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treff #2.3 regenorchester

zu: Hansjörg Schertenleib, Das Regenorchester, Aufbau Verlag Berlin, 3. auflage 2009; tb-ausgabe, 4. auflage 2012 / der autor wurde am 17.10.2013 per e-mail angeschrieben, was es mit den fehlenden textpassagen im taschenbuch auf sich habe und zu unserer freude erhielten wir schon einen tag später eine kurze und prägnante antwort:

Sehr geehrter Herr Ulbrich, herzlichen Dank für die kleine Rezension meines Buches. Es freut und ehrt mich,“ so schreibt er weiter, dass wir sein Regenorchester im Brühler Lesekreis behandelt hätten und es sei schön zu wissen, dass „das Buch, das mir wichtig ist, weiterhin gelesen“ werde und „Anlass zu Gesprächen“ gebe. „Die Änderungen am Ende der TB-Ausgabe sind natürlich gewollt; der Protagonist, dies die Überlegung, soll auf eigenen Beinen stehen, tönernen, dies mag sein, jedoch auf eigenen. Herzlich, auch an den Brühler Lesekreis, Ihr: Hansjörg Schertenleib“.

wir freuen uns, dass die arbeit in unserem lesekreis vom autor gewürdigt wird und wir von ihm eine interpretationshilfe erhielten, wie man sich die „lücke“ erklären sollte. es wird uns beflügeln weiterzulesen. mein dank an alle, die dieses erlebnis möglich machen: autor/inn/en, leser/innen, buchhändler/innen.

© 18.10.2013 brmu

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treff #2.2 regenorchester

Hansjörg Schertenleib, Das Regenorchester, Aufbau Verlag Berlin, 3. auflage 2009; tb-ausgabe, 4. auflage 2012

was ist sachlich in diesem roman der fall? es wird die trauerarbeit eines von seiner namenlosen frau verlassenen, namenlosen schriftstellers behandelt, der prompt eine schreibblockade erlebt und dem zufällig eine in der nachbarschaft wohnende, andere frau namens Niamh [lautlich: /niːəv/] als „Komplizin“ (11) hilft, sein trauma zu überwinden, in dem sie ihm ihre lebensgeschichte zum aufschreiben erzählt, sodass er eine beziehung mit einer anderen frau wieder einzugehen fähig ist. Niamh gibt ihm den namen Sean.

es verwickeln sich zwei fäden der handlung: der präsente erzählstrang der sukzessiven befreiung Seans von dem trennungschmerz, durchsetzt mit zweifeln und reflexionen, und der in die vergangenheit reichende, über die lebensstationen der komplizin Niamh, die ebenfalls verlassen wurde, ein kind zur adoption freigab und über all das auch hinweg gekommen ist.

die trauerarbeit wird in neun befreiungsstufen entwickelt, um „den Ballon noch einmal zum Steigen“ (16) zu bringen. Sean befreit sich von diversen gegenständen, die ihn an „sie“ erinnern, bis er keinen gedanken mehr an „sie“ hat(95) und er befreit tanzen kann, zu einer melodie, „die sich selbst spielt, Musik als solche.“ (228) der symbolwert dieser taten und gedanken ist evident und weist auf die verankerungen im realen leben hin.

und damit wird auch der titel aufgelöst als hinweis auf die endgültige befreiung von trauer und drama des verlassen werdens und seins: ein blechtisch mit aufgestellten, leeren flaschen und gläsern klingt im irischen regen und hagel, wie eine urmusik. nun wird auch der bezug des namens Niamh klar, weist er doch auf die irische mytologie hin: Niamh ist die strahlende tochter des meergottes Manannan, dem wasser vertrautes element ist.

welche appelle können herausgelesen werden? der roman enthält deutliche formulierte handlungsempfehlungen. aus dem munde von Niamh stammen die worte: „Wenn ich etwas begriffen hatte in meinem Leben, dann die Tatsache, dass es wichtig ist, zu gewissen Orten Distanz zu wahren. Und nicht nur zu Orten, sondern auch zu Menschen. Distanz ist wichtig, lebenswichtig.“ (187) und Sean sagt ganz am schluss „Man kann neu anfangen. Ich habe neu angefangen. Ich musste. Zum Glück.“ (230)

was kann vom autor heraus gelesen werden? man darf spekulieren, ob und wie viel autobiografisches in dem roman versteckt ist. ein schweizer schriftsteller in Irland, frisch verheiratet, im County Donegal wohnend, eine nachbarin mit namen Niahh. Schreibblockaden hat sicherlich jede/r autor/in schon einmal gehabt.
auf dem vorsatzblatt des romans (gebundene ausgabe) steht die bemerkung: „Einige erwähnte Ort und Menschen existieren tatsächlich, führen im Text aber ein fiktives Leben.“ der fehlt in der später aufgelegten taschenbuchausgabe wie auch diese sich am ende textlich deutlich unterscheidet: Passagen um die neue frau sind getilgt. relevant für die rezeption des romans erscheinen die parallelen nicht. ohnehin hört die wirkgeschichte des autors mit drucklegung seines romans auf und geht in die der leserschaft über.

welche beziehung wird zum roman aufgebaut? wenn man also als persönlichkeit überleben will, sollte man sich den widrigkeiten und widerwärtigkeiten des lebens strukturiert stellen und den mut zu einem neuanfang fassen. denn die von allem unberührte natur „war größer als ich, als wir, mächtiger. Sie stutzte mich auf die Größe zurecht, die mir entsprach. Manchmal musste ich stehen bleiben, weil mir das Gelächter, das mit einemmal aus mir herausbrach und gegen das ich mich nicht wehren konnte, Tränen in die Augen trieb.“ (224)
als leser/in erfährt man eine deutilche resonanz zu den protagonisten Niamh und Sean, je nach eigener lebewelt. das macht den gehalt des werkes aus. man kann die angelegenheit von zwei seiten erleben und betrachten und stellt dann den ausgelesenen roman mit einem nachdenklichen blick ins buchregal zurück, dort, wo das hinweisschild mahnt: später noch einmal lesen!

diese kurze rezension wurde geschrieben auf der grundlage der diskussion in dem „Brühler Lesekreis bei Brockmann“ am 14.10.2013. die in () angebenen seitenzahlen beziehen sich auf die vollständige, gebundene ausgabe; für die taschenbuchausgabe sind jeweils zwei seiten abzuziehen. eine anfrage an den autor, warum sich die ausgaben textlich unterscheiden, ist unterwegs.

© 17.10.2013 brmu

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treff #2.1 regenorchester

ein herzlicher dank an alle! bei großer runde und reger beteiligung war es eine lebendige und kenntnisreiche diskussion um den roman „Das Regenorchester“ von Hansjörg Schertenleib (Aufbau Verlag, Berlin). was wir bei unserer gemeinsamen rezeption heraus gefunden haben, wird noch in einer separaten rezension von mir zusammen gefasst werden.

aber eines schon jetzt: die gebundene ausgabe (3. auflage 2009) stimmt textlich offenbar nicht überein mit der taschenbuchausgabe (4. auflage 2012). wir waren verblüfft. es fehlen die pasagen zu der neuen frau. fehlendes im schrägdruck nach der geb. ausgabe, seite 229-230 und hinzugesetztes in der tb-ausgabe in [] seite 228:

„Wie kann ich damals ahnen, dass es gerade einmal vierzehn Monate dauerte, bis ich eine Frau kennenlerne, die ihre Gefühle nicht auf der Zunge trägt, aber mit einer Gewissheit zu ihnen steht, die mir das Vertrauen in die Liebe, das ich verloren glaubte, zurückgibt? Wie soll ich wissen, dass meine Mutter in der allerersten Nacht, die ich mit dieser Frau verbringe, stirbt und dass ich am anderen Morgen an ihrem [am] Totenbett [meiner Mutter] stehe, im … Den Rest deines Lebens bist du ohne Mutter!

Wie soll ich ahnen, dass diese Frau und ich in Südafrika, in Mexiko und Maine in der Sonne sitzen werden, schweigend, weil wir unsere Gemeinsamkeit nicht herbeireden müssen und auch ohne Worte wissen, wir gehören zusammen? Woher soll ich wissen, …“

wenn man unterstellt, dass autor oder verlag die aussagen über die neue frau gezielt tilgen wollten, dann fehlen diese passagen folgerichtig. was haben sich autor und lektor aber dabei gedacht, ihre leserschaft zu täuschen? kein wort der erklärung in der tb-ausgabe, dass das manuskript aus gegebenen gründen gekürzt wurde! keine respektierung der leserschaft, die sich verwundert die augen reibt. ganz abgesehen davon, dass sich die interpretation des werkes in richtung weniger zuversicht, eine neue liebe finden zu können, verschiebt: eben keine "unerhörte liebesgeschichte", wie im klappentext suggeriert.

sollte hier ein autobiografischer einblick wieder getilgt werden? das müsste man den autor fragen.

ich habe bei frau Dünow (lektorat assistenz) vom Aufbau Verlag angefragt.

© 15.10.2013 brmu

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treff #1 auftakt

Brockmann

liebe teilnehmer/innen des Brühler Lesekreises bei Brockmann, vielen dank für ihr engagement in eigener sache. wir haben nach dem auftakt am 26.9.13 in der buchhandlung Brockmann in Brühl uns eine aufgabe für den 14.10.13 gestellt, die ich in den folgenden knittelversen noch einmal in erinnerung bringen will:

zwanzig frauen und zwei männer
outen sich als bücherkenner
wollen auch darüber reden
treffen sich bei Brockmann eben
zu ’nem klugen bücherschnack
spaß und freude, nichts geht ab

wollen also mal ergründen
ob wir in dem regen finden
was sich da orchester nennt
und wohin die handlung rennt:

was da denn an sachen stehn
wie appelle an uns gehn
wie beziehung zu uns ragt
was der autor von sich sagt
4 mal antwort = 1 rezeption
finde jeder seinen ton

© 27.09.2013 brmu
wer kommentieren möchte soll das gerne tun: jede stimme zählt!

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Brühler Lesekreis bei Brockmann

Martin Mosebach beschreibt in einem interview (KSTA 13./14.7.2013) wie er zum autor wurde: indem ihn sein vater zum „enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser“ gemacht habe, habe er ihn „zum Schreiber“ gemacht, was bedeute, dass für ihn das schreiben vor allem ein weg sei, „auf das Gelesene zu antworten“.

die richtige einleitung zu unserem >Brühler Lesekreis bei Brockmann<. genau das wollen wir auch: uns gegenseitig zu enthusiastischen lesern/innen zu fördern, um dann vielleicht auch das schreiben zu wagen.

werfen sie einen blick auf die homepage der buchhandlung Brockmann in Brühl, die diesen lesekreis ausrichtet:

BLbB handzettel-130715-bu

© 15.07.2013 brmu

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