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Schulz und die Dritte Halbzeit

„Eltern haften für ihre Kinder.“ das steht als obligates schild an baustellen und anderen gefahrenstellen, nur nicht an den schauplätzen des vorliegenden romans "Anpfiff Dritte Halbzeit" von Heike Schulz.

wir haben es dort mit der so genannten hooligan–szene zu tun, die im gefolge des fußballsports eines erfundenen Kölner fußballvereins, dem SC Germania Köln 09, ihr unwesen treibt. man poliert sich im nachgang zu offiziellen spielen mit hooligans der gegenseite gerne und freiwillig die fresse und richtet dabei kollateralschäden an.

so auch der protagonist Veit Effertz, „Fighter“ bei Injury Time Co­logne (ITC), jener hooligan-gruppe, die in dem roman eine zentrale rolle spielt. Veit ist ein harter typ mit weichem kern, der in dem mo­ment zutage tritt, als ihm mit Lara, einer cellospielerin, in der s-bahn sprichwörtlich eine andere welt in die arme fällt.

fortan können wir ihn mit zwei wertesystemen kämpfen sehen, denn Benno, sein ihm zugetaner meister in der lehrwerkstatt, mahnt: Keine Ahnung, in was du jedes Mal hineingerätst, aber wenn du so weitermachst, nimmt es noch ein schlimmes Ende mit dir.“ (87) eine spannung aufbauende prophetie.

und es kommt knüppeldick. denn Veit, der gerne spürte, wie sich das Adrenalin in seiner Blutbahn ausbreitete (55), der gerne im Freuden­taumel zu einer tosenden Masse verschmolz, nicht mehr nur ein Einzelner war, sondern zu einem Bestandteil einer einzigen Macht wurde, der sich in diesem Moment geborgen fühlte, in der fast grenzenlosen Energie, die sich unaufhaltsam ihren Weg nach draußen bahnte und entladen wollte (56).

dieser 17jährige muss allmählich erkennen, dass die wochenendbetätigung des ITC einen schweren Schaden verursacht hat. der bruder der angebeteten Lara, Laurien, wird von einem ITC-mitglied brutal niedergeschlagen und liegt im koma.

hat der roman bislang wie eine millieustudie die sprache, denke und handlungsweise einer hooligan-gang illustriert, hat er die schnittstelle zu einer love-story mit Veit zu Lara angerissen, so nimmt er nun krimiaspekte auf, treibt die handlung auf eine dritte ebene. wer war der mörderisch veranlagte hooligan, ja war vielleicht der protagonist selbst daran beteiligt? die handlung entwickelt einen sog.

als es endlich zur beichte kommt und Veit der Lara die ganzen zusammenhänge gesteht, dabei zum ersten mal Ich liebe dich (203) wimmert, wird die spannung noch einmal gesteigert, denn Lara schaut ihn lange an und sagt: Drauf geschissen. (203). wie das nun weitergeht, möge jede/r selber lesen. es bleibt noch genug übrig.

der roman ist zwar für die zielgruppe der jugendlichen geschrieben, aber er zeigt auch deutlich gesellschaftlich relevante aspekte auf. wie kann so ein unwesen des hooliganismus sich entwickeln, wenn nicht elementare fehler in der sozialisierung, beginnend im elternhaus, platz greifen.

hier bietet die autorin nun ein muster des entkommens an: ein neues wertesystem muss her. im falle des romans ist es die liebe zu Lara und die damit einhergehende beobachtung eigener, nicht brutaler wesensmerkmale. Zu beobachten, wie liebevoll sie mit den kleinen Kaninchen kuschelte, wärmte mir das Herz (122), wohl gemerkt das herz des fighters Veit. oder seine künstlerische ader: Wenn ich es richtig machte, hauchte ich dem Holz unter meinen Händen eine Seele ein (125).

diese handlungsalternativen brauchen allerdings ihre anerkennung, sprich die wertschätzende aufmerksamkeit der mitwelt. und daran hapert es oftmals. wenn es aber gelingt, dann gibt es eine gute Gelegenheit also, um einen Neuanfang zu machen. Zum Beispiel ein Leben ohne Schlägerei. (191) ohne einsatz geht es aber nicht: Ich habe selber eine Angst. Eine Scheißangst sogar. (202) zurecht, denn der show down kann im buch nachgelesen werden.

in der diskussion fanden wir den roman von Heike Schulz sehr geeignet, in schulen eingang zu finden, die heutzutage einen großteil der sozialisation übernehmen (müssen). er hat das potenzial wie „Die Welle“ von Morton Rhue (1981) als orientierung für die grundlegenden muster des handelns und unterlassens in der gesellschaft zu fungieren. obwohl, wie die autorin in unserem gespräch betonte, sie keinen erhobenen zeigefinger schreiben wollte. ganz recht, das käme auch nicht an!

bleibt die frage, warum die fußballszene so hooligananfällig ist und andere sportarten nicht. liegt es an der art des sportes, an dem großen geschäft mit fußball oder an der wesentlich erhöhten, öffentlichen aufmerksamkeit durch die medien? wir fanden keine antwort.

© 01.02.2016 brmu

 

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