litbiss.de

Isolde Ahr fasst sich kurz

info: wir treffen uns wieder am Freitag, den 12. Juni 2015 um 16 Uhr in der Stadtbibliothek Bergheim und diskutieren mit Andreas Rumler über „Johann Wolfgang Goethe – Dichter – Staatsmann – Universalgenie“, 2014 in der Weimarer Verlagsgesellschaft erschienen.

am 15. Mai 2015 hatten wir uns mit den kurzgeschichten von Isolde Ahr, versammelt in dem band „Du & andere Irrtümer“ beschäftigt und ausgiebig mit der autorin parliert. die 50 wirklich kurzen geschichten reflektieren alle möglichen situationen des alltäglichen oder auch nicht alltäglichen lebens: von psychologie bis zur fantastik (magischer realismus), von krisen und mutigem verhalten, von gewalt gegen menschen und liebe mit menschen, von katastrophen in beziehungen und sex in allen lebenslagen. wir konnten feststellen, dass die themen um krisen und gewalt den löwenanteil darstellen, in gewisser weise unsere aktuelle gesellschaft spiegelnd.

vielen geschichten ist ein die leser/innen überraschendes bauprinzip inne: die geschichte entwickelt sich auf bekannten wegen zu einem dramaturgischen höhepunkt hin, um sich dann am kipppunkt völlig anders darzustellen. sie wolle das so, meinte frau Ahr. nach einer idee konstruiere sie ihre kurzgeschichten vom ende her, ganz bewusst die verblüffung der leser/innen provozierend und einbeziehend. denn das leben sei ja auch voller überraschungen.

das bauprinzip haben wir an der ultrakurzen geschichte „Die Lichtung“ (seite 70) erfahren:

Als du deinen Arm um mich legtest,
erwachte ich,

war wieder in der kleinen Lichtung mitten im Wald,
spürte die warmen Strahlen der Abendsonne,
fühlte den leisen Wind auf meiner Haut,
sah das lichthelle Grün der Buchenblätter.

Spitze Grashalme bohrten sich in meinen Rücken,
ein Käfer krabbelte über meinen nackten Schenkel.

Wir lagen auf einer Ameisenstraße.

Ach, hättest du nie deinen Arm um mich gelegt.

zunächst erscheint der text wie ein prosagedicht, es geht um gefühle der schönen art, denkt man und schwelgt schon in eigenen erinnerungen. die metaphern der naturverbundenheit wie sonne, wind, blätter, wald auf der haut skizzieren ein wohlgefühl. im übergang dräuen spitze grashalme, aber das ist halt so in wald und wiesen. die leser/innen lächeln seelig weiter. der „nackte Schenkel“ weist auf Amouröses hin, wer wäre nicht da gerne käfer! lässt da etwa Kafka grüßen?

während wir noch darüber grübeln: macht sich die „Ameisenstraße“ bemerkbar, sie nötigt uns ein wissendes grinsen ab: pech gehabt, mir wär’ das aber nicht passiert! Ätzsch!

und das erwachen in die realität ist ein brutaler kipppunkt, der alles in ein neues, anders zu interpretierendes licht taucht. der seufzer, „Ach“, eine schon fast vergessene form der reflexionseinleitung, führt zu der kruden erkenntnis: „hättest du nie deinen Arm um mich gelegt.“ wir sind „angepisst“ wie es die ameisen tun.

man legt die 67 worte entgeistert weg, schaut auf und denkt: was mag da vorgefallen sein, dass die uns so anheimelnd erinnerte vergangenheit des LI (lyrisches ich, geschlecht nicht auszumachen) plötzlich in solche ernüchterung umschlägt. welche lebenslüge steckt dahinter? wollen wir mehr über den prozess des erinnerns erfahren, so nehme man Julian Barnes in die hand, „Vom Ende einer Geschichte“. dort wird auf 182 seiten derselbe prozess in anderem zusammenhang geschildert (lies hier).

lyrikern fließt der stoff über das, was menschen zusammenhält, konzentriert und in wenigen versen kondensiert auf das papier. einen hauch davon erfahren wir in dem „prosagedicht“ von Isolde Ahr, versteckt in ihrer kurzgeschichtensammlung. es gilt noch drei weitere dort zu entdecken. wer suchet, der findet – sich, wie es Isolde Ahr in ihrem bewegten leben mit dem schreiben gelungen ist.

wenn Isolde Ahr vorliest, dann verleiht sie den schlicht beschreibenden sätzen in den kurzgeschichten ihr buntes leben. lyrik erfordert genau das: emphatisches lesen, bühnenreif sozusagen. auch da hat man den eindruck, dass lyrik der autorin nichts unbekanntes ist. man lese in den beiden bänden: „zufrieden und zerrissen“ (2000) und „Trau dich, Frau“ (1998), beide im ferber-verlag köln, eine mischung aus lyrik und prosa, die nicht aufgegeben werden sollte.

in der schublade liegen noch viele andere, unveröffentlichte geschichten, die das strenge lektorat ihres lebenspartners, in sachen lyrik unterwegs, passiert haben. möge sich der verlag durchsetzen und ein weiterer band aus der druckerpresse das licht der leserwelt erblicken.

© 18.05.2015 brmu

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Freitag, 28. April 2017

Sicherheitscode (Captcha)