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Polander desillusioniert

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© 2015 foto brmu: Rolf Polander

ein mensch wie du und ich, kein autistischer lyriker mit allüren, so nimmt RoPo, wie er sich selbst abkürzend nennt, an unserer diskussion zu sei­nem gedichtband “Unnütze Gedichte“ teil. der titel reizt direkt, zu fragen, wie denn einer sein buch als unnütz bezeichnen könne, wenn er darin die arbeit von jahren versammelt hat? das vorwort gibt einen hinweis auf den schalk im nacken: ja, er gebe sogar zu, sein buch sei unnütz und überflüssig. das ficht ihn aber gar nicht an, weil es ihm Spaß gemacht habe und er keine Reue empfinde. er lade alle ein, den gehabten Spaß mit mir zu teilen und diese unnütze Buch zu lesen.

das taten wir und kamen in eine erfreuliche diskussion, in deren verlaufe RoPo bekannte, seine gedichte im prinzip auf desillusionierung anzulegen. die leser/innen werden von vertrauten wortbildern eingefangen und dann ergibt sich meist ein kipppunkt, der das nachdenken und die möglichst andere sicht der dinge anstoßen soll. dies ganz nach art und vermögen der leser/innen. es gebe keine verabsolutierte botschaft seitens des autors.

in dieser weise haben wir uns unter anderen das gedicht „Bei Weberknechts1“ näher ange­sehen.

Herr Webeknecht, Frau Webermagd,
die fragen manchmal sich verzagt,
ob denn das Weberkinderheer
so gar nicht zu verhindern wär.

Doch alles bleibt nur Theorie.
Im Ernst versuchen sie es nie.
Sie dürfen doch als Katholiken
vorm Kinderkriegen sich nicht drücken.

in zwei strophen zu je vier versen in einfachem reimschema pro doppelvers wird der urgrund des ganzen dilemmas der menschheit eingefangen: die vermehrung zur masse!

das gedicht kommt artig daher, lädt via natur zum schmunzeln ein. denn mit dem weber­knecht korrespondiert die begrifflich nicht bekannte webermagd (nicht etwa weberfrau, da ja der herr fehlt!). Weberknechte (Opiliones spec., auch Schneider genannt) gehören zwar zu den spin­nen­tieren, sind aber nicht den webspinnen zuzurechnen.

Weberknechte haben im unterschied zu den spinnen einen penis, was die metapher in ihrem wert noch erhöht. somit hat der Weberknecht einen hinreichenden schauder an sich, wegen einer möglichen spinnenphobie des lesepublikums und der penis rückt sie in die nähe zum menschen, wegen des organs, welches das grundübel mit verursacht.

die webermagd ist natürlich ein wortspiel auf der basis knecht-magd, was die abhängigkeit von irgendetwas oder irgendwem überdeutlich anzeigt. wir haben es hier mit unfreien zu tun. die unfrei machende instanz wird in der zweiten strophe glasklar benannt: die religion.

das weberpärchen produziert ein weberkinderheer, das nicht zu verhindern wär. man denkt an schädlinge per se. die weberknechte sind zwar anders: sie fressen winzige gliederfüßler und abgestorbene pflanzenreste, haben also eine gewisse putzerfunktion in der natur. dennoch machen sie mit ihren langen beinen einen staksenden, lauernden eindruck. die metapher ist so spinnennah, dass sie wie diese wirkt: ekelerregend.

dergestalt eingestimmt tauchen wir in die zweite strophe ein und reiben uns die augen, denn wir merken allmählich, wir sind gemeint. Weberknechte haben gar keine theorien, das ist offen­sicht­lich ein anthropomorphes surrogat von hirnarbeit. der kipppunkt des verständnisses – und der lyriker legt offenbar durchweg wert auf die verstehbarkeit seiner gedichte – liegt zwischen den beiden strophen. „Grau ist alle Theorie“ sagte schon Goethes Faust und das klingt hier an, ein scheues zitat aus großer literatur.

die realtiät prallt dann mit voller wucht auf die leser/innen: Im Ernst versuchen sie es nie. so lakonisch wird über die menschheit geurteilt, so hart ist die tägliche erfahrung aus der welt. die menschen versuchen es nicht einmal, denn etwas hindert sie vehement. die das denken vernebelnde religion, wobei die Katholiken hier herhalten müssen für den typus des gläubigen an sich. es dürfen auch alle anderen mitglieder von glaubensinstitutionen sein, die ihren mitgliedern regelwerke auferlegen, die sie in fesseln halten.

dazu gehört u. a. das thema Kinderkriegen aus der letzten verszeile. wenn der weberknecht schon einen penis hat, so möchte er ihn auch gerne benutzen, was ohne verhütung zwangs­läufig zur weberkinderheer führt. die biologische ausstattung des Weberknechts war dem autor nicht bekannt, wie er bekannte, die metapher hat also mehr tiefgang, als von ihm selbst beabsichtigt. ein schönes beispiel für die eigenwirkung von literarischen produkten.

das wortbild „Weberkinderheer“ weist in mehren schichten auf seine verheerende bedeu­tung hin:

(a) das pure massenphänomen, das den elementen der masse, den individuen, ihren willen raubt und sie zum massenmensch macht (man lese: Le Bon, Psychologie der Massen);

(b) das gefährliche gewaltphänomen des kampfbereiten heeres, als eine form der alten kriegs­führung mit der austragung auf dem schlachtfeld, das für sich selber spricht;

(c) der anklang an heerschar als himmlisches symbol der verklärung (die heerschar der engel mit posaunen), womit religionen als transzendente belobigung für willfähriges verhalten dies­seits auf­warten.

(d) die extreme perfidie der kombination von „kind“ und „heer“, die auf die rekrutierung von so genannten kindersoldaten in einigen religiös gebeutelten weltgegenden in neuerer zeit hin­weist.

der autor bietet also in einer braven gedichtform mit naturlyriktouch einen gar nicht so braven inhalt, was mit neuen wortbildern zum ausdruck kommt.

ob das gedicht einer etwaigen zukünftigen familienplanung nützlich ist oder lediglich eine ge­wisse resonanz im kopf erzeugt, das müssen wir den leser/innen überlassen. das angebot steht jeden falles schwarz auf weis auf dem papier.

© 22.03.2015 brmu
zitat 1: Rolf Polander, Unnütze Gedichte, Shaker Media 2014, seite 17

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Schnabel lässt ermitteln / lt#13

info: wir treffen uns nach dem jahreswechsel im raum m1 der stadtbibliothek Bergheim am freitag, den 23. 01. 2015 um 16Uhr, um über das buch „Nullzeit“ von Juli Zeh aus dem Schöffling&Co. Verlag, 2012, zu diskutieren.

und das tat sich am 12. 12. 2014 bei brmu daheim:

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© foto 12.12.2014 brmu / Andreas Schnabel erzählt geschichten

Tod oder Finca“ (2009), finca oder leben, tod oder leben – schon der titel des ersten krimi­nal­romans aus der beim emons verlag erschienenen, inzwischen sechsbändigen reihe der „mallorca-krimis“ von Andreas Schnabel lässt aufhorchen. hier ist offenbar ein humorist am werke, der, wie er selbst von sich sagt, nicht fürs regal, sondern für die badetasche schreibe1. unterhaltung ist also sein ziel und die zielgruppe sind all jene, die kurzweil suchen, vorzugs­weise in südlichen gefilden wie in seinem geliebten Mallorca. seine krimis sind dazu bestens geeignet.

die initialzündung: ein graf, Ernst von Zastrow, reichlich gesegnet mit zaster, wird tot aufge­funden. seine agile und gut aussehende gattin, Rosa v. Z., reist aus Deutschland an, um das nicht unerhebliche erbe in form von riesigen ländereien auf Mallorca anzutreten. der schurke Sergeij Schokotoff, sohn eines veritablen russen-mafia-chefs in moskau, will sich auf der insel in einträglichen immobiliengeschäften, natürlich illegal, etablieren. schlüsselpersonen hat er bereits in der hand. wer nicht verkaufen will, der stirbt, ergo: tod oder finca! der amt­liche leichen­beschauer testiert stets natürliche todesursachen. sic!

die kette von todesereignissen kommt den beiden ermittlern, Garcia Vidal, comisario der mallor­qui­nischen national­polizei, und seinem kollegen, „el residente“ Michael (Miguel) Berger, offizieller mitarbeiter der policia national, „spanisch“ vor. sie ermitteln ungewöhn­lich: ein ferkel namens Filou, das der Rosa v. Z. zugelaufen ist, wird dank seines exzel­lenten riechorgans zum wertvollen „polizeihund“ und hilft, Rosa v. Z. im laufe der ereignisse das leben zu retten und die verbrecher zu stellen. der fall wird natürlich aufgeklärt, die ver­brecher erhalten ihre drastische strafe und unser protagonist Berger einen waffenschein, sowie eine lizenz als privatermittler.

der krimi ist also mit wasser gekocht, möchte man meinen. doch dies wässerchen sprudelt in lockeren dialogen spitzbübisch, gar manchmal schnoddrig dahin. es baut sich eine neugierig machende spannung zwischen den beiden hauptpersonen, Rosa v. Z. und Michael Berger auf, die geradzu nach fortsetzung heischt. „Was soll ich mit einem saumäßigen Liebhaber? Da gönne ich mir doch lieber einen guten Ermittler.“ (207) das merkt Rosa v. Z. lasziv an. man darf gespannt sein, welche der beiden eigenschaften sich bei Berger noch entwickeln wird. fünf weitere bände geben darüber auskunft!

Andreas Schnabel macht in unserer gesprächsrunde gar keinen hehl daraus, dass er als film-profi plots szenisch und figuren auf entwicklung hin angelegt hat. er arbeite mit drei bild­schirmen: der linke zeige seinen roten faden, der ihm immer anzeige, wo­hin die geschichte zu laufen hat, auf dem mittleren entstehe der text und auf dem rechten wird die fällige recherche betrieben. alle drei zusammen erfordern die volle konzentration, so dass er auch im trubel schreiben könne, er brauche keine dichterecke.

wer so vorgeht, der hat das gelernt. und wenn man Anderas Schnabel zum erzählen einlädt, dann spru­deln seine geschichten wie ein quell. als sohn der schauspielerin Dagmar Altrichter (1924-2010) geboren (1953), hat er von kindesbeinen an viel erlebt, was sich als eine lange girlande von recht amüsanten geschichten anhört.

als erwachsener hat er vom sanitäter, feuerwehrmann, taxifahrer, rund­funk­reporter, sport­redakteur, filmproduzent bis hin zum regisseur, in all diesen „jobs“ die kom­petenz erworben, die ihm als autor zugute kommt. und das nicht nur in seinen krimi­nal­roma­nen, sondern auch in viel gespielten theaterstücken von aktueller thematik („Amnesie“). und: er hat eine feder für knackige gedichte in der humoristischen tradition, die ihm sporadisch im kopfe herum geistern und die zu papier wollen, wie dieses, das er uns in der runde vorgetragen hat:

schicksal

ein kleines komma fühlt sich hingezogen,
zu einem punkt, gleich vis à vis.
vor lauter liebe ist es ganz verbogen,
und denkt an ihn nur voller poesie.

es muss an seiner alten stelle bleiben,
egal wie heiß es liebt, und dann,
wird es bestimmt noch wochen über leiden.
nur auf den satzbau kommt es nämlich an.

in seinen krimis kommt es auf die dialoge an, die seinen mutterwitz und seine menschen­freundlichkeit transportieren. wer die freude hat, Andreas Schnabel kennen zu lernen, der wird dies bestätigen können. seine kriminalistische schreibfreudigkeit ist aber nicht mit den mallorca-krimis erschöpft. in seinem neuesten, umfänglichen buch/krimi, „Braune Orchideen“, 2014 in der Monogramm Verlagsgesel­lschaft erschienen, ist er in süddeutschland einem furchtbaren, braunen geheimnis auf der spur. man lese und denke an die geschichte!

© 13.12.2014 brmu
1 Mallorca Magazin, Andreas Schnabel wird von Gabriele Kunze am 20.8.2009 interviewt.

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nachgetragen

zur vorbereitung der diskussionen über Jochen Schmidts buch „Schneckenmühle“ in unserem lesekreis in Bergheim hatte ich die redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers angeschrieben, wie denn die Prozedur der Wahl „Ein Buch für die Stadt“ in Köln ablaufe. am 13. 11. d.j. traf die antwort von Herrn Martin Oehlen, leiter der kulturabteilung, ein. hier seine antwort als zitat:

„Die Jury besteht aus drei Personen: Aus je einem Vertreter/einer Vertreterin des Literaturhaus Köln und des Kölner Stadt-Anzeiger, die ja beide Veranstalter der Aktion sind, sowie einem externen Juror/einer externen Jurorin. In diesem Jahr waren es Frau Bettina Fischer, Frau Hildegund Laaff von der Lengfeld’schen Buchhandlung und ich. Im vergangenen Jahr war der Externe der Buchhändler Klaus Bittner.

Bei der Auswahl des Buches ist uns neben der literarischen Qualität wichtig, dass wir damit jeweils ein Thema verbinden können, das im Laufe einer Woche bei den Veranstaltungen vielfältig gespiegelt werden kann. In diesem Jahr, bei der „Schneckenmühle“ von Jochen Schmidt, ist es der Mauerfall und der Blick zurück auf die DDR. Ausdrücklich soll es keine Neuerscheinung sein, sondern ein Buch, auf das wir aufmerksam machen wollen, weil wir es für wert halten, nicht vergessen zu werden. Auch wollen wir sowohl Autoren aus der Region (Becker, Scheuer etc.) wie aus der internationalen Szene (Murakami, Pamuk etc.) aufbieten. Ein schlichtes Kriterium, das im Laufe der Jahre wichtiger geworden ist: Das ausgewählte Buch sollte einen Umfang haben, der nicht abschreckend wirkt. Nicht zuletzt sollte es im Idealfall in Lesekreisen ebenso Anklang finden wie an den Schulen, also möglichst viele Interessenten erreichen. Bei alledem wird, wie gesagt, groß geschrieben: die literarische Qualität.“

die antwort von herrn Oehlen erfreut, zeigen sich doch deutliche parallelen zur konzeption von littreff.medio. die regionalität wie über-regionalität der autorinnen und autoren, der umfang der werke in novellenstärke, die ansprache der themen von interesse und die verfügbarkeit des werkes (preis als tb) – das sind die gut zu klärenden, ganz pragmatischen aspekte.

was die literarische qualität der auszuwählenden werke angeht, da befinden wir uns auf dem schwierigen feld der rezension. was ist literarische qualität? damit beschäftigen sich recht kontrovers heerscharen von germanisten. da hilft nur eines: die jury des Kölner Stadt-Anzeigers, literaturhauses köln und jeweils einer buchhandlung, alle drei in vertretung des literaturbetriebes, hat „ihre“ kriterien, die sie uns nicht offen legen.

wir als die rezipierende leserschaft bei littreff.medio „unsere“, die wir nicht fixieren. darin liegt das spannende der lesearbeit, unserer diskussionsfreude und schließlich die leselust. in summa: qualität ist, was bei bestimmungsgemäßen gebrauch über lange zeiten bestand hat. der bestimmungsgemäße gebrauch von literatur ist eine weise, die welt zu sehen und sich darin zu verorten. die kriterien dazu sind wandelbar. je differenzierter dies geschieht, umso anregender für alle.

dem Kölner Stadt-Anzeiger, insbesondere Herrn Martin Oehlen, sei dank für die offene antwort auf unsere frage: wie kommt es im rahmen der jährlichen leseaktion zu dem buch für die stadt Köln?

© 14.11.2014 brmu

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littreff#11 Schneckenmühle

alljährlich ein buch für die stadt, so will es der Kölner Stadt-Anzeiger und das literatur­haus köln. „Dieser großartige Roman ist im 25. Jahr nach dem Mauerfall das Buch für die Stadt in Köln und der Region. … Ziel ist es, die Leselust zu fördern und das Literatur­interesse zu befeuern. Mit … sind die dafür erforderlichen Voraussetzungen hervorragend erfüllt.“ so das zitat aus dem vorwort des romans von Jochen Schmidt, Schneckenmühle – Langsame Runde "Ein Buch für die Stadt", 2014 erschienen bei C.H. Beck als taschen­buch­ausgabe, seite 3.

wir haben uns abgemüht herauszufinden, was diese voraussetzungen wohl sind. vier aspekte haben uns dabei geholfen. (1) sachlich passiert nicht viel. es wird ein ferienlager beschrieben, darin sich pupertierende jugendliche beiderlei geschlechts begegnen. aus sicht des 14jährigen Jens wird der alltag im lager in alters-typischer sprücheklopferei reflektiert.

(2) was der autor von sich aus preisgibt, das lesen wir als auktoriale stimme, oft im nachsatz zu den schnoddrigen überlegungen von Jens, was manchmal altklug anmutet. diese gedachten bemerkungen sind samt und sonders kritischer art zu den verhältnissen in seinem staat. laut geäußert werden sie weniger, die „basteltante“ ist als vertrauensstelle eine ausnahme.

(3) was wir als leser/innen von dem buch haben. wir stellen einen hohen wiederer­kennungswert in der figur des Jens und den beschriebenen situationen fest, ergo ein gelungener ferienlager-roman, oder? da ist doch noch etwas! der rahmen, den der autor gesetzt hat: die situation des bevorstehenden mauerfalls am 9.11.1989. das wird in dem buch ganz klug nur gelegentlich gestreift, ohne jeden fingerzeig auf belehrungen. wir sollen selber denken, gewichten und zu schlüssen kommen. völlig unprätentiös wird mit der figur des Jens ein spottlicht auf die damaligen vorgänge gerichtet. was so viele jugendliche in ferienlagern, hüben wie drüben, erlebt haben, beim leser vor allem ein hohes maß an resonanz erzeugend, das ist das vehikel für ein verständnis der geschichtlich besonderen situation des mauerfalls. im leisen spott lag die distanz zum system.

(4) was wir mit dem buch anfangen sollen. ein roman im sinne der differenzierung der weltsicht, beleibe aber kein schönfärberischer roman der DDR-zeiten. auch keine bewältigungsliteratur – einfach die sicht eines durch das elternhaus immunisierten, jungen menschen, der sich durch eine gewisse distanz als frühreife attitüte auszeichnet. bildung lohnt sich (hier als symbol die mathematik als ideologiefreie wissenschaft), selber denken lohnt sich, skeptisch sein lohnt sich. der lohn ist die innere unabhängigkeit, die Camus als revolte gegen die zumutungen des systems beschrieben hat.

eine frage blieb ungeklärt: wird hier etwa an dem mythos gestrickt, dass die christlichen „kreise“ der treiber in der wendezeit waren? denn das elternhaus von Jens war christlich, er glaubte an Gott und „schließlich muß man als Christ doppelt so gut sein wie die anderen, das schärft uns unsere Mutter immer ein.“ (148)

auch wird die frage, wie das ferienlager zu dem namen kam, wohl unbeantwortet bleiben.

© 01.11.2014 brmu

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littreff#10 Henn und seine Krimis

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© Foto Joachim Röhrig / KSTA , mit seiner Erlaubnis gepostet

krimis, ist das nicht trivialliteratur? mag sein, aber wenn sie so daher kommen wie aus der feder von Carsten Sebastian Henn, dann darf man aufmerken. sie sind wie ein gemenge, in dem man edles finden kann.

wir haben uns denjenigen kriminalroman vorgenommen, der die reihe der kulinarischen krimis begründet hat: In vino vertitas, im wein sei die wahrheit. das als zuversichtlicher wunsch an die adresse der kriminalkomissarin von Reuschenberg. sie versucht, eine reihe von morden aufzuklären, die an verschiedenen orten entlang dem schönen Ahrtal geschehen sind.

Julius Eichendorff, über unbekannte verschlingungen des schicksals mit dem romantischen dichter Eichendorff verwandt, begnadeter koch und erfolgreicher restaurantbesitzer in Heppingen, gerät in den sog der kriminellen handlungen. seine großcousine Gisela, enkelin des bruders seines großvaters, gerät unter verdacht, den mord an ihrem ehemann, dem außerordentlich erfolgreichen winzer und kotzbrocken Siegfried Schulz-Nögel, begangen zu haben.

eine unterhaltsame jagd auf den mörder beginnt, nicht ohne einen schuss humor und lockerheit. und weitere leichen säumen den weg. es irrt ein pensionierter oberstudienrat in roten socken durch das bild, römische fundamentreste suchend. es raunt ein verdruckster notar von geplatzten verträgen. eine frauenstimme mit kölschem singsang denunziert Gisela als täterin. eine totentrompete weist den weg zur leiche des französischen praktikanten. ein hund steckt im entrepper.

und bei allen verwicklungen lernen wir wichtiges über die weinherstellung und die damals – der krimi ist 2003 erschienen – revolutionäre umkehrosmose. CSH hat das ohr am puls der zeit! die winzer im ahrtal auch?

Julius, der koch, überrascht mit Schubert und anderen komponisten als inspiratoren seiner menuegänge, herr bimmel, Julius’ kater, schnurrt ihn zur idee der abschließenden suppe und der dichter Eichendorff wird zitiert, passend oder nicht.

so wird eine ganze region launig dargestellt. der sog der geschichte ist der plot um die morde und am ende gibt es eine gehörige überraschung. aus der bislang gemütlichen detektivgeschichte wird plötzlich ein thriller, denn Julius muss um sein leben bangen.

alles in allem hat man mit dem kriminalroman eine gute grundlage, das ahrtal zu erkunden und die konkreten orte aufzusuchen, denn im klartext stehen oftmals klarnamen: weine, restaurants, produkte, orte. die entsprechende karte ist dem buch eingedruckt.

das ist auch der grund, warum CSH für seine krimis aus dem Ahrtal nicht angefeindet wird. die balance von notwendigem kriminellen geschehen und liebevoller darstellung der region ist attraktiv und werbewirksam.

CSH folgt diesem trend und hat schon sechs weitere folgen um den koch-detektiv Julius Eichendorff geschrieben. das tut er nachts, wie er betont, weil sein job als weinexperte und restauranttester und das privatleben mit der familie ihm tagsüber keine ruhe und gelegenheit dazu lassen. die nähe zur musik ist auch gegeben, sie inspiriere ihn und lyrik hat er schon in frühen tagen seiner schriftstellerischen anfänge veröffentlicht.

so finden wir die frage, was denn der autor in seinem werk von sich preis gäbe, in den krimis um J. E. gut beantwortet: eine menge. CSH hat dies nicht abgestritten. ein sympatischer autor, dem der erfolg nicht zu kopfe gestiegen ist, und der sich auch mit den leserinnen und lesern noch auf augenhöhe verständigen kann und will. dafür gebührt ihm unser dank und der wunsch nach mehr. es lebe Julius Eichendorff!

Wir treffen uns wieder am 31.10.2014 zur selben Zeit am selben Ort wieder. Die Lektüre: Jochen Schmidt, Schneckenmühle, TB im Rahmen "Ein Buch für die Stadt".

Hinweis: J. Schmidt liest aus und disktuert über sein Buch in der Buchhandlung Brockmann in Brühl am 13.11.2014 ab 19:30 Uhr, Kartenvorverkauf beachten.

© 01.10.2014 brmu

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littreff#9 Everts' großonkel

nach der sommerpause hatten wir uns am freitag, den 29. 08. 2014 getroffen und uns zeit genommen, in einer angeregten diskussion das konzept von littreff.medio zu überdenken und anpassungen vorzuschlagen. darüber wird noch zu berichten sein.

von den vier autor/inn/en, deren kurze geschichten wir besprechen wollten, ist deswegen nur einer an die reihe gekommen: Evert Everts mit seiner historisierten kalendergeschichte „Eine Postkarte aus Nanking“, veröffentlicht in: Ostfreesland 2013 - Kalender für Ostfriesland, Verlag Soltau Kurier 2012.

der ich-erzähler, im laufe des textes unschwer als der autor zu identifizieren, findet auf dem dachboden einen karton, in dem erinnerungsstücke aufbewahrt werden. im gespräch zwinkert Everts mir zu und spricht von der freiheit des autors und kunstgriffen in geschichten. dieser karton nun entgleitet seiner hand und alles liegt ausgebreitet auf dem boden, ausgebreitet wie die geschichten, die nun jene fotos und briefe erzählen. sie kombinieren sich mit den erinnerungen des ich-erzählers aus seiner kinderzeit und alles fokussiert sich auf den großonkel, der den uns nicht so geläufigen, nordfriesischen vornamen „Weert“ hat, hier vielleicht eine anspielung auf den gleichklang des begriffs „wert“ (im leben).

überhaupt spielt das friesische, wertbestimmte gemüt in der geschichte eine starke rolle. der großonkel will aus dem ich-erzähler einen tüchtigen jungen machen und lehrt ihn das rudern und jagen in heimatlichen gefilden, er verteidigt ihn gegen eine rüde dreierbande von jungs, die darob mit ihrem boot kentern und ins wasser fallen, was ohne folgen bleibt. viele jahre später ist er es, der als oberbootsmann der kaiserlichen marine auf befehl am 17. 10. 1914 die letzten drei torpedos des torpedobootes S 90 vor Tsiangtau abfeuert und den japani­schen kreuzer Takachiho versenkt. dies trauma verlässt ihn nicht mehr, versiegelt seinen mund, denn 271 tote sind eine schwere last.

aller guten thing sind drei, sagten die alten germanen und meinten die dreimalige vorladung, ehe auch in abwesenheit gerichtet werden konnte. und die zeit sitzt immer zu gericht über unsere taten und unterlassungen. der onkel ahnt das und fragt eingangs: „Warum hast du mich nicht besucht?“ die frage nach dem grund fehlender besuche oder ein vorwurf an die unbekümmertheit der nach­kommen. gar ein notruf zu reden? hier finden wir den typus dessen, was jetzt bei soldaten allgemein posttraumatisches belastungssyndrom genannt wird. keiner, der schießt, bleibt unbehelligt von seinem gewissen, wenn er in die zivilgesellschaft zurückkehrt, ob als krüppel oder gesund. die warum-fragen enden nicht. hierzu hat Sabine Bode in ihren büchern wichtiges zu sagen.

aber geredet und verarbeitet wurde nicht, weder während noch nach der kriegszeit. „Ein einziges Mal nur, ließ er sein Abscheu gegenüber allem Militärischen erkennen.“ das aus einem fast schon satirereifen grund: sein antrag „die Bootsmannsuniform mit einem Offi­ziershosenverschluss zu versehen“ wurde abgelehnt. „Als ob Offiziere bequemere Hosenver­schlüsse haben müßten.“ eine subtile rebellion in der absurdität des militärischen. Camus hätte seine freude daran. die geschichte geht ihren gang und: „Aus dem Schrank nahm ich eine japanische Teekanne, goß den Tee auf, füllte ihn in eine Tasse.“ man darf raten, ob es ost­frie­sentee war, mit oder ohne rum.

© 31.08.2014 brmu

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Mödder.spödder littreff#7

G.Mödder

© foto 27.06.2014 Dr. R. Hahn / der Schriftsteller Gynter Mödder in der Diskussion bei littreff.medio, diesmal in der bibliothek

satire stählt den geist – und Gynter Mödder, arzt, schriftsteller, sprecher des „Autorenkreises Rhein-Erft" (ARE), hat viel stahl in sein satirischen werk „Gullivers fünfte Reise oder die Tyrannei der Alten“, erschienen im Ralf Liebe Verlag 2005, eingebaut: anspielungen, clownerien, kalauer, wortdreher, worträtsel, zitate, alles im laufenden druckbild über 350 seiten verteilt. kein satz, der nicht bisse oder zum nachdenke reize. auch lachen sei erlaubt. wer durchhält wird belohnt.

congenial wird Jonathan Swift von Gynter Mödder fortgeschrieben. Swifts Gulliver hat nur vier reisen unternommen, eine jede satire an und für sich. nun lesen wir die fünfte und merken, dass sie kein misanthrop (wie Swift einer war), geschrieben hat. wie auch, denn ein arzt kann nicht menschenfeid sein, wenn er seinen beruft und eid wahrlich praktizieren will. für den menschen macht er drei schritte: zuerst die anamnese, die die hintergründe der lebenweise des potenziellen patienten mensch ausleuchtet, dann eine diagnose, die art und weise der krankheit eingrenzen hilft – und die therapie überlässt er den leser/innen, uns, die wir mit dem buche heilung erhalten.

heilung von der ewigen dummheit der menschen, indem er uns den spiegel vorhält: so seid ihr und nicht anders! wir leser/innen geben es zu, es tut oftmals weh. wer will schon über seine, wenn auch literarisch zugespitzten schwächen am feierabendkamin lesen? wer es will, ist schon einen heilenden schritt weiter. sinn und zweck der satire sind verstanden, ein teil der therapie.

es ist für alle bereiche medizin enthalten: forschung&entwicklung, wissenschaft&technik, kunst&kultur, spiel&sport und alt&jung – minenfelder gesellschaftlichen (miss)verstehens und handelns oder unterlassens.

besonders der konflikt zwischen den immer länger überlebenden alten und den ins hintertreffen geratenden jungen wird in Mödders satire in drei kapiteln radikal bis zum bürgerkrieg entwickelt. man bedenke: nichts ist unmöglich.

ein werk mit schwerer kost. da ist der leser/innen versuchung groß, statt dessen zu einem roman zu greifen und sich an gefälligerer lektüre zu wärmen, ebenfalls am feierabendkamin. Gynter Mödder ging es nie um auflagen, es geht ihm um bildung und einsicht, auf das niemand sage, sie oder er habe es nicht gewusst – was die welt so im innersten zu bieten hat.

© 02.03.2014 brmu

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littreff#6 Ikarus frei nach Kutsch

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© 04.04.2014 / foto brmu / Axel Kutsch* hört zu

jahrgang ’45, die wirren des krieges nicht in den knochen, doch aber noch an den versen, entscheidet sich der junge Axel Kutsch, 1969 journalist zu werden. nach zwei jahren volontariat wird er redakteur und bleibt diesem beruf in verschiedenen tageszeitungen insgesamt 30 jahre treu, davon ganze 20 jahre beim Kölner Stadt-Anzeiger. Axel Kutsch ist also ein journalist durch und durch.

aber das professionelle schreiben um das zeilenhonorar weckt früh auch den wunsch, andere zeilen zu füllen. anfang der 80ger jahre folgen in guter regelmäßigkeit gedichtbände, rezensionen („Das Gedicht“) und seine spezialität: anthologien, jene sammelwerke von literatur gleicher gattung, die einen überblick vermitteln. Kutsch verschreibt sich der lyrik.

einmal thematisch gesetzten Aspekten gewidmet (wie „Blitzlicht“, Landpresse 2001), in denen gedichte aller epochen ausgewählt werden, die einen beitrag zu dem schwerpunktthema bieten. hier lernt man oft bekannte dichter mit nicht geläufigen texten kennen, ergo: ein oft überraschender querschnitt durch die lyrik-landschaft.

eine andere landschaft, die postleitzahl-regionen, nimmt Kutsch mit seinen "VersNetzen" (Verlag Ralf Liebe, 2008) und deren vorläufern ins visier. der deutschsprachige raum in Europa wird gemäß postleitzahlen der länder parzelliert. es kommen zeitgenössische lyriker aus diesen regionen zu worte. das konzept hat den bundesweiten ruf von Axel Kutsch gefestigt, denn es ist ein faires konzept, jung und alt, bekannt und unbekannt, debütant und routinier in einem werk zu veröffentlichen. der siebte band ist in vorbereitung.

uns bei littreff.medio interessierte es nun, wie ein lyriker beide welten, eigenes schreiben und fremd geschriebenes sammeln, auseinander hält, ob es intereferenzen gibt, erwünschte und unerwünschte. die antwort fällt klar aus: wenn Kutsch an einer anthologie arbeitet, dann nicht an einem eigenen gedichtband und umgekehrt, doch lasse sich gegenseitige kreative befruchtung natürlich nicht vermeiden. das kann man dann in seinen schalkhaften gedichten durch eingebaute, verfremdete zitate anderer lyriker/innen bestätigt finden.

sein credo, gute lyriker seien beim schreiben kühl und unbestechlich und ließen sich beim nachdenken viel zeit (FixPoetry, 30.7.2012), bezeugt seinen arbeitsstil. das hingehuschte ist nicht seins, so leicht die gedichte aus „Ikarus fährt Omnibus“ auch daherkommen mögen, sie sind wohl überlegt und erfordern zum kompletten verständnis, sagen wir auch ruhig: genuss, einen literarischen hintergrund.

zur lage der lyrik befragt, meinte Kutsch in einem interview: man könne nicht ansatzweise von lyrik leben, aber man könne wunderbar mit lyrik leben (NRZ-on-line-Flyer 121, 2007), sicherlich ein bonmot. dies hat sich bis heute nicht geändert, da ein sich gegenseitig ungünstig beeinflussender prozess im literaturbetrieb die lyrik benachteiligt: a) das lesepublikum liest kaum lyrik, weil sie relativ teuer ist und sehr wenig beworben wird, b) die verlage drucken lyrik, wenn überhaupt, nur in einer gemischtkalkulation mit romanen, die das geld bringen, und verknappen so das angebot, c) die rezension ignoriert lyrik weitgehend, weil man sich damit nicht profilieren kann, d) die lücke wollen kleinverlage füllen, haben aber dabei regelmäßig wirtschaftliche krisensituationen zu bestehen. alles in allem scheint also lyrik ein verlustgeschäft zu sein. man lese dazu den kurzen artikel von Kutsch im poetenladen: So ist es. Ist es so?

und sie schreiben doch! immer wieder geraten der/dem lyrik-liebhaber/in schmale bände in die hände, die beim stöbern in buchhandlungen unseres vertrauens entdeckt werden. ein fund, ein grund, in selbiger stund’ zu lesen, wie in dem gedichtband Ikarus fährt Omnibus von Axel Kutsch. das titel gebende gedicht wird hier zitiert (Axel Kutsch, Ikarus fährt Omnibus, Landpresse 2005, seite 64):

Ikarus fährt Omnibus.
Fragt ein Kind den Ikarus:
Warum fährst du Omnibus?
Fliegt denn nicht der Ikarus?

Mit dem Fliegen ist jetzt Schluß.
Daß ich nicht mehr fallen muß,
darum fahr ich Omnibus,
sagt zum Kind der Ikarus.

wir haben vielleicht noch in erinnerung, dass es in der alt-griechischen mythologie einen pionier gab namens Ikarus, der sich in den kopf gesetzt hatte, aus eigenem ingenieurgeist zu fliegen, die götter entthronend. leider hatte er mit materialeigenschaften zu kämpfen, die den erfolg zunichte machten: das wachs als klebstoff der federn auf seinen schwingen schmolz unter der hitze der sonne, die katatstrophe war vorprogrammiert – als wären wir in heutigen zeiten. es gibt keinen grund, sich über Ikarus zu erheben, denn unsere katastrophen sind gewaltiger!

aber diesen Ikarus wähnte die/der leser/in längst vergangen, da taucht er plötzlich als bürger im alliterativen Omnibus auf und die unverdorbene, ursprüngliche naivität eines kindes stellt ihn zur rede: warum auf der erde omnibus fahren, statt am himmel zu fliegen? kein anflug von verlegenheit, Ikarus sagt praktisch-pragmatisch: mit dem firlefanz ist jetzt schluss! Denn er will nicht mehr auf die nase fallen, aus der mythologie, aus den träumen, aus den visionen, aus den scheinbaren erfolgen, er will sich bescheiden auf der erde fortbewegen – es ist ihm so wohl sicherer.

wer sich wie Axel Kutsch so einen dialog zurechtlegt, der hat gesellschaftkritik vom feinsten aus der feder laufen lassen. alle gläubigkeit an alles, was wir zivilisatorische errungenschaften nennen, birgt letztendlich die gefahr des brutalen absturzes aus dem gleichgewicht – und hier ist nicht mehr der individuelle absturz gemeint, hier hängt wie Ikarus die menschheit mit unzulänglichen flügeln am himmel und das wachs schmilzt und schmilzt – mit kohlendioxyd noch schneller.

so stecken wir weiterhin in der falle. wir wünschen Axel Kutsch noch viele gelegenheiten, seine ironisch-lyrischen verätzungen des zeitgeistes anzubringen. mögen seine anthologien noch viele lyriker/innen ermuntern, gegen den marginalisierungstrend weiter anzuschreiben.

wenn man mehr wissen will über Axel Kutsch, dann stöbere man im internet und finde zum beispiel dieses goldstück: Frag nicht - mit einer zeichnung von Elisabeth Süß-Schwend. oder auch vorgelesen im Schweizer Rundfunk (SRF2): Feier des Wortes. eine ganz starke anweisung, wie man gedichte aufzunehmen hat.

© 06.04.2014 brmu
*) foto mit freundlicher erlaubnis von Axel Kutsch

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littreff#5 Reine Glaubenssachen

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© ausschnitt foto 28.02.2014 Berthold Schulz / brmu mit Karl Rovers und Evert Everts im Gespräch

im karneval! einen tag nach weiber­fast­nacht! genau an dem tage, da die „Ära Meis­ner endet“! trafen wir uns wieder in der Stadt­biblio­thek Bergheim, um über das vom Au­to­ren­kreis Rhein-Erft (ARE) 2013 im Gaasterland-Verlag vorgelegte buch mit dem be­zie­hungs­rei­chen titel „Reine Glaubenssachen“ zu sprechen. der plural im titel ist wichtig, das haben wir gleich zu be­ginn festgehalten, denn die viel­schichtig­keit des phänomens ’glauben’ = etwas jen­seits von wissen für wahr zu halten, ist nicht dogmatisch, sprich die glaubens­sache an sich, zu er­fassen. einen differenzierten überblick über die 118 beiträge in dem werk gibt die von Dr. Rainald Hahn ver­fasste re­zen­sion auf der homepage des Förder­vereins Stadt­bib­lio­thek Berg­heim.

wir haben uns folglich mit eini­gen ein­zelnen texten be­fasst. gleich zu be­ginn setzt das ge­dicht „Glaubens­sachen“ von Rolf Polander das schwere thema mit leicht­füßigen knit­tel­ver­sen in szene und rela­tiviert es: glaube mit seinen vor- und nach­teilen sei nicht nur eine sache der ei­fern­den from­men, sondern aller ge­sell­schaft­lichen grup­pen, daher wäre „es bes­ser Glaube wär flexibel!“. dieser wunsch zieht sich durch das ganze buch, mal ernst, mal heiter, iro­nisch oder auch kri­mino­lo­gisch be­trachtet.

das von den heraus­gebern Evert Everts und Karl Rovers im prolog als ’an­tho­logie’ bezeich­nete werk des ARE, ver­sam­melt texte zu dem dachthema glaube aus allen drei haupt­gat­tun­gen der li­te­ra­tur: lyrik (gedichte), epik (geschichten), dra­ma (theaterstück) und dem essay (Jür­gen Streich). das macht den band in der reihe anderer anthologien des ARE prall und viel­ge­staltig, nicht zuletzt auch da­durch, dass die regionale sprache, das köl­nische, text­tra­gend gleich­be­rech­tigt auf­scheint. es gab also eine menge zu le­sen und gemäß unseren „zehn rech­ten des lesers“ haben wir auch nicht immer al­les gelesen.

in der diskussion wurde besonders der pro­sa­text von Everts „Ein Ungeist“ (33-46) her­vor­ge­ho­ben, der sich mit in­ner­betrieblicher, selbstherrlicher macht­aus­übung andersgläubigen mit­ar­bei­tern ge­gen­über befasst. auch stach uns Gynter Mödder mit seiner prosa „Weshalb ich kein Atheist mehr bin“ (147-160) ins au­ge, die mit einer völlig überraschenden und den tenor um­krem­pelnden wendung auf­wartet: eine zeitumstellung stellt alles auf den kopf.

die kombination von bild und gedicht, die Renate Mödder-Reese präsentiert, hat als mo­der­ne kon­zep­tion, literatur ’bild+wörtlich’ über sich hinaus­wach­sen zu lassen, allgemeinen an­klang ge­fun­den. auch in anderen texten wird das wap­pentier des ARE, die flug­maus (nicht fle­der­maus) sehr angesprochen. of­fen­bar ein integrierendes markenzeichen der autoren­ver­eini­gung.

weiters haben wir ein programmatisches ge­dicht gefunden, das die arbeit des ARE in hu­mor­vol­ler und selbst­kri­ti­scher wie­se auf’s korn nimmt: „Die großen und die kleine Dichter“ (128) von Rolf Po­lan­der – der lyriker, der wegen seiner leicht lesbaren und ver­ständ­li­chen verse gut ankam. den gegenpol dazu sahen wir in den zum teil experimentellen ge­dich­ten von Gert R. Grünert, die in ih­rer art der (ab-)gehobenen literaten­literatur zu­zu­rechnen sind. eine an­de­re liga eben, die an­dere de­ko­dierungs­kom­pe­ten­zen ver­lan­gen. dies auszuarbei­ten reich­te die uns zur ver­fü­gung stehende zeit leider nicht aus. ansatzweise konnten wir in sei­nem ge­dicht „Erst letzt ens“ (32) er­ken­nen, dass es lohnen wäre, sich in­ten­si­ver mit seinen gedichten aus­ein­an­der zu setzen.

die mundartlichen texte von Diet­mar Kin­der (thiaterstöckelche, 96 ff), Karl Rovers (gedichte, 171 ff), Käthe Kyrion (gedichte, 108 ff) haben uns ein schmun­zeln auf das ge­sicht ge­zau­bert. ihr sound lässt sogleich bilder im kopf entstehen, ob aus heimatlichem hinter­grund oder aus er­leb­nissen eines immi im Rhein­land. besonders bezugsnah zu dem aktu­ellen ge­scheh­nis­sen des tages stellte sich die kurzgeschichte von K. Rovers her­aus: „Der Kardinal im Schwimm­bad“, der sich ungewöhnlich affektiert auf­führt, aber dann „gleich aus den Augen verloren“ geht. beziehungsreicher zu dem letzten amts­tag des ab heute nicht mehr amtierenden kar­di­nals Joachim Meisner in Köln konnte es nicht werden.

die gedichte von Axel Kutsch haben wir uns für den nächsten littreff.medio #6 am 4. April 2014 auf­ge­hoben, denn dann wird er uns als autor und anthologist besuchen.

die beiden herausgeber Everts und Ro­vers haben uns offen und freundlich alle fra­gen be­ant­wortet, die wir als leser=­innen an diese funktion hatten:
ja, es sei eine anthologie, obwohl sich nicht nur eine literaturgattung dort ver­sam­mele,
ja, man müsse als herausgeber oft eine auswahl treffen, was nicht immer leicht sei,
nein, es seien keine festen regel, außer ein seitenvolumen, gesetzt worden,
ja, ganz wenige korrekturen im sinne eines lektorates seien vorgenommen worden,
ja, in wenigen fällen sei darauf hin auch nicht publiziert worden,
ja, insofern müsse man auch versuchen, die leser/innen-position einzunehmen,
ja, es seien auch so genannte schub­la­den­texte der autor/inn/en dabei,
nein, es gab keine generelle ab­seg­nungs­runde aller autor/inn/en,
nein, das buch sei kein werkstattbericht, sondern ein beitrag zum letztjährigen li­te­raturherbst,
ja, es zeige einen repräsentativen, li­te­ra­rischen querschnitt des schaffens im ARE.

Generationen morgen können über mein Heute sinnieren, / denn über das Werk lässt sich die Idee rekonstruieren.
so singt das der rapper CHIMA** auf seiner CD „Reine Glaubenssache Ly­rics“. welche idee ließe sich aus dem ak­tuellen werk des ARE rekonstruieren, wenn man es vollständig ver­stün­de und lange genug darüber sinnierte? sicherlich die idee, dass, ohne zu glauben, der glau­be an den glauben nicht glaubhaft sei – un­glaublich!

© 01.03.2014 brmu

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littreff #4 wunderliche gesellen

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© foto 17.01.2014 B. Schulz (Förderverein der Stadtbibliothek Bergheim) lichtet Bernhard Ulbrich (l.) und Theodor Weißenborn (geb. 1933) im gespräch ab*

eine alte, verwirrt erscheinende dame steht auf einem postamt am info-stand mit den telefonbüchern, blättert immer hin und her und schreibt schließlich in eines der bücher etwas nieder. Theodor Weißenborn verfolgt den unüblichen vorgang und fragt sich neugierig, was denn da stehe. er gesellt sich zu der dame und liest, was dort steht: „Ich bin nicht böse – ich bin der Heilige Geist.“ (!?) diskret zieht er sich zurück, erledigt noch seine angelegenheit am postschalter und geht nachdenklich von dannen.

diese und ähnliche situationen, so erzählte er uns beim nachträglichen tee, waren die initiale zündung, nach dem studium der literatur noch das der psychologie anzuhängen, eine für die deutsche literatur glückliche entscheidung, so meine ich heute. er wollte wissen und will es noch immer, was in einem menschen vor sich geht, der sich dergestalt äußert.

der weg zum autor geschriebener (lyrik und prosa) und gesprochener (hörspiele) werke war dann für ihn zwingend, denn „dem Selbstbild nach ein ’außerparlamentarischer Querdenker, Grenzgänger zwischen den Lagern oder Sasse zwischen sämtlichen Stühlen’ spricht [er] von dem, worüber er nicht schweigen kann.“ [G. Helmes (hrsg.) im vorwort der werkausgabe]. beide kompetenzen aus literatur und psychologie ergeben den kreativitätspool, aus dem unser gast Weißenborn, inzwischen achtzigjährig, noch heute schöpft. sein umfangreiches werk ist bei Böschen erschienen, sechs pralle bände, die die gesamte fülle der von ihm beherrschten genres versammeln und in der mehrheit die angeknacksten typen unserer menschlich-unmenschlichen gesellschaft skizzieren.

dieser 17. Januar 2014 in der bibliothek der stadt Bergheim im Medio war ein abend der extraklasse! Theodor Weißenborn, einer der granden bundesrepublikanischer literatur, hat uns mit seinem besuch beehrt, um über eine groteske geschichte, betitelt „Der Wächter des Wals“, aus der aktuellen anthologie „Wunderliche Zeitgenossen“ aus dem Verlag Ralf Liebe, erschienen 2013, zu sprechen.

nach einem vorausgehenden meinungsaustausch der littreff.medio – teilnehmer/innen ohne den autor, hatten wir viele fragen, die in summa ausloten wollten, wie denn das schicksal des wächters Müngersdorf, der in dem, von ihm in einer fahrenden ausstellung bewachten und dabei einer staunenden menge profund erklärten, ausgestopften wal letztlich verdaut wird, wie das denn zu verstehen sei.

der protagonist Müngersdorf studierte biologie, speziell ichthyologie, und fällt in der prüfung hämisch durch, was ihn zutiefst verletzt, da er kein kämpfer ist. „Ein stilles, stetes Weinen ist in solchen Menschen…“ und „… solche Menschen brauchen viel Liebe.“ (12) Müngersdorf verarbeitet diese pleite mit einer sich steigernden hinwendung als „qualvollen Dilettantismus“ (11) zu dem prüfungsobjekt. bald weiß er alles über den wal an sich, erntet aber nur unverständnis in seiner umgebung. die tiefe verletzung und das fortgesetzte verlangen nach anerkennung treiben ihn in den wahn, den er durch völlige hingabe an sein studienobjekt bis zur obsession mit religiösen zügen steigert. „Wohlan, so wisse: Ich bin der Herr, dein Wal! du hast mich geboren aus deinem Geiste, du hast mich genährt mit deinem Blute, du hast geglaubt, ich sei dein Leben, aber du bist das meine: Du hast mich geschaffen, die Zeit ist erfüllt, ich fordere den Preis: opfre dich mir“! (26) und das passiert dann in grotesker weise: es werden nur noch „unverdauliche Teile seines Körpers“ (27) gefunden. das objekt seiner obsession hat in vollständig resorbiert.

der schluss mag grotesk erscheinen, er ist in übertragendem sinne so real wie das tägliche brot. darin steckt eine ganz hintergründige kritik der inhumanen anteile unserer gesellschaft und deren einzelwesen: die gier nach „einem toten Gegenstand“ (27), worauf man „seine ganze Existenz an ihn verliert“ (27), die entmenschlicht und führt ins aus. der weg dorthin ist gepflastert mit allfälligen dogmen aus wissenschaft, kultur, religion und wirtschaft als killer freien, eigenständigen denkens, ohne das man aber „an Leib und Seele verdorrt“ (27). mir fällt dabei das schlagwort von Immanuel Kant ein, das von der ’selbstverschuldeten unmündigkeit’.

da heraus zu finden, ist allein nicht zu schaffen, wenn den einzelnen oder gar alle „die Idee des Wals“ (25), sprich eine beliebige idiologie oder auch idiotie, erfasst hat. dazu bedarf es der achtsamkeit, sensibilität und solidarität der nicht infizierten mitmenschen. wir nennen das empathie in einer toleranten gesellschaft.

littreff.medio dankt Theodor Weißenborn für diese ausgezeichnete diskussion und wünscht sich noch weitere, sich dem literaturbetrieb widersetzende schriften von ihm.

© 18.01.2014 brmu
*die veröffentlichung des fotos ist von Theodor Weißenborn authorisiert.

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littreff #3 domfeuer

achtung: littreff #3 ist verlegt auf Freitag, den 17.1.2014, 16:30Uhr in der Bibliothek Bergheim. thema: Theodor Weißenborn, Wunderliche Zeitgenossen, Verlag Ralf Liebe 2013.

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29.11.2013 Stadtbibliothek Bergheim, littreff.medio, brm ulbrich im gespräch mit Dennis Vlaminck

so ist es ja gewesen:
feuer zehrt am dom
rache zehrt auch schon
geheime jahre lang
bis die kogge dann
in den hafen kam
und die mörderei
weitergeht mit drei
händlern in tuch
aber jetzt ist’s genuch
rest bitte selber lesen
littreff.medio traf sich zum zweiten mal und wir tauschten zunächst ohne den autor unsere erkenntnisse über den historischen kriminalroman „Domfeuer“ von Dennis Vlaminck (Emons verlag, 2011) aus. nach dem erstling „Reliquiem“ (2008) legte der autor nun ein gereiftes werk vor, szenisch in den handlungssträngen mit eigenwilligen charakteren, die im laufe der geschichte entwickelt werden.

und diese geschichte bietet viel: spannende krimistory auf der suche nach den motiven der täter, aber auch historische aha-erlebnisse aller arten: der Hildebold-Dom und sein abbruch, schiffartstechnik einer kogge und deren bewehrung, mühlentechnik aus dem mittelalter mit staubexplosion, lebensweisen unterpriveligierter kölner inklusive puff, klüngel der patrizier in der riecherzeche, kirche als machtfaktor im erzbistum und amtsmacht bis hin zu ersten, forensischen untersuchung seitens eines hellwachen büttels und den zahnschmerzen seines kollegen, die ein auf dem marktplatz residierender zahnbrecher brachial behandelt. man erschauert.

es gäbe noch viel zu berichten, der krimi ist pralle voll mit leben aus einer zeit, die wir nicht mehr im blick haben. so bestätigte uns auch der autor, Dennis Vlaminck, der später zu uns stieß, dass er gründlich recherchiert und sich eine kleine fachbibliothek aufgebaut habe und nun aus seinem fundus schöpfen könne. deswegen wird es nicht der letzte krimi aus diesem genre sein. ein nächster ist schon in arbeit. immerhin feiert der Emons verlag im nächsten jahr sein 30jähriges bestehen und das wäre doch ein schönes datum für einen dritten krimi.

bereitwillig erläuterte uns der autor, der beruflich als journalist beim Kölner Stadt-Anzeiger seine brötchen für die familie verdient, wie er an solchen manuskripten arbeitet: nächtliches refugium vor störungen aller arten, keine diffizilen skizzen, wie etwa Heinrich Böll sie angefertigt hatte, im vorhinein, nur ein genereller, roter faden, an dem sich die szenen wie an einer wäscheleine entlang entwickeln, die dialoge, die aktionen, oft mit einem cliffhanger in der schwebe gelassen, die dann an anderer stelle wieder aufgenommen werden. so wird die leserschaft wie durch den sog weitergezogen.

welche rolle der dom in dem kriminellen geschehen spielt, mögen die neugierig gewordenen leser/innen nun selber herausfinden. es gibt viel zu entdecken. unsere einhellige meinung war: ein spannender krimi mit exakt recherchiertem hintergrund, der nebenbei viel lerninhalte bereithält. eine teilnehmerin fasste es so zusammen: das buch wäre auch ein toller film. wir wünschen Dennis Vlaminck eine goldene feder für den nächsten coup aus dem mittelalter.

© 29.11.2013 brmu

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littreff #2 wolkenmacher

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© foto 31.10.2013 brmu: autor Kay Löffler im gespräch anlässlich der einladung zum littreff.medio und der besprechung seines buches „Dorf der Wolkenmacher“, erschienen im Engelsdorfer Verlag, Neuauflage 2001

der teilnehmerkreis von littreff.medio hat dem schon 1997 verfassten roman eine heute noch vorhandene aktualität zugebilligt, die sich aus dem umfeld der tagebaue in der region ergibt.

eine aus drei familien stammende gruppe von fünf kindern, resp. jugendlichen, entdeckt eine lichtung im nahen forst und erobert diese als ihr refugium. es entsteht eine gruppendynamik, die auch eine aufkeimende, zarte zuneigung zwischen Marvin und Vanessa, den beiden älteren, beinhaltet. die situation wäre ein idylle, wenn nicht plötzlich die brutale realität einbrechen würde: das bergbautreibende unternehmens wird den wald roden.

die kinder sind geschockt und überlegen, sich zu wehren. vieles wird erörtert, radikalität abgelehnt, und man kommt zum schluss, befreundete und bekannte kinder, fünfzig an der zahl, zu mobilisieren, um sich an die gefährdeten bäume zu ketten. diese aktion bringt den vater von Marvin in seiner eigenschaft als polizist in arge bedrängnis, muss er doch seine eigenen kinder verhaften. doch die aktion läuft glimpflich aus. die kinder sehen dem abholzen machtlos zu und es bleibt nur der zornige, symbolische akt von Marvin, nun schon ein „Erwachsener mit Hoffnung“ /126, ein neues bäumchen zu pflanzen.

Das oft als jugendroman angesprochene und damit teils missverstandene werk ist eine parabel zu dem modernen, bürgerlichen leben, in dem im zuge der exploration für die allgemeinheit („Strom wird immer gebraucht, und der wird hier nun mal aus Kohle gemacht“ /52) eine lokale minderheit nachteile erleidet. der autor überhöht diesen effekt durch die protagonisten, die kinder (Marvin, dessen Bruder Manuel, Vanessa, deren Schwester Laureen und dem Hund Piri-Piri /7, sowie Denis, genannt Hamm /18 und später noch das Pony Cherokee) der im hintergrund agierenden erwachsenen sind.

kinder als die hoffnung der zukunft: wie werden sie mit der zerstörung ihrer idylle zurecht kommen, wie den frust kanalisieren, wie gewalt und randale abwehren, wie an informationen kommen, wie diese nutzen und öffentlichkeit herstellen, wie sich selber in die waagschale werfen, wann erkennen, verloren zu haben und dennoch erhobenen hauptes weiter leben zu können? für sie geht es um viel: „Der bevorstehende Umzug in die neuen Häuser war schon schlimm genug, aber wenn die Lichtung zerstört wurde bestand die Gefahr, dass alles auseinander brach.“ /62.

all das wird in dem buch in einfühlsamen dialogen und beschreibungen durchgespielt und dient letztlich so der orientierung heranwachsender, sich als souveräner teil der bürgerschaft einer region zu verstehen („Wenn Kinder mehr Zivilcourage haben als Erwachsene, wenn Kinder bereit sind, für ihre Umwelt zu kämpfen, dann haben wir eine Zukunft“ /126). nicht ohne grund ist dieses buch oft bestandteil der lektüre in schulen.

es ist aber auch eine beziehungsreiche lektüre für die erwachsenen macher dieser realität: politik und wirtschaft. denn die szene der internen sitzung der partei des bürgermeisters, nicht ohne grund etwa in der mitte des romans platziert /70-73, ist sehr aufschlussreich, wie politisch gedacht und gehandelt wird und warum politik im volke als verschlagen wahrgenommen wird („Wer will schon ein Monopol verlieren?“ /73).

die wirtschaft könnte ihren anteil am gemeinwohl als arbeitsplatzgarant wahrnehmen („Es werden fast jede Woche weniger Leute bei der Schwarz-Braun. Und dann immer das Gefühl, das die ganze Presse, die ganze Welt gegen einen ist ….“ /63) oder als gelddruckmaschine für share holder und andere, lediglich am eigenwohl interessierte. auch diese seite der wirklichkeit wird angerissen und wirkt desillusionierend. insofern sei das werk auch als eine nachdenkliche lektüre für erwachsene empfohlen.

der autor, Kay Löffler, hat sich den fragen des teilnehmerkreises gerne gestellt und freimütig auskunft erteilt, warum und wie er schreibt. er verriet uns: das schreiben sei ausdrucksform und inneres bedürfnis. die geschichte sei ursprünglich für seine eigenen vier kinder konzipiert, dann aber habe sie ein eigenleben entwickelt. die arbeitsweise sei szenisch gewesen im filmischen sinne, die szenen keineswegs linear entwickelt, sondern durchaus lückenhaft und sich erst allmählich mit erweiternden ideen schließend. zum beispiel sei das pferd Cherokee erst später eingeführt worden, um dem lebensgefühl der Vanessa („Typ Lehrerin“ /7) ausdruck zu verleihen. die muse müsse zwar mindestens einmal küssen, aber der rest sei arbeit bis hin zur korrektur der druckfahnen.

littreff.medio dankt Kay Löffler für seine aufgeschlossenheit und dafür, uns sein werk näher gebracht zu haben.

© 03.11.2013 brmu

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littreff #1 auftakt

die auftaktveranstaltung zum literaturlesetreff im medio am 4.10.2013 war ein erster blick in das räderwerk des literaturbetriebs und dessen begrifflichkeiten. fotos dazu finden sie auf der homepage des fördervereins der stadtbibliothek bergheim: http://www.bibliotheksfreunde-bm.de/littreffmedio.html.
Joachim Röhrig hat dazu einen artikel mit dem titel "Literatur gemeinsam erleben" im Kölner Stadt-Anzeiger vom 7.10.2013 geschrieben, lokalteill Rhein-Erft (s. 29).
von den beiden angebotenen versionen der präsentation wählte der teilnehmerkreis klug die kurze, die dann im hinüber und herüber der fragen und antworten noch lang genug geriet. alle waren bei der sache, dafür mein herzlicher dank; manche/r staunte und flüsterte dem nachbar zu: „das hab’ ich noch gar nicht gewusst“. die beste voraussetzung für unsere arbeit an den werken regionaler autor=innen.

aus vier kurz vorgestellten werken der lyrik und prosa (Evert Everts, Gert Grünert, Kai Löffler und Dennis Vlaminck) entschied sich der teilnehmerkreis für Kai Löfflers „Dorf der Wolkenmacher“, dessen roman wir nun für das nächste littreff#1 am 31.10.2013 (ab 16:30uhr) im raum M1 in der 2. etage des mediogebäudes besprechen wollen. bringen sie viele notizen mit (seitenzahlen nicht vergessen, damit wir alles wiederfinden können) und natürlich auch freunde und bekannte, die sich ebenfalls für literatur interessieren.

© 05.10.2013 brmu

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littreff pk

pressekonferenz zu littreff.medio am 18.7.2013 (11:30-12:00 uhr) in Stadtbibliothek Bergheim erfolgt - zwei pressevertreter erschienen: Fr. Nikolai / Kölnischen Rundschau, Hr. Meisen / Kölner Stadtanzeiger - pressemappe mit infos für die presse – fragerunde interessiert – kernbotschaft:

ziel: verständnis von werke der autor/inn/en der region um Bergheim fördern - dafür literaturlesetreff im medio (littreff.medio) konzipiert – etwa alle vier wochen werden werke gewählt und unter anleitung und moderation genau gelesen - ergibt fundierte meinungsbildung durch lesekompetenz – dann mit autor/inn/en ins gespräch kommen - bei allem zählt lesepaß – start: freitags, 4. 10. 2013 um 16:30 uhr in der stadtbibliothek – weiteres: homepage förderverein und Stadtbibliothek Bergheim

alle lesewilligen sind eingeladen: eine/r zu wenig - zehn schon ganz gut - hundert eher zu viel

© 19.07.2013 brmu

hier der artikel von Wilfried Meisen im Kölner Stadt-Anzeiger in der ausgabe vom 20.7.2013:

KSTA Literatur-als-soziales-Erlebnis3-130720-wm

Bild (Asuzug): Meisen / (v.l.n.r.) Mitglieder des Fördervereins Stadtbibliothek Bergheim: Sonja Schulz (stelv. Vorsitz), Bernhard Ulbrich (Moderator littreff.medio), Werner Wieczorek (Chef Stadtbibliothek), Rainer Hahn (Vorsitz), Berthold Schulz (Öffentlichkeitsarbeit) / eingestellt am 20.7.2013

zum selben thema erschien in der Rhein-Erft Rundschau vom 31.7.2013 ein artikel von Melanie Nicolai, einzusehen hier.

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