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Broichers Wind von Westen

littreff.medio beschäftigte sich am 26. August 2016 mit dem autobiografischen familienroman „Wind von Westen“ von Cordula Broicher. die autorin gab uns auch bereitwillig auskunft über ihr werk.

Broicher erzählt in dem roman aus vier jahren (1793-1796) ihrer eigenen, familiären vergangenheit, dies vor dem hintergrund des ersten koalitionskrieges zwischen frankreich und den kaiserlichen (1792-1797). das bäuerliche leben spielte sich auf zwei ebenen ab, den reichen pächtern großer ländereien der kirche, Halfe genannt, und den ärmeren kleinbauern, die unter der soldateska wesentlich empfindlicher litten.

uns wird das leben auf dem Kirchhof in Niederwesseling einfühlsam und ungeschminkt beschrieben, fußnoten, karten und erläuterungen helfen den leser/-innen. die junge Halfin Agnes Krauser vom Kirchhof ist verwitwet und eine neue zweckehe steht an. „Kein vernünftiger Mensch heiratet aus Liebe!“(13) sagt bruder Max zu Balthasar Broicher, der sich schon früher in Agnes verliebt hatte und deswegen nun die chance nutzen und den maroden hof übernehmen will. „Die Liebe ist keine Grundlage für eine gute Ehe. Liebe vergeht, aber den Hof, den du übernommen hast, hast du den Rest deines Lebens am Hacken.“ (14) warnt ihn Max.

aber Balthasar gewinnt das rennen beim alten Jacob Frings und heiratet Agnes, geborene Frings, die bereits den sohn Gottfried in die ehe einbringt. anfängliches misstrauen seitens Agnes schafft Balthasar mit seinem klugen verhalten um hof und herd zu vertreiben, sie liebt ihn allmählich auch. „Und plötzlich war ihm klar: Er war angekommen.“ (65)

diese ankunft betrifft aber nur die neue familie nebst gesinde auf dem hof. im dorf sind die leute vom Kirchhof verdächtig, weil Paul, ungestümer bruder von Agnes, sich den französischen revolutionstruppen angeschlossen hat. von ihm erhalten die kirchhofer den klugen rat, französisch zu lernen, was vor allem Balthasar beherzigt, und später während der besatzung lässt Paul den hof unter schutz stellen. so entgehen sie plünderungen und anderen negativen auswüchsen der französischen truppen.

Lisbeth, jüngere schwester von Agnes, bricht den bann und rettet den ruf der familie durch einen beherzten schlag ins gesicht eines französischen soldaten, der während eines gottesdienstes rüde störung verursacht hatte. das geht noch gerade gut.

jetzt gilt: „Balthasar war angekommen.“ (234) nun auch im dorf. Balthasar ist also der protagonist, der die balance zwischen loyalem verhalten den eigenen leuten und klugem abwägen den machtverhältnissen gegenüber das richtige händchen hat. dass er dolmetschen kann ist ein weiterer trumpf.

aber nicht nur die bauernschlauheit (er führt modernere methoden ein) macht ihn erfolgreich, auch seine intellektuellen reflektionen weisen auf einen modernen menschen hin. von den Jesuiten erzogen, liest er bücher, besitzt einige und liest den anderen vor. sein credo: „Mit der Geburt werden wir alles auf unseren Platz gestellt und was wir dann aus unserem Leben machen, längt von den Entscheidungen ab, die wir treffen.“ (99) hier wird schon die individuelle verantwortung aus der aufklärung seiner zeit ins eigene denken gepflanzt.

gegen ende des romans dann die abrundung in form einer kirchenkritik: „Wir können nicht immer alles als gottgegeben hinnehmen. Gott hat uns nicht nur unseren Platz, er hat uns auch unseren Verstand gegeben. Er wird wollen, dass wir ihn einsetzen.“ (263), um aus der selbst verschuldeten unmündigkeit hinauszufinden, wie es Emmanuel Kant so schön formuliert hat.

und eine weitere figur, Tilla, die jüngste schwester von Agnes, die allerdings frei erfunden ist, wie Cordula Broicher uns gesteht, weist ebenfalls in die zukunft, hinaus aus den tradierten verhältnissen. Tilla ist noch ein kind, das keine ironie versteht. wenn einer sprichwörtlich den bock zum gärtner machen will, so notiert die autorin: „Wieder einmal verstand Tilla nicht, was ein Bock im Garten zu suchen hatte …“ (238) sie versteht die sprüche direkt und naiv, dabei aber eine große unschuld und direktheit verkündend. „Warum lässt Gott es zu, dass sich die Menschen gegenseitig totschießen?“ (271) eine frage, die frömmelei und bigotterie ganz nebenbei gnadenlos entlarvt. folgerichtig erkennt sie auch die situation ihrer schwestern in den zweckehen und meint: „Am liebsten würde sie gar nicht heiraten, sondern zur Schule gehen. Nach Köln ins Gymnasium. …“ (310) also nicht ins kloster wie damals üblich.

Tilla wird am rande dieses romans entwickelt. sie gibt uns auktorial viel information aus dem munde eines kindes. das kam gut an. im gespräch lies Cordula Broicher durchblicken, dass eine fortsetzung des familienromans bereits im kopfe ist und dabei wird Tilla eine gewichtige rolle spielen.

wir wünschen der autorin die kreativität, aus den wenigen überkommenen akten der eigenen familiengeschichte eine spannende fortsetzung des romans zu gestalten, der wieder leichtfüßig und unaufdringlich korrekte historie und stilvolle fantasie kombiniert – uns zum genüsslichen lesen mit aha-effekten.

© 27.08.2016 brmu
Zitate per Seitenzahl aus: Cordula Broicher, Wind von Westen, Books on Demand 2014

 

Kommentare 1

Gäste - Broicher am Dienstag, 30. August 2016 08:58

Vielen Dank für die nette Atmosphäre bei einer lockeren Fragerunde. Ich habe mich bei Ihnen sehr wohl gefühlt.
Den Beitrag habe ich auf Facebook geteilt.
Herzliche Grüße,
Cordula Broicher

Vielen Dank für die nette Atmosphäre bei einer lockeren Fragerunde. Ich habe mich bei Ihnen sehr wohl gefühlt. Den Beitrag habe ich auf Facebook geteilt. Herzliche Grüße, Cordula Broicher
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Freitag, 28. April 2017

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