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zettel ververst

 Polander WP 20160701 006a

2016 foto C. Zielosko: brmu mit Rolf Polander im gespräch

littreff.medio beschäftigte sich am 1. Juli 2016 mit dem neuen gedichtband von Rolf Polander (RoPo), In Versen verzettelt. der autor gab uns bereitwillig einblick in seine dichter-werkstatt, hier als fiktives interview wiedergegeben. die antworten des autors entstammen seiner kurzen rede vom blatte.

brmu:              wer gedichte schreibt, der möchte etwas ausdrücken. sie auch?

RoPo:              Die allzu oft gestellte Frage nach dem Inhalt, dem Sinn oder der Aussage eines Gedichts muss beinahe zwangsläufig ins Leere laufen, weil das Gedicht immer ein Ganzes ist, keine mit beliebigem Sinn oder Inhalt gefüllte Form.

brmu:              wollen sie uns das näher erklären?

RoPo:              Um es einmal mit einem banalen alltäglichen Bild auszudrücken: ein Gedicht ist kein Topf mit etwas drin, das Sie, wenn Sie den Deckel heben, sehen, riechen und schmecken können. ein Gedicht funktioniert – wenn es denn funktioniert – genau in entgegengesetzter Weise.

brmu:              die wäre?

RoPo:              Das, was Sie von ihm als Erstes wahrnehmen und was seinen „Geruch“ und seinen „Geschmack“ ausmacht, ist nicht die Suppe, sondern der ganze Topf.

brmu:              aha! ich übersetzte: beim lesen keine reduktionistische sicht anlegen.

RoPo:              Sie erleben die Form, das rhythmische Klangbild immer zusammen mit dem, was ihm vielleicht – vielleicht auch nicht – an Bedeutung anhaftet. das Gedicht ist, wenn sie es hören, Klang und Rhythmus. Das spüren Sie auch noch beim Lesen gedruckter Verse, die ja nichts anderes sind als eine mit Buchstaben gemalte Abbildung eines Klangbildes.

brmu:              das ist jetzt eine anleihe bei der musik, da zählt der gesamte eindruck eher emotional. haben denn gedichte keine rationalen anteile?

RoPo:              Wenn Sie darauf bestehen, so etwas wie Sinn oder Inhalt in einem Gedicht zu suchen, dürfen Sie das natürlich tun, und irgendetwas werden Sie sicherlich auch finden. Das wird vielleicht wenig mit dem zu tun haben, was der Dichter selbst sich dabei gedacht hat, es ist oft einfach das, was Sie sich dabei denken, und das ist überhaupt nicht schlimm. Niemand kann Ihnen verbieten, sich etwas dabei zu denken! Die Dichter allerdings sind so rücksichtsvoll, dass sie den Leuten nicht gerne vorschreiben, was sie denken sollen und verstecken sich lieber hinter ihren Versen.

brmu:              schlau. schlau. wörter und satzkonstruktionen bewusst einer unschärfe der bedeutung anheim fallen lassen. was dachte sich Gertrude Stein wohl bei der berühmten verszeile: „rose is a rose is a rose is a rose“?

RoPo:              Nun, mir scheint dieser Satz die Aufforderung zu enthalten, nicht zu fragen, was die Rose bedeutet, sondern die Rose als das zu sehen, was sie wirklich ist, nämlich eine Rose und nichts anderes. Natürlich haben auch Dichter manchmal Gedanken; aber sie wissen: aus Gedanken macht man keine Gedichte, Gedichte werden aus Wörtern gemacht, denn im Gedicht ist Form nicht Gefäß für einen Inhalt, Form und Inhalt sind im Gedicht eins.

brmu:              das kann man anders sehen: wörter sind phonetische gedankensplitter, sätze gedanken, texte gedankengänge. ohne denken geht gar nichts. die poetik kennt gedichtformen oder –gefäße, ich nenne nur einmal das sonnett, die das dialektisches denken gut zum ausdruck bringen.

RoPo:              Der Dichter schiebt, auch wenn er ein Thema hat und über etwas schreibt, die Gedanken darüber erst einmal auf die Seite und greift nach den Wörtern. Er dreht sie hin und her, formt sie zu Versen, lauscht, ob einem Vers ein anderer antwortet, lässt sich vom Rhythmus von Wort zu Wort, von Zeile zu Zeile tragen, und wenn die Wörter ihn in eine andere Richtung führen als er vielleicht beabsichtigt hat, folgt er ihnen willig, denn er weiß, nicht er oder seine Gedanken, die Wörter machen am Ende das Gedicht.

brmu:              also keine analytische herangehensweise? demnach wären die Dadaisten die puren gedichteschreiber, denn die haben sinn und bedeutung bewusst zertrümmert und nur noch phonetik übrig gelassen. ich erinnere auch noch an Ernst Jandl, der den sound der zeilen mochte.

RoPo:              Das analytische Vorgehen überlassen die Dichter gern den Schreibern von Abhandlungen und Essays. Gedichte entstehen durch freies Assoziieren und Aneinanderfügen des Gefundenen. Und weil Gedichte so gemacht werden, getraue ich mich zu behaupten, dass, wer sich ihnen auf ebendiese Weise nähert, sie so hört oder liest, dass er den Wörtern, ihrem Klang und Rhythmus folgt, der wird mehr davon haben als diejenigen, die immer gleich nach Aussage, Sinn und Inhalt fragen.

aussage, bedeutung, inhalt, sinn, und zweck der lyrik werden sehr heterogen erlebt. Heinrich Heine war sicherlich ein an inhalten und sinngebung orientierter dichter, Ernst Jandl eher mehr am lustigen sound und Wilhelm Busch bevorzugte die moritat, also die bedeutung mit lerninhalt. so lassen sich für die verschiedenen aspekte jeweils exponenten in der lyrik finden. mit Rolf Polander haben wir einen vertreter der sprachspieler, wörterwäger, satzsucher als ein medium der vervollkommnung am klangbaume reifender gedichte. hier ein selbstbekenntnis von RoPo:

Bekannte Dichter und ich

Besternt war nie mein Morgen,
weil ich zu lange penn’.
Da darf ich nicht erwarten,
dass mich die Leute kenn’n.

Aus meinem Munde ringelt
kein Natz sich aufs Papier,
und deshalb tut ihr alle,
als wär ich gar nicht hier.

Ich bin nicht Robert Gernhardt,
nie schrieb ich für „Pardon“,
dass ihr mich nicht so gern habt,
das kommt bestimmt davon.

Doch denk ich dran, dass jene
nun Erde deckt, will ich
nicht klagen, noch zu leben,
hat auch etwas für sich.

und als kostprobe der nicht gereimten gedichte eine reflektion über zielerreichung:

Dem Sieger

Die kleinen Wegwunder
hast du zertreten.

Das Zielband zerreißt,
wenn du es erreichst.

Was also
bleibt dir?

Wie auch immer Rolf Polander zu seinen gedichten kommt, per musenkuss beim morgentlichen erwachen oder durch beharrliche suche nach anklängen und ihnen folgenden anbauten von wörtern zu sätzen mit aussagen, die für uns inhalte sind, es lohnt sich, seine launig-luftigen gedichte immer mal wieder zu lesen. im heiteren liegt auch ein körnchen bedeutung.

© 12.07.2016 brmu
Rolf Polander, In Versen verzettelt – 77 Gedichte, Shaker Media Verlag 2016
Zitat: Gertrude Stein, Sacred Emily, 1913 in: Geography and Plays, 1922
(Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Rose_is_a_rose_is_a_rose_is_a_rose)

 

Kommentare 1

Gäste - brmu am Mittwoch, 13. Juli 2016 15:40

RoPo schrieb mir per E-Mail am 13.7.2016:
"Was ich formuliert habe, ist aus dem Ärger über die leider immer noch weit verbreitete Art der Gedichtrezeption gewachsen, die glaubt, Gedichtinterpretation sein zu müssen, was dazu führt, dass Gedichte wie verschlüsselte Botschaften gelesen werden. Hat man eine Botschaft herausgeschält oder erraten, glaubt man, das Gedicht begriffen zu haben und ist dem, was das Gedicht eigentlich ausmacht, keinen Schritt näher, sondern ferner denn je.
Natürlich gibt es Bedeutungen. Ich sprach davon, dass sie an den Wörtern haften, also nimmt, wer mit Wörtern arbeitet, sie zwangsläufig mit, sie sind nicht eindeutig, streiten miteinander, kehren sich um. Manchmal versucht man sie zu lenken, manchmal lässt man sie laufen. sie sind immer Teil des Gedichts, aber niemals ein herauslösbarer Teil. Das vollkommene Gedicht, das ohne sie auskäme ist ein kaum erreichbares Ziel, dazu ein paar Verse:

Das vollkommene Gedicht
oder: Was ein Gedicht will

Das vollkommene Gedicht hat keine Botschaft
und will uns nichts sagen.
Es hat keine Moral und keinen Sinn,
schon gar keinen tieferen,
nirgendwo dahinter und nicht zwischen den Zeilen.
Das vollkommene Gedicht hat keinerlei pädagogischen Wert,
es will Gedicht sein und sonst nichts.

Dies ist kein vollkommenes Gedicht.

Das Beispiel ist unter anderem deshalb kein vollkommenes Gedicht, weil es die Botschaft hat, Sinn und Botschaft zu negieren. Schon ist der Dichter in die Sinnfalle getappt!"

RoPo schrieb mir per E-Mail am 13.7.2016: "Was ich formuliert habe, ist aus dem Ärger über die leider immer noch weit verbreitete Art der Gedichtrezeption gewachsen, die glaubt, Gedichtinterpretation sein zu müssen, was dazu führt, dass Gedichte wie verschlüsselte Botschaften gelesen werden. Hat man eine Botschaft herausgeschält oder erraten, glaubt man, das Gedicht begriffen zu haben und ist dem, was das Gedicht eigentlich ausmacht, keinen Schritt näher, sondern ferner denn je. Natürlich gibt es Bedeutungen. Ich sprach davon, dass sie an den Wörtern haften, also nimmt, wer mit Wörtern arbeitet, sie zwangsläufig mit, sie sind nicht eindeutig, streiten miteinander, kehren sich um. Manchmal versucht man sie zu lenken, manchmal lässt man sie laufen. sie sind immer Teil des Gedichts, aber niemals ein herauslösbarer Teil. Das vollkommene Gedicht, das ohne sie auskäme ist ein kaum erreichbares Ziel, dazu ein paar Verse: Das vollkommene Gedicht oder: Was ein Gedicht will Das vollkommene Gedicht hat keine Botschaft und will uns nichts sagen. Es hat keine Moral und keinen Sinn, schon gar keinen tieferen, nirgendwo dahinter und nicht zwischen den Zeilen. Das vollkommene Gedicht hat keinerlei pädagogischen Wert, es will Gedicht sein und sonst nichts. Dies ist kein vollkommenes Gedicht. Das Beispiel ist unter anderem deshalb kein vollkommenes Gedicht, weil es die Botschaft hat, Sinn und Botschaft zu negieren. Schon ist der Dichter in die Sinnfalle getappt!"
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