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Broichers Wind von Westen

littreff.medio beschäftigte sich am 26. August 2016 mit dem autobiografischen familienroman „Wind von Westen“ von Cordula Broicher. die autorin gab uns auch bereitwillig auskunft über ihr werk.

Broicher erzählt in dem roman aus vier jahren (1793-1796) ihrer eigenen, familiären vergangenheit, dies vor dem hintergrund des ersten koalitionskrieges zwischen frankreich und den kaiserlichen (1792-1797). das bäuerliche leben spielte sich auf zwei ebenen ab, den reichen pächtern großer ländereien der kirche, Halfe genannt, und den ärmeren kleinbauern, die unter der soldateska wesentlich empfindlicher litten.

uns wird das leben auf dem Kirchhof in Niederwesseling einfühlsam und ungeschminkt beschrieben, fußnoten, karten und erläuterungen helfen den leser/-innen. die junge Halfin Agnes Krauser vom Kirchhof ist verwitwet und eine neue zweckehe steht an. „Kein vernünftiger Mensch heiratet aus Liebe!“(13) sagt bruder Max zu Balthasar Broicher, der sich schon früher in Agnes verliebt hatte und deswegen nun die chance nutzen und den maroden hof übernehmen will. „Die Liebe ist keine Grundlage für eine gute Ehe. Liebe vergeht, aber den Hof, den du übernommen hast, hast du den Rest deines Lebens am Hacken.“ (14) warnt ihn Max.

aber Balthasar gewinnt das rennen beim alten Jacob Frings und heiratet Agnes, geborene Frings, die bereits den sohn Gottfried in die ehe einbringt. anfängliches misstrauen seitens Agnes schafft Balthasar mit seinem klugen verhalten um hof und herd zu vertreiben, sie liebt ihn allmählich auch. „Und plötzlich war ihm klar: Er war angekommen.“ (65)

diese ankunft betrifft aber nur die neue familie nebst gesinde auf dem hof. im dorf sind die leute vom Kirchhof verdächtig, weil Paul, ungestümer bruder von Agnes, sich den französischen revolutionstruppen angeschlossen hat. von ihm erhalten die kirchhofer den klugen rat, französisch zu lernen, was vor allem Balthasar beherzigt, und später während der besatzung lässt Paul den hof unter schutz stellen. so entgehen sie plünderungen und anderen negativen auswüchsen der französischen truppen.

Lisbeth, jüngere schwester von Agnes, bricht den bann und rettet den ruf der familie durch einen beherzten schlag ins gesicht eines französischen soldaten, der während eines gottesdienstes rüde störung verursacht hatte. das geht noch gerade gut.

jetzt gilt: „Balthasar war angekommen.“ (234) nun auch im dorf. Balthasar ist also der protagonist, der die balance zwischen loyalem verhalten den eigenen leuten und klugem abwägen den machtverhältnissen gegenüber das richtige händchen hat. dass er dolmetschen kann ist ein weiterer trumpf.

aber nicht nur die bauernschlauheit (er führt modernere methoden ein) macht ihn erfolgreich, auch seine intellektuellen reflektionen weisen auf einen modernen menschen hin. von den Jesuiten erzogen, liest er bücher, besitzt einige und liest den anderen vor. sein credo: „Mit der Geburt werden wir alles auf unseren Platz gestellt und was wir dann aus unserem Leben machen, längt von den Entscheidungen ab, die wir treffen.“ (99) hier wird schon die individuelle verantwortung aus der aufklärung seiner zeit ins eigene denken gepflanzt.

gegen ende des romans dann die abrundung in form einer kirchenkritik: „Wir können nicht immer alles als gottgegeben hinnehmen. Gott hat uns nicht nur unseren Platz, er hat uns auch unseren Verstand gegeben. Er wird wollen, dass wir ihn einsetzen.“ (263), um aus der selbst verschuldeten unmündigkeit hinauszufinden, wie es Emmanuel Kant so schön formuliert hat.

und eine weitere figur, Tilla, die jüngste schwester von Agnes, die allerdings frei erfunden ist, wie Cordula Broicher uns gesteht, weist ebenfalls in die zukunft, hinaus aus den tradierten verhältnissen. Tilla ist noch ein kind, das keine ironie versteht. wenn einer sprichwörtlich den bock zum gärtner machen will, so notiert die autorin: „Wieder einmal verstand Tilla nicht, was ein Bock im Garten zu suchen hatte …“ (238) sie versteht die sprüche direkt und naiv, dabei aber eine große unschuld und direktheit verkündend. „Warum lässt Gott es zu, dass sich die Menschen gegenseitig totschießen?“ (271) eine frage, die frömmelei und bigotterie ganz nebenbei gnadenlos entlarvt. folgerichtig erkennt sie auch die situation ihrer schwestern in den zweckehen und meint: „Am liebsten würde sie gar nicht heiraten, sondern zur Schule gehen. Nach Köln ins Gymnasium. …“ (310) also nicht ins kloster wie damals üblich.

Tilla wird am rande dieses romans entwickelt. sie gibt uns auktorial viel information aus dem munde eines kindes. das kam gut an. im gespräch lies Cordula Broicher durchblicken, dass eine fortsetzung des familienromans bereits im kopfe ist und dabei wird Tilla eine gewichtige rolle spielen.

wir wünschen der autorin die kreativität, aus den wenigen überkommenen akten der eigenen familiengeschichte eine spannende fortsetzung des romans zu gestalten, der wieder leichtfüßig und unaufdringlich korrekte historie und stilvolle fantasie kombiniert – uns zum genüsslichen lesen mit aha-effekten.

© 27.08.2016 brmu
Zitate per Seitenzahl aus: Cordula Broicher, Wind von Westen, Books on Demand 2014

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zettel ververst

 Polander WP 20160701 006a

2016 foto C. Zielosko: brmu mit Rolf Polander im gespräch

littreff.medio beschäftigte sich am 1. Juli 2016 mit dem neuen gedichtband von Rolf Polander (RoPo), In Versen verzettelt. der autor gab uns bereitwillig einblick in seine dichter-werkstatt, hier als fiktives interview wiedergegeben. die antworten des autors entstammen seiner kurzen rede vom blatte.

brmu:              wer gedichte schreibt, der möchte etwas ausdrücken. sie auch?

RoPo:              Die allzu oft gestellte Frage nach dem Inhalt, dem Sinn oder der Aussage eines Gedichts muss beinahe zwangsläufig ins Leere laufen, weil das Gedicht immer ein Ganzes ist, keine mit beliebigem Sinn oder Inhalt gefüllte Form.

brmu:              wollen sie uns das näher erklären?

RoPo:              Um es einmal mit einem banalen alltäglichen Bild auszudrücken: ein Gedicht ist kein Topf mit etwas drin, das Sie, wenn Sie den Deckel heben, sehen, riechen und schmecken können. ein Gedicht funktioniert – wenn es denn funktioniert – genau in entgegengesetzter Weise.

brmu:              die wäre?

RoPo:              Das, was Sie von ihm als Erstes wahrnehmen und was seinen „Geruch“ und seinen „Geschmack“ ausmacht, ist nicht die Suppe, sondern der ganze Topf.

brmu:              aha! ich übersetzte: beim lesen keine reduktionistische sicht anlegen.

RoPo:              Sie erleben die Form, das rhythmische Klangbild immer zusammen mit dem, was ihm vielleicht – vielleicht auch nicht – an Bedeutung anhaftet. das Gedicht ist, wenn sie es hören, Klang und Rhythmus. Das spüren Sie auch noch beim Lesen gedruckter Verse, die ja nichts anderes sind als eine mit Buchstaben gemalte Abbildung eines Klangbildes.

brmu:              das ist jetzt eine anleihe bei der musik, da zählt der gesamte eindruck eher emotional. haben denn gedichte keine rationalen anteile?

RoPo:              Wenn Sie darauf bestehen, so etwas wie Sinn oder Inhalt in einem Gedicht zu suchen, dürfen Sie das natürlich tun, und irgendetwas werden Sie sicherlich auch finden. Das wird vielleicht wenig mit dem zu tun haben, was der Dichter selbst sich dabei gedacht hat, es ist oft einfach das, was Sie sich dabei denken, und das ist überhaupt nicht schlimm. Niemand kann Ihnen verbieten, sich etwas dabei zu denken! Die Dichter allerdings sind so rücksichtsvoll, dass sie den Leuten nicht gerne vorschreiben, was sie denken sollen und verstecken sich lieber hinter ihren Versen.

brmu:              schlau. schlau. wörter und satzkonstruktionen bewusst einer unschärfe der bedeutung anheim fallen lassen. was dachte sich Gertrude Stein wohl bei der berühmten verszeile: „rose is a rose is a rose is a rose“?

RoPo:              Nun, mir scheint dieser Satz die Aufforderung zu enthalten, nicht zu fragen, was die Rose bedeutet, sondern die Rose als das zu sehen, was sie wirklich ist, nämlich eine Rose und nichts anderes. Natürlich haben auch Dichter manchmal Gedanken; aber sie wissen: aus Gedanken macht man keine Gedichte, Gedichte werden aus Wörtern gemacht, denn im Gedicht ist Form nicht Gefäß für einen Inhalt, Form und Inhalt sind im Gedicht eins.

brmu:              das kann man anders sehen: wörter sind phonetische gedankensplitter, sätze gedanken, texte gedankengänge. ohne denken geht gar nichts. die poetik kennt gedichtformen oder –gefäße, ich nenne nur einmal das sonnett, die das dialektisches denken gut zum ausdruck bringen.

RoPo:              Der Dichter schiebt, auch wenn er ein Thema hat und über etwas schreibt, die Gedanken darüber erst einmal auf die Seite und greift nach den Wörtern. Er dreht sie hin und her, formt sie zu Versen, lauscht, ob einem Vers ein anderer antwortet, lässt sich vom Rhythmus von Wort zu Wort, von Zeile zu Zeile tragen, und wenn die Wörter ihn in eine andere Richtung führen als er vielleicht beabsichtigt hat, folgt er ihnen willig, denn er weiß, nicht er oder seine Gedanken, die Wörter machen am Ende das Gedicht.

brmu:              also keine analytische herangehensweise? demnach wären die Dadaisten die puren gedichteschreiber, denn die haben sinn und bedeutung bewusst zertrümmert und nur noch phonetik übrig gelassen. ich erinnere auch noch an Ernst Jandl, der den sound der zeilen mochte.

RoPo:              Das analytische Vorgehen überlassen die Dichter gern den Schreibern von Abhandlungen und Essays. Gedichte entstehen durch freies Assoziieren und Aneinanderfügen des Gefundenen. Und weil Gedichte so gemacht werden, getraue ich mich zu behaupten, dass, wer sich ihnen auf ebendiese Weise nähert, sie so hört oder liest, dass er den Wörtern, ihrem Klang und Rhythmus folgt, der wird mehr davon haben als diejenigen, die immer gleich nach Aussage, Sinn und Inhalt fragen.

aussage, bedeutung, inhalt, sinn, und zweck der lyrik werden sehr heterogen erlebt. Heinrich Heine war sicherlich ein an inhalten und sinngebung orientierter dichter, Ernst Jandl eher mehr am lustigen sound und Wilhelm Busch bevorzugte die moritat, also die bedeutung mit lerninhalt. so lassen sich für die verschiedenen aspekte jeweils exponenten in der lyrik finden. mit Rolf Polander haben wir einen vertreter der sprachspieler, wörterwäger, satzsucher als ein medium der vervollkommnung am klangbaume reifender gedichte. hier ein selbstbekenntnis von RoPo:

Bekannte Dichter und ich

Besternt war nie mein Morgen,
weil ich zu lange penn’.
Da darf ich nicht erwarten,
dass mich die Leute kenn’n.

Aus meinem Munde ringelt
kein Natz sich aufs Papier,
und deshalb tut ihr alle,
als wär ich gar nicht hier.

Ich bin nicht Robert Gernhardt,
nie schrieb ich für „Pardon“,
dass ihr mich nicht so gern habt,
das kommt bestimmt davon.

Doch denk ich dran, dass jene
nun Erde deckt, will ich
nicht klagen, noch zu leben,
hat auch etwas für sich.

und als kostprobe der nicht gereimten gedichte eine reflektion über zielerreichung:

Dem Sieger

Die kleinen Wegwunder
hast du zertreten.

Das Zielband zerreißt,
wenn du es erreichst.

Was also
bleibt dir?

Wie auch immer Rolf Polander zu seinen gedichten kommt, per musenkuss beim morgentlichen erwachen oder durch beharrliche suche nach anklängen und ihnen folgenden anbauten von wörtern zu sätzen mit aussagen, die für uns inhalte sind, es lohnt sich, seine launig-luftigen gedichte immer mal wieder zu lesen. im heiteren liegt auch ein körnchen bedeutung.

© 12.07.2016 brmu
Rolf Polander, In Versen verzettelt – 77 Gedichte, Shaker Media Verlag 2016
Zitat: Gertrude Stein, Sacred Emily, 1913 in: Geography and Plays, 1922
(Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Rose_is_a_rose_is_a_rose_is_a_rose)

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Macho Man

der gag-schreiber und drehbuchautor Moritz Netenjakob wollte wissen, wie wohl ein drehbuch auch als roman funktionieren kann und legte 2009 sein debüt „Macho Man“ vor, eine wilde mischung aus liebes-, entwicklungs-, familien-, und gesellschaftsroman ohne die schwere der üblichen art.

der protagonist Daniel, sohn eines germanistik-professors, ist „in den 70er-Jahren aufgewachsen, in den Zeiten der Frauenbewegung. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man Frauen achtet und respektiert“ (17). vor diesem hintergrund „kommt Aylin auf uns zu. Mein Herz schlägt schneller, mein Mund wird trocken“. (17) und schon ist es geschehen: „Ich bin verliebt. … Ich kenne diese Frau seit einer halben Minute. Das kann nur eine durch Hormonstau verursachte, chemische Reaktion sein“. (19) in diesem schreibstil geht es nun durch irrungen und wirrungen zweier junger leben, zweier familien, zweier sozialisierungen in Deutschland und der Türkei.

dabei wird den leser/-innen vor augen geführt, was eine macho-kultur ist, dieses „ganze Männlichkeits-Gehabe“ und plötzlich wird dem protagonisten und werbefachmann Daniel „klar, was Werbung und Machos gemeinsam haben: Es geht nur um eine schillernde Oberfläche“. (275) das sollen wir uns als konsumenten merken!

eine souveräne reaktion aus dieser selbsterkenntnis, vermittelt durch den zusammenprall der kulturen, ist natürlich die kündigung bei seiner werbefirma, wobei Daniel uns verrät, was er mit den gewonnenen erkenntnissen anfangen will: „Vielleicht mache ich … eine Kreativ-Firma auf. Oder ich baue Kartoffeln an. Oder ich schreibe meine Erinnerungen auf, nenne sie „Macho Man“ und verkaufe sie als Roman“. (273) wer bis hierhin drangeblieben ist, herzlich lachend und im dauerschmunzelmodus, der bedankt sich für diesen gag, denn sonst hätten wir dies buch nicht in der hand.

lesen sie selbst. so ganz nebenbei erfährt man auch etwas über andere denk- und lebensweisen, etwas über die schwierigkeit aufeinander prallender kulturen, etwas über die chance der gegenseitigen wertschätzung. das ganz klassisch mix der geschlechter der nachkommen jener, die sich ad hoc nicht verstehen (wollen): verliebt, verlobt, verheiratet – das ist seit jahrtausenden das wahre kulturelle von frieden und heiterkeit – bis ins dritte und vierte glied.

© 18.04.2016 / brmu
zitate nach Moritz Netenjakob, Macho Man, KiWi Tb 1154, 2012, 11. auflage

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Ortheils geheime nächte

Hanns-Josef Ortheil schreibt für die von ihm erfundene lesekapsel. seine stets umfangreichen romane locken dich in sie hinein und lassen dich nicht gern wieder hinaus. nicht alle mögen das, diese opulenten, redundanten beschreibungen, die das hirn filmisch in anspruch nehmen.

Die geheimen Stunden der Nacht“ ist ein roman, der der leserschaft einen blumig garnierten einblick in das verlagsgewerbe gewährt. ein patriarchalischer verleger erkrankt ernstlich und sein ältester sohn rangiert sich mit fortune und rancune in die startposition, er will das erbe antreten. dabei steigt er zunehmend in die pantinen seines vaters, in die hotelsuite, das bett, den morgenmantel. er kommt dem alten und seiner liebschaft auf die schliche. das hat nicht immer nette züge. diese story ist wohl ein bild vom machtpoker allgemein.

anklänge an real existierende autoren und verleger stellen sich den belesenen schnell ein. sie zeigen, dass ein verlag zuallererst ein unternehmen ist, dass ein produkt verkauft, welches die hersteller (autor/-innen genannt) ihm andienen. was nicht lesbar ist oder durch lektorat nicht lesbar gemacht werden kann, was nicht ins portfolio passt, das verkauft sich nicht und wird ergo nicht gedruckt. name, image, ruf, vita und werbung rangieren oftmals vor der literarischen qualität, über die sich die lektoren als vermeintliche romanverbesserer im hintergrund lustig machen. folglich wird auch ein lektor letztlich chef des verlages.

diese zentrale erkenntnis hätten wir leser/-innen auch gern in kürzerer form begrüßt. einer novelle etwa über einen, der auszog seinen vater zu beerben. aber novellen kann er wohl (noch) nicht, der professor für kreatives schreiben. das wäre doch eine herausforderung für seine begnadete vielschreibfeder.

© 19.03.2016 / brmu
Hans Josef Ortheil, Die geheimen Stunden der Nacht, btb 73639, 2007

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Schulz und die Dritte Halbzeit

„Eltern haften für ihre Kinder.“ das steht als obligates schild an baustellen und anderen gefahrenstellen, nur nicht an den schauplätzen des vorliegenden romans "Anpfiff Dritte Halbzeit" von Heike Schulz.

wir haben es dort mit der so genannten hooligan–szene zu tun, die im gefolge des fußballsports eines erfundenen Kölner fußballvereins, dem SC Germania Köln 09, ihr unwesen treibt. man poliert sich im nachgang zu offiziellen spielen mit hooligans der gegenseite gerne und freiwillig die fresse und richtet dabei kollateralschäden an.

so auch der protagonist Veit Effertz, „Fighter“ bei Injury Time Co­logne (ITC), jener hooligan-gruppe, die in dem roman eine zentrale rolle spielt. Veit ist ein harter typ mit weichem kern, der in dem mo­ment zutage tritt, als ihm mit Lara, einer cellospielerin, in der s-bahn sprichwörtlich eine andere welt in die arme fällt.

fortan können wir ihn mit zwei wertesystemen kämpfen sehen, denn Benno, sein ihm zugetaner meister in der lehrwerkstatt, mahnt: Keine Ahnung, in was du jedes Mal hineingerätst, aber wenn du so weitermachst, nimmt es noch ein schlimmes Ende mit dir.“ (87) eine spannung aufbauende prophetie.

und es kommt knüppeldick. denn Veit, der gerne spürte, wie sich das Adrenalin in seiner Blutbahn ausbreitete (55), der gerne im Freuden­taumel zu einer tosenden Masse verschmolz, nicht mehr nur ein Einzelner war, sondern zu einem Bestandteil einer einzigen Macht wurde, der sich in diesem Moment geborgen fühlte, in der fast grenzenlosen Energie, die sich unaufhaltsam ihren Weg nach draußen bahnte und entladen wollte (56).

dieser 17jährige muss allmählich erkennen, dass die wochenendbetätigung des ITC einen schweren Schaden verursacht hat. der bruder der angebeteten Lara, Laurien, wird von einem ITC-mitglied brutal niedergeschlagen und liegt im koma.

hat der roman bislang wie eine millieustudie die sprache, denke und handlungsweise einer hooligan-gang illustriert, hat er die schnittstelle zu einer love-story mit Veit zu Lara angerissen, so nimmt er nun krimiaspekte auf, treibt die handlung auf eine dritte ebene. wer war der mörderisch veranlagte hooligan, ja war vielleicht der protagonist selbst daran beteiligt? die handlung entwickelt einen sog.

als es endlich zur beichte kommt und Veit der Lara die ganzen zusammenhänge gesteht, dabei zum ersten mal Ich liebe dich (203) wimmert, wird die spannung noch einmal gesteigert, denn Lara schaut ihn lange an und sagt: Drauf geschissen. (203). wie das nun weitergeht, möge jede/r selber lesen. es bleibt noch genug übrig.

der roman ist zwar für die zielgruppe der jugendlichen geschrieben, aber er zeigt auch deutlich gesellschaftlich relevante aspekte auf. wie kann so ein unwesen des hooliganismus sich entwickeln, wenn nicht elementare fehler in der sozialisierung, beginnend im elternhaus, platz greifen.

hier bietet die autorin nun ein muster des entkommens an: ein neues wertesystem muss her. im falle des romans ist es die liebe zu Lara und die damit einhergehende beobachtung eigener, nicht brutaler wesensmerkmale. Zu beobachten, wie liebevoll sie mit den kleinen Kaninchen kuschelte, wärmte mir das Herz (122), wohl gemerkt das herz des fighters Veit. oder seine künstlerische ader: Wenn ich es richtig machte, hauchte ich dem Holz unter meinen Händen eine Seele ein (125).

diese handlungsalternativen brauchen allerdings ihre anerkennung, sprich die wertschätzende aufmerksamkeit der mitwelt. und daran hapert es oftmals. wenn es aber gelingt, dann gibt es eine gute Gelegenheit also, um einen Neuanfang zu machen. Zum Beispiel ein Leben ohne Schlägerei. (191) ohne einsatz geht es aber nicht: Ich habe selber eine Angst. Eine Scheißangst sogar. (202) zurecht, denn der show down kann im buch nachgelesen werden.

in der diskussion fanden wir den roman von Heike Schulz sehr geeignet, in schulen eingang zu finden, die heutzutage einen großteil der sozialisation übernehmen (müssen). er hat das potenzial wie „Die Welle“ von Morton Rhue (1981) als orientierung für die grundlegenden muster des handelns und unterlassens in der gesellschaft zu fungieren. obwohl, wie die autorin in unserem gespräch betonte, sie keinen erhobenen zeigefinger schreiben wollte. ganz recht, das käme auch nicht an!

bleibt die frage, warum die fußballszene so hooligananfällig ist und andere sportarten nicht. liegt es an der art des sportes, an dem großen geschäft mit fußball oder an der wesentlich erhöhten, öffentlichen aufmerksamkeit durch die medien? wir fanden keine antwort.

© 01.02.2016 brmu

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Erichsens dreh mit dem buch

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© 2015 foto brmu / Uwe Erichsen im gespräch, foto mit seiner erlaubnis gepostet

was ist der dreh an einem buch, das zu einem film werden soll? man kann das studieren, man kann aber auch mit einem profi plaudern. zum jahresabschluss unserer lesekreisrunde haben wir uns neugierig auch auf dieses gebiet der autorenarbeit begeben, zusammen mit einem bestens erfahrenen: Uwe Erichsen, autor zahlreicher drehbücher zu bekannten fernseh-serien.

eigentlich technisch ausgebildet, hat unser gast sich schon von kindesbeinen an mit dem schreiben beschäftigt. das mündete anfang der siebziger jahre in die erste autoren-phase der romanhefte mit an die 240 textbeiträgen zu so bekannten serien wie Jerry Cotton. in den achtzigern entdeckte Erichsen dann seinen schwerpunkt in kriminalromanen: in 10 jahren erschienen an die 20 krimis, das nennt man produktivität. in den neunzigern verlagerte sich sein schwerpunkt erneut, er wurde drehbuch-autor im selben genre der krimiwelt. beiträge zu so bekannten serien wie „Tatort“, „Grossstadtrevier“, „Der Fahnder“ und „Ein Fall für zwei“ stammen aus seiner feder.

Lawrence Kasdan (drehbuch-autor u. a. von Star-Wars-Filmen) sagte in einem interview (ksta 7./8.11.2015, Finsterlinge reizen mich besonders), „Ein Genre ist wie ein Gefäß: Sie können es benutzen, um jede mögliche Art von persönlicher Geschichte zu erzählen.“

daraus die frage: müssen krimi- und drehbuch-autoren kriminelles in sich haben, um erfolg­reiche krimis zu schreiben? Erichsen lacht und meint, natürlich nicht, sie interessierten sich lediglich für einen besonderen aspekt unserer gesellschaft. und in dieser weise versuchten sie, zumindest er, eigene werte durch haltung und verhalten in nebenfiguren zu verankern. neben­figuren deshalb, weil die protagonisten in serien bereits „fixiert“ sind. Goethe hätte in heutiger zeit auch drehbücher geschrieben, denn er war experimentierfreudig und an dem, was um ihn herum passierte, sehr interessiert.

gefragt, für welches opus er einen literaturpreis für ihn selbst empfehlen würde, war die wahl klar: „Das Leben einer Katze“ (1984), wozu er später auch das drehbuch zu dem film „Die Katze“ geschrieben hat. es wäre also ein hypothetischer preis für die kombination „roman- und drehbuchautor“. gibt es diesen preis schon? wenn nicht, so sollte er eingerichtet werden. für ihn!

wir von littreff.medio hatten die vergünstigung, in das original-drehbuch von „Ein Fall für zwei“, staffel 27, episode 9, folge 251, „Wo Freundschaft endet“, einblick zu nehmen mit den notizen und randbemerkungen aus der feder von Erichsen.

es fallen sofort die skizzenhaften beschreibungen der handlung und der orte auf, die der regie viele möglichkeiten der filmischen umsetzung erlauben. ebenso die schnörkellosen, kurzen dialoge. sie implizieren viel, was aus den bildern und der story geliefert wird.

dieses verglichen wir natürlich mit dem danach gedrehten film und kamen gleich in die diskussion, wie viel änderungen ein drehbuch-autor denn „innerlich vertragen“ kann. er muss offensichtlich viel vertragen, denn der änderungen sind viele in dem film, von der abgabe des drehbuchs bis zum fertigen dreh nehmen viele einfluss auf den text: produzent, regisseur, schauspieler, je nach situation und gusto. das kann bis zum letzten drehtag noch geschehen.

ein romanautor wäre längst verzweifelt, denn er würde „sein werk“, von ihm als ein teil seiner identität betrachtet, gegen den lektor verteidigen, ein lyriker sogar mit vehemenz, ist ihm doch jedes wort im gedicht unveränderbar.

ein drehbuch-autor liefert über den dreisprung exposé (kurze, neugierig stimmende zusammenfassung), treatment (beschreibung von ort und handlung) und drehbuch den plot, die handlung(en) und die dialoge, quasi als vorlage für die filmemacher. das äußert sich auch darin, dass er bei den dreharbeiten selten anwesend ist, eher ein störfaktor, denn eine hilfe.

drehbuch-autoren haben größere schnittstellen zu dramatikern als zu romanciers. dennoch: der dramatiker kann gewiss sein: die bühne und deren schauspieler halten sich genau an die texte, das publikum gerät in interaktion und wirkt auf die schauspieler zurück, es ist ein feedback-prozess.

dagegen muss der drehbuch-autor gewärtigen, dass sein buch bis zuletzt hin und hergedreht wird, wenn es der regie gefällt. und er ist außen vor, das publikum jubelt den schauspielern und der regie zu. drehbuch-autoren müssen wahrlich ein robustes autoren-ego haben.

Uwe Erichsen hat das! aus ihm sprechen begeisterung und passion für das drehbuch-schreiben bis ins hohe alter von knapp 80 jahren. wir haben sehr gerne mit ihm geplaudert und wünschen uns weiterhin spannende krimis aus seiner feder.

© 29.11.2015 brmu
der 800. text auf diesem  blog

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Zeilers zweites leben

La vita seconda – das zweite leben. die autorin Charlotte Zeiler legt ihren ersten roman vor, der in ihrem beruflichen umfeld spielt, also ein hohes maß an „faktentreue“ enthält. wir lernen eine menge über die abläufe in und um ein krankenhaus. aber bald merken wir, dass sich zwei zeitebenen miteinander verschränken.

eine junge frau, die ich-erzählerin, liegt irgendwo zwischen Cölln und Jülich lädiert im bett im hause von Wilhelm, dem gastgeber, der ein freund ihres retters Antonio ist. sie fantasiert oder halluziniert, will unbedingt Marco suchen. wir schreiben das jahr 1617.

eine junge frau erleidet in der jetztzeit einen verkehrsunfall, wird von dem rettungs­sanitäter Marc wiederbelebt und anschließend in ein kölner krankenhaus gebracht. dort erwacht sie im intensivraum, wo sich der arzt Oliver und die frisch examinierte krankenschwester Mia um sie kümmern. Mia wird wiederum von der erfahrenen kollegin Lizzy als mentorin betreut. Mia hat ein ambivalentes verhältnis zu dem arzt, weil sie sich an karneval in ihn verliebt hatte, ohne dass der das registriert hatte.

es drängt sich der verdacht auf, dass die eingangs beschriebenen frauen identisch sind und ihren unfall auf zwei zeitebenen erleben. der retter Marco gleicht Marc und spielt die zentrale erlöserrolle. die anderen protagonisten mischen den plot zu einem spannenden handlungsmix auf. man ahnt einen knoten durch die zeiten und ist gespannt, wie er sich lösen wird. mehr werden wir nicht verraten.

wir lesen also eine liebesgeschichte der anspruchsvolleren art, die mit den mitteln des magischen realismuses zeitlich gestaltet ist: jetztzeit und das 17. jahrhundert unserer region. damit muss sich die leserschaft zunächst vertraut machen. das ist aber kein problem, kennen wir doch das prinzip schon von den historisierenden kriminalromanen in und um Köln. somit liegt das buch im trend und dürfte seine erfreute leserschaft finden.

wir im lesekreis littreff.medio hatten die vergünstigung, das noch unveröffentlichte manuskript einsehen zu können. inzwischen ist das buch unter dem pseudonym Charlotte Zeiler erschienen: http://www.charlotte-zeiler.de/lvs_leseprobe.php .

© 21.10.2015 brmu

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Rumlers Goethe

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© foto Jutta Rumler, autor Andreas Rumler stellt sein buch am 17. April 2015 in Weimar vor

das letzte treffen von littreff.medio in diesem halbjahr fand in der Medio Lounge statt. inmitten der geräuschkulisse sehr fein gedresster abiturientinnen und abiturienten des Gutenberg Gymnasiums in Bergheim anlässlich ihres „abi-balles“ haben wir entspannt über Johann Wolfgang (von) Goethe (JWG) gesprochen. ob die abiturienten dazu hätten etwas beisteuern können? wir sind nicht sicher, weil die überhöhung dieses autors zu einer „Existenzform Goethe1“ vielen willigen leser/innen den weg zu ihm verbaut (hat).

zweifelsohne ist JWG eine besondere persönlichkeit, die seine zeit überragt. und das hat Andreas Rumler, im Vorstand der Kölner Goethe-Gesellschaft, in seiner gut lesbaren, modern illustrierten und mit merksätzen versehenen kurzbiografie eindrucksvoll skizziert. damit hat er uns neben all den dickleibigen, ausufernden biografien über Goethe den wichtigen Vertreter der Weimarer Klassik „verdaubar“ nahe gebracht.

der stets auftauchenden frage, ob ich das denn alles wissen wolle, wenn ich eine solche biografie lese, wird in dem buch von Andreas Rumler, "Johann Wolfgang Goethe – Dichter – Staatsmann – Universalgenie“ aus der Weimarer Verlagsgesellschaft (2014) mit verhaltener fülle begegnet. und der in seiner wirkungsgeschichte zum „Olympier“ hochstilisierte JWG erscheint uns als mensch mit besonderen begabungen, aber auch fehlern.

das bringt nähe, macht neugierig. und fördert die bereitschaft, nach all der schulzeit mit oden rauf und runter sich wieder auf sein werk einzulassen. nicht als steinbruch für allfällige zitate, nein, sondern als suche nach mustern seines weltverständnisses. nicht weltbildes! denn dazu war Goethe zu gebildet, zu glauben, es könne ein wahres weltbild jenseits von dogmatischer oder religiöser verblendung geben. JWG sperrte sich jedweder vereinnahmung.

Andreas Rumler erzählte uns, dass die vom verlag und ihm angepeilte zielgruppe für seine biografie nicht die experten, sondern die vielen touristen in Weimar seien, die mit munterer begeisterung die stätten der Weimarer Klassik aufsuchen. sie wollen dort etwas über die größen deutscher literatur erfahren – übersichtlich, komprimiert, dem stil heutiger wahrnehmung angemessen.

das ist ihm sehr gelungen. so fängt man neue leser/innen für eine schon zurück liegende litera­turepoche ein. so kann der kreative geist Goethes auf die interessierten weiter wirken. so kann kultur funktionieren als mahnung wider die wuchernde zivilisation, wie im „Zauber­lehrling“ beschrieben. möge das buch eine weite verbreitung finden und die vielen Goethevereine ins hiesige jahrhundert katapultieren.

ein anfang ist gemacht, denn der amtierende präsident der Internationalen Goethe-Gesellschaft, Dr. Jochen Golz, gab den auftakt für die buchpräsentation im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar.

info: das nächste treffen nach den nrw-sommerferien findet voraussichtlich am 14. August 2015 statt. wir haben dann von dem autor aus Köln, Dieter Wellershoff den roman „Der Liebeswunsch“ gelesen und wollen darüber diskutieren. bis dahin eine gute sommerzeit.

© 13.06.2015 brmu
1 zitat aus dem Kölner Stadt-Anzeiger Nr. 133, Bücher Magazin seite 34, artikel von Markus Schwering zu Albrecht Schöne, Der Briefschreiber Goethe; "Es ist die Existenzform Goethes, die dem Leser hier näher rückt als in vielen Werkanalysen oder Biografien."

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Isolde Ahr fasst sich kurz

info: wir treffen uns wieder am Freitag, den 12. Juni 2015 um 16 Uhr in der Stadtbibliothek Bergheim und diskutieren mit Andreas Rumler über „Johann Wolfgang Goethe – Dichter – Staatsmann – Universalgenie“, 2014 in der Weimarer Verlagsgesellschaft erschienen.

am 15. Mai 2015 hatten wir uns mit den kurzgeschichten von Isolde Ahr, versammelt in dem band „Du & andere Irrtümer“ beschäftigt und ausgiebig mit der autorin parliert. die 50 wirklich kurzen geschichten reflektieren alle möglichen situationen des alltäglichen oder auch nicht alltäglichen lebens: von psychologie bis zur fantastik (magischer realismus), von krisen und mutigem verhalten, von gewalt gegen menschen und liebe mit menschen, von katastrophen in beziehungen und sex in allen lebenslagen. wir konnten feststellen, dass die themen um krisen und gewalt den löwenanteil darstellen, in gewisser weise unsere aktuelle gesellschaft spiegelnd.

vielen geschichten ist ein die leser/innen überraschendes bauprinzip inne: die geschichte entwickelt sich auf bekannten wegen zu einem dramaturgischen höhepunkt hin, um sich dann am kipppunkt völlig anders darzustellen. sie wolle das so, meinte frau Ahr. nach einer idee konstruiere sie ihre kurzgeschichten vom ende her, ganz bewusst die verblüffung der leser/innen provozierend und einbeziehend. denn das leben sei ja auch voller überraschungen.

das bauprinzip haben wir an der ultrakurzen geschichte „Die Lichtung“ (seite 70) erfahren:

Als du deinen Arm um mich legtest,
erwachte ich,

war wieder in der kleinen Lichtung mitten im Wald,
spürte die warmen Strahlen der Abendsonne,
fühlte den leisen Wind auf meiner Haut,
sah das lichthelle Grün der Buchenblätter.

Spitze Grashalme bohrten sich in meinen Rücken,
ein Käfer krabbelte über meinen nackten Schenkel.

Wir lagen auf einer Ameisenstraße.

Ach, hättest du nie deinen Arm um mich gelegt.

zunächst erscheint der text wie ein prosagedicht, es geht um gefühle der schönen art, denkt man und schwelgt schon in eigenen erinnerungen. die metaphern der naturverbundenheit wie sonne, wind, blätter, wald auf der haut skizzieren ein wohlgefühl. im übergang dräuen spitze grashalme, aber das ist halt so in wald und wiesen. die leser/innen lächeln seelig weiter. der „nackte Schenkel“ weist auf Amouröses hin, wer wäre nicht da gerne käfer! lässt da etwa Kafka grüßen?

während wir noch darüber grübeln: macht sich die „Ameisenstraße“ bemerkbar, sie nötigt uns ein wissendes grinsen ab: pech gehabt, mir wär’ das aber nicht passiert! Ätzsch!

und das erwachen in die realität ist ein brutaler kipppunkt, der alles in ein neues, anders zu interpretierendes licht taucht. der seufzer, „Ach“, eine schon fast vergessene form der reflexionseinleitung, führt zu der kruden erkenntnis: „hättest du nie deinen Arm um mich gelegt.“ wir sind „angepisst“ wie es die ameisen tun.

man legt die 67 worte entgeistert weg, schaut auf und denkt: was mag da vorgefallen sein, dass die uns so anheimelnd erinnerte vergangenheit des LI (lyrisches ich, geschlecht nicht auszumachen) plötzlich in solche ernüchterung umschlägt. welche lebenslüge steckt dahinter? wollen wir mehr über den prozess des erinnerns erfahren, so nehme man Julian Barnes in die hand, „Vom Ende einer Geschichte“. dort wird auf 182 seiten derselbe prozess in anderem zusammenhang geschildert (lies hier).

lyrikern fließt der stoff über das, was menschen zusammenhält, konzentriert und in wenigen versen kondensiert auf das papier. einen hauch davon erfahren wir in dem „prosagedicht“ von Isolde Ahr, versteckt in ihrer kurzgeschichtensammlung. es gilt noch drei weitere dort zu entdecken. wer suchet, der findet – sich, wie es Isolde Ahr in ihrem bewegten leben mit dem schreiben gelungen ist.

wenn Isolde Ahr vorliest, dann verleiht sie den schlicht beschreibenden sätzen in den kurzgeschichten ihr buntes leben. lyrik erfordert genau das: emphatisches lesen, bühnenreif sozusagen. auch da hat man den eindruck, dass lyrik der autorin nichts unbekanntes ist. man lese in den beiden bänden: „zufrieden und zerrissen“ (2000) und „Trau dich, Frau“ (1998), beide im ferber-verlag köln, eine mischung aus lyrik und prosa, die nicht aufgegeben werden sollte.

in der schublade liegen noch viele andere, unveröffentlichte geschichten, die das strenge lektorat ihres lebenspartners, in sachen lyrik unterwegs, passiert haben. möge sich der verlag durchsetzen und ein weiterer band aus der druckerpresse das licht der leserwelt erblicken.

© 18.05.2015 brmu

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Bode vergisst nicht

info: wir treffen uns wieder am freitag, den 15. Mai 2015 um 16uhr in der Stadtbibliothek Berg­heim, um über das buch von Isolde Ahr, „Du & andere Irrtümer – Kurzgeschichten“, verlag wortundmensch, Köln, zu diskutieren. die autorin wird uns auch besuchen.
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am 17. April sprachen wir über das von Sabine Bode im jahr 2004 vorgelegte buch, „Die ver­gessene Generation“. die autorin hatte leider keine zeit, unserer diskussion beizuwohnen.

traumata sind keine bloß bösen träume, sondern durch einschneidende ereignisse verursacht, tiefgehende, emotionale irritationen, die unbehandelt ein ganzes leben lang anhalten. die ge­ne­ration der im zweiten weltkrieg geborenen und im bombenhagel aufgewachsenen kinder stellten die angepasste und fleißige teil der gesellschaft, der das so genannte "Deutsche Wirt­schafts­wunder" aufbaute.

diese generelle these arbeitet frau Bode in ihrem buch aus. zunächst stellt sie in 15 kapiteln jeweils eine hypothese auf, die sodann im rahmen eines dazu ausgewählten interviews mit betroffenen be­schrie­ben und damit vermeintlich untermauert wird. das ist sicherlich keine wissenschaft­liche vorgehensweise, fehlt doch die statistisch hinreichend große stichprobe und die kontroll­gruppe der gleichaltrigen aus den vom bombenkrieg verschonten gebieten Deutschlands. vorsorg­lich bittet die autorin bei „Unkorrektheiten um Nachsicht derer, die es als Zeitzeugen und Historiker besser wissen.“ (18)

dennoch ist dieses buch wegweisend, weil es eben nicht wissenschaftlich sein will, sondern journalistisch aufrütteln will gegen das bequeme, kollektive vergessen. Sabine Bode sagt im vorwort: „Wahrscheinlich gibt es für meine Neugier nichts Stimulierenderes als kollektive Geheim­nisse.“ (17) ein guter antrieb für journalistische arbeit.

lässt man die formalien beiseite und taucht in den text ein, so erweisen sich die beispiele aus der literatur und die inhalte der interview auch noch nach über 70 jahren, sprich zwei genera­tionen, noch als tief erschütternd. man kann die schicksale nicht in einem rutsch durchlesen. immer wieder nötigt die emotionale überwältigung die leser/innen, das buch zur seite zu legen, es wieder in die hand zu nehmen und sich erneut den traumata dieser kriegskinder als vergessene generation zu stellen.

und die vertreter dieser kriegskinder selber? ihnen „liegt es völlig fern, sich selbst als Opfer zu sehen, auch dann, wenn sie ein oder zwei Jahre lang im Luftschutzkeller gehockt haben.“ (28) sie stellen eine „beschäftigte, tüchtige, …fürsorglich, …unauffällige Generation“ (30) dar, die „im eigenen Land fast sechzig Jahre lang schlichtweg übersehen“ (30) wurde. oft hörte die autorin: „Darüber spricht man nicht. Das erzählt man nicht. Schau nach vorn! Sei froh, dass du noch lebst. Vergiss alles!“ (31)

alle verdrängung in der bemerkung gipfelnd: „Es hat uns nicht geschadet.“ (30) und die profis in psychologie und psychiatrie reagieren auf die vorhandenen syndrome der betreffenden in zynischer unbedarftheit mit der phantasiediagnose „vegetative Dystonie“ (31). kuren en mass sollten das problem der unverdauten erlebnisse lösen oder ruhig stellen. doch wenn die ge­schäf­tigkeit nachlässt, im ruhestand die träume kommen, denn im „Alter rückt die Kindheit wieder näher“ (32), das grübeln und nacherleben des erlebten rumort, dann stellt sich schade ein: psychosomatische syndrome, die zunächst gar nicht mit der damaligen zeit in verbindung gebracht werden.

die im buch zusammengefassten interviews geben beredtes zeugnis des damals erlebten und lassen in leser/innen aus den gleichen jahrgängen viele resonanzen entstehen. vergessenes oder verdrängtes kommt hoch und will verarbeitet werden. dazu ist es gut, sich in zirkeln gleichbetroffener zu organisieren. im austausch liegt die heilung. dazu ist das buch von Sabine Bode als basislektüre bestens geeignet, wie auch die beiden anderen: „Nachkriegskinder“ und „Kriegsenkel“ im selben verlag. aber auch die nachkommen dieser generation können nun befremdende oder wunderliche verhaltensweisen ihrer väter und mütter oder opas und omas einordnen und verstehen lernen – und sei es nachträglich post mortem.

als fazit kann man festhalten, dass sich jede nation, die krieg verursacht oder in kriege ver­strickt oder verstricken lässt, sich „bis ins dritte und vierte Glied“ (2. Mose 20.5-6) traumatisiert. das ist eine wahnsinnige schwächung der positiven möglichkeiten einer humanen gesellschaft. in diesem sinne vertritt Sabine Bodes buch nicht nur einen ethisch-moralischen anspruch des verstehens und heilens, sondern auch einen umfassend gesellschaftlichen appell zur vermeidung dieser unmenschlichen ereignisse: Nie wieder!

© 23.04.2015 brmu
zitate mit seitenzahl aus: Sabine Bode, Die vergessene Generation, Klett-Cotta 2004.

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Polander desillusioniert

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© 2015 foto brmu: Rolf Polander

ein mensch wie du und ich, kein autistischer lyriker mit allüren, so nimmt RoPo, wie er sich selbst abkürzend nennt, an unserer diskussion zu sei­nem gedichtband “Unnütze Gedichte“ teil. der titel reizt direkt, zu fragen, wie denn einer sein buch als unnütz bezeichnen könne, wenn er darin die arbeit von jahren versammelt hat? das vorwort gibt einen hinweis auf den schalk im nacken: ja, er gebe sogar zu, sein buch sei unnütz und überflüssig. das ficht ihn aber gar nicht an, weil es ihm Spaß gemacht habe und er keine Reue empfinde. er lade alle ein, den gehabten Spaß mit mir zu teilen und diese unnütze Buch zu lesen.

das taten wir und kamen in eine erfreuliche diskussion, in deren verlaufe RoPo bekannte, seine gedichte im prinzip auf desillusionierung anzulegen. die leser/innen werden von vertrauten wortbildern eingefangen und dann ergibt sich meist ein kipppunkt, der das nachdenken und die möglichst andere sicht der dinge anstoßen soll. dies ganz nach art und vermögen der leser/innen. es gebe keine verabsolutierte botschaft seitens des autors.

in dieser weise haben wir uns unter anderen das gedicht „Bei Weberknechts1“ näher ange­sehen.

Herr Webeknecht, Frau Webermagd,
die fragen manchmal sich verzagt,
ob denn das Weberkinderheer
so gar nicht zu verhindern wär.

Doch alles bleibt nur Theorie.
Im Ernst versuchen sie es nie.
Sie dürfen doch als Katholiken
vorm Kinderkriegen sich nicht drücken.

in zwei strophen zu je vier versen in einfachem reimschema pro doppelvers wird der urgrund des ganzen dilemmas der menschheit eingefangen: die vermehrung zur masse!

das gedicht kommt artig daher, lädt via natur zum schmunzeln ein. denn mit dem weber­knecht korrespondiert die begrifflich nicht bekannte webermagd (nicht etwa weberfrau, da ja der herr fehlt!). Weberknechte (Opiliones spec., auch Schneider genannt) gehören zwar zu den spin­nen­tieren, sind aber nicht den webspinnen zuzurechnen.

Weberknechte haben im unterschied zu den spinnen einen penis, was die metapher in ihrem wert noch erhöht. somit hat der Weberknecht einen hinreichenden schauder an sich, wegen einer möglichen spinnenphobie des lesepublikums und der penis rückt sie in die nähe zum menschen, wegen des organs, welches das grundübel mit verursacht.

die webermagd ist natürlich ein wortspiel auf der basis knecht-magd, was die abhängigkeit von irgendetwas oder irgendwem überdeutlich anzeigt. wir haben es hier mit unfreien zu tun. die unfrei machende instanz wird in der zweiten strophe glasklar benannt: die religion.

das weberpärchen produziert ein weberkinderheer, das nicht zu verhindern wär. man denkt an schädlinge per se. die weberknechte sind zwar anders: sie fressen winzige gliederfüßler und abgestorbene pflanzenreste, haben also eine gewisse putzerfunktion in der natur. dennoch machen sie mit ihren langen beinen einen staksenden, lauernden eindruck. die metapher ist so spinnennah, dass sie wie diese wirkt: ekelerregend.

dergestalt eingestimmt tauchen wir in die zweite strophe ein und reiben uns die augen, denn wir merken allmählich, wir sind gemeint. Weberknechte haben gar keine theorien, das ist offen­sicht­lich ein anthropomorphes surrogat von hirnarbeit. der kipppunkt des verständnisses – und der lyriker legt offenbar durchweg wert auf die verstehbarkeit seiner gedichte – liegt zwischen den beiden strophen. „Grau ist alle Theorie“ sagte schon Goethes Faust und das klingt hier an, ein scheues zitat aus großer literatur.

die realtiät prallt dann mit voller wucht auf die leser/innen: Im Ernst versuchen sie es nie. so lakonisch wird über die menschheit geurteilt, so hart ist die tägliche erfahrung aus der welt. die menschen versuchen es nicht einmal, denn etwas hindert sie vehement. die das denken vernebelnde religion, wobei die Katholiken hier herhalten müssen für den typus des gläubigen an sich. es dürfen auch alle anderen mitglieder von glaubensinstitutionen sein, die ihren mitgliedern regelwerke auferlegen, die sie in fesseln halten.

dazu gehört u. a. das thema Kinderkriegen aus der letzten verszeile. wenn der weberknecht schon einen penis hat, so möchte er ihn auch gerne benutzen, was ohne verhütung zwangs­läufig zur weberkinderheer führt. die biologische ausstattung des Weberknechts war dem autor nicht bekannt, wie er bekannte, die metapher hat also mehr tiefgang, als von ihm selbst beabsichtigt. ein schönes beispiel für die eigenwirkung von literarischen produkten.

das wortbild „Weberkinderheer“ weist in mehren schichten auf seine verheerende bedeu­tung hin:

(a) das pure massenphänomen, das den elementen der masse, den individuen, ihren willen raubt und sie zum massenmensch macht (man lese: Le Bon, Psychologie der Massen);

(b) das gefährliche gewaltphänomen des kampfbereiten heeres, als eine form der alten kriegs­führung mit der austragung auf dem schlachtfeld, das für sich selber spricht;

(c) der anklang an heerschar als himmlisches symbol der verklärung (die heerschar der engel mit posaunen), womit religionen als transzendente belobigung für willfähriges verhalten dies­seits auf­warten.

(d) die extreme perfidie der kombination von „kind“ und „heer“, die auf die rekrutierung von so genannten kindersoldaten in einigen religiös gebeutelten weltgegenden in neuerer zeit hin­weist.

der autor bietet also in einer braven gedichtform mit naturlyriktouch einen gar nicht so braven inhalt, was mit neuen wortbildern zum ausdruck kommt.

ob das gedicht einer etwaigen zukünftigen familienplanung nützlich ist oder lediglich eine ge­wisse resonanz im kopf erzeugt, das müssen wir den leser/innen überlassen. das angebot steht jeden falles schwarz auf weis auf dem papier.

© 22.03.2015 brmu
zitat 1: Rolf Polander, Unnütze Gedichte, Shaker Media 2014, seite 17

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Schnabel lässt ermitteln / lt#13

info: wir treffen uns nach dem jahreswechsel im raum m1 der stadtbibliothek Bergheim am freitag, den 23. 01. 2015 um 16Uhr, um über das buch „Nullzeit“ von Juli Zeh aus dem Schöffling&Co. Verlag, 2012, zu diskutieren.

und das tat sich am 12. 12. 2014 bei brmu daheim:

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© foto 12.12.2014 brmu / Andreas Schnabel erzählt geschichten

Tod oder Finca“ (2009), finca oder leben, tod oder leben – schon der titel des ersten krimi­nal­romans aus der beim emons verlag erschienenen, inzwischen sechsbändigen reihe der „mallorca-krimis“ von Andreas Schnabel lässt aufhorchen. hier ist offenbar ein humorist am werke, der, wie er selbst von sich sagt, nicht fürs regal, sondern für die badetasche schreibe1. unterhaltung ist also sein ziel und die zielgruppe sind all jene, die kurzweil suchen, vorzugs­weise in südlichen gefilden wie in seinem geliebten Mallorca. seine krimis sind dazu bestens geeignet.

die initialzündung: ein graf, Ernst von Zastrow, reichlich gesegnet mit zaster, wird tot aufge­funden. seine agile und gut aussehende gattin, Rosa v. Z., reist aus Deutschland an, um das nicht unerhebliche erbe in form von riesigen ländereien auf Mallorca anzutreten. der schurke Sergeij Schokotoff, sohn eines veritablen russen-mafia-chefs in moskau, will sich auf der insel in einträglichen immobiliengeschäften, natürlich illegal, etablieren. schlüsselpersonen hat er bereits in der hand. wer nicht verkaufen will, der stirbt, ergo: tod oder finca! der amt­liche leichen­beschauer testiert stets natürliche todesursachen. sic!

die kette von todesereignissen kommt den beiden ermittlern, Garcia Vidal, comisario der mallor­qui­nischen national­polizei, und seinem kollegen, „el residente“ Michael (Miguel) Berger, offizieller mitarbeiter der policia national, „spanisch“ vor. sie ermitteln ungewöhn­lich: ein ferkel namens Filou, das der Rosa v. Z. zugelaufen ist, wird dank seines exzel­lenten riechorgans zum wertvollen „polizeihund“ und hilft, Rosa v. Z. im laufe der ereignisse das leben zu retten und die verbrecher zu stellen. der fall wird natürlich aufgeklärt, die ver­brecher erhalten ihre drastische strafe und unser protagonist Berger einen waffenschein, sowie eine lizenz als privatermittler.

der krimi ist also mit wasser gekocht, möchte man meinen. doch dies wässerchen sprudelt in lockeren dialogen spitzbübisch, gar manchmal schnoddrig dahin. es baut sich eine neugierig machende spannung zwischen den beiden hauptpersonen, Rosa v. Z. und Michael Berger auf, die geradzu nach fortsetzung heischt. „Was soll ich mit einem saumäßigen Liebhaber? Da gönne ich mir doch lieber einen guten Ermittler.“ (207) das merkt Rosa v. Z. lasziv an. man darf gespannt sein, welche der beiden eigenschaften sich bei Berger noch entwickeln wird. fünf weitere bände geben darüber auskunft!

Andreas Schnabel macht in unserer gesprächsrunde gar keinen hehl daraus, dass er als film-profi plots szenisch und figuren auf entwicklung hin angelegt hat. er arbeite mit drei bild­schirmen: der linke zeige seinen roten faden, der ihm immer anzeige, wo­hin die geschichte zu laufen hat, auf dem mittleren entstehe der text und auf dem rechten wird die fällige recherche betrieben. alle drei zusammen erfordern die volle konzentration, so dass er auch im trubel schreiben könne, er brauche keine dichterecke.

wer so vorgeht, der hat das gelernt. und wenn man Anderas Schnabel zum erzählen einlädt, dann spru­deln seine geschichten wie ein quell. als sohn der schauspielerin Dagmar Altrichter (1924-2010) geboren (1953), hat er von kindesbeinen an viel erlebt, was sich als eine lange girlande von recht amüsanten geschichten anhört.

als erwachsener hat er vom sanitäter, feuerwehrmann, taxifahrer, rund­funk­reporter, sport­redakteur, filmproduzent bis hin zum regisseur, in all diesen „jobs“ die kom­petenz erworben, die ihm als autor zugute kommt. und das nicht nur in seinen krimi­nal­roma­nen, sondern auch in viel gespielten theaterstücken von aktueller thematik („Amnesie“). und: er hat eine feder für knackige gedichte in der humoristischen tradition, die ihm sporadisch im kopfe herum geistern und die zu papier wollen, wie dieses, das er uns in der runde vorgetragen hat:

schicksal

ein kleines komma fühlt sich hingezogen,
zu einem punkt, gleich vis à vis.
vor lauter liebe ist es ganz verbogen,
und denkt an ihn nur voller poesie.

es muss an seiner alten stelle bleiben,
egal wie heiß es liebt, und dann,
wird es bestimmt noch wochen über leiden.
nur auf den satzbau kommt es nämlich an.

in seinen krimis kommt es auf die dialoge an, die seinen mutterwitz und seine menschen­freundlichkeit transportieren. wer die freude hat, Andreas Schnabel kennen zu lernen, der wird dies bestätigen können. seine kriminalistische schreibfreudigkeit ist aber nicht mit den mallorca-krimis erschöpft. in seinem neuesten, umfänglichen buch/krimi, „Braune Orchideen“, 2014 in der Monogramm Verlagsgesel­lschaft erschienen, ist er in süddeutschland einem furchtbaren, braunen geheimnis auf der spur. man lese und denke an die geschichte!

© 13.12.2014 brmu
1 Mallorca Magazin, Andreas Schnabel wird von Gabriele Kunze am 20.8.2009 interviewt.

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nachgetragen

zur vorbereitung der diskussionen über Jochen Schmidts buch „Schneckenmühle“ in unserem lesekreis in Bergheim hatte ich die redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers angeschrieben, wie denn die Prozedur der Wahl „Ein Buch für die Stadt“ in Köln ablaufe. am 13. 11. d.j. traf die antwort von Herrn Martin Oehlen, leiter der kulturabteilung, ein. hier seine antwort als zitat:

„Die Jury besteht aus drei Personen: Aus je einem Vertreter/einer Vertreterin des Literaturhaus Köln und des Kölner Stadt-Anzeiger, die ja beide Veranstalter der Aktion sind, sowie einem externen Juror/einer externen Jurorin. In diesem Jahr waren es Frau Bettina Fischer, Frau Hildegund Laaff von der Lengfeld’schen Buchhandlung und ich. Im vergangenen Jahr war der Externe der Buchhändler Klaus Bittner.

Bei der Auswahl des Buches ist uns neben der literarischen Qualität wichtig, dass wir damit jeweils ein Thema verbinden können, das im Laufe einer Woche bei den Veranstaltungen vielfältig gespiegelt werden kann. In diesem Jahr, bei der „Schneckenmühle“ von Jochen Schmidt, ist es der Mauerfall und der Blick zurück auf die DDR. Ausdrücklich soll es keine Neuerscheinung sein, sondern ein Buch, auf das wir aufmerksam machen wollen, weil wir es für wert halten, nicht vergessen zu werden. Auch wollen wir sowohl Autoren aus der Region (Becker, Scheuer etc.) wie aus der internationalen Szene (Murakami, Pamuk etc.) aufbieten. Ein schlichtes Kriterium, das im Laufe der Jahre wichtiger geworden ist: Das ausgewählte Buch sollte einen Umfang haben, der nicht abschreckend wirkt. Nicht zuletzt sollte es im Idealfall in Lesekreisen ebenso Anklang finden wie an den Schulen, also möglichst viele Interessenten erreichen. Bei alledem wird, wie gesagt, groß geschrieben: die literarische Qualität.“

die antwort von herrn Oehlen erfreut, zeigen sich doch deutliche parallelen zur konzeption von littreff.medio. die regionalität wie über-regionalität der autorinnen und autoren, der umfang der werke in novellenstärke, die ansprache der themen von interesse und die verfügbarkeit des werkes (preis als tb) – das sind die gut zu klärenden, ganz pragmatischen aspekte.

was die literarische qualität der auszuwählenden werke angeht, da befinden wir uns auf dem schwierigen feld der rezension. was ist literarische qualität? damit beschäftigen sich recht kontrovers heerscharen von germanisten. da hilft nur eines: die jury des Kölner Stadt-Anzeigers, literaturhauses köln und jeweils einer buchhandlung, alle drei in vertretung des literaturbetriebes, hat „ihre“ kriterien, die sie uns nicht offen legen.

wir als die rezipierende leserschaft bei littreff.medio „unsere“, die wir nicht fixieren. darin liegt das spannende der lesearbeit, unserer diskussionsfreude und schließlich die leselust. in summa: qualität ist, was bei bestimmungsgemäßen gebrauch über lange zeiten bestand hat. der bestimmungsgemäße gebrauch von literatur ist eine weise, die welt zu sehen und sich darin zu verorten. die kriterien dazu sind wandelbar. je differenzierter dies geschieht, umso anregender für alle.

dem Kölner Stadt-Anzeiger, insbesondere Herrn Martin Oehlen, sei dank für die offene antwort auf unsere frage: wie kommt es im rahmen der jährlichen leseaktion zu dem buch für die stadt Köln?

© 14.11.2014 brmu

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littreff#11 Schneckenmühle

alljährlich ein buch für die stadt, so will es der Kölner Stadt-Anzeiger und das literatur­haus köln. „Dieser großartige Roman ist im 25. Jahr nach dem Mauerfall das Buch für die Stadt in Köln und der Region. … Ziel ist es, die Leselust zu fördern und das Literatur­interesse zu befeuern. Mit … sind die dafür erforderlichen Voraussetzungen hervorragend erfüllt.“ so das zitat aus dem vorwort des romans von Jochen Schmidt, Schneckenmühle – Langsame Runde "Ein Buch für die Stadt", 2014 erschienen bei C.H. Beck als taschen­buch­ausgabe, seite 3.

wir haben uns abgemüht herauszufinden, was diese voraussetzungen wohl sind. vier aspekte haben uns dabei geholfen. (1) sachlich passiert nicht viel. es wird ein ferienlager beschrieben, darin sich pupertierende jugendliche beiderlei geschlechts begegnen. aus sicht des 14jährigen Jens wird der alltag im lager in alters-typischer sprücheklopferei reflektiert.

(2) was der autor von sich aus preisgibt, das lesen wir als auktoriale stimme, oft im nachsatz zu den schnoddrigen überlegungen von Jens, was manchmal altklug anmutet. diese gedachten bemerkungen sind samt und sonders kritischer art zu den verhältnissen in seinem staat. laut geäußert werden sie weniger, die „basteltante“ ist als vertrauensstelle eine ausnahme.

(3) was wir als leser/innen von dem buch haben. wir stellen einen hohen wiederer­kennungswert in der figur des Jens und den beschriebenen situationen fest, ergo ein gelungener ferienlager-roman, oder? da ist doch noch etwas! der rahmen, den der autor gesetzt hat: die situation des bevorstehenden mauerfalls am 9.11.1989. das wird in dem buch ganz klug nur gelegentlich gestreift, ohne jeden fingerzeig auf belehrungen. wir sollen selber denken, gewichten und zu schlüssen kommen. völlig unprätentiös wird mit der figur des Jens ein spottlicht auf die damaligen vorgänge gerichtet. was so viele jugendliche in ferienlagern, hüben wie drüben, erlebt haben, beim leser vor allem ein hohes maß an resonanz erzeugend, das ist das vehikel für ein verständnis der geschichtlich besonderen situation des mauerfalls. im leisen spott lag die distanz zum system.

(4) was wir mit dem buch anfangen sollen. ein roman im sinne der differenzierung der weltsicht, beleibe aber kein schönfärberischer roman der DDR-zeiten. auch keine bewältigungsliteratur – einfach die sicht eines durch das elternhaus immunisierten, jungen menschen, der sich durch eine gewisse distanz als frühreife attitüte auszeichnet. bildung lohnt sich (hier als symbol die mathematik als ideologiefreie wissenschaft), selber denken lohnt sich, skeptisch sein lohnt sich. der lohn ist die innere unabhängigkeit, die Camus als revolte gegen die zumutungen des systems beschrieben hat.

eine frage blieb ungeklärt: wird hier etwa an dem mythos gestrickt, dass die christlichen „kreise“ der treiber in der wendezeit waren? denn das elternhaus von Jens war christlich, er glaubte an Gott und „schließlich muß man als Christ doppelt so gut sein wie die anderen, das schärft uns unsere Mutter immer ein.“ (148)

auch wird die frage, wie das ferienlager zu dem namen kam, wohl unbeantwortet bleiben.

© 01.11.2014 brmu

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littreff#10 Henn und seine Krimis

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© Foto Joachim Röhrig / KSTA , mit seiner Erlaubnis gepostet

krimis, ist das nicht trivialliteratur? mag sein, aber wenn sie so daher kommen wie aus der feder von Carsten Sebastian Henn, dann darf man aufmerken. sie sind wie ein gemenge, in dem man edles finden kann.

wir haben uns denjenigen kriminalroman vorgenommen, der die reihe der kulinarischen krimis begründet hat: In vino vertitas, im wein sei die wahrheit. das als zuversichtlicher wunsch an die adresse der kriminalkomissarin von Reuschenberg. sie versucht, eine reihe von morden aufzuklären, die an verschiedenen orten entlang dem schönen Ahrtal geschehen sind.

Julius Eichendorff, über unbekannte verschlingungen des schicksals mit dem romantischen dichter Eichendorff verwandt, begnadeter koch und erfolgreicher restaurantbesitzer in Heppingen, gerät in den sog der kriminellen handlungen. seine großcousine Gisela, enkelin des bruders seines großvaters, gerät unter verdacht, den mord an ihrem ehemann, dem außerordentlich erfolgreichen winzer und kotzbrocken Siegfried Schulz-Nögel, begangen zu haben.

eine unterhaltsame jagd auf den mörder beginnt, nicht ohne einen schuss humor und lockerheit. und weitere leichen säumen den weg. es irrt ein pensionierter oberstudienrat in roten socken durch das bild, römische fundamentreste suchend. es raunt ein verdruckster notar von geplatzten verträgen. eine frauenstimme mit kölschem singsang denunziert Gisela als täterin. eine totentrompete weist den weg zur leiche des französischen praktikanten. ein hund steckt im entrepper.

und bei allen verwicklungen lernen wir wichtiges über die weinherstellung und die damals – der krimi ist 2003 erschienen – revolutionäre umkehrosmose. CSH hat das ohr am puls der zeit! die winzer im ahrtal auch?

Julius, der koch, überrascht mit Schubert und anderen komponisten als inspiratoren seiner menuegänge, herr bimmel, Julius’ kater, schnurrt ihn zur idee der abschließenden suppe und der dichter Eichendorff wird zitiert, passend oder nicht.

so wird eine ganze region launig dargestellt. der sog der geschichte ist der plot um die morde und am ende gibt es eine gehörige überraschung. aus der bislang gemütlichen detektivgeschichte wird plötzlich ein thriller, denn Julius muss um sein leben bangen.

alles in allem hat man mit dem kriminalroman eine gute grundlage, das ahrtal zu erkunden und die konkreten orte aufzusuchen, denn im klartext stehen oftmals klarnamen: weine, restaurants, produkte, orte. die entsprechende karte ist dem buch eingedruckt.

das ist auch der grund, warum CSH für seine krimis aus dem Ahrtal nicht angefeindet wird. die balance von notwendigem kriminellen geschehen und liebevoller darstellung der region ist attraktiv und werbewirksam.

CSH folgt diesem trend und hat schon sechs weitere folgen um den koch-detektiv Julius Eichendorff geschrieben. das tut er nachts, wie er betont, weil sein job als weinexperte und restauranttester und das privatleben mit der familie ihm tagsüber keine ruhe und gelegenheit dazu lassen. die nähe zur musik ist auch gegeben, sie inspiriere ihn und lyrik hat er schon in frühen tagen seiner schriftstellerischen anfänge veröffentlicht.

so finden wir die frage, was denn der autor in seinem werk von sich preis gäbe, in den krimis um J. E. gut beantwortet: eine menge. CSH hat dies nicht abgestritten. ein sympatischer autor, dem der erfolg nicht zu kopfe gestiegen ist, und der sich auch mit den leserinnen und lesern noch auf augenhöhe verständigen kann und will. dafür gebührt ihm unser dank und der wunsch nach mehr. es lebe Julius Eichendorff!

Wir treffen uns wieder am 31.10.2014 zur selben Zeit am selben Ort wieder. Die Lektüre: Jochen Schmidt, Schneckenmühle, TB im Rahmen "Ein Buch für die Stadt".

Hinweis: J. Schmidt liest aus und disktuert über sein Buch in der Buchhandlung Brockmann in Brühl am 13.11.2014 ab 19:30 Uhr, Kartenvorverkauf beachten.

© 01.10.2014 brmu

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littreff#9 Everts' großonkel

nach der sommerpause hatten wir uns am freitag, den 29. 08. 2014 getroffen und uns zeit genommen, in einer angeregten diskussion das konzept von littreff.medio zu überdenken und anpassungen vorzuschlagen. darüber wird noch zu berichten sein.

von den vier autor/inn/en, deren kurze geschichten wir besprechen wollten, ist deswegen nur einer an die reihe gekommen: Evert Everts mit seiner historisierten kalendergeschichte „Eine Postkarte aus Nanking“, veröffentlicht in: Ostfreesland 2013 - Kalender für Ostfriesland, Verlag Soltau Kurier 2012.

der ich-erzähler, im laufe des textes unschwer als der autor zu identifizieren, findet auf dem dachboden einen karton, in dem erinnerungsstücke aufbewahrt werden. im gespräch zwinkert Everts mir zu und spricht von der freiheit des autors und kunstgriffen in geschichten. dieser karton nun entgleitet seiner hand und alles liegt ausgebreitet auf dem boden, ausgebreitet wie die geschichten, die nun jene fotos und briefe erzählen. sie kombinieren sich mit den erinnerungen des ich-erzählers aus seiner kinderzeit und alles fokussiert sich auf den großonkel, der den uns nicht so geläufigen, nordfriesischen vornamen „Weert“ hat, hier vielleicht eine anspielung auf den gleichklang des begriffs „wert“ (im leben).

überhaupt spielt das friesische, wertbestimmte gemüt in der geschichte eine starke rolle. der großonkel will aus dem ich-erzähler einen tüchtigen jungen machen und lehrt ihn das rudern und jagen in heimatlichen gefilden, er verteidigt ihn gegen eine rüde dreierbande von jungs, die darob mit ihrem boot kentern und ins wasser fallen, was ohne folgen bleibt. viele jahre später ist er es, der als oberbootsmann der kaiserlichen marine auf befehl am 17. 10. 1914 die letzten drei torpedos des torpedobootes S 90 vor Tsiangtau abfeuert und den japani­schen kreuzer Takachiho versenkt. dies trauma verlässt ihn nicht mehr, versiegelt seinen mund, denn 271 tote sind eine schwere last.

aller guten thing sind drei, sagten die alten germanen und meinten die dreimalige vorladung, ehe auch in abwesenheit gerichtet werden konnte. und die zeit sitzt immer zu gericht über unsere taten und unterlassungen. der onkel ahnt das und fragt eingangs: „Warum hast du mich nicht besucht?“ die frage nach dem grund fehlender besuche oder ein vorwurf an die unbekümmertheit der nach­kommen. gar ein notruf zu reden? hier finden wir den typus dessen, was jetzt bei soldaten allgemein posttraumatisches belastungssyndrom genannt wird. keiner, der schießt, bleibt unbehelligt von seinem gewissen, wenn er in die zivilgesellschaft zurückkehrt, ob als krüppel oder gesund. die warum-fragen enden nicht. hierzu hat Sabine Bode in ihren büchern wichtiges zu sagen.

aber geredet und verarbeitet wurde nicht, weder während noch nach der kriegszeit. „Ein einziges Mal nur, ließ er sein Abscheu gegenüber allem Militärischen erkennen.“ das aus einem fast schon satirereifen grund: sein antrag „die Bootsmannsuniform mit einem Offi­ziershosenverschluss zu versehen“ wurde abgelehnt. „Als ob Offiziere bequemere Hosenver­schlüsse haben müßten.“ eine subtile rebellion in der absurdität des militärischen. Camus hätte seine freude daran. die geschichte geht ihren gang und: „Aus dem Schrank nahm ich eine japanische Teekanne, goß den Tee auf, füllte ihn in eine Tasse.“ man darf raten, ob es ost­frie­sentee war, mit oder ohne rum.

© 31.08.2014 brmu

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Mödder.spödder littreff#7

G.Mödder

© foto 27.06.2014 Dr. R. Hahn / der Schriftsteller Gynter Mödder in der Diskussion bei littreff.medio, diesmal in der bibliothek

satire stählt den geist – und Gynter Mödder, arzt, schriftsteller, sprecher des „Autorenkreises Rhein-Erft" (ARE), hat viel stahl in sein satirischen werk „Gullivers fünfte Reise oder die Tyrannei der Alten“, erschienen im Ralf Liebe Verlag 2005, eingebaut: anspielungen, clownerien, kalauer, wortdreher, worträtsel, zitate, alles im laufenden druckbild über 350 seiten verteilt. kein satz, der nicht bisse oder zum nachdenke reize. auch lachen sei erlaubt. wer durchhält wird belohnt.

congenial wird Jonathan Swift von Gynter Mödder fortgeschrieben. Swifts Gulliver hat nur vier reisen unternommen, eine jede satire an und für sich. nun lesen wir die fünfte und merken, dass sie kein misanthrop (wie Swift einer war), geschrieben hat. wie auch, denn ein arzt kann nicht menschenfeid sein, wenn er seinen beruft und eid wahrlich praktizieren will. für den menschen macht er drei schritte: zuerst die anamnese, die die hintergründe der lebenweise des potenziellen patienten mensch ausleuchtet, dann eine diagnose, die art und weise der krankheit eingrenzen hilft – und die therapie überlässt er den leser/innen, uns, die wir mit dem buche heilung erhalten.

heilung von der ewigen dummheit der menschen, indem er uns den spiegel vorhält: so seid ihr und nicht anders! wir leser/innen geben es zu, es tut oftmals weh. wer will schon über seine, wenn auch literarisch zugespitzten schwächen am feierabendkamin lesen? wer es will, ist schon einen heilenden schritt weiter. sinn und zweck der satire sind verstanden, ein teil der therapie.

es ist für alle bereiche medizin enthalten: forschung&entwicklung, wissenschaft&technik, kunst&kultur, spiel&sport und alt&jung – minenfelder gesellschaftlichen (miss)verstehens und handelns oder unterlassens.

besonders der konflikt zwischen den immer länger überlebenden alten und den ins hintertreffen geratenden jungen wird in Mödders satire in drei kapiteln radikal bis zum bürgerkrieg entwickelt. man bedenke: nichts ist unmöglich.

ein werk mit schwerer kost. da ist der leser/innen versuchung groß, statt dessen zu einem roman zu greifen und sich an gefälligerer lektüre zu wärmen, ebenfalls am feierabendkamin. Gynter Mödder ging es nie um auflagen, es geht ihm um bildung und einsicht, auf das niemand sage, sie oder er habe es nicht gewusst – was die welt so im innersten zu bieten hat.

© 02.03.2014 brmu

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littreff#6 Ikarus frei nach Kutsch

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© 04.04.2014 / foto brmu / Axel Kutsch* hört zu

jahrgang ’45, die wirren des krieges nicht in den knochen, doch aber noch an den versen, entscheidet sich der junge Axel Kutsch, 1969 journalist zu werden. nach zwei jahren volontariat wird er redakteur und bleibt diesem beruf in verschiedenen tageszeitungen insgesamt 30 jahre treu, davon ganze 20 jahre beim Kölner Stadt-Anzeiger. Axel Kutsch ist also ein journalist durch und durch.

aber das professionelle schreiben um das zeilenhonorar weckt früh auch den wunsch, andere zeilen zu füllen. anfang der 80ger jahre folgen in guter regelmäßigkeit gedichtbände, rezensionen („Das Gedicht“) und seine spezialität: anthologien, jene sammelwerke von literatur gleicher gattung, die einen überblick vermitteln. Kutsch verschreibt sich der lyrik.

einmal thematisch gesetzten Aspekten gewidmet (wie „Blitzlicht“, Landpresse 2001), in denen gedichte aller epochen ausgewählt werden, die einen beitrag zu dem schwerpunktthema bieten. hier lernt man oft bekannte dichter mit nicht geläufigen texten kennen, ergo: ein oft überraschender querschnitt durch die lyrik-landschaft.

eine andere landschaft, die postleitzahl-regionen, nimmt Kutsch mit seinen "VersNetzen" (Verlag Ralf Liebe, 2008) und deren vorläufern ins visier. der deutschsprachige raum in Europa wird gemäß postleitzahlen der länder parzelliert. es kommen zeitgenössische lyriker aus diesen regionen zu worte. das konzept hat den bundesweiten ruf von Axel Kutsch gefestigt, denn es ist ein faires konzept, jung und alt, bekannt und unbekannt, debütant und routinier in einem werk zu veröffentlichen. der siebte band ist in vorbereitung.

uns bei littreff.medio interessierte es nun, wie ein lyriker beide welten, eigenes schreiben und fremd geschriebenes sammeln, auseinander hält, ob es intereferenzen gibt, erwünschte und unerwünschte. die antwort fällt klar aus: wenn Kutsch an einer anthologie arbeitet, dann nicht an einem eigenen gedichtband und umgekehrt, doch lasse sich gegenseitige kreative befruchtung natürlich nicht vermeiden. das kann man dann in seinen schalkhaften gedichten durch eingebaute, verfremdete zitate anderer lyriker/innen bestätigt finden.

sein credo, gute lyriker seien beim schreiben kühl und unbestechlich und ließen sich beim nachdenken viel zeit (FixPoetry, 30.7.2012), bezeugt seinen arbeitsstil. das hingehuschte ist nicht seins, so leicht die gedichte aus „Ikarus fährt Omnibus“ auch daherkommen mögen, sie sind wohl überlegt und erfordern zum kompletten verständnis, sagen wir auch ruhig: genuss, einen literarischen hintergrund.

zur lage der lyrik befragt, meinte Kutsch in einem interview: man könne nicht ansatzweise von lyrik leben, aber man könne wunderbar mit lyrik leben (NRZ-on-line-Flyer 121, 2007), sicherlich ein bonmot. dies hat sich bis heute nicht geändert, da ein sich gegenseitig ungünstig beeinflussender prozess im literaturbetrieb die lyrik benachteiligt: a) das lesepublikum liest kaum lyrik, weil sie relativ teuer ist und sehr wenig beworben wird, b) die verlage drucken lyrik, wenn überhaupt, nur in einer gemischtkalkulation mit romanen, die das geld bringen, und verknappen so das angebot, c) die rezension ignoriert lyrik weitgehend, weil man sich damit nicht profilieren kann, d) die lücke wollen kleinverlage füllen, haben aber dabei regelmäßig wirtschaftliche krisensituationen zu bestehen. alles in allem scheint also lyrik ein verlustgeschäft zu sein. man lese dazu den kurzen artikel von Kutsch im poetenladen: So ist es. Ist es so?

und sie schreiben doch! immer wieder geraten der/dem lyrik-liebhaber/in schmale bände in die hände, die beim stöbern in buchhandlungen unseres vertrauens entdeckt werden. ein fund, ein grund, in selbiger stund’ zu lesen, wie in dem gedichtband Ikarus fährt Omnibus von Axel Kutsch. das titel gebende gedicht wird hier zitiert (Axel Kutsch, Ikarus fährt Omnibus, Landpresse 2005, seite 64):

Ikarus fährt Omnibus.
Fragt ein Kind den Ikarus:
Warum fährst du Omnibus?
Fliegt denn nicht der Ikarus?

Mit dem Fliegen ist jetzt Schluß.
Daß ich nicht mehr fallen muß,
darum fahr ich Omnibus,
sagt zum Kind der Ikarus.

wir haben vielleicht noch in erinnerung, dass es in der alt-griechischen mythologie einen pionier gab namens Ikarus, der sich in den kopf gesetzt hatte, aus eigenem ingenieurgeist zu fliegen, die götter entthronend. leider hatte er mit materialeigenschaften zu kämpfen, die den erfolg zunichte machten: das wachs als klebstoff der federn auf seinen schwingen schmolz unter der hitze der sonne, die katatstrophe war vorprogrammiert – als wären wir in heutigen zeiten. es gibt keinen grund, sich über Ikarus zu erheben, denn unsere katastrophen sind gewaltiger!

aber diesen Ikarus wähnte die/der leser/in längst vergangen, da taucht er plötzlich als bürger im alliterativen Omnibus auf und die unverdorbene, ursprüngliche naivität eines kindes stellt ihn zur rede: warum auf der erde omnibus fahren, statt am himmel zu fliegen? kein anflug von verlegenheit, Ikarus sagt praktisch-pragmatisch: mit dem firlefanz ist jetzt schluss! Denn er will nicht mehr auf die nase fallen, aus der mythologie, aus den träumen, aus den visionen, aus den scheinbaren erfolgen, er will sich bescheiden auf der erde fortbewegen – es ist ihm so wohl sicherer.

wer sich wie Axel Kutsch so einen dialog zurechtlegt, der hat gesellschaftkritik vom feinsten aus der feder laufen lassen. alle gläubigkeit an alles, was wir zivilisatorische errungenschaften nennen, birgt letztendlich die gefahr des brutalen absturzes aus dem gleichgewicht – und hier ist nicht mehr der individuelle absturz gemeint, hier hängt wie Ikarus die menschheit mit unzulänglichen flügeln am himmel und das wachs schmilzt und schmilzt – mit kohlendioxyd noch schneller.

so stecken wir weiterhin in der falle. wir wünschen Axel Kutsch noch viele gelegenheiten, seine ironisch-lyrischen verätzungen des zeitgeistes anzubringen. mögen seine anthologien noch viele lyriker/innen ermuntern, gegen den marginalisierungstrend weiter anzuschreiben.

wenn man mehr wissen will über Axel Kutsch, dann stöbere man im internet und finde zum beispiel dieses goldstück: Frag nicht - mit einer zeichnung von Elisabeth Süß-Schwend. oder auch vorgelesen im Schweizer Rundfunk (SRF2): Feier des Wortes. eine ganz starke anweisung, wie man gedichte aufzunehmen hat.

© 06.04.2014 brmu
*) foto mit freundlicher erlaubnis von Axel Kutsch

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littreff#5 Reine Glaubenssachen

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© ausschnitt foto 28.02.2014 Berthold Schulz / brmu mit Karl Rovers und Evert Everts im Gespräch

im karneval! einen tag nach weiber­fast­nacht! genau an dem tage, da die „Ära Meis­ner endet“! trafen wir uns wieder in der Stadt­biblio­thek Bergheim, um über das vom Au­to­ren­kreis Rhein-Erft (ARE) 2013 im Gaasterland-Verlag vorgelegte buch mit dem be­zie­hungs­rei­chen titel „Reine Glaubenssachen“ zu sprechen. der plural im titel ist wichtig, das haben wir gleich zu be­ginn festgehalten, denn die viel­schichtig­keit des phänomens ’glauben’ = etwas jen­seits von wissen für wahr zu halten, ist nicht dogmatisch, sprich die glaubens­sache an sich, zu er­fassen. einen differenzierten überblick über die 118 beiträge in dem werk gibt die von Dr. Rainald Hahn ver­fasste re­zen­sion auf der homepage des Förder­vereins Stadt­bib­lio­thek Berg­heim.

wir haben uns folglich mit eini­gen ein­zelnen texten be­fasst. gleich zu be­ginn setzt das ge­dicht „Glaubens­sachen“ von Rolf Polander das schwere thema mit leicht­füßigen knit­tel­ver­sen in szene und rela­tiviert es: glaube mit seinen vor- und nach­teilen sei nicht nur eine sache der ei­fern­den from­men, sondern aller ge­sell­schaft­lichen grup­pen, daher wäre „es bes­ser Glaube wär flexibel!“. dieser wunsch zieht sich durch das ganze buch, mal ernst, mal heiter, iro­nisch oder auch kri­mino­lo­gisch be­trachtet.

das von den heraus­gebern Evert Everts und Karl Rovers im prolog als ’an­tho­logie’ bezeich­nete werk des ARE, ver­sam­melt texte zu dem dachthema glaube aus allen drei haupt­gat­tun­gen der li­te­ra­tur: lyrik (gedichte), epik (geschichten), dra­ma (theaterstück) und dem essay (Jür­gen Streich). das macht den band in der reihe anderer anthologien des ARE prall und viel­ge­staltig, nicht zuletzt auch da­durch, dass die regionale sprache, das köl­nische, text­tra­gend gleich­be­rech­tigt auf­scheint. es gab also eine menge zu le­sen und gemäß unseren „zehn rech­ten des lesers“ haben wir auch nicht immer al­les gelesen.

in der diskussion wurde besonders der pro­sa­text von Everts „Ein Ungeist“ (33-46) her­vor­ge­ho­ben, der sich mit in­ner­betrieblicher, selbstherrlicher macht­aus­übung andersgläubigen mit­ar­bei­tern ge­gen­über befasst. auch stach uns Gynter Mödder mit seiner prosa „Weshalb ich kein Atheist mehr bin“ (147-160) ins au­ge, die mit einer völlig überraschenden und den tenor um­krem­pelnden wendung auf­wartet: eine zeitumstellung stellt alles auf den kopf.

die kombination von bild und gedicht, die Renate Mödder-Reese präsentiert, hat als mo­der­ne kon­zep­tion, literatur ’bild+wörtlich’ über sich hinaus­wach­sen zu lassen, allgemeinen an­klang ge­fun­den. auch in anderen texten wird das wap­pentier des ARE, die flug­maus (nicht fle­der­maus) sehr angesprochen. of­fen­bar ein integrierendes markenzeichen der autoren­ver­eini­gung.

weiters haben wir ein programmatisches ge­dicht gefunden, das die arbeit des ARE in hu­mor­vol­ler und selbst­kri­ti­scher wie­se auf’s korn nimmt: „Die großen und die kleine Dichter“ (128) von Rolf Po­lan­der – der lyriker, der wegen seiner leicht lesbaren und ver­ständ­li­chen verse gut ankam. den gegenpol dazu sahen wir in den zum teil experimentellen ge­dich­ten von Gert R. Grünert, die in ih­rer art der (ab-)gehobenen literaten­literatur zu­zu­rechnen sind. eine an­de­re liga eben, die an­dere de­ko­dierungs­kom­pe­ten­zen ver­lan­gen. dies auszuarbei­ten reich­te die uns zur ver­fü­gung stehende zeit leider nicht aus. ansatzweise konnten wir in sei­nem ge­dicht „Erst letzt ens“ (32) er­ken­nen, dass es lohnen wäre, sich in­ten­si­ver mit seinen gedichten aus­ein­an­der zu setzen.

die mundartlichen texte von Diet­mar Kin­der (thiaterstöckelche, 96 ff), Karl Rovers (gedichte, 171 ff), Käthe Kyrion (gedichte, 108 ff) haben uns ein schmun­zeln auf das ge­sicht ge­zau­bert. ihr sound lässt sogleich bilder im kopf entstehen, ob aus heimatlichem hinter­grund oder aus er­leb­nissen eines immi im Rhein­land. besonders bezugsnah zu dem aktu­ellen ge­scheh­nis­sen des tages stellte sich die kurzgeschichte von K. Rovers her­aus: „Der Kardinal im Schwimm­bad“, der sich ungewöhnlich affektiert auf­führt, aber dann „gleich aus den Augen verloren“ geht. beziehungsreicher zu dem letzten amts­tag des ab heute nicht mehr amtierenden kar­di­nals Joachim Meisner in Köln konnte es nicht werden.

die gedichte von Axel Kutsch haben wir uns für den nächsten littreff.medio #6 am 4. April 2014 auf­ge­hoben, denn dann wird er uns als autor und anthologist besuchen.

die beiden herausgeber Everts und Ro­vers haben uns offen und freundlich alle fra­gen be­ant­wortet, die wir als leser=­innen an diese funktion hatten:
ja, es sei eine anthologie, obwohl sich nicht nur eine literaturgattung dort ver­sam­mele,
ja, man müsse als herausgeber oft eine auswahl treffen, was nicht immer leicht sei,
nein, es seien keine festen regel, außer ein seitenvolumen, gesetzt worden,
ja, ganz wenige korrekturen im sinne eines lektorates seien vorgenommen worden,
ja, in wenigen fällen sei darauf hin auch nicht publiziert worden,
ja, insofern müsse man auch versuchen, die leser/innen-position einzunehmen,
ja, es seien auch so genannte schub­la­den­texte der autor/inn/en dabei,
nein, es gab keine generelle ab­seg­nungs­runde aller autor/inn/en,
nein, das buch sei kein werkstattbericht, sondern ein beitrag zum letztjährigen li­te­raturherbst,
ja, es zeige einen repräsentativen, li­te­ra­rischen querschnitt des schaffens im ARE.

Generationen morgen können über mein Heute sinnieren, / denn über das Werk lässt sich die Idee rekonstruieren.
so singt das der rapper CHIMA** auf seiner CD „Reine Glaubenssache Ly­rics“. welche idee ließe sich aus dem ak­tuellen werk des ARE rekonstruieren, wenn man es vollständig ver­stün­de und lange genug darüber sinnierte? sicherlich die idee, dass, ohne zu glauben, der glau­be an den glauben nicht glaubhaft sei – un­glaublich!

© 01.03.2014 brmu

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littreff #4 wunderliche gesellen

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© foto 17.01.2014 B. Schulz (Förderverein der Stadtbibliothek Bergheim) lichtet Bernhard Ulbrich (l.) und Theodor Weißenborn (geb. 1933) im gespräch ab*

eine alte, verwirrt erscheinende dame steht auf einem postamt am info-stand mit den telefonbüchern, blättert immer hin und her und schreibt schließlich in eines der bücher etwas nieder. Theodor Weißenborn verfolgt den unüblichen vorgang und fragt sich neugierig, was denn da stehe. er gesellt sich zu der dame und liest, was dort steht: „Ich bin nicht böse – ich bin der Heilige Geist.“ (!?) diskret zieht er sich zurück, erledigt noch seine angelegenheit am postschalter und geht nachdenklich von dannen.

diese und ähnliche situationen, so erzählte er uns beim nachträglichen tee, waren die initiale zündung, nach dem studium der literatur noch das der psychologie anzuhängen, eine für die deutsche literatur glückliche entscheidung, so meine ich heute. er wollte wissen und will es noch immer, was in einem menschen vor sich geht, der sich dergestalt äußert.

der weg zum autor geschriebener (lyrik und prosa) und gesprochener (hörspiele) werke war dann für ihn zwingend, denn „dem Selbstbild nach ein ’außerparlamentarischer Querdenker, Grenzgänger zwischen den Lagern oder Sasse zwischen sämtlichen Stühlen’ spricht [er] von dem, worüber er nicht schweigen kann.“ [G. Helmes (hrsg.) im vorwort der werkausgabe]. beide kompetenzen aus literatur und psychologie ergeben den kreativitätspool, aus dem unser gast Weißenborn, inzwischen achtzigjährig, noch heute schöpft. sein umfangreiches werk ist bei Böschen erschienen, sechs pralle bände, die die gesamte fülle der von ihm beherrschten genres versammeln und in der mehrheit die angeknacksten typen unserer menschlich-unmenschlichen gesellschaft skizzieren.

dieser 17. Januar 2014 in der bibliothek der stadt Bergheim im Medio war ein abend der extraklasse! Theodor Weißenborn, einer der granden bundesrepublikanischer literatur, hat uns mit seinem besuch beehrt, um über eine groteske geschichte, betitelt „Der Wächter des Wals“, aus der aktuellen anthologie „Wunderliche Zeitgenossen“ aus dem Verlag Ralf Liebe, erschienen 2013, zu sprechen.

nach einem vorausgehenden meinungsaustausch der littreff.medio – teilnehmer/innen ohne den autor, hatten wir viele fragen, die in summa ausloten wollten, wie denn das schicksal des wächters Müngersdorf, der in dem, von ihm in einer fahrenden ausstellung bewachten und dabei einer staunenden menge profund erklärten, ausgestopften wal letztlich verdaut wird, wie das denn zu verstehen sei.

der protagonist Müngersdorf studierte biologie, speziell ichthyologie, und fällt in der prüfung hämisch durch, was ihn zutiefst verletzt, da er kein kämpfer ist. „Ein stilles, stetes Weinen ist in solchen Menschen…“ und „… solche Menschen brauchen viel Liebe.“ (12) Müngersdorf verarbeitet diese pleite mit einer sich steigernden hinwendung als „qualvollen Dilettantismus“ (11) zu dem prüfungsobjekt. bald weiß er alles über den wal an sich, erntet aber nur unverständnis in seiner umgebung. die tiefe verletzung und das fortgesetzte verlangen nach anerkennung treiben ihn in den wahn, den er durch völlige hingabe an sein studienobjekt bis zur obsession mit religiösen zügen steigert. „Wohlan, so wisse: Ich bin der Herr, dein Wal! du hast mich geboren aus deinem Geiste, du hast mich genährt mit deinem Blute, du hast geglaubt, ich sei dein Leben, aber du bist das meine: Du hast mich geschaffen, die Zeit ist erfüllt, ich fordere den Preis: opfre dich mir“! (26) und das passiert dann in grotesker weise: es werden nur noch „unverdauliche Teile seines Körpers“ (27) gefunden. das objekt seiner obsession hat in vollständig resorbiert.

der schluss mag grotesk erscheinen, er ist in übertragendem sinne so real wie das tägliche brot. darin steckt eine ganz hintergründige kritik der inhumanen anteile unserer gesellschaft und deren einzelwesen: die gier nach „einem toten Gegenstand“ (27), worauf man „seine ganze Existenz an ihn verliert“ (27), die entmenschlicht und führt ins aus. der weg dorthin ist gepflastert mit allfälligen dogmen aus wissenschaft, kultur, religion und wirtschaft als killer freien, eigenständigen denkens, ohne das man aber „an Leib und Seele verdorrt“ (27). mir fällt dabei das schlagwort von Immanuel Kant ein, das von der ’selbstverschuldeten unmündigkeit’.

da heraus zu finden, ist allein nicht zu schaffen, wenn den einzelnen oder gar alle „die Idee des Wals“ (25), sprich eine beliebige idiologie oder auch idiotie, erfasst hat. dazu bedarf es der achtsamkeit, sensibilität und solidarität der nicht infizierten mitmenschen. wir nennen das empathie in einer toleranten gesellschaft.

littreff.medio dankt Theodor Weißenborn für diese ausgezeichnete diskussion und wünscht sich noch weitere, sich dem literaturbetrieb widersetzende schriften von ihm.

© 18.01.2014 brmu
*die veröffentlichung des fotos ist von Theodor Weißenborn authorisiert.

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littreff #3 domfeuer

achtung: littreff #3 ist verlegt auf Freitag, den 17.1.2014, 16:30Uhr in der Bibliothek Bergheim. thema: Theodor Weißenborn, Wunderliche Zeitgenossen, Verlag Ralf Liebe 2013.

Vlaminck littreff-131129-bu

29.11.2013 Stadtbibliothek Bergheim, littreff.medio, brm ulbrich im gespräch mit Dennis Vlaminck

so ist es ja gewesen:
feuer zehrt am dom
rache zehrt auch schon
geheime jahre lang
bis die kogge dann
in den hafen kam
und die mörderei
weitergeht mit drei
händlern in tuch
aber jetzt ist’s genuch
rest bitte selber lesen
littreff.medio traf sich zum zweiten mal und wir tauschten zunächst ohne den autor unsere erkenntnisse über den historischen kriminalroman „Domfeuer“ von Dennis Vlaminck (Emons verlag, 2011) aus. nach dem erstling „Reliquiem“ (2008) legte der autor nun ein gereiftes werk vor, szenisch in den handlungssträngen mit eigenwilligen charakteren, die im laufe der geschichte entwickelt werden.

und diese geschichte bietet viel: spannende krimistory auf der suche nach den motiven der täter, aber auch historische aha-erlebnisse aller arten: der Hildebold-Dom und sein abbruch, schiffartstechnik einer kogge und deren bewehrung, mühlentechnik aus dem mittelalter mit staubexplosion, lebensweisen unterpriveligierter kölner inklusive puff, klüngel der patrizier in der riecherzeche, kirche als machtfaktor im erzbistum und amtsmacht bis hin zu ersten, forensischen untersuchung seitens eines hellwachen büttels und den zahnschmerzen seines kollegen, die ein auf dem marktplatz residierender zahnbrecher brachial behandelt. man erschauert.

es gäbe noch viel zu berichten, der krimi ist pralle voll mit leben aus einer zeit, die wir nicht mehr im blick haben. so bestätigte uns auch der autor, Dennis Vlaminck, der später zu uns stieß, dass er gründlich recherchiert und sich eine kleine fachbibliothek aufgebaut habe und nun aus seinem fundus schöpfen könne. deswegen wird es nicht der letzte krimi aus diesem genre sein. ein nächster ist schon in arbeit. immerhin feiert der Emons verlag im nächsten jahr sein 30jähriges bestehen und das wäre doch ein schönes datum für einen dritten krimi.

bereitwillig erläuterte uns der autor, der beruflich als journalist beim Kölner Stadt-Anzeiger seine brötchen für die familie verdient, wie er an solchen manuskripten arbeitet: nächtliches refugium vor störungen aller arten, keine diffizilen skizzen, wie etwa Heinrich Böll sie angefertigt hatte, im vorhinein, nur ein genereller, roter faden, an dem sich die szenen wie an einer wäscheleine entlang entwickeln, die dialoge, die aktionen, oft mit einem cliffhanger in der schwebe gelassen, die dann an anderer stelle wieder aufgenommen werden. so wird die leserschaft wie durch den sog weitergezogen.

welche rolle der dom in dem kriminellen geschehen spielt, mögen die neugierig gewordenen leser/innen nun selber herausfinden. es gibt viel zu entdecken. unsere einhellige meinung war: ein spannender krimi mit exakt recherchiertem hintergrund, der nebenbei viel lerninhalte bereithält. eine teilnehmerin fasste es so zusammen: das buch wäre auch ein toller film. wir wünschen Dennis Vlaminck eine goldene feder für den nächsten coup aus dem mittelalter.

© 29.11.2013 brmu

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littreff #2 wolkenmacher

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© foto 31.10.2013 brmu: autor Kay Löffler im gespräch anlässlich der einladung zum littreff.medio und der besprechung seines buches „Dorf der Wolkenmacher“, erschienen im Engelsdorfer Verlag, Neuauflage 2001

der teilnehmerkreis von littreff.medio hat dem schon 1997 verfassten roman eine heute noch vorhandene aktualität zugebilligt, die sich aus dem umfeld der tagebaue in der region ergibt.

eine aus drei familien stammende gruppe von fünf kindern, resp. jugendlichen, entdeckt eine lichtung im nahen forst und erobert diese als ihr refugium. es entsteht eine gruppendynamik, die auch eine aufkeimende, zarte zuneigung zwischen Marvin und Vanessa, den beiden älteren, beinhaltet. die situation wäre ein idylle, wenn nicht plötzlich die brutale realität einbrechen würde: das bergbautreibende unternehmens wird den wald roden.

die kinder sind geschockt und überlegen, sich zu wehren. vieles wird erörtert, radikalität abgelehnt, und man kommt zum schluss, befreundete und bekannte kinder, fünfzig an der zahl, zu mobilisieren, um sich an die gefährdeten bäume zu ketten. diese aktion bringt den vater von Marvin in seiner eigenschaft als polizist in arge bedrängnis, muss er doch seine eigenen kinder verhaften. doch die aktion läuft glimpflich aus. die kinder sehen dem abholzen machtlos zu und es bleibt nur der zornige, symbolische akt von Marvin, nun schon ein „Erwachsener mit Hoffnung“ /126, ein neues bäumchen zu pflanzen.

Das oft als jugendroman angesprochene und damit teils missverstandene werk ist eine parabel zu dem modernen, bürgerlichen leben, in dem im zuge der exploration für die allgemeinheit („Strom wird immer gebraucht, und der wird hier nun mal aus Kohle gemacht“ /52) eine lokale minderheit nachteile erleidet. der autor überhöht diesen effekt durch die protagonisten, die kinder (Marvin, dessen Bruder Manuel, Vanessa, deren Schwester Laureen und dem Hund Piri-Piri /7, sowie Denis, genannt Hamm /18 und später noch das Pony Cherokee) der im hintergrund agierenden erwachsenen sind.

kinder als die hoffnung der zukunft: wie werden sie mit der zerstörung ihrer idylle zurecht kommen, wie den frust kanalisieren, wie gewalt und randale abwehren, wie an informationen kommen, wie diese nutzen und öffentlichkeit herstellen, wie sich selber in die waagschale werfen, wann erkennen, verloren zu haben und dennoch erhobenen hauptes weiter leben zu können? für sie geht es um viel: „Der bevorstehende Umzug in die neuen Häuser war schon schlimm genug, aber wenn die Lichtung zerstört wurde bestand die Gefahr, dass alles auseinander brach.“ /62.

all das wird in dem buch in einfühlsamen dialogen und beschreibungen durchgespielt und dient letztlich so der orientierung heranwachsender, sich als souveräner teil der bürgerschaft einer region zu verstehen („Wenn Kinder mehr Zivilcourage haben als Erwachsene, wenn Kinder bereit sind, für ihre Umwelt zu kämpfen, dann haben wir eine Zukunft“ /126). nicht ohne grund ist dieses buch oft bestandteil der lektüre in schulen.

es ist aber auch eine beziehungsreiche lektüre für die erwachsenen macher dieser realität: politik und wirtschaft. denn die szene der internen sitzung der partei des bürgermeisters, nicht ohne grund etwa in der mitte des romans platziert /70-73, ist sehr aufschlussreich, wie politisch gedacht und gehandelt wird und warum politik im volke als verschlagen wahrgenommen wird („Wer will schon ein Monopol verlieren?“ /73).

die wirtschaft könnte ihren anteil am gemeinwohl als arbeitsplatzgarant wahrnehmen („Es werden fast jede Woche weniger Leute bei der Schwarz-Braun. Und dann immer das Gefühl, das die ganze Presse, die ganze Welt gegen einen ist ….“ /63) oder als gelddruckmaschine für share holder und andere, lediglich am eigenwohl interessierte. auch diese seite der wirklichkeit wird angerissen und wirkt desillusionierend. insofern sei das werk auch als eine nachdenkliche lektüre für erwachsene empfohlen.

der autor, Kay Löffler, hat sich den fragen des teilnehmerkreises gerne gestellt und freimütig auskunft erteilt, warum und wie er schreibt. er verriet uns: das schreiben sei ausdrucksform und inneres bedürfnis. die geschichte sei ursprünglich für seine eigenen vier kinder konzipiert, dann aber habe sie ein eigenleben entwickelt. die arbeitsweise sei szenisch gewesen im filmischen sinne, die szenen keineswegs linear entwickelt, sondern durchaus lückenhaft und sich erst allmählich mit erweiternden ideen schließend. zum beispiel sei das pferd Cherokee erst später eingeführt worden, um dem lebensgefühl der Vanessa („Typ Lehrerin“ /7) ausdruck zu verleihen. die muse müsse zwar mindestens einmal küssen, aber der rest sei arbeit bis hin zur korrektur der druckfahnen.

littreff.medio dankt Kay Löffler für seine aufgeschlossenheit und dafür, uns sein werk näher gebracht zu haben.

© 03.11.2013 brmu

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littreff #1 auftakt

die auftaktveranstaltung zum literaturlesetreff im medio am 4.10.2013 war ein erster blick in das räderwerk des literaturbetriebs und dessen begrifflichkeiten. fotos dazu finden sie auf der homepage des fördervereins der stadtbibliothek bergheim: http://www.bibliotheksfreunde-bm.de/littreffmedio.html.
Joachim Röhrig hat dazu einen artikel mit dem titel "Literatur gemeinsam erleben" im Kölner Stadt-Anzeiger vom 7.10.2013 geschrieben, lokalteill Rhein-Erft (s. 29).
von den beiden angebotenen versionen der präsentation wählte der teilnehmerkreis klug die kurze, die dann im hinüber und herüber der fragen und antworten noch lang genug geriet. alle waren bei der sache, dafür mein herzlicher dank; manche/r staunte und flüsterte dem nachbar zu: „das hab’ ich noch gar nicht gewusst“. die beste voraussetzung für unsere arbeit an den werken regionaler autor=innen.

aus vier kurz vorgestellten werken der lyrik und prosa (Evert Everts, Gert Grünert, Kai Löffler und Dennis Vlaminck) entschied sich der teilnehmerkreis für Kai Löfflers „Dorf der Wolkenmacher“, dessen roman wir nun für das nächste littreff#1 am 31.10.2013 (ab 16:30uhr) im raum M1 in der 2. etage des mediogebäudes besprechen wollen. bringen sie viele notizen mit (seitenzahlen nicht vergessen, damit wir alles wiederfinden können) und natürlich auch freunde und bekannte, die sich ebenfalls für literatur interessieren.

© 05.10.2013 brmu

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littreff pk

pressekonferenz zu littreff.medio am 18.7.2013 (11:30-12:00 uhr) in Stadtbibliothek Bergheim erfolgt - zwei pressevertreter erschienen: Fr. Nikolai / Kölnischen Rundschau, Hr. Meisen / Kölner Stadtanzeiger - pressemappe mit infos für die presse – fragerunde interessiert – kernbotschaft:

ziel: verständnis von werke der autor/inn/en der region um Bergheim fördern - dafür literaturlesetreff im medio (littreff.medio) konzipiert – etwa alle vier wochen werden werke gewählt und unter anleitung und moderation genau gelesen - ergibt fundierte meinungsbildung durch lesekompetenz – dann mit autor/inn/en ins gespräch kommen - bei allem zählt lesepaß – start: freitags, 4. 10. 2013 um 16:30 uhr in der stadtbibliothek – weiteres: homepage förderverein und Stadtbibliothek Bergheim

alle lesewilligen sind eingeladen: eine/r zu wenig - zehn schon ganz gut - hundert eher zu viel

© 19.07.2013 brmu

hier der artikel von Wilfried Meisen im Kölner Stadt-Anzeiger in der ausgabe vom 20.7.2013:

KSTA Literatur-als-soziales-Erlebnis3-130720-wm

Bild (Asuzug): Meisen / (v.l.n.r.) Mitglieder des Fördervereins Stadtbibliothek Bergheim: Sonja Schulz (stelv. Vorsitz), Bernhard Ulbrich (Moderator littreff.medio), Werner Wieczorek (Chef Stadtbibliothek), Rainer Hahn (Vorsitz), Berthold Schulz (Öffentlichkeitsarbeit) / eingestellt am 20.7.2013

zum selben thema erschien in der Rhein-Erft Rundschau vom 31.7.2013 ein artikel von Melanie Nicolai, einzusehen hier.

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