, seine Wurzeln zu akzeptieren. Wo man herkommt, das kann man zwar verleugnen aber nicht ändern. in diesem prozess der bewältigung voran zu kommen, hilft ihm nun Herodot und seine spezielle art der geschichts­schreibung. Vea Kaiser weiter: Ich glaube, dass es in dem Roman auch darum geht, die Seiten des anderen zu verstehen, zu akzeptieren und zu respektieren. Johannes Irrwein sei eine figur, die mit einem bein in der traumwelt stehe und mit dem anderen in der realität. dies deutlich zu machen, bedient sich die autorin in der schlüsselszene eines kunstgriffs. sie taucht uns in den magischen realismus ein. nicht ohne grund ist einer ihrer drei säulenheiligen Gabriel García Màrquez.

der roman wird in der öffentlichen rezeption auch angefeindet, er habe längen und es fehle eine botschaft. stellvertretend sei hier eine meinung aus der zeit|online (24.9.2012) zitiert: Dass die junge Autorin munter erzählen kann, hat sie zumindest bewiesen. Nun müsste sie nur noch etwas zu erzählen haben. die arrogante selbstverliebtheit hinter dieser behauptung ist unverkennbar. Ulrich Rüdenau zeigt, dass er sprachspiele beherrscht, zeigt aber nicht, dass er den roman in seiner substanz verstanden hat.

in einer zeit, in der sich die notwendigkeit der integration von fremden menschen (im roman sind das die hoch’gschissenen) in die eigenen lebewelt ergibt, seien es flüchtlinge oder zu­wan­derer oder andersgläubige. in solch einer zeit kann dieser roman nachdenklich stimmen und einfache hinweise en mass geben, wie versuche der verhinderung von integration und neuerung (um nichts anderes handelt es sich, wenn die wissenschaft ins bergdorf kommt) durch die gestrigen und traditionalisten abgeblockt und überwunden werden können.

die beiden Johannes in dem erfundenen dorf der bergbarbaren machen es uns vor! initiative, engagement, wertvorstellungen, unverzagtheit. wenn das man keine dringliche, ja geradezu gesellschaftspolitische botschaft ist – nur geduld muss man haben. nicht nur in unserem roman dauert der prozess drei generationen lang. aber auch bergbarbaren können ins rollen kommen. der autorin würde ich einen weiteren säulenheiligen empfehlen: Albert Camus und seine innere revolte, von der die beiden protagonisten, ohne ihn wahrscheinlich gelesen zu haben, beseelt sind.

© 03.03.2015 brmu

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Ogawa = x (mathe + philo + leben)

ein unfall kann viel bewirken! Yoko Ogawa lässt in ihrem bestseller-roman „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ den matheprofessor (ohne namen) durch einen unfall schaden an sei­nem kurzzeitgedächtnis nehmen. er hatte sich bei einem Autounfall (181/182) eine schwere Kopf­verletzung zugezogen und leidet seitdem an Gedächtnisverlust. Seit 1975 funktioniert sein Kurzzeitgedächtnis nun schon nicht mehr. Sein Gedächtnis währt nur achtzig Minuten (11). das erschwert das leben mit ihm erheblich, denn während er sich aus der zeit vor dem unfall in die ordnung der zahlentheorie vertieft, erscheint das tägliche leben wie ein chaos.

aber seine zehnte (8) haushälterin, von einer haushaltsservice-agentur vermittelt, schafft es, ihn behutsam zu organisieren und sich dabei allmählich für die schönheiten der mathematik zu begeistern, denn: die Erklärungen, die ich aus dem Munde des Professors hörte, fanden mühelos ihren Weg in meinen Kopf (36). diese schönheit wird durch die poetische sprache der autorin eingefangen:

Diese Stille, die auch den Professor erfüllte, wenn er schweigend durch den dichten Zahlenwald streifte, war nicht einfach bloß geräuschlos, sondern undurchdringlich, als hätte sie mehrere Schichten. (24)

Was zählt, ist die Intuition. Wie ein Eisvogel, der jäh in den Fluss hinabtaucht, wenn nur kurz eine Rückenflosse aufblitzt. So muss man die Zahlen erfassen. (28)

Jede Aufgabe hat ihren Rhythmus, so wie ein Musikstück. Wenn du diesen Rhythmus findest, erkennst du das Problem als Ganzes und siehst, wo die Tücken liegen. … Eine an sich lang­weilige Aufgabe hat sich angehört wie ein Gedicht. (54)

Es geht ums Entdecken, nicht ums Erfinden. Es gilt, Lehrsätze zu Tage zu fördern, die schon seit ewigen Zeiten existieren, ohne bisher von jemandem beachtet worden zu sein. (64/65)

Kirschblüten fielen von den Bäumen herab auf das Geheimnis des Universums, um mit ihm ein neues Muster zu bilden. (70)

Was mich an ihm [den professor] am meisten erstaunte, war, dass er sich nicht scheute zuzugeben, etwas nicht zu verstehen. Für ihn war das überhaupt keine Schande, sondern ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Lösung. (92)

Die Formel taucht auch nicht gleich vollständig im Kopf auf. Zuerst sind nur ihre Konturen zu sehen, auch wenn sie als Bild schon greifbar ist. (110)

Gott existiert, weil die Mathematik konsistent ist; der Teufel existiert, weil wir es nicht beweisen können. [(142), Zitat von André Weil, 1906-1998, mathematiker]

Die Ordnung der Zahlen ist deshalb so schön, weil sie im täglichen Leben keinen Nutzen hat. (162)

Aber all das gehört nicht zur tieferen Bestimmung der Mathematik. Ihr einziges Bestreben liegt darin, die Wahrheit zu ergründen. (163) Die ewigen Wahrheiten bleiben unsichtbar, unabhängig von materiellen Dingen, Naturphänomenen oder menschlichen Gefühlen. Aber die Mathematik kann das Wesen dieser Wahrheiten zum Ausdruck bringen. Darna kann sie niemand und nichts hindern. (164)

mit hilfe ihres sohnes, den der professor „Root“ nennt [Du bist Root. Das Wurzel­zeichen ist ein äußerst großherziges Symbol, denn es beherbergt sämtliche Zahlen unter sei­nem Dach (42), kommen auch noch emotionale potenziale des professors neben seiner geliebten mathe­matik zur geltung. er erweist sich als sehr fürsorglich gegenüber dem buben: Es gibt nichts Schöneres, als das eigene Kind zu hören, wenn es zur Tür hereinkommt. (69) zudem haben beide das baseball-fieber.

damit kann man auch etwas über die konstruktion des romans aussagen. während anfangs die leserschaft verblüfft einen mathematischen lehrsatz nach dem anderen zur kenntnis nimmt und vielleicht sogar versteht, tritt die mathematik allmählich in dem maße in den hintergrund, wie das kurzzeitgedächtnis des professors in zehnerschritten gegen null abnimmt. das ende seines lebens wird er in einem pflegeheim verbringen. die gegenläufige entwicklung wird von der baseball-begeisterung des professors, allerdings mit kenntissen vor 1975, und von Root gekennzeichnet. das sportliche ereignis dominiert im auslaufenden teil des romans.

somit werden in dem roman drei philosophische hintergründe verwoben: (a) das leben an sich, repäsentiert durch die protagonisten, lädiert und unlädiert, jung und alt, intellektuell und schlicht; (b) die ordnung an sich, repräsentiert durch die mathematik, besonders durch die nutzenfreie zahlentheorie und speziell durch die Eulersche formel, die fünf besondere mathe­symbole miteinander in beziehung setzt; (c) der sport, hier baseball, als eine spielerische aus­lebung von mathematik in form von wurfparabeln, von rechenvorschriften, von statistik. alles bildet ein ganzes, das von den menschen getragen wird, von generation zu generation (Root wird mathematiklehrer!). die namenlose haushälterin fasst den appell des romans in ihren worten zusammen: Ich musste genauso in mir selbst ruhen wie Pythagoras’ Lehrsatz oder Eulers Theorem. (206). der fernöstliche Buddha hätte nichts anderes gesagt.

damit ist Yoko Ogawa nicht nur ein poetischer, einfühlsam geschriebener roman gelungen, er ist auch eine philosophische darlegung von bereichen der realität, wie sie üblicherweise nicht zusammen gesehen werden. alles ist eins, ineinander spielend, aufeinander wechselwirkend. diese erkenntnis dürfte Y. Ogawa ihrer sozialisierung in der asiatischen kultur verdanken, ein schönes beispiel, wie sich willentlich oder wissendlich autor/innen ihren werken aufprägen.

© 15.02.2015 brmu
(seitenangaben) aus Y. Ogawa, Das Geheimnis der Eulerschen Formel, atb 2003

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das kind, das nicht fragte

Hans-Josef Ortheil, jahrgang 1951, bekannter romancier und direktor des „Instituts für litera­risches Schreiben und Literaturwissenschaft“ an der uni Hildesheim, verarbeitet seine eigene biographie oft unter verschiedenen aspekten in seinen werken. so auch in dem neues­ten roman „Das Kind, das nicht fragte“, wobei der autobiographische bezug unübersehbar ist.

der protagonist Benjamin Merz (~ 40 jahre alt) ist seines zeichens ethnologe, des fragens mächtig, aber nicht des erzählens. auf gegenfragen reagiert er zunächst irritiert und ver­stummt. so wie in kindertagen, als ihn seine vier brüder im elterlichen haushalt für zurück geblieben hielten, nicht in die gespräche einbezogen und wenn doch, so ihn veralberten oder gar drangsalierten. die überlebensstrategie war sein beharrliches schweigen, das sich bis in seine aktuelle lebenssituation hinzog. man könnte meinen, HJO schreibt über sich selbst.

nun befindet sich Benjamin wegen eines ethnologischen projektes in der sizilianischen stadt „Mandlica“, die wegen ihrer süßigkeiten berühmt ist. dort will er seine forschungen durch­führen. er lebt in einer pension, geführt von der extrovertierten Maria, eine ehemalige flugbe­glei­terin, die gerne die gäste mit gesprächen und auch amouren anbaggert. ganz anders ihre intro­ver­tierte schwester Paula, die in der küche werkelt und völlig zurück gezogen lebt. schon hier keimt in der/dem leser/in der verdacht auf, dass sich zwischen Benjamin und Paula „etwas“ entwickeln wird. was wird es sein? die beziehuhg wird ihm die zunge lösen.

der kunstgriff des autors ist es nun, durch auktoriale zwischenbemerkungen und hinweise immer wieder zukunftsweisend die geschichte weiter zu entwickeln. im roman billigen ihm die figuren eine ahnungsvolle sicht der dinge zu. die leserschaft wird sanft geführt und freut sich, wenn die ahnung tatsächlich eintritt.

aber es gibt auch andere kniffe, mit denen HJO die leser/innen umgarnt. wer interesse an ethonologie hat, wird reichlich bedient mit seitenlangen ausführungen über diese forschungs­richtung der „teilnehmenden beobachtung“. wer sich für kommunikation interessiert, wird ausführlich über fragetechniken instruiert. wer einen liebesroman erwartet, der kommt auf seine kosten inklusive feinfühliger beschreibungen von liebesnächten. wer witz und humor sucht, findet ihn in den schelmenhaften passagen, die die leser/innen auf den arm nehmen. wer Sizilien und dessen mentalität erahnen möchte, der wird kundig fündig werden. wer autobiographisches liebt, wird bei seinen recherchen auf verblüffende parallelen treffen. wer therapeutisches schreiben liebt, der kann sich hier ein beispiel nehmen. und: wer hinweise zum literarischen schreiben sucht, der wird zwischen den zeilen reichlich belohnt. das buch strotzt vor metakommunikativen hinweisen bis hin zu leitfadenähnlichen anmerkungen.

kurz, der autor hat so viel resonanzflächen eingebaut, dass es schier nicht möglich ist, den roman desinteressiert wegzulegen. eher tut sich der gegenteilige effekt auf: man fühlt sich hie und da übersättigt ob der fülle des horns. aber gemäß unserer leseregeln dürfen wir ja dann unterbrechen, abbrechen, neu anfangen, überspringen, gänzlich weglegen. die diskussion im lesekreis hat dann wieder gezeigt, wie vielfältig die rezeption sein kann und wie sie die eigene sicht des romans erweitert und wertvoller werden lässt. es hat sich mal wieder gelohnt. vielen dank dafür.

© 22.01.2015 brmu / 750

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Modiano erinnert sich

Die kleine Bijou“, das kleine schätzchen, war ihr künstlername schon mit sieben jahren, den Thérèse Cardères von ihrer distanzierten mutter Suzanne Cardères, einer an ihren knöcheln gescheiterten ballerina, anlässlich eines auftritts mit ihr in einem film zugedacht bekam. Thèrèse resummiert: „Es hatte sich so ergeben, daß zwischen uns das nicht bestand, was man so die zarten Mutter-Kind-Bande nennt.“ (17). die befremdliche gefühlskälte und unbehaustheit prägen das sensible kind, dessen vater unbekannt ist, vielleicht ein deutscher aus der besatzungszeit des zweiten weltkrieges, denn ihre mutter trägt den hinweisträchtigen beinamen „la boche“.

am anfang des schmalen romans von Patrick Modiano wird der leserschaft diese enorme belastung der nun jungen frau von etwa 19 jahren, die sich durch Paris treiben lässt, bewusst. „Oft begleitet jemand dich das ganze Leben lang, ohne daß es dir jemals gelingt, ihn loszuwerden.“ (13) das ist eine schwere hypothek, die Thérèse am ende des romans zur erleichterung der leser/innen nach einem selbsttötungsversuch buchstäblich auf der letzten seite ablegen kann. „Lange war ich eingeschlossen gewesen in Eis, und jetzt schmolz es und floß weg. … Noch lange habe ich das Brausen der Wasserfälle gehört, als ein Zeichen, daß auch für mich, von diesem Tag an, das Leben begann.“ (150)

dazwischen spannt sich eine odyssee des vermuteten wiedererkennens der todgeglaubten und des zweifelns daran. die unterwelt der metro und das verwirrende Paris ist der ort des psychologischen dramas. dicht dran, schafft es Thérèse nicht, die frau in dem gelben mantel anzusprechen, zu stark sind die verwundungen der vergangenheit. erst der zufällige kontakt mit einem redakteur in einer buchhandlung (sic!), der ihr rät: „ … man muss einen Fixpunkt finden, damit man im Leben nicht mehr so endlos dahintreibt.“ (34) und später mit einer auffällig hilfsbereiten apothekerin, die sie mit medikamenten versorgt und sehr einfühlsam zuhört bis hin zum kuscheln. von ihr sagt Thérèse, sie habe sie gerettet, „im letzten Moment“ (82), mit ihr „… verflüchtigten sich die Beängstigungen und die schwarzen Gedanken.“ (93)

die suche nach sich selbst zur heilung der erlittenen verwundungen mittels unnachgiebiger verarbeitung der verschütteten erinnerungen, die klar auch autobiografische züge trägt, das ist das motto dieses romans, wie auch vieler anderer des autors. für seine „kunst der erinnerung“ erhielt er nun den literaturnobelpreis und steht somit in aller munde, in aller augen, in aller ohren. möge diese öffentlichkeit seine kreativität als würdiger vertreter der schreibenden zunft nicht beschädigen.

© 09.12.2014 brmu

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Schmidt in der Schneckenmühle

in vorbereitung unseres 13. lesekreistreffens bei Brockmann, auf dem wir Jochen Schmidts Buch „Schneckenmühle – Ein Buch für die Stadt“, 2014 als tb-ausgabe bei C. H. Beck erschienen, diskutieren wollen, hatte ich die redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers und die geschäftsführung des „literaturhauses köln“ angeschrieben, mit der bitte um erläuterung, wie der alljährliche auswahlprozess zu „Ein Buch für die Stadt“ in Köln abläuft.

aus anderen verlautbarungen ist nur von einer jury und kriterien die rede, aber: nichts genaues weiß man nicht! wie ist die jury zusammengesetzt? was sind die auswahlkriterien? wie läuft der auswahlprozess ab? fragen, die die transparenz betreffen. leider habe ich bislang keine antworten erhalten, ein erstaunlicher umstand, der spekulationen wuchern lässt.

das ist natürlich für souveräne leser/innen völlig unbefriedigend. ergo haben wir uns in die rolle einer „jury“ versetzt und über die frage diskutiert, ob wir dieses buch küren würden. die meinungen aus literarischer sicht waren mehrheitlich skeptisch bis ablehnend. hier einige argumente aus dem für und wider:

Jochen Schmidt beschreibt getreulich die innere verfassung seines jugendlichen protagonisten Jens (14 jahre alt), wobei autobiografische züge ins auge springen. vor allem die männlichen teilnehmer im lesekreis fanden sich schmunzelnd in der sprüche-klopferei des Jens wieder. die psyche der jungen mädchen gleichen alters wurde mit Peggy als außenseiterin in dem ferienlager Schneckenmühle gestreift. das belauerungsspiel zwischen den geschlechtern ist exemplarisch mit der entwicklung einer beziehung zwischen den beiden skizziert.

das streckenweise ereignislose ferienlagerleben, - ein zugkräftiger plot wurde allgemein vermisst („Mir geht es nicht so sehr um einen Plot.“ meint J. Schmidt in der Beilage zum KSTA*) - begleitet von einem altklug räsonierenden Jens, erhält gegen ende einen kick. in kapitel 27 landen Jens und Peggy als ausreißer per lkw unbeschadet in Liebstadt. dann bricht der erzählfaden ab, als sei ein blatt papier verloren gegangen. in kapitel 28 befinden sich die beiden plötzlich wieder in dem ort in der nähe des ferienlagers. wie das zugegangen ist, verrät uns der autor nicht, nicht einmal in andeutungen.

überhaupt wird wenig konkret angesprochen, ein weiterer empfundener mangel. man muss der kunst des „zwischen-den-zeilen-lesens“ frönen, um den andeutungen bedeutungen abzugewinnen, dann mit dem risiko der fehldeutung. das können die „ostler“ wohl besser, deren sozialisierung von vorsicht dem staatsapparat gegenüber geprägt gewesen sein mag, als die „westler“, die sich diesbezüglich nicht eingeengt fühlten, was aber zur denk- und deutungsfaulheit führen konnte.

zu der verschwiegenheit des romans gehört auch der schluss. die eltern von Jens holen ihn vor der zeit aus dem ferienlager ab, ohne dass eine begründung gegeben wird. die leserschaft darf auch hier fleißig spekulieren. war eine flucht über Ungarn angesagt? war eine scheidung im gange? wir wissen es nicht, was uns, die wir an schlüssigkeit gewöhnt sind, in einer gewissen ratlosigkeit zurück lässt. kein komfortables lesergefühl.

bleibt die sehr gelungene darstellung der emotionalen und intellektuellen verfassung eines 14-jährigen jungen als brillierendes kritierium. das löst starke resonanzen bei den (männlichen) lesern aus. die verpflanzung dieses an sich zeitlosen, typisch in entwicklungsromanen dargestellten, von geographie oder politik unabhängigen sujets in die so genannte wendezeit, erschien uns ein kunstgriff des autors zu sein, aufmerksamkeit zu fischen. das ist legitim, denn jede/r, die/der schreibt, will gelesen werden. der autor spricht diesen aspekt selber in einem interview* an: „Ursprünglich wollte ich in ’Schneckenmühle’ nur dieses Ferienlager-Gefühl beschreiben. … Es war dann aber interessanter, die Geschichte in die Zeit der Wende zu verlegen.“

vielleicht hat sich die tatsächliche jury diesen aspekt zu eigen gemacht und auch an den lese-erfolg dabei gedacht, denn das thema „ist in“. die „jury“ des lesekreises würde diesem buch nicht aus literarischen gründen zustimmen, da gibt es überzeugenderes, sondern als eine populäre chance der annäherung der beiden welten „ostler und westler“ auf der augenhöhe ihrer jugendlichen, die so doch gleiche emotionale verfasstheiten erlebt hatten. Jens könnte in jedem ferienlager, hüben wie drüben, denken und reden – wie wir es selbst erlebt haben. man muss ihnen nur die deutungshoheit zubilligen.

in diesem sinne stellt die skepsis und unverbogenheit des jungen Jens, solide gestützt durch sein elternhaus, das hier christlich genannt wird, eine gute basis einer auch nach 25 jahren dringend notwenigen verständigungsdiskussion dar. dieser roman ist kein wende-roman im politischen sinne, er ist einer im sinne einer persönlichen entwicklung vom naiven jungen zum skeptischen jugendlichen, gleich in welchem politischen system. das ist es, was die welt braucht!

Jens gibt auskunft über sein innenleben: „Irgendwann werden sie mich entdecken und sich den Mund zuhalten vor Entsetzen über ihr Missgeschick. Ich denke gern an diesen Moment, dafür wird sich das Warten gelohnt haben.“ (20) das kann auch für den autor gelten und für die von ihm angerissene, noch immer nicht verheilte wunde zwischen ost und west.

© 11.11.2014 brmu
* Kölner Stadt-Anzeiger Nr. 260 vom 8./9.11.2014, Magazin am Wochenende

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Franz der Trafikant

am 6. 10. 2014 hatten wir uns wieder zusammengefunden, um den neuesten roman von Robert Seethaler, Der Trafikant", zu besprechen, der bereits in der 6. auflage bei Kein & Aber (Pocket) 2014 erschienen ist.

Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein.“ (25) das ist das selbstverständnis von Otto Trsnjek, dem wiener trafikanten, eine mischung aus zeitungs- und tabakwarenverkäufer, der Franz Huchel im sommer 1937 als lehrling annimmt.

dieser siebzehnjährige junge vom lande, aus Nußdorf im Salzkammergut, wird nun in etwa einem jahr bis zum sommer 1938 zum erwachsenen. das ganze mutet zugleich als berührende, wie auch beklemmende novelle an, die entwicklung eines burschis vom lande zum herrn Franz Huchel der großstadt Wien. oft ist man versucht, ihm naivität zu unterstellen, die sprache des romans verführt dazu, aber das hieße, seinen charakter zu verkennen. bei seiner verhaftung durch die gestapo besteht er darauf, die türe zur trafik sorgsam abzuschließen und seinen letzten traumzettel an die scheibe zu kleben. auf die bemerkung des gestaposchergen, das habe doch keinen sinn mehr, antwortet er: „Was Sinn hat und was nicht, wird sich erst herausstellen“, und „Außerdem heiße ich Franz. Franz Huchel aus Nußdorf am See!“ (246)

danach hören wir nichts mehr von Franz. auch Anezka nicht, das mollige mädchen aus Böhmen, in das sich Franz so heftig verliebt hatte und die sich in opportunistischer weise durch fraternisierung mit den mächtigen über die runden gerettet hatte. diese Anezka kommt am 12. März 1945 an der trafik vorbei und birgt die reste des letzten traumzettels: „Der See hat auch schon bessere Zeiten gesehen, die Geranien leuchten in der Nacht, aber es ist ja ein Feuer, und getanzt wird sowieso immer, das Licht vor ...“ geradezu eine prophetie. als sie „schließlich, so schnell sie konnte, zu laufen begann, war der Himmel längst erfüllt vom rasch anschwellenden Motorengeräusch der alliierten Bomberverbände, die sich wie ein riesiger, dunkler Schwarm von Westen her näherten und die Stadt in Schatten legten.“ (249)

Wien wird nur „in den schatten“ gelegt, nicht in schutt und asche wie andere städte im nazi-reich. aber das symbol zeigt auf die unverbrüchliche tatsache, dass die überdehnung von gefüge in der geschichte immer ein zurückschnellen ohne ansehn der person zur folge hat. damals wie heute, muss man warnen.

angesichts des mörderischen risikos zeugt das verhalten von Franz - er hatte nächtens die hose seines von der gestapo ermordeten lehrherren vor deren hauptquartier in Wien gehisst - von unglaublichem selbstbewusstsein, von einer gefasstheit, die nichts mit naivität zu tun hat, sie ist schiere souveränität in der rebellion gegenüber einer macht, die nicht seinem wertesystem aus der geborgenheit seiner herkunft entsprach. das nennen wir heute zivilcourage oder auch zivilen ungehorsam. Franz ist mehr als nur ein trafikant, er ist ein mensch geblieben in unmenschlichen zeiten, ein fanal der orientierung.

© 12.10.2014 brmu

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Sulzer aus den fugen

wer Alain Claude Sulzers roman „Aus den Fugen“ lesen will, braucht ein gutes gedächtnis oder papier und bleistift, um sich die vielen situationen zu vergegenwärtigen. in 45 (!) episoden wird ein dutzend personen beschrieben, die alle direkt oder indirekt von dem abrupten ende des klavierspiels von Marek Olsberg, dem weltbekannten pianisten, betroffen werden. da gehen reihenweise beziehungen zu bruch, weil die geplanten und getakteten abläufe im beruflichen und privaten aus den fugen geraten. der titel ist eine inhaltsangabe. die botschaft ist, wer in arrivierten verhältnissen zur unzeit auftaucht, kann überraschungen erleben: lang anhaltende beziehungskisten der bekannten art und weise, sex die kreuz und die quer.

wenngleich der protagonist durch seine unerhörte tat befreit aus dem ihn ausquetschenden musikbetrieb hervorgeht und in einer kneipe auf seinen loverboy stößt und ihn mit Chopin anhimmelt, so zerfallen doch alle anderen, geschilderten lebenspläne derer, die ihn als publikum oder als arbeitgeber (wie die sekretärin Astrid) angehimmelt haben. der ton des zuklappenden tastaturdeckels im konzersaal scheint wie ein tsunamie durch die schicksale zu rasen.

da erhebt sich die frage, was hinter allem steckt: gesellschaftskritik, kritik des musikbetriebs, kritik am genie? geht es um den Gordischen Knoten oder um beziehungskisten? ja, ist es überhaupt ein roman? das unerhörte des ereignisses rechtfertigt auch die bezeichnung novelle, legt man die goetheanische definition zu grunde.

Sulzer hat uns mit seinem werk gehörig gefordert und debattieren lassen. die vielzahl seiner beziehungsbeschreibungen haben sehr unterschiedliche resonanzen ausgelöst: ablehnung und anerkennung waren vertreten. auf die romansituation der abrupten unterbrechung des spiels der Hammerklaviersonate von L. v. Beethoven im schlussfugenteil bezogen, führt sie zu vier einschätzungen. sachauskunft: weltberühmter pianist bricht konzert urplötzlich ab, woraus unvorhergesehene verwicklungen folgen (plot ist neuartig). appellhinweis: lass dich nicht von irgendeinem „betrieb“ so vereinnahmen, dass du zu ersticken drohst. beziehungsfrage: erwartungen, meinungen, hoffnungen des publikums, der anderen, sind bei dem befreiungsschlag nachrangig. eigenauskunft: ich habe „die schnauze voll“, es musste sich etwas ändern, entscheidungen müssen fallen.

das sind situationen, die wohl jeder schon erlebt hat und sich fragen kann: habe ich in mir missliebigen situationen entscheidungen gefällt oder mich als opfer geriert und weiter gelitten? das scheint der grund für die polarisierung der meinungen zu sein. der roman rückt uns auf den pelz. so muss literatur sein!

© 09.09.2014 brmu

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zimmermädchen.report

der neunte lesekreis bei Brockmann war wieder gut besucht und sehr rege in der diskussion durchaus unterschiedlicher positionen. in summe halten wir da­für, dass der autor nicht etwa die akte einer psychisch erkrankten person litera­risch präsentieren, sondern eine parabel unserer aktuellen gesell­schaft schaffen wollte.

Markus Orths, jahrgang 1969, hat eine bemerkenswerte gabe, die verhaltensmuster von mit­menschen zu beobachten und lebensnah zu papier zu bringen. ein bislang herausragendes bei­spiel ist sein roman über das innenleben eines lehrkörpers, dem er selbst eine weile angehörte: Das Lehrerzimmer, 2003 bei Schöffling&Co. erschienen. das zimmer als tummelplatz unter­schiedlichster charaktere.

in seinem fünf jahre später bei Schöffling&Co. erschienenen, kleiner angelegten roman „Das Zimmermädchen“, geht es diesmal um eine person, die es sich in zimmern zu schaffen macht, um ein zimmermädchen im hotel mit dem ironischen namen „Eden“. er beschreibt in knapper, ja kalter sprache, ausschließlich aus der perspektive der protagonistin ihr eigenes, obsessives verhalten, das verhalten von Linda Maria Zapatek, tochter aus der beziehung Susi und Josef Zapatek, von der nur die mutter übrig geblieben ist, die jedoch die wärme der mutter-kind-beziehung vermissen lässt.

Linda nennt sich Lynn, 1975 geboren, eher klein mit 165 cm körperlänge, braunem haar-, grüner augenfarbe, also eine eher unauffällige erscheinung. umso auffälliger ihr verhalten: Lynn hat einen veritablen putzfimmel oder therapeutisch ausgedrückt: eine putzobsession, die sie in dem hotel „Eden“ auf vermittlung ihres ex-freundes Heinz in zunehmendem maße auslebt als mittel des kampfes gegen etwas verbotenes.

nach einer halbjährigen psychiatrischen behandlung „weiß sie genau, dass sich nichts geän­dert hat seit ihrem Klinikaufenthalt, sie weiß genau, wie wichtig es ist , eine Aufgabe zu haben und dass sie Gefahr läuft, einen Rückfall zu erleiden, wenn sie nur rumhängt.“ (11) und sie weiß auch um die verhängnisvolle kaskade freizeit > nachdenken > sinnnlosigkeitsgefühl > reizsuche > verbotenes. wer kennt diesen reigen nicht?

Lynn kämpft gegen dieses verbotene mit einem sturen wochenplan, den sie mit farben belegt (96): am schmutzig-weißen Montag trifft sie den ex-freund Heinz und steht ihm zur verfügung als „Eintrittspreis für die Show der Normalität.“ (23), an den eierschalen-farbenen Dienstagen liegt sie unterm gästebett im hotelzimmer, um das liebesleben der hotelgäste mitzuerleben, am grau-braunen Mittwoch lebt sie „in der Endlosigkeit des freien Tags.“ (88), der kobalt-blaue Donnerstag ist durch das „Ritual“ (88) des anrufs bei der mutter blockiert, der knall-rote Freitag erfüllt sie mit zorn wegen des ewig nickenden therapeuten Wilhelm Schlick (93), am Samstag baut sie sich eine eigene welt auf, in der ihr kontakt zu dem callgirl Chiara aus zimmer 304 eine nicht nur sexuell motivierte beziehungs­rolle spielen soll („Ich bin nicht mehr ich selbst, mit mir fängt es neu an jetzt.“ 123). am blass-blauen Sonntag ist sie alleine. die woche über wird im hotel Eden geputzt, dass nicht die kleinste spur der hotelgäste in den zimmern übrig bleibt. über den tag verteilt, ausnahmslos jeden tag, raucht Lynn genau sechs zigaretten als selbstbelohnung.(74)

dies profil der protagonistin gibt zu denken, denn nicht nur ist das verhalten zwanghaft struk­turiert, sondern auch die kommunikation mit den wenigen personen, hüben wie drüben, ist gefühlsarm auf der sachebene, so dass es aus Lynn bei ihrer mutter herausbricht: „Ich kann nicht mehr.“ (130). doch die mutter schweigt. „Lynn denkt, sie versteht mich nicht, was ich sagen will, wir bräuchten einen Gefühlsdolmetscher, jemanden, der zwischen uns sitzt und das, was ich sage, in ihre Welt übersetzt, und das, was sie sagt, in meine.“ (130) und: „Vielleicht hat sie sich eine andere Tochter gewünscht.“ (130) hier wird das drama der mutter-tochter-beziehung deutlich, eine gestörte beziehung, deren grund wir aus dem roman nicht entnehmen können, was im lesekreis als gewisser mangel empfunden wurde.

die eindeutigkeit fehlt, vieles bleibt in der schwebe und fordert den leser/innen eine grübelei ab. und das war dann die spur, die uns hinführte, über die ebene der protagonistin in dem roman hinaus zu gehen und das werk aus der perspektive gesellschaftlicher zusammen­hänge zu lesen. und da tun sich plötzlich ähnlichkeiten, parallelen auf, am beispiel der üblichen, oberflächlichen begrüßungsformel „wie geht es dir/Ihnen?“ diskutiert.

wer so kontakt zu anderen personen aufnimmt, erwartet üblicherweise ein „gut“ und nicht die tatsächliche verfasstheit. kommt die antwort: „schlecht, miserabel, gar nicht gut …“, so weicht man aus, man will sich mit den problemen der/des anderen nicht belasten, hat genug eigene zu schleppen. die kommunikation ist hohl, die beziehungen sind fade, man flüchtet sich in tausend rituale, vom geldverdienen zum geldausgeben, vom hobby bis hin zum putzfimmel oder schreibzwang darüber.

weniger stabile persönlichkeiten gleiten dann ab ins krankhafte wie spielsucht, stalking, fanatismus. so lange sich die krankheitsbilder individuell geben, mag es sich um einzel­schicksale handeln, verbreitet sich das krankheitsbild epidemisch, so wird es gefährlich, weil sich fehlgeleitete energien wie etwas wut oder hass ansammeln, die sich gegen unbeteiligte als zielscheibe entladen. es geht uns also alle an.

der kleine roman hat wohl eine wahrheit in sich, wenn man ihn im literarischen sinne als parabel gelten lässt. Lynn, unter dem bett in zimmer 304 liegend, während Chiara über ihr mit dem Kunden Ludwig zugange ist, denkt sich: „Die Wahrheit: Was für ein hässliches Wort. Ein Wort, das so groß ist, man bemüht sich Tag um Tag, es zu zertrümmern, es kleinzukriegen, es in Stücke zu hauen.“ (82) und im gespräch mit Chiara spricht Lynn „ihren Monolog über die Dinge“ (107): „Die Dinge, sagt sie, haben ihren eigenen Charakter. Immer ist uns die Hälfte verborgen. … alles sehen wir nur halb, … nie komplett, nie ganz. Die wahren, die vollkommenen Dinge liegen immer im Dunkeln. Wir sind begrenzte Wesen. … Ich stelle mir die Rückseite nur vor. ... Ich gehe einfach davon aus, dass es sie gibt. Ich tue so, als ob ich es sicher wüsste. Nicht mehr und nicht weniger.“ (107) alles sei erfahrung, antwortet Chiara darauf lapidar.

nur so – meinen die philosophen – kommen wir mit dem unfassbaren überhaupt zurecht: wir betreiben reduktionismus, das nennen wir wissenschaft, und machen uns ein bild von der realität, das nennen wir synthese oder weltbild, wissend, das wir das ganze, wahre, nicht erfassen werden können. wie wahr!

© 24.06.2014 brmu

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Franck's lagerfeuer

info: für unser neuntes treffen im Brühler Lesekreis bei Brockmann am 23. 06. 2014 nehmen wir uns den roman von Markus Orths, Das Zimmermädchen, btb74018, vor.

Lesekreis Nachricht-KSTA-40618

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fazit des treffens #7 am 12.5.2014 zu Julia Franck, Lagerfeuer, Fischer tb 17952 (2003):

wer flüchtet, gibt eine lebensweise der gewissheit auf und wird eine andere der ungewissheit gewinnen. keine leichte sache, insbesondere, wenn ein systemwechsel im spiel ist. da kann man schon mal zwischendrin stecken bleiben.

Julia Franck hat das als kind erfahren und sich des stoffes angenommen. geschildert werden in den 70ger Jahren (im kalten krieg) vier haupthandelnde, Nelly Senff, John Bird, Krystyna Jablonowska und Hans Pischke, jeweils als gleichberechtigte ich-erzähler, die aus den unterschiedlichsten gründen in dem transitlager „Marienfelde“ in Berlin stranden und deren lagerleben sich miteinander verwebt. die gesamte befremdliche situation wird über diese vier charaktere geschildert und auch reflektiert. eine auktoriale erzählstimme streut hinweise ein, nebenfiguren agieren flankierend.

die schlüsselszene (258ff.) spielt sich vor einer telefonzelle knapp außerhalb des lagers ab. Hans Pischke, von den lagerleuten als stasi-agent verleumdet, wird dort zusammen geschlagen und bleibt malträtiert, betäubt liegen. Krystyna, eine polin, die ihren bruder nicht retten konnte, sammelt ihn auf. doch Pischkes lebenswille ist angeknackst, er, der einer alten lagerinsassin den strick zur selbsttötung besorgt hat, öffnet sich die pulsadern bei laufenden philosophischen gedanken, was letztlich aber nicht klappt, da er falsch schneidet. ausgerechnet die polizei, die ihn wegen seiner verleumderin Grid Mehring vernehmen will, findet ihn rechtzeitig.

in einer abschließenden weihnachtsfeier, die von einem Dr. Roth als vorsitzenden des „Bärenclubs“ (verballhornung von Lionsclub?) mit seiner Frau ausgerichtet wird, sitzt er, ätzende kommentare machend, gegenüber von Nelly am tisch, die vergeblich versucht, mit ihm in beziehung zu treten. der vater ihrer beiden kinder, der doppelagent (?) Wassillij Batolow, ist angeblich tot, mit John Bird ergibt sich keine nähere beziehung trotz des one-night-stands, die vereinsamung lässt auch eine starke frau nach halt suchen. Pischke versagt komplett.

in der schlussszene wird der weihnachtsbaum von der unehelichen tochter Pischkes umgerissen, fängt feuer und alles geht sich im „Knistern“ und „Flattern und Rauschen“ (295) aus. Nelly gelingt es nur einmal, „durch die dicht an dicht stehenden Menschen einen Blick in die hinterste Ecke des Saals zu werfen. Hans hatte die Hände vor dem Mund gefaltet, vielleicht lachte er, seine dunklen Augen warfen den Lichtschein wider.“ (295)

damit endet der roman völlig offen, nichts von löscharbeiten, nichts von auszug aus dem lager, nichts vom beginn eines neuen lebens im westen. deprimierend, wie sich die menschen dort in der realität gefühlt haben müssen. der roman ist ein harter finger auf der narbe, „der tauben Stelle“ (201) des so genannten Kalten Krieges und allen noch folgenden, kalt, warm, heiß.

dieses finale lässt den gedanken zu, dass es sich nicht nur um eine autobiographische verarbeitung eigenen erlebens handelt, sondern auch um ein gesellschaftskritisches werk, dass die situation der flüchtlinge generell geißelt. Nelly Senff sagt zu John Bird, den selbstgerechten us-amerikanischen geheimdienstmann: „Sehen Sie, ein halbes Leben lang hat mich die Staatssicherheit befragt, heute sind Sie dran, morgen die Briten, und übermorgen wollen die Franzosen …. Wann darf der bundesdeutsche Geheimdienst ran? … Das ist ein Kreuzverhör, nichts anderes.“ (64)

die methoden der bösen und der guten gleichen sich beängstigend. Hans Pischke reflektiert vor der schlägerei nichts schmeichelndes über die menschheit: „Die Vermehrung der Menschen sollte verboten werden. Wie ein Krake umklammerte das Geschlecht den Erdball, bedeckte ihn mit seinen Spuren, mit dem Schleim von Geburt und Zerfall, schob seine Tentakeln voran und voran und saugte sich an jedes Ding. Scheinbar verstreute sich etwas, dann ballte es sich, und doch wuchs und wuchs und wuchs es, unaufhaltsam und bedingungslos.“ (258) es gibt keine entrinnen.

© 14.05.2014 brmu

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grenz gängig

der Brühler Lesekreis bei Brockmann hat sich am 14. April 2014 mit dem debüt von Stephan Thome beschäftigt: Grenzgang, erschienen im Suhrkamp Verlag 2009. hier eine zusammenfassung:

wer hat die veilchen auf die fußmatte gelegt? (23) eine kriminalistische frage in dem ansonsten eher unaufgeregten roman „Grenzgang“ von Stephan Thome, der von der rezension überwiegend gefeiert wurde.

man muss sich in der taschenbuchausgabe bis zur seite 444 durchlesen, um die lösung zu finden. und da geht einem ein licht auf! in der ewigen, siebenjährigen wiederkehr des dreitägigen volksfestes namens grenzgang in dem nord-hessischen ort „Bergerstadt“, alias Biedenkopf, spielt sich über vier zyklen ein dreieck der unentschlossenheit, des zögerns, des zweifelns, der zermürbenden selbstbespiegelung der protagonisten ab.

da wird zunächst Kerstin Werner aus Köln, ehemals Bamberger, eingeführt. „Trotz allem, denkt sie, ist der Garten ein Traum.“ (9) das ist der erste satz im roman, das erste wort trotzt 454 seiten, auf denen wir als leser/innen auf die geduldsprobe gestellt werden. es ist programmatisch für alles, was in dem roman passiert, es geschieht trotz der langeweile in der provinz, trotz der banalität der lebensweisen, trotz der verschlagenheit von einzelpersonen. auch trotz der talente von Kerstin als examinierter tanzpädagogin und trotz einer gescheiterten ehe bleibt sie in dem nest und macht nichts aus sich – verpennt ihr leben. Daniel, ihr pupertierender sohn, ist der trotzkopf in persona.

da entwickelt sich eine etwas aufgedrängte bekanntschaft zu Karin Preiss, die als ehefrau eines geschäftsmannes gelangweilt und exaltiert daherkommt. sie ist es auch, die am ende des romans den hinweis gibt, sie habe die veilchen vor die tür gelegt. sie heckt den besuch im swinger-club aus, sie bohrt und drängt und bietet schließlich ein gebäude aus der konkursmasse ihres mannes an, um dort eine tanzschule mit Kerstin zu eröffenen. wir konnten uns des eindrucks nicht erwehren, dass hier eine latent lesbische beziehung, wenn auch einseitig, skizziert wird.

und der dritte im bunde ist ein zauderer und zögerer par excellence: Thomas Weidemann. seines zeichens privatdozent in Berlin, der bei seinem professor in ungnade fällt und seine habilitation in den wind schreiben kann. flugs wirft er einen stein durch die scheibe des büros dieses verhassten chefs, eine bemerkenswert unüberlegte handlung, und verschwindet richtung heimat. in zeiten der not geht man gern an die stätte der kindlichen geborgenheit: Bergerstadt. und wie es dem autor passt, so gerade zu zeiten eines – des wievielten? – grenzgangs.

nun haben wir das muster: ein dreieck der beziehungen zwischen unentschlossenen, das zunächst lose, dann immer enger gezogen wird, bis ein kuss und sieben jahre später dann endlich die heirat fällig ist. Thomas küsst sie (eher unverbindlich) und Kerstin heiratet ihn (eher in torschlusspanik). die qualität der beziehung wird auch deutlich: „Nehmen wir uns die Liebe als Fernziel vor.“ (450) und die mahnung wird mitgeliefert: „Wenn es ihm nicht gelingt, diese Frau zu lieben, dann ist ihm nicht zu helfen.“ (453) und das war wohl nicht immer tadellos, denn zwischendurch schwankt die beziehung: „Vor zwei Jahren war das, als Kerstin nach eigenem Bekunden im Begriff stand, ihr Ja-Wort zu überdenken.“ (430) aber getreu dem motto des romans, „überdenkt“ sie nur und handelt nicht.

so reflektieren sie sich durch den ganzen roman. es kommt einem so vor, als habe jede handlung ein gefühl, jede gefühlsregung müsse analysiert und motivational unterlegt werden in einer unablässigen selbstbespiegelung der hauptfiguren. auf die dauer, so befand die mehrheit des lesekreises, nervt das, denn es ist nicht lebensnah. in der realität geschehen dinge spontan und man denkt über die resultate nach im sinne einer rationalisierung der resultate.

und warum haben wir den roman bis zu ende gelesen? weil er auch etwas zu bieten hat. die banalität des dorflebens ist so wie beschrieben. wenn man ihr entstammt und ihr entronnen ist, kann man schmunzelnd sagen: ja so ist es heute immer noch. ein stadtmensch von kindesbeinen an hat da doch erhebliche schwierigkeiten, die indifferenten tendenzen zu tolerieren. von den drei protagonisten macht keine/r etwas aus sich. nur jürgen bamberger, der provinzanwalt, scheint einer linie zu folgen. und Daniel, sein sohn, begehrt unter der überbehütung seiner mutter Kerstin auf und wird damit zum bindeglied zwischen ihr und seinem geschichtslehrer Thomas.

und wer ungewöhnliche sätze liebt, kommt auf seine kosten, denn die ständigen selbstzweifel der hauptfiguren sind polierte kleinodien aphoristischer kunst: „Wer sich zu tarnen versteht, braucht nicht Versteck zu spielen.“ (18) haben sich am ende alle nur getarnt, um uns leser/innen zu narren, um uns in die irre zu führen, weil wir unsere erlebnisse und erfahrungen zum absoluten maßstab machen und den kopf schütteln. autoren schreiben werke aus ihrem anlass, leser urteilen über werke aus ihrem anlass.

Stephan Thome schrieb diesen erstling in der diaspora: in Taipeh (Taiwan) und dort hat er sich wohl sein heimweh vom leibe geschrieben. es ist aber kein heimatroman, weil heimat zerstückelt daherkommt, es ist kein liebesroman, weil das feuer der unbedingtheit von liebe fehlt, kein sittenroman, weil in bierzelten eher sittenlosigkeit herrscht, kein historienroman, weil die geschichtliche kulisse fehlt, kein philosophischer roman, weil die reflektionen privat sind, kein … ja, was ist er denn? literatur, die bei der leserschaft auf eine bandbreite von lebensentwürfen trifft, die den roman abprallen oder annehmen lassen. und genau das ist wirkung von literatur. wir können uns an ihr reiben.

© 15.04.2014 brmu

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Thériault's ewigkeit

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© 2003 Cornelia Ulbrich, „Noch kein Kreis“, acryl auf leinwand 40 x 40 cm

liebe lesekreisler, das wichtige voraus: unser nächstes buch wurde von Stephan Thome geschrieben. es hat den titel „Grenzgang“ und ist bei Suhrkamp erschienen.

nun noch eine bitte um nachsicht: ich konnte leider aus beruflichen gründen das letzte treffen nicht moderieren. so ist das leben. also halte ich es für angebracht, meine sicht zu dem buch von Denis Thériault mit dem lyrischen titel „Siebzehn Silben Ewigkeit“ im blog nachzureichen.

ein junger, athletischer briefträger namens Bilodo hat eine befremdliche angewohnheit, die eine verhaltensbedingte kündigung wert wäre: vor der verspäteten zustellung öffnet er heimlich einige der von ihm auszutragenden poststücke, nämlich: Echte Briefe, von echten Menschen …, die sich bewusst dafür entschieden und in manchen Fällen erahnen ließen, dass es sich um eine Frage des Prinzips handelte, um eine bewusste Haltung zu Gunsten einer Lebensweise, die weniger bestimmt war vom Wettrennen gegen die Zeit und von der Pflicht zu funktionieren. (14) erstaunlich reife gedanken bei erstaunlich unreifem verhalten! aber es kommt noch besser.

Bilodo stößt auf die korrespondenz von Ségolène, einer lehrerin auf Guadeloupe, und Gaston Grandpré, seines zeichens professor. Bilodo zelebriert das lesen dieser post mit duft und kerzenschein. man fragt sich, welches psychosyndrom sich hier freie bahn schafft. Er „öffnete schließlich den Umschlag, drang behutsam in die Intimität des gefalteten Bogens ein und las“(19): einen haiku, mehr stand da nicht. aber diese kleinen texte „ließen einen die Dinge empfinden, ließen einen sie sehen“(20), mehr noch, „diese Gedichte nährten einen wie ein ganzer Roman, sie klangen in der Seele nach, hallten noch lange darin wider“ (20).

hier haben wir gleich zu beginn des buches eine schlüsselaussage, die offenbar den hinweis erbringt, warum Denis Thériault dies buch geschrieben hat. es klärt sein verhältnis zu dem unendlichen verschlungenen knoten von prosa und lyrik. er sagt, beide haben wirkung! beide nähren sie die leser/innen, beide klingen in der seele nach, ein ausdruck für resonanz zwischen dem werk und seiner leserschaft. haiku sind ihm ein „Universum“ (25), „eine alchimistische Lektüre“ (25), eine „Oase“ (26), „eine Gegenüberstellung des Unveränderlichen und des Vergänglichen“ (56).

die lyrik spart papier, sie ist ökonomischer als prosa, bringt es auf den punkt, ohne plot und protagonisten im narrativem dschungel. die lyrik ist der eine ton, die prosa der klangteppich. menschen definieren sich durch sich immer wieder verändernde erzählungen, über sich und die anderen. auf dem boden dieser unausgesprochenen aber erahnten „erzählteppiche“ kann lyrik wirken, anklingen lassen, an der seele zupfen.

das passiert nun Bilodo. der ganze roman handelt eigentlich davon, wie dieser postbote „über Nacht zum Dichter“(27) wird und durch die haiku in eine andere welt entschwebt, in dem er sich in die korrespondenz einschaltet, nach dem Gaston Grandpré verunglückt ist. Bilodo schlüpft peu-à-peu in dessen rolle, er wird Gaston und erleidet schließlich dasselbe schicksal. wir sind verblüfft und legen das buch irritiert weg. das muss man sacken lassen. denn hier haben wir eine verbindung zu unserem letzten roman, Mahlers Zeit von David Kehlmann, in dem vier formeln helfen sollten, die zeit in ihrem linearen verlauf zu manipulieren. und nun wieder ein zeitmotiv: Bilodo gerät in den kreislauf der zeit, was der fernöstlichen auffassung von zeit entspricht.

die haiku als stilisierte und ritualisierte gedichtform des alten japan, die nun den roman prägen, sind ausdruck der verschmelzung mit der natur durch reine anschauung, wie es Goethe ebenfalls gemeint hat. die reine anschauung, nicht zerlegt in teile, nicht reduktionistisch zerhackt in ein pseudoverständnis der welt.

Bilodo kommt auf gleiche weise ums leben, wie Gaston, in gleicher situation, so, als steuerte alles in einem kreislauf immer wieder auf diesen punkt hin. „Bilodo war zu einem sich ewig wiederholendem Tod verurteilt, und nichts konnte diesen Fluch abwenden. Es sei denn …“ (153) es sei denn, man kommt zur erleuchtung! „Der Enso-Kreis repräsentiere die geistige Leere (satori), über die man zur Erleuchtung gelange. Dieses seit Jahrtausenden von den Zen-Meistern gemalte Motiv sei der Ausgangspunkt für eine Meditation über das Nichts“ (95). an diese erkenntnis schließt sich das zentrale haiku an: So wie das Wasser / den Felsen umspült / verläuft die Zeit in Schleifen (96, 152).

bleibt noch, sich mit haiku als gedichtform zu befassen. der titel des buches gibt schon die struktur an: siebzehn silben insgesamt, aufgeteilt in drei verse zu fünf, sieben, fünf silben. ein reim ist nicht zwingend, aber ein versteckter hinweis auf die jahreszeit, in der der haiku auf das papier kam. das obige haiku entspricht also nicht der klassischen form, es bricht aus, wie auch Bilodo durch satori aus dem enso-kreis ausbrechen kann, während er tödlich verletzt auf der straße liegt. das bedarf einer lebenslangen übung oder es kommt im nu, wie die zen-meister sagen. auch Jesus als erneuerer westlich-religiösen denkens hat die umkehr in letzter sekunde gekannt. es ist also möglich - packen wir es an, der roman kann ein auslöser sein.

mein fazit sei in einem haiku formuliert:

Bilodo im kreis
wirbel spülen dich herum -
im kolk stehn fische

© 20.03.2014 brmu
haiku als kommentar sind jederzeit willkommen!

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treff #6 Mahlers Zeit

unser nächstes treffen #7 beschäftigt sich mit dem roman des kanadischen autors Denis Thériault, Siebzehn Silben Ewigkeit, bei DTV verlegt. ein postbote verletzt sein berufsethos und liest diverse briefe, klinkt sich in einen korrespondenz ein und man wird sehen, was das alles bewirkt. aber hier nun die zusammenfassung unserer letzten lektüre:

schnell wurde uns klar, dass wir es in dem roman von Daniel Kehlmann, Mahlers Zeit, mit einem traumatisierten, kranken protagonisten zu tun haben. nachdem David Mahler als kind den tod seiner schwester mit ansehen musste und sie darauf hin ihm regelmäßig stumm im traum erscheint, wird er als neunjähriger auffällig, weil er offenbar ein fotografisches gedächtnis hat und traumhaft mit zahlen umgehen kann: ein blick und er kann die sterne am himmel zählen oder die flugbahn des fußballs auf sein tor berechnen. diese begabung kostet ihn die beziehungen zu menschen, bis auf seinen freund aus kindertagen. Marcel versucht David immer wieder ins normale zu bugsieren. und David räsoniert auch darüber: Wenn ich keine Blicke auf mich ziehe, wenn ich keine Karriere mache, egal, was für eine, wenn ich an einem gleichgültigen Ort ein ereignisloses Leben führe … Dann habe ich vielleicht eine Chance. (62) anfallartige situationen lassen in David den eindruck von warnungen (63) entstehen, die sich in der folge zur ausgewachsenen paranoia steigern.

ein derart kränkelndes hirn mit dieser savant-begabung - die lehrerin meinte, David sei so eine Art Genie (51) - befasst sich nun mit einer idee (55) und am ende hatte er hundertvierzig Blätter gefüllt und wusste, dass es viel schwieriger war und viel länger dauern würde, als er vermutet hatte. (56) das ganze wächst sich zu einer veritablen besessenheit aus, die frage der zeit als eine umkehrbare realität zu lösen. sein ausgangspunkt entspringt dem zweiten hauptsatz der thermodynamik: Das Anwachsen der Unordnung spannt die Zeit auf. Und bestimmt ihre Richtung. Denn diese … ist vor allem gerichtete Veränderung. (76). David meint nun, diesen ehernen satz der physik außer kraft setzen zu können. Vier längere Formeln … und ein paar Erläuterungen dazu. Ein paar Aufbauten in einem Labor. Man würde es in Gang setzen, und es würde sich ausbreiten wie Wellen im Wasser. Die Zeit würde unscharf werden. (108) Katja, ein junge frau, die sich rührend um David kümmert, meint: Du hast dich in etwas verrannt! (108) aber die dinge nehmen ihren lauf.

während David sich fortgesetzt von unbekannten mächten bedroht fühlt, denn Gott rechnet, aber … manchmal rechnet er schlecht. (98) Doch das ist ein gut gehütetes Geheimnis. Es soll nicht entdeckt werden. Und manchmal scheint es, dass der, der es entdeckt, … verfolgt wird. (99). Sicherheitshalber wird nichts notiert, David behält alles im kopf und will seine erkenntnisse unbedingt dem einzigen menschen, der sein genie verstehen könnte, Boris Valentinov, mitteilen. der zweite teil des buches ist eine förmliche jagd nach diesem ominösen Boris, die für David tödlich ausgeht, weil sein durch einen infarkt angeschlagenes herz versagt.

von den vier formeln, die er niemandem komplett erläutern konnte, ohne sich in wahnhafte vorstellungen und traumbilder zu verheddern, werden nur drei öffentlich, die vierte nimmt er in den tod. die leser/innen atmen auf und denken darüber nach, was wohl geschehen würde, hätte dieser arme hund erfolg gehabt. die manipulierbare umkehr des zeitpfeils, also die uralte frage der literatur, was wäre wenn, tatsächlich ausprobieren zu können, ließ uns erschauern.

obwohl der plot spekulativ war und naturgemäß an der oberfläche der physik plätscherte, haben doch die beschriebenen muster der beherrschung eines menschen durch seine fixe idee, ja geradezu die fanatisierung seines denkens in kombination mit einem tödlichen verfolgungswahn (paranoia), reichlichen bezug zu dieser welt. wir müssen nur statt des zeitproblems alle möglichen anderen einsetzen und schon sind wir in der realität. dieser musteraspekt ist es auch, der viele teilnehmer/innen hat durchhalten lassen, den mit sperrigen fachbegriffen wie thermodynamik gesprickten roman zu ende zu lesen. er hat uns gefordert – wir haben ihn bezwungen.

das perpetuum mobile - gibt es nicht
die tempus reversibile - ohne gewicht
auch nicht in jener formel nummer vier
wie in Kehlmans zweiten romane hier
wo es genius David Mahler wähnte
bis ihn der tod per infarkt angähnte
und die moral von dieser prosa ist:
zeitenspielchen sind absoluter mist

© 19.02.2014 brmu

 

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treff#5 werner am hang

Am Hang*
ist mancher schon ins rutschen gekommen
räsonierend schwadronierend über ehe;
Alles dreht sich* (5) schon im ersten satz,
am Freitag, es war der elfte Juni*(158)
anno 1999* (155) im Hotel Bellevue.
auch leser/innen rutschen und drehen
gewissheiten, vermischt im absturz
mitten in die weisheiten des Bünzli* (49),
angeblichen namens Thomas Loos* (12),
ein misanthrop wie er im buche steht:
Zu früh, um über den Zeitgeist zu reden
und über das Gezücht der Anschmiegsamen
(13)
und des jungen Thomas Clarin* (10), den
als zwanziger Andrea (6) wie einen Schirm (6)
hat stehen gelassen, tiefgründig verletzt,
im ping-pong der welten und worte
nebst deren vermutungen: sind die zwei
frauen in rede eine oder keine? denn:
Zwei Frauen, die das gleiche Sprüchlein mögen,
verwandeln sich deswegen nicht in eine.
(187)
gespiegelt am ego der männerwelt, das
vom genuß des lebens bis zum verdruß
an den menschen redet im weinlösenden
krampf der worte zeitweiser gemeinsamkeit
des wegs bis vor den kamin, wo die drohung
platzt wie eine blase voller hass: Leg
dich ins Bett mit deiner Fehldeutung und
vergiß nicht, die Tür zu verriegeln.
(161, 164)
hass? auf was denn nun: eigenes versagen?
hinwendung der einen zum anderen?
unvermögen, so zu sein wie er, den
unbekümmert blinden, dem Eva testiert:
Mensch, bist du ahnungslos* (174)? -
die Faktenlage war eigentlich klar (168)!
dennoch wirres spiel im eigentlichen.
war Valeri die Bettina, selbst auch Bendel
oder Loos genannt, und wie war sie zu
tode gekommen aber gleichsam nicht
richtig begraben
(37)? war Thomas
Bendel der Felix Loos oder über kreuz,
gar beide nicht und ist Clarin verlässlich?
wir wissen, was wir denken wollen,
ahnen autor’s missgeschick: er weiß
es selber nicht genau, denn: Alles dreht
sich. Und alles dreht sich um ihn. – Ich
kam nicht weiter. (190)
wir aber doch!
wir machen weiter mit Mahlers Zeit
vom jungen Daniel Kehlmann.

© 24.01.2014 brmu, in ein prosagedicht umgesetzte diskussion des Brühler Lesekreises bei Brockmann vom 20.1.2014 über: * Markus Werner, Am Hang – Roman, S. Fischer Verlag 2004, zitate im schrägdruck, seitenangabe in (.)

das nächste treffen findet am 17. Februar 2014 in der buchhandlung Brockmann in Brühl statt.

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treff #4 heimsuchung

Jenny Erpenbeck hat ein erinnerungsbuch der besonderen art geschrieben, dessen titel „Heimsuchung“ bereits ahnen lässt: wer hier ein heim sucht, wird heimgesucht, denn die geschichten schmerzen, wenngleich verträglich gemacht durch literarische überhöhung.

am ufer des „Märkischen Meeres“ (10), hervorgegangen aus eiszeitlichen formationen (9-11), steht ein haus, geographischer knotenpunkt von zwölf schicksalen, die auch untereinander verwoben sind. die wurzeln reichen weit zurück: um das jahr 1650 erhalten vorfahren des großbauern Wurrach, der das amt des schulzen bekleidet, vom könig die Klotthofstelle als lehen. Wurrach bewohnt das anwesen mit seinen vier töchtern Grete, Hedwig, Emma und Klara. letztere geht verwirrt in den freitod „geradewegs ins graue Wasser hinein“ (25), ihr „Erbteil der Wald am Schäferberg“(19) wird vom großbauern parzelliert und an drei interessenten verkauft: kaffe-/teeimporteur, tuchfabrikant, architekt.

nun beginnen die phasen der errichtung von häusern und deren belebung mit menschen oder vertreibung im gewoge der geschichte des letzten jahrhunderts. wer nun präzise angaben aus den archiven erwartet, der wird enttäuscht sein. denn es werden die zwölf schicksale meist ohne namen in nur angedeuteten zeitstrukturen vorgestellt. elf relativ fassbare personen werden von der zwölften, dem mythischen gärtner, jeweils getrennt und auch zusammen gehalten, wie der mörtel die steine in dem haus zusammenhält.

daher ist die figur des gärtners, der redundant in seiner arbeit, als person und zeitzeuge unfassbar bleibt, von besonderer bedeutung: „Woher er gekommen ist, weiß im Dorf niemand. Vielleicht war er immer schon da.“ (13), also eine auf die gegenwart gerichtete seinsweise. damit erhält das werk gleich zu beginn seine deutliche grundstimmung: kein geschichtswerk.

der gärtner ist der kitt, das personifizierte prinzip der natur, die sich durch ihn selbst erdet, denn „beim Graben stößt er nach einer dünnen Schicht aus Humus auf die Ortsteinschicht“, die als geologische formation auf den prolog verweist. die eiszeit als die natürlich formende kraft des grundes und der gärtner mit seiner menschlichen kraft des gestaltens der pflanzen an der oberfläche wie sähen, gießen, schneiden, spalten stehen in wechselwirkung zueinander. so wie er auftaucht, so verschwindet er wieder aus dem buch: „Der Gärtner wird seitdem nicht wieder gesehen“ (171).

emotional am stärksten und widersprüchlichsten wurde in der diskussionsrunde das kapitel „Der Rotarmist“ empfunden. die im zuge der „Schlacht bei den Seelower Höhen“ (73, 16.-19.4.1945) vorrückende sowjetische armee löste einen flüchtlingsstrom aus. „Erst in letzter Zeit, seit sie tief in deutsches Gebiet eingedrungen sind, hat die Wut der Soldaten diesen Grad erreicht, … Je mehr deutsche Häuser sie betraten, desto schmerzhafter stellte sich ihnen die Frage, warum die Deutschen nicht hatten dort bleiben können, wo ihnen zum Bleiben nichts, aber auch wirklich nicht das Allergeringste fehlte.“ (95)

die frau des architekten aber versteckte sich in einem getarnten wandschrank in dem haus. eine berittene einheit unter befehl eines sehr jungen majors nimmt wüst quartier dort. der rotarmist (major) entdeckt die frau des architekten in dem wandschrank „Und weiß dann nicht mehr weiter, obgleich er schon oft gesehen hat, was seine Männer in vergleichbaren Situationen getan haben. Mama, sagt er, ohne zu wissen, was er sagt, …“ (100). und „sie weiß, daß der Soldat eine Waffe hat, und es klüger ist, sich nicht zu wehren, übernimmt sie die Führung, vielleicht besteht darin der Krieg, dass immer einer aus Angst vor dem anderen die Führung übernimmt, und dann wieder umgekehrt, und immer so weiter.“ (100)

a) die pragmatische meinung war, dass es sich angesichts der akuten gefährdung durch den rotarmisten schlicht um eine überlebensstrategie handele, b) die psychologische war, dass es sich um eine form der seelischen eigenrettung handele, denn die frau des architekten sagt erinnernd an anderer stelle: „Sie will das Wort nicht denken, das Wort, mit dem er sie rief, das undenkbare Wort, mit dem er für alle Ewigkeit ein Loch in Ihre Ewigkeit bohrte.“ (74) und c) die empörte meinung war, dass hier das übel der vergewaltigung literarisch überhöht als initiative der frau im sinne eines gewissen anteils an dem geschehen verharmlost werde.

ein buch, dass dergestalt die leser/innen erreicht, aufscheucht und lebhaft anteil nehmen lässt, weil es viele facetten der resonanz zu eigenem erleben aufweist, hat seine berechtigung in der welt, die hoffentlich durch die damit ausgelöste, differenzierte reflexion des geschehens in ihr mehr menschlichkeit entfaltet. die natur bleibt davon unbekümmert, denn bevor „auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst.“ (189) ein schlusssatz, der die zivilisation als vorübergehendes phänomen relativiert und uns gemahnt: „Erst in der Neuzeit trat dort das ein, was man in der Wissenschaft als Desertifikation bezeichnet, zu deutsch Verwüstung.“ (10/11) natur hat beides zu bieten: heimstatt und heimsuchung (verwüstung), der mensch kann wählen.

mein dank an alle teilnehmer/innen des Brühler Literaturkreises bei Brockmann (BLvB) vom 12.12.2013 für das anregende und den horizont erweiternde literaturgespräch.

unsere nächste lekrüre im BLvB ist Markus Werners roman "Am Hang", bei S. Fischer 2004 erschienen.

© 17.12.2013 brmu

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treff #3 Weitlings Sommerfrische

brühl treff3-13111-brockmann

© 11.11.2013 foto K. Brockmann / Brühler Lesekreis bei Brockmann
brm ulbrich moderiert das treffen#3: Nadolnys Weitlings Sommerfrische

was volljuristen so widerfährt
ist schon ein Nadolny büchlein wert
wenn man auf Chiemseeplätten
vor stürmen will sich retten
dabei das hirn ein trauma kriegt
man plötzlich sich im leben sieht
das man so nicht (mehr) kennt
hat man schriftstellerei verpennt
drum bleibe schön an land
und schreibe leicht von hand

© brmu / 12.11.2013

 

der lesekreis, völlig unbeeindruckt vom karnevalstart (11.11.), hat sich selbigen tages mit dem roman von Sten Nadolny, Weitlings Sommerfrische, Piper Verlag, 2012, beschäftigt. es gab zunächst ein geteiltes echo: a) schwierig, weil verwirrendes passiert und b) anregend, weil viele reflexionen über lebenssituationen geboten werden. das meinungsbild glich sich dann im laufe der sehr angeregten und kundigen interpretationen und erläuterungen aus der runde an.

was im roman passiert: „Als einer seiner Schriftstellerkollegen [auktorialer erzähler], der viel mit ihm gesprochen hat, auch wenn er sich zuletzt nicht mehr an mich erinnern konnte“ (/199) [Demenz?] bringt dieser unbekannte nach dem tode Wilhelm Weitlings „seine Geschichte, die er nicht mehr vollständig aufschreiben konnte“ zu ende. Wilhelm Weiltling, 68jährig, richter a. d., schippert auf dem Chiemsee ohne schwimmweste los und denkt über einen satz seiner frau Astrid nach: „Wenn ich dreißig Jahre jünger wäre und das wüsste, was ich heute weiß …“ (/35), was würde er dann anders machen: „Nein, es empfahl sich nicht, bei Zeitreisen in die Vergangenheit in den Lauf der Dinge einzugreifen.“ (/35).

über diese gedanken ignoriert er die wetterlage, gerät prompt in arge seenot: „Plötzlich ein strahlend blaues Leuchten ringsum, dann ein schmerzhaft grelles Licht und ein grausamer Knall, der ihn so erschreckte, dass er umfiel.“ (/38) von da an ist vieles anders. „Mit meinem Kopf stimmt etwas nicht, dachte Weitling, es war der Blitz.“ (/40), denn alles „war wie damals“ (/40), als er sich als junge in gleicher situation die hand verletzt hatte. das geschieht aber nicht. „Immer noch hoffte er, das alles wäre ein Traum und er würde in seinem Bett aufwachen.“ (/40) welcher Weitling hier um sein leben kämpft, ist bereits unklar: „Er war offensichtlich in einem Ich-Zustand, der sich von dem des Jungen unterschied.“ (/40).

was mit den leser/innen passiert: die situation wird nun diffus. „Wer denkt da eigentlich, der Junge oder ich? Ich! Ich bin ganz eindeutig nicht er, sondern nach wie vor der alte Mann aus Berlin, aber für andere unsichtbar, Geist ohne Physis, gekettet an einen Sechzehnjährigen …, wir schreiben offenbar 1958.“ (/44) Weitling (richter a. d.) ist also an sich selbst, „diesen etwas zweifelhaften jungen Mann“ (/56), Willy genannt, gebunden, kann nur dessen leben sieben monate lang beobachten, nicht eingreifen. während dieser periode merkt Weitling, dass er mit Fedor von Traumleben, seinem dementen großvater, reden kann. dieser kennt seine situation, denn er meint: „Ja, auf Sommerfrische war ich auch schon.“ (/130). damit haben die vorgänge einen namen: sommerfrische.

Lachen als erster Schritt zur Erlösung.“ (/166). mit dieser erkenntnis entkommt Weitling der sommerfrische, nachdem er zugibt, „dass ich mich mit dem Jungen abgefunden habe, genauer gesagt, ich bin damit versöhnt, dass ich dieser Junge gewesen sein soll.“ (/163) und in den Chiemsee pinkelt, wobei er „… gewaltsam von Willy abgezogen wird, …“ (/166), sich wieder in der sinkenden Chiemseeplätte befindet und denkt: „Das ist sie, meine Rückkehr ins Alter.“ (/166)

die gestaltet sich allerdings anders als erhofft. Weitling (ex richter a. d.) ist nun ein bekannter schriftsteller und muss sich allmählich von seiner ihm unverändert erscheinenden frau Astrid, aber nun mit einer tochter Stella und einer enkelin Nike gesegnet, an das neue, alte leben gewöhnen. die enkelin spricht kindlich seinen gesundheitszustand an: „Mami sagt, manchmal redest du unklar, wegen der Weisheit.“ (/202) derweil unterrichtet ihn Astrid über sein früheres schriftstellerleben, weil sie seiner geschichte von der sommerfrische glaubt. „Astrid freute sich weiter an ihm und liebte ihn, und manchmal war er ja auch ganz klar.“ (/214)

dieser appell an die leser/innen: was wir leser/innen nun unter der sommerfrische verstehen, haben wir zusammen getragen: seelenwanderung, persönlichkeitsspaltung, dementer verlustzustand, hirntrauma, nahtoderfahrung, sauerstoffmangel im gehirn, möglicherweise verursacht durch den schlag des großbaumes auf den kopf („In diesem Moment kracht der Großbaum in meinen Hinterkopf … sehe einen furchtbaren Blitz.“ /167) bald wurde uns klar, dass Nadolny keine tatsächliche verschiebung der lebewelten gemeint haben kann. was bleibt, ist sein literarischer kunstgriff, die allgegenwärtige frage zu bearbeiten, was man denn anders machen könne, wenn man noch einmal in der oder jener situation wäre: „Ach, ich habe genug, ich möchte zurück ins Unvorhergesehene, Unberechenbare, ins offene Leben.“ (/149). dieser appell ist unzweideutig: lebe jetzt und nicht in der vergangenheit!

was der autor über sich erzählt: es beschlich uns die vermutung, dass Sten Nadolny hier eine einfühlsame geschichte eines demenzkranken mannes namens Weitling, ob schriftstellernder richter oder juristisch interessierter schriftsteller, sei dahingestellt, vorgelegt hat. die anreicherung dieser geschichte mit vielen, nachprüfbaren autobiographischen details hat uns etwas ratlos zurück gelassen, denn er kann sich selbst unmöglich gemeint haben – was wir alle sehr hoffen wollten. © 12.11.2013 brmu

 

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treff #2.3 regenorchester

zu: Hansjörg Schertenleib, Das Regenorchester, Aufbau Verlag Berlin, 3. auflage 2009; tb-ausgabe, 4. auflage 2012 / der autor wurde am 17.10.2013 per e-mail angeschrieben, was es mit den fehlenden textpassagen im taschenbuch auf sich habe und zu unserer freude erhielten wir schon einen tag später eine kurze und prägnante antwort:

Sehr geehrter Herr Ulbrich, herzlichen Dank für die kleine Rezension meines Buches. Es freut und ehrt mich,“ so schreibt er weiter, dass wir sein Regenorchester im Brühler Lesekreis behandelt hätten und es sei schön zu wissen, dass „das Buch, das mir wichtig ist, weiterhin gelesen“ werde und „Anlass zu Gesprächen“ gebe. „Die Änderungen am Ende der TB-Ausgabe sind natürlich gewollt; der Protagonist, dies die Überlegung, soll auf eigenen Beinen stehen, tönernen, dies mag sein, jedoch auf eigenen. Herzlich, auch an den Brühler Lesekreis, Ihr: Hansjörg Schertenleib“.

wir freuen uns, dass die arbeit in unserem lesekreis vom autor gewürdigt wird und wir von ihm eine interpretationshilfe erhielten, wie man sich die „lücke“ erklären sollte. es wird uns beflügeln weiterzulesen. mein dank an alle, die dieses erlebnis möglich machen: autor/inn/en, leser/innen, buchhändler/innen.

© 18.10.2013 brmu

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treff #2.2 regenorchester

Hansjörg Schertenleib, Das Regenorchester, Aufbau Verlag Berlin, 3. auflage 2009; tb-ausgabe, 4. auflage 2012

was ist sachlich in diesem roman der fall? es wird die trauerarbeit eines von seiner namenlosen frau verlassenen, namenlosen schriftstellers behandelt, der prompt eine schreibblockade erlebt und dem zufällig eine in der nachbarschaft wohnende, andere frau namens Niamh [lautlich: /niːəv/] als „Komplizin“ (11) hilft, sein trauma zu überwinden, in dem sie ihm ihre lebensgeschichte zum aufschreiben erzählt, sodass er eine beziehung mit einer anderen frau wieder einzugehen fähig ist. Niamh gibt ihm den namen Sean.

es verwickeln sich zwei fäden der handlung: der präsente erzählstrang der sukzessiven befreiung Seans von dem trennungschmerz, durchsetzt mit zweifeln und reflexionen, und der in die vergangenheit reichende, über die lebensstationen der komplizin Niamh, die ebenfalls verlassen wurde, ein kind zur adoption freigab und über all das auch hinweg gekommen ist.

die trauerarbeit wird in neun befreiungsstufen entwickelt, um „den Ballon noch einmal zum Steigen“ (16) zu bringen. Sean befreit sich von diversen gegenständen, die ihn an „sie“ erinnern, bis er keinen gedanken mehr an „sie“ hat(95) und er befreit tanzen kann, zu einer melodie, „die sich selbst spielt, Musik als solche.“ (228) der symbolwert dieser taten und gedanken ist evident und weist auf die verankerungen im realen leben hin.

und damit wird auch der titel aufgelöst als hinweis auf die endgültige befreiung von trauer und drama des verlassen werdens und seins: ein blechtisch mit aufgestellten, leeren flaschen und gläsern klingt im irischen regen und hagel, wie eine urmusik. nun wird auch der bezug des namens Niamh klar, weist er doch auf die irische mytologie hin: Niamh ist die strahlende tochter des meergottes Manannan, dem wasser vertrautes element ist.

welche appelle können herausgelesen werden? der roman enthält deutliche formulierte handlungsempfehlungen. aus dem munde von Niamh stammen die worte: „Wenn ich etwas begriffen hatte in meinem Leben, dann die Tatsache, dass es wichtig ist, zu gewissen Orten Distanz zu wahren. Und nicht nur zu Orten, sondern auch zu Menschen. Distanz ist wichtig, lebenswichtig.“ (187) und Sean sagt ganz am schluss „Man kann neu anfangen. Ich habe neu angefangen. Ich musste. Zum Glück.“ (230)

was kann vom autor heraus gelesen werden? man darf spekulieren, ob und wie viel autobiografisches in dem roman versteckt ist. ein schweizer schriftsteller in Irland, frisch verheiratet, im County Donegal wohnend, eine nachbarin mit namen Niahh. Schreibblockaden hat sicherlich jede/r autor/in schon einmal gehabt.
auf dem vorsatzblatt des romans (gebundene ausgabe) steht die bemerkung: „Einige erwähnte Ort und Menschen existieren tatsächlich, führen im Text aber ein fiktives Leben.“ der fehlt in der später aufgelegten taschenbuchausgabe wie auch diese sich am ende textlich deutlich unterscheidet: Passagen um die neue frau sind getilgt. relevant für die rezeption des romans erscheinen die parallelen nicht. ohnehin hört die wirkgeschichte des autors mit drucklegung seines romans auf und geht in die der leserschaft über.

welche beziehung wird zum roman aufgebaut? wenn man also als persönlichkeit überleben will, sollte man sich den widrigkeiten und widerwärtigkeiten des lebens strukturiert stellen und den mut zu einem neuanfang fassen. denn die von allem unberührte natur „war größer als ich, als wir, mächtiger. Sie stutzte mich auf die Größe zurecht, die mir entsprach. Manchmal musste ich stehen bleiben, weil mir das Gelächter, das mit einemmal aus mir herausbrach und gegen das ich mich nicht wehren konnte, Tränen in die Augen trieb.“ (224)
als leser/in erfährt man eine deutilche resonanz zu den protagonisten Niamh und Sean, je nach eigener lebewelt. das macht den gehalt des werkes aus. man kann die angelegenheit von zwei seiten erleben und betrachten und stellt dann den ausgelesenen roman mit einem nachdenklichen blick ins buchregal zurück, dort, wo das hinweisschild mahnt: später noch einmal lesen!

diese kurze rezension wurde geschrieben auf der grundlage der diskussion in dem „Brühler Lesekreis bei Brockmann“ am 14.10.2013. die in () angebenen seitenzahlen beziehen sich auf die vollständige, gebundene ausgabe; für die taschenbuchausgabe sind jeweils zwei seiten abzuziehen. eine anfrage an den autor, warum sich die ausgaben textlich unterscheiden, ist unterwegs.

© 17.10.2013 brmu

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treff #2.1 regenorchester

ein herzlicher dank an alle! bei großer runde und reger beteiligung war es eine lebendige und kenntnisreiche diskussion um den roman „Das Regenorchester“ von Hansjörg Schertenleib (Aufbau Verlag, Berlin). was wir bei unserer gemeinsamen rezeption heraus gefunden haben, wird noch in einer separaten rezension von mir zusammen gefasst werden.

aber eines schon jetzt: die gebundene ausgabe (3. auflage 2009) stimmt textlich offenbar nicht überein mit der taschenbuchausgabe (4. auflage 2012). wir waren verblüfft. es fehlen die pasagen zu der neuen frau. fehlendes im schrägdruck nach der geb. ausgabe, seite 229-230 und hinzugesetztes in der tb-ausgabe in [] seite 228:

„Wie kann ich damals ahnen, dass es gerade einmal vierzehn Monate dauerte, bis ich eine Frau kennenlerne, die ihre Gefühle nicht auf der Zunge trägt, aber mit einer Gewissheit zu ihnen steht, die mir das Vertrauen in die Liebe, das ich verloren glaubte, zurückgibt? Wie soll ich wissen, dass meine Mutter in der allerersten Nacht, die ich mit dieser Frau verbringe, stirbt und dass ich am anderen Morgen an ihrem [am] Totenbett [meiner Mutter] stehe, im … Den Rest deines Lebens bist du ohne Mutter!

Wie soll ich ahnen, dass diese Frau und ich in Südafrika, in Mexiko und Maine in der Sonne sitzen werden, schweigend, weil wir unsere Gemeinsamkeit nicht herbeireden müssen und auch ohne Worte wissen, wir gehören zusammen? Woher soll ich wissen, …“

wenn man unterstellt, dass autor oder verlag die aussagen über die neue frau gezielt tilgen wollten, dann fehlen diese passagen folgerichtig. was haben sich autor und lektor aber dabei gedacht, ihre leserschaft zu täuschen? kein wort der erklärung in der tb-ausgabe, dass das manuskript aus gegebenen gründen gekürzt wurde! keine respektierung der leserschaft, die sich verwundert die augen reibt. ganz abgesehen davon, dass sich die interpretation des werkes in richtung weniger zuversicht, eine neue liebe finden zu können, verschiebt: eben keine "unerhörte liebesgeschichte", wie im klappentext suggeriert.

sollte hier ein autobiografischer einblick wieder getilgt werden? das müsste man den autor fragen.

ich habe bei frau Dünow (lektorat assistenz) vom Aufbau Verlag angefragt.

© 15.10.2013 brmu

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treff #1 auftakt

Brockmann

liebe teilnehmer/innen des Brühler Lesekreises bei Brockmann, vielen dank für ihr engagement in eigener sache. wir haben nach dem auftakt am 26.9.13 in der buchhandlung Brockmann in Brühl uns eine aufgabe für den 14.10.13 gestellt, die ich in den folgenden knittelversen noch einmal in erinnerung bringen will:

zwanzig frauen und zwei männer
outen sich als bücherkenner
wollen auch darüber reden
treffen sich bei Brockmann eben
zu ’nem klugen bücherschnack
spaß und freude, nichts geht ab

wollen also mal ergründen
ob wir in dem regen finden
was sich da orchester nennt
und wohin die handlung rennt:

was da denn an sachen stehn
wie appelle an uns gehn
wie beziehung zu uns ragt
was der autor von sich sagt
4 mal antwort = 1 rezeption
finde jeder seinen ton

© 27.09.2013 brmu
wer kommentieren möchte soll das gerne tun: jede stimme zählt!

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Brühler Lesekreis bei Brockmann

Martin Mosebach beschreibt in einem interview (KSTA 13./14.7.2013) wie er zum autor wurde: indem ihn sein vater zum „enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser“ gemacht habe, habe er ihn „zum Schreiber“ gemacht, was bedeute, dass für ihn das schreiben vor allem ein weg sei, „auf das Gelesene zu antworten“.

die richtige einleitung zu unserem >Brühler Lesekreis bei Brockmann<. genau das wollen wir auch: uns gegenseitig zu enthusiastischen lesern/innen zu fördern, um dann vielleicht auch das schreiben zu wagen.

werfen sie einen blick auf die homepage der buchhandlung Brockmann in Brühl, die diesen lesekreis ausrichtet:

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© 15.07.2013 brmu

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