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Bode vergisst nicht

info: wir treffen uns wieder am freitag, den 15. Mai 2015 um 16uhr in der Stadtbibliothek Berg­heim, um über das buch von Isolde Ahr, „Du & andere Irrtümer – Kurzgeschichten“, verlag wortundmensch, Köln, zu diskutieren. die autorin wird uns auch besuchen.
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am 17. April sprachen wir über das von Sabine Bode im jahr 2004 vorgelegte buch, „Die ver­gessene Generation“. die autorin hatte leider keine zeit, unserer diskussion beizuwohnen.

traumata sind keine bloß bösen träume, sondern durch einschneidende ereignisse verursacht, tiefgehende, emotionale irritationen, die unbehandelt ein ganzes leben lang anhalten. die ge­ne­ration der im zweiten weltkrieg geborenen und im bombenhagel aufgewachsenen kinder stellten die angepasste und fleißige teil der gesellschaft, der das so genannte "Deutsche Wirt­schafts­wunder" aufbaute.

diese generelle these arbeitet frau Bode in ihrem buch aus. zunächst stellt sie in 15 kapiteln jeweils eine hypothese auf, die sodann im rahmen eines dazu ausgewählten interviews mit betroffenen be­schrie­ben und damit vermeintlich untermauert wird. das ist sicherlich keine wissenschaft­liche vorgehensweise, fehlt doch die statistisch hinreichend große stichprobe und die kontroll­gruppe der gleichaltrigen aus den vom bombenkrieg verschonten gebieten Deutschlands. vorsorg­lich bittet die autorin bei „Unkorrektheiten um Nachsicht derer, die es als Zeitzeugen und Historiker besser wissen.“ (18)

dennoch ist dieses buch wegweisend, weil es eben nicht wissenschaftlich sein will, sondern journalistisch aufrütteln will gegen das bequeme, kollektive vergessen. Sabine Bode sagt im vorwort: „Wahrscheinlich gibt es für meine Neugier nichts Stimulierenderes als kollektive Geheim­nisse.“ (17) ein guter antrieb für journalistische arbeit.

lässt man die formalien beiseite und taucht in den text ein, so erweisen sich die beispiele aus der literatur und die inhalte der interview auch noch nach über 70 jahren, sprich zwei genera­tionen, noch als tief erschütternd. man kann die schicksale nicht in einem rutsch durchlesen. immer wieder nötigt die emotionale überwältigung die leser/innen, das buch zur seite zu legen, es wieder in die hand zu nehmen und sich erneut den traumata dieser kriegskinder als vergessene generation zu stellen.

und die vertreter dieser kriegskinder selber? ihnen „liegt es völlig fern, sich selbst als Opfer zu sehen, auch dann, wenn sie ein oder zwei Jahre lang im Luftschutzkeller gehockt haben.“ (28) sie stellen eine „beschäftigte, tüchtige, …fürsorglich, …unauffällige Generation“ (30) dar, die „im eigenen Land fast sechzig Jahre lang schlichtweg übersehen“ (30) wurde. oft hörte die autorin: „Darüber spricht man nicht. Das erzählt man nicht. Schau nach vorn! Sei froh, dass du noch lebst. Vergiss alles!“ (31)

alle verdrängung in der bemerkung gipfelnd: „Es hat uns nicht geschadet.“ (30) und die profis in psychologie und psychiatrie reagieren auf die vorhandenen syndrome der betreffenden in zynischer unbedarftheit mit der phantasiediagnose „vegetative Dystonie“ (31). kuren en mass sollten das problem der unverdauten erlebnisse lösen oder ruhig stellen. doch wenn die ge­schäf­tigkeit nachlässt, im ruhestand die träume kommen, denn im „Alter rückt die Kindheit wieder näher“ (32), das grübeln und nacherleben des erlebten rumort, dann stellt sich schade ein: psychosomatische syndrome, die zunächst gar nicht mit der damaligen zeit in verbindung gebracht werden.

die im buch zusammengefassten interviews geben beredtes zeugnis des damals erlebten und lassen in leser/innen aus den gleichen jahrgängen viele resonanzen entstehen. vergessenes oder verdrängtes kommt hoch und will verarbeitet werden. dazu ist es gut, sich in zirkeln gleichbetroffener zu organisieren. im austausch liegt die heilung. dazu ist das buch von Sabine Bode als basislektüre bestens geeignet, wie auch die beiden anderen: „Nachkriegskinder“ und „Kriegsenkel“ im selben verlag. aber auch die nachkommen dieser generation können nun befremdende oder wunderliche verhaltensweisen ihrer väter und mütter oder opas und omas einordnen und verstehen lernen – und sei es nachträglich post mortem.

als fazit kann man festhalten, dass sich jede nation, die krieg verursacht oder in kriege ver­strickt oder verstricken lässt, sich „bis ins dritte und vierte Glied“ (2. Mose 20.5-6) traumatisiert. das ist eine wahnsinnige schwächung der positiven möglichkeiten einer humanen gesellschaft. in diesem sinne vertritt Sabine Bodes buch nicht nur einen ethisch-moralischen anspruch des verstehens und heilens, sondern auch einen umfassend gesellschaftlichen appell zur vermeidung dieser unmenschlichen ereignisse: Nie wieder!

© 23.04.2015 brmu
zitate mit seitenzahl aus: Sabine Bode, Die vergessene Generation, Klett-Cotta 2004.

 

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