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Pollini's Chopin

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© 2017 foto brmu: Maurizio Pollini, bescheiden im applaus

im atrium
unterm leuchtraumschiff

Pollini steht im rund
alt schon, fast gebrechlich
an den tasten aber mächtig

meine ohren haben geweint
ja, freudentränen im glück
ihn gehört zu haben

der hände tönend wirbelwerk
zu sehen: ich war entrückt
am ende dann der volle rausch

stehend ihm
begeistert im applaus

© 11.02.2017 brmu
anlässlich des konzertes von Maurizio Pollini in der Kölner Philharmonie am 10.2.2017, klavierwerke von Frédéric Chopin spielend; man lese im Kölner Stadt-Anzeiger vom 13.2.2017 den artikel von Markus Schwering: Chopins abgründige Traurigkeit

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Röcher warnt die welt

Brandstifter
von Lars Röcher

Diese Welt ist zunderschön
und dazu bereit
lass uns mit ihr Seit' an Seit'
Wunderwirklich untergeh'n.

Ihres Taumels quasi müde
legen wir sie schön in Brand
es wird warm, so reib' die Hand:
lecker Endzeitattitüde

Schießen Pilze in die Höhe
werden wilder Wald aus Rauch
zeigen Menschen ihre Größe
gehen gänzlich darin auf.

Lars Röcher ist ein weit über die grenzen Bergheims hinaus bekannter vertreter einer ganz besonderen art der lyrikpräsentation: poetry slam. das ist eine art dichterwettstreit, also „ein literarischer Vortragswettbewerb, in dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Bewertet werden sowohl der Inhalt der Texte als auch die Art des Vortrags.“ (zitat aus: MySlam.net)

dichterwettstreite haben eine lange tradition, sie sind schon von den alten Griechen bekannt. der wohl bekannteste dürfte der „Sängerkrieg auf der Wartburg“ sein, der 1207 stattgefunden haben soll. Richard Wagner hat dieses ereignis zu seiner oper „Die Meistersinger“ verdichtet.

die poetry slamer also haben eine lange und berühmte tradition, sind heutzutage jedoch in ihrer art und weise des vortrags nicht an formen gebunden. hauptmerkmal dürfte der sprechgesang sein. Lars Röcher hat litbiss zum jahresauftakt 2017 ein kurzes interview gegeben:

als poetry slammer bin ich sehr viel und lange unterwegs, teilweise monatelang.

als kleines kind wollte ich immer und immer noch großes leisten.   

durch meine ausbildung konnte ich einen neuen kanal öffnen um kreativität auszuleben.

dabei hat mich immer der anspruch begleitet, nicht vergessen zu werden.

so kam es, dass ich heute in weit entfernten städten erkannt werde.

mein erstes poetry slam hatte ich 2008.

einerseits hat das schreiben von lyriks für mich etwas befreiendes, aber auch freude, dass so viele menschen einem zuhören und ich jedem etwas mit auf den weg geben kann.

es hat aber auch andererseits ein leben, das überwiegend nachts stattfindet. 

ein lieblingsthema gibt es eigentlich nicht.

aktuell ist geplant ein neues soloprogramm und eine NRW- oder Deutschland-tour.

wenn sie zum poetry slam kommen, wünsche ich ihnen den " zauber " zu sehen, der mich seit fast neun jahre fesselt, mit dem wissen, auf einer art lesung zu sein, aber das gefühl von einem rock-konzert zu haben.

über mich finden sie in meinen slam-gedichten einen funken von mir , meinen gefühlen und meinen gedanken. manchmal dauert es etwas, bis man die botschaft findet.

litbiss wünscht ihm alles gute und siegreiche dichterwettstreite.

© 08.01.2017 brmu

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Brand animiert philosophie

was haben worte und bilder gemeinsam? sie bewirken in unseren köpfen denkprozesse, die zu vorstellungen werden und schließlich zum wille, daraus etwas abzuleiten – zu handeln oder nicht zu handeln. so haben die kunst der literatur und des films eine schnittstelle in unseren hirnen.

Michelle Brand liebt die philosophie als eine der edlen denkoperationen und hat das bewundernswerte talent, diese in bewegte bilder nachvollziehbar umzusetzen. eine kostprobe bildet ihr zweiter animationsfilm „The journey never starts. The journey never ends.“ er erhielt 2016 in Dresden den „Sonderpreis Animation“ im rahmen „Deutscher Mulitmedia Preis mb21“ in der alterskategorie „21-25 jahre“. hut ab! litbiss gratuliert.

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Michelle Brand, animationsfilm „The journey never ends. The journey never ends.” 2016

der film hat den preis mehr als verdient. er ist philosophisch-poetisch und trifft den nerv der zeit, ein wahrer spiegel des verhaltens. aber immer mit dem blick über den horizont, ja quasi der sehnsucht nach besserem, nach lösungen, nach der heiterkeit der offenen weite.

Michelle Brand war so freundlich und gab litbiss anfang des jahres 2017 ein interview, wie sie zum animationsfilm kam:

hi, mein name ist Michelle Brand, ich bin in Elsdorf-Heppendorf aufgewachsen, zu einer zeit, die mich noch lehrte, draußen im garten zu spielen und die natur wertzuschätzen.

als junger mensch habe ich in der schule am liebsten im kunst- und philosophieunterricht gesessen!

dabei inspirierte mich immer das gelernte selbst. Cézanne hat mich gelehrt das malen zu lieben, Aristoteles und Kant das denken. vieles, was ich dort vor jahren lernte, benötige ich jetzt immer wieder, auch als inspiration.

meine ausbildung als BA Animation Studentin genieße ich jeden tag. mit dem studium ist ein traum in erfüllung gegangen. der arbeitsumfang ist enorm, aber unglaublich erfüllend.

so kam es dann, dass ich in England mehrere animationsfilme produzierte. der film 'The Journey Never Starts. The Journey Never Ends.' ist ein film aus meinem zweiten studienjahr - eine zeit, in der man experimentiert, spaß hat, materialien einfach ausprobiert, und sich selbst und seine fähigkeiten herausfordert. für mich war dieser film selbst ein experiment - von der idee bis zur fertigstellung eine unberechenbare reise.

mein erster animationsfilm war eine herausforderung, in der ich mich selbst prüfte.er stellte zugleich meine facharbeit in philosophie dar, in der verschiedene theorien zum thema glückseligkeit visuell erklärt werden. zuvor hatte ich noch nie eine animation erstellt oder gelernt - ich sprang also ins eiskalte wasser.

das arbeiten mit diesem metier macht einfach spaß. es bleibt immer spannend, jeder film ist anders. bewegung und figuren, alles hat seine ganz eigenen regeln in der filmwelt, und diese einzigartige welt existiert erst durch das betrachten des films.

mein neuer film „The Journey Never Starts. The Journey Never Ends.“ zeigt eine reise durch die gedankenwelt. gedanken kommen und gehen, jede szene existiert nur im moment, er vergeht und führt zu etwas neuem.

sie werden in dem film auch hoffentlich ihre eigenen gedanken wiedererkennen. schließlich war ziel des films nicht, meine eigenen gedanken zu porträtieren, sondern den zuschauer mit auf eine reise zu nehmen, an der er teil hat – „diesen gedanken hatte ich auch schon so oft!“, ist zum beispiel eine schönes feedback, das daraufhin meist zu interessanten, teils philosophischen diskussionen führt.

über mich finden sie im internet auf Vimeo ein paar filmausschnitte und produktionsprozesse, die man gerne besuchen kann. eine website ist zurzeit noch in produktion.

von dem Deutschen Multimediapreis 2016 erhoffe ich mir vor allem viele nette menschen kennenzulernen und interessante, neue werke zu sehen! an solchen festivals sind die anderen filmemacher/medienkünstler eigentlich das schönste, und die ganzen spannenden gespräche, die dort entstehen.

mein nächstes projekt wird ein experimenteller animationsfilm werden, der teils digital und teils traditionell mit acrylfarben erstellt wird. er basiert auf Heraklitus lehre des seins – „wir steigen in denselben fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“ im film wird die flussmetapher visualisiert, und die entstehung von zeit und bewegung im film selbst exploriert. denn animation ist vor allem eins – die illusion von leben und bewegung.

litbiss wünscht ein erfolgreiches studium mit spannender künstlerinkarriere.

© 04.01.2017 brmu

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Andreas Rumler meint ...

als autor bin ich daran interessiert, mich klar und präzise auszudrücken, egal, was ich schreibe (ob lyrik, prosa oder sachtexte) und das natürlich vor allem auch in einer weise, die mich ästhetisch überzeugt und - hoffentlich auch die leser.

als kind wollte ich immer gern & viel lesen, habe das - auch krankheitsbedingt - häufig und ausdauernd getan, mich dabei an anderen texten „gerieben“, die mich interessierten oder eben auch nicht, die mir sprachlich gefielen oder mich eher „kalt ließen“. Karl May begeisterte mich weniger, eher schon die seefahrts-romane von C. S. Forrester über einen herrn Hornblower, der seine schifflein gegen Napoleon in die schlachten führte. märchen und sagen gehörten ebenso zum repertoire wie später ein breiteres spektrum moderner literatur: Goethe, Heine, Büchner, Fontane, Heinrich und Thomas Mann und vor allem Brecht.   

durch meine ausbildung konnte ich diese neigung während des germanistik-studiums in München und Tübingen vertiefen, wobei exilliteratur zunehmend ins zentrum meines interesses geriet.

dabei hat mich immer der anspruch begleitet: realistische literatur zu lesen und nicht schmökernd in „Wolkenkuckucksheime“ zu flüchten.

so kam es, dass ich heute diesem „laster des lesens“ immer noch verfallen bin.

mein erstes buch habe ich mit 39 jahren  geschrieben und dieses vergnügen kontinuierlich weitergeführt.

das schreiben hat für mich einerseits den charakter eines hobbys.

es hat aber auch andererseits ein wenig die funktion eines nebenerwerbs – der allerdings denkbar gering ausfällt.

mein literarisches lieblingsthema ist alles, was mich gerade interessiert und beschäftigt.

aktuell ist bei Edition A B Fischer nun „Exil als geistige Lebensform“ erschienen, was mich freut.

wenn sie das buch lesen, wünsche ich ihnen vergnügen und erbauung damit.

über mich finden sie in dem buch wenig. aber durch meine darstellung von Goethe, Brecht, Feuchtwanger und anderen autoren gewinnen sie vielleicht einen eindruck, was mir literatur bedeutet.

© 18.11.2016 brmu bedankt sich für das lückentext-interview

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Zindler zupft bogen und leier

„Bogen und Leier“, ein titel, sechs bücher (kapitel) als wegweiser in die lyrische welt von gestern und heute. Theo Zindler kennt sich in beiden aus. Vergil und Catull werden elegant übersetzt als rahmen für die eigenen gedichte aus den letzten siebzehn jahren. gedichte von sprachlicher klarheit, einfühlsam die metaphern gewählt und der leserschaft verstehbares anbietend.

das titelgebende gedicht „Bogen und Leier“ wird hier mit der ersten strophe zitiert:

Angespannt
Warten sie
Auf den Pfeil
Und die Hand,
Die die Saiten
Zum Schwingen bringt.

in diesen wenigen zeilen liegt die ganze ambivalenz menschlichen seins. einerseits der pfeil als symbol des gewalttätigen machtanspruches mit tod und verderben in folge und andererseits die tönende saite einer leier als symbol aller kulturleistung der menschheit, von selbiger hand gezupft. wir haben die wahl: das zischen des pfeils oder die melodie der leier – daran wird alles gemessen werden. dieses gedicht ist wortmelodie und macht neugierig auf alle 111 gedichte.

interview. der autor Theo Zindler gab litbiss am 21.10.2016 ein interview:   

als autor bin ich auf dem weg zu mir selbst, um auf geheimnisse zu stoßen, die mir allein gehören und doch auch andere berühren (Präludium, seite 9/10).

ich wurde zu einer zeit geboren, in der die nazis krieg und zerstörung heraufbeschworen, was auf mich lebenslang doppelten einfluss hatte: den politischen „unheils“ und den rettenden „heils“ in der haltung und fürsorge meiner eltern.

als kind wollte ich immer schon verse schreiben wie ich es bei meinen eltern sah, über das, was ich mir erträumte. und als ich erwachsen war, war ich dann immer noch so viel kind, dass ich den traum wirklichkeit werden lassen konnte.

meine ausbildung konnte ich trotz der schulumbrüche in der nazizeit zielstrebig vollenden und wurde nach dem staatsexamen lehrer mit den fächern deutsch und latein sowie fachleiter für das fach deutsch in Kassel.

dabei hat mich immer der satz meiner eltern begleitet: „Du musst Geduld lernen und kannst nicht alles auf einmal erzwingen. Es muss wachsen wie die Bäume in der Natur.“

so kam es, dass ich heute ein schriftsteller bin, der noch immer das zu vollenden sucht, was ich nie zu einem ende gebracht habe und bringen werde.

mein erstes buch habe ich mit etwa 15 jahren geschrieben, eine indianertragödie. nach meiner pensionierung veröffentlichte ich den gedichtband „Außerhalb des Geheges“ 1999, den biographischen rückblick „Heiles im Unheil“ 2006 und den neuen gedichtband „Bogen und Leier“ 2016.

die schriftstellerei hat einen riesenvorteil, denn sie eröffnet einen reflexionsraum, in dem worte spielerisch gestalt annehmen, um etwas zu bedeuten.

sie hat aber auch einen harten nachteil, weil das gestaltete zur veröffentlichung drängt wie ein geprobtes schauspiel zur aufführung und weil der weg dorthin sehr schwer zugänglich ist.

mein lieblingsthema ist das, was menschliche existenz in natur und geschichte ausmacht und was das ringen menschlichen bewusstseins mit den bedingungen unseres denkens bedeutet. dazu gehören notwendige krisen und konflikte sowie momente des einklangs mit der welt, in der wir leben.

aktuell hat der ‘Deutsche Lyrik Verlag‘ nun meinen zweiten gedichtband „Bogen und Leier“ veröffentlicht.

wenn sie „Bogen und Leier“ lesen, wünsche ich ihnen freude beim eintauchen in die verse und innere beteiligung, die erst gedichte zu immer neuem leben erweckt, das sie als leser so mit gestalten.

sie werden in der sache folgendes erkennen: gedichte sind keine mitteilungen. ihr verstehen erfordert miterleben von rhythmus und bildersprache. sie enthalten auch keine zeitlichen abläufe wie erzählungen noch handlungen wie im drama. gedichte sind momentaufnahmen.

einen appell habe ich auch untergebracht, er fühlt sich immer dem ethos eines humanismus verpflichtet, der den menschen in eigenverantwortung der natur und dem gesellschaftlichen miteinander-leben gegenüber sieht.

über mich finden sie in dem buch eine verdichtung des eigenen lebens in momenten existenzieller betroffenheit, nicht in widerspiegelung der konkreten biographie. meine gedichte enthalten ihren anteil an erfahrungen, lebensumbrüchen und erfüllung, an reifungsprozess und persönlicher entwicklung, auch im bezug zu menschen meines lebensumfeldes.

über die leserschaft habe ich ein vertrautes und offenes bild durch zahlreiche lesungen, an denen ich mein publikum auch beteilige.

© 15.11.2016 brmu

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Margriet de Moor in Brühl

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© foto Brockmann: K. Brockmann, M. de Moor, B. Ulbrich (v.l.)

der buchhandlung Brockmann in Brühl, namens frau Karola Brockmann, war in fünfter folge wieder der coup gelungen, die/den autor/-in der literatur-aktion „Ein Buch für die Stadt“ des Kölner Stadt-Anzeigers einzuladen.

diesmal hatte die jury für 2016 ein frühes werk (1993) der niederländischen autorin Margriet de Moor ausgewählt, die nun eine lesung aus ihrem roman-debüt „Erst grau dann weiß dann blau“ (1993) gab.

der leiter des schon im dritten jahre bestehenden „Brühler Lesekreises bei Brockmann“, Bernhard Ulbrich, hatte das große vergnügen, diesen leseabend im voll besetzten „margaretaS Begegnungszentrum Brühl“ zu moderieren.

Margriet de Moor las in bewunderswert akzentfreier aussprache, durchaus auch mit verhaltenem humor,  lebendig, dem publikum zugewandt. sie eröffnete mit passagen, die das eheliche verhältnis der protagonisten Robert Noort und Magda Rezková beschrieben, das sich durch eine gewisse inbesitznahme seitens des ehemanns und einer stummen distanz der ehefrau auszeichnet.

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© foto Ulbrich: M. de Moor im gespräch mit B. Ulbrich

im zwischenstop ergab sich ein kleines werkstatt-gespräch coram publicum. Ulbrich eröffnete mit einem zitat von Roland Barthes aus „La mort de l’auteur“ (1968): „Sobald ein Ereignis ohne weitere Absichten erzählt wird, …, vollzieht sich die Ablösung, verliert die Stimme ihren Ursprung, stirbt der Autor, beginnt die Schrift.“ und weist auf die interview-aussage der autorin (KSTA Magazin v. 5./6.11.2016) hin „Ich schreibe nicht psychologisch. Ich zeige nur.“ frau de Moor bestätigt das voll und ganz.  sie kenne die thesen von Barthes und teile seine position. es ergebe sich ein dreieck „autor – buch – leser“, in dem es ganz gut sei, wenn autoren und leser weniger voneinander wüssten, nur so könne das werk in seiner ganzen vielfalt erkundet werden. Ulbrich folgert: demnach hieße autorschaft, die welt zu spiegeln, ohne den moralischen zeigefinger zu heben.

der hinweis auf das dreieck führte zur kurzen betrachtung des roman-plots. Ulbrich meint, dass zwei beziehungsdreiecke sich zu einer sich gegenseitig beeinflussenden „bienenwaben-konstruktion“ zusammenfügen: Erik und Nelli als ein sich gegenseitig „luft lassendes“ ehepaar mit sohn Gabriel auf der einen seite und Robert und Magda als problembeziehung ohne kind auf der anderen seite. Gabriel als autist ist nicht so recht in der welt und die fehlgeburten von Magda (unerfüllter kinderwunsch) sind es ebenso nicht. es schloss sich die frage an, ob die autorin wie weiland Heinrich Böll ausführliche plot-skizzen zu ihren geplanten romanen anfertige. das sei nicht so, sie habe eher „alles im Kopf“ und komme mit notizen auf kleinem raum wie briefumschlägen zurecht. „Alles entwickelt sich wie bei einer Komposition“, die protagonisten würden sich entfalten wie melodie und variation in diversen tempi.

es folgte eine weitere lesung zu der selbstfindungs-reise von Magda, die eines tages ihre sachen packt und für zwei jahre aus der ehe, aus dem dorf, aus ihrem land entschwindet. nur wir leser/-innen haben teil an ihren reise-erlebnissen und erkundungen, ein auktorialer kunstgriff, der die bedeutung der leserschaft unterstreicht.

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© foto Brockmann: M. de Moor beantwortet fragen aus dem publikum

abschließend kamen eine reihe von fragen aus dem publikum nicht zu kurz, wie etwa der einfluss der in den romanen antönenden nazi-zeit in den niederlanden. Margriet de Moor antwortet darauf bereitwillig mit erlebnissen aus ihrer kindheit, die durchaus ambivalent waren und nicht zu einer einseitigen verurteilung taugten. auch hier erwartet die autorin, dass die leserschaft sich ein eigenes urteil bildet.

Margriet de Moor fordert ihren leser/-innen viel ab, dafür werden wir reich belohnt mit variationen der aspekte menschlicher beziehungen: hier der liebe! 

© 09.11.2016 brmu

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Fritz Karls lesebühne

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© foto 23.10.2016 brmu: Fritz Karl (oben) im kreis des tango-ensembles

Erftkreis Zyklus nennt sich die regelmäßige veranstaltungsreihe in burgen und schlössern des Rhein-Erft-Kreises, durchgeführt vom Hürther Musikseminar (HM), das sich vornehmlich den kleineren formen edler instrumentalmusik verschrieben hat.

in Schloss Loersfeld in Kerpen gesellte sich nun am 23.10.2016 eine beeindruckende sprechstimme hinzu. dem schwerpunkt gemäß wurde nicht nur eine ausgezeichnete tangomusik von dem ensemble „Tango de Salón“ geboten, sondern auch ein stimmgewaltiger kam zu wort: der österreichische schauspieler Fritz Karl lieh dem brasilianischen autor Luis Fernando Verissimo seine eingängige stimme.

die satirischen texte Verissimos aus seinem buch „Du hörst mir ja doch nicht zu …“ enthielten sämtlich eine unerwartete volte, die Karl mit meisterhaftigkeit stimmlich verifizierte, dies im wechsel von lesung und tangomusik. das publikum war hin und weggerissen. der knüller jedoch kam am schluss nach herzlichem applaus in der längeren zugabe.

nun konnten wir den wiener sprechsound von Fritz Karl bewundern, denn er las aus seinen heimatlichen gefilden. mit einer geschichte von Zorro aus dem buch „Im Schatten der Burenwurst“ von dem für seine mundartdichtung landesweit berühmten, österreichischen autor H. C. Artmann, der zeitlebens genau darunter litt, gelesen mit unvergleichlichem wiener schmäh, kam der späte nachmittag zum höhepunkt seiner lockeren stimmung.

es lohnt sich, mitglied im HM zu sein. möge die neue leitung den mut haben, diese art der darbietungen vermehrt anzubieten. ausgebildete stimmen im lesemodus anspruchsvoller texte und musik der kleinen art passen gut zusammen.

© 24.10.2016 brmu

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Ransmayr war in China

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Insa Wilke mit Christoph Ransmayr im gespräch
© 21.10.2016 foto brmu:

Christoph Ransmayr, der wortgewaltige österreichische autor und satzakrobat, hat in schon bekannter manier seine neue reise, wir sollten besser exploration oder exkursion sagen, diesmal nach China, wieder für uns in ein überaus lesenswertes buch verdichtet.

es erscheint erst ende des monats. wer die LitCologne am 21.10.2016 im WDR Funkhaus besucht hatte, der erhielt die chance, dieses buch bereits vorher in händen halten zu können – von des meisters hand signiert. ein schöner schatz in jeder bibliothek.

es sollte gar kein roman werden, so gestand er der abendlichen gesprächspartnerin Insa Wilke, aber dann sei der fluss des schreibens gekommen und dem könne man sich als autor eben nicht entziehen.

im wechsel zu den beiden gesprächsrunden – die gesamte veranstaltung kann am 30.10.2016 im WDR 5 „Lange Nacht der Bestseller“ nachträglich miterlebt werden – konnten wir uns auch von der bemerkenswerten lesekunst des autors überzeugen: ein glück so schreiben und lesen zu können.

worum geht es? in aller kürze der plot des 18. jahrhundert: ein automatenbauer namens Alister Cox aus England liefert dem Kaiser von China die bestellte ware persönlich via segelschiff aus und sieht sich dem allmachtsanspruch des kaisers als herr über die ewigkeit konfrontiert. schafft er es, die aufgabe, eine uhr für die ewigkeit zu bauen, so zu lösen, dass er vom kaiser geduldet werden kann?

mein tipp: lesen sie eine erholsame sprache, die balsam wider das twitter-gewitter ist. hier nur der erste satz des romans "Cox oder Der Lauf der Zeit", der uns auf das kommende einstimmt: Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qián-lóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ. (9)

warum?  Jetzt verloren diese gierigen Säue nach ihrem Gesicht endlich auch ihre Nasen! Und das war noch eine milde, zu milde Strafe dafür, daß sie an den Börsen in Beijing und Shanghai und Hang zhou wertlose Papier verkauft und den Schwindel mit Steuergeldern, dem Gold des Kaisers!, zu decken versucht hatten.(15-16)

sind die vergehen wirklich aus dem 18. Jahrhundert? nase ab, ick hör dir fallen. wir haben es also nicht mit einem beschaulichen histörchen aus längst vergangener zeit zu tun. es wird spannend sein, wie und was Ransmayr noch hat einfließen lassen, um unsere zeit zu geißeln.

schreiben macht frei und lesen klug – fast immer.   

© 22.10.2016 brmu
zitate aus Christoph Ransmayr, COX oder Der Lauf der Zeit, S. Fischer verlag 2016, seitenangabe

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Goethen auf der spur

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© foto brmu 16.10.2016 J. & A. Rumler im Wirthaus an der Lahn

Jutta und Andreas Rumler, beide langjährig den Goethe-Gesellschaften in Köln und Weimar angehörig, haben sich wieder engagiert und den interessierten mitgliedern eine anschauliche exkursion von zwei tagen auf den spuren des Johann Wolfgang Goethe geboten. eine erfolgreiche planung, gutes arrangement und zügige durchführung gelangen dank ihrer erfahrung.

überall wurden wir freundlich empfangen und mit viel informationen über das verhalten des „dichterfürsten“ unterrichtet. viele ausstellungsstücke illustrierten eindrücklich die damalige lebensweise. der stolz der uns berichtenden personen vor ort, ein haus oder ein zimmer oder einen schreibtisch zu präsentieren, an dem JWG einst gelebt, geliebt und gearbeitet hatte, war unverkennbar. uns spätgeborenen sind das museale informationen, deren gehalt wir unwillkürlich daraufhin abklopfen, was sie denn zu den weltweit anerkannten werken Goethes beigetragen haben mögen.

will man dem auf den grund gehen, so ist eine reise zu seinen wirkstätten erhellend. in diesem jahr 2016 standen auf dem plan: Brentano-Haus in 65375 Oestrich-Winkel im Rheingau, Reichskammergerichtsmuseum in 35578 Wetzlar, Grabmal des Karl Wilhelm Jerusalem dortselbst, „Goethehaus Volpertshausen“ in 35625 Hüttenberg, Goethe auf der Bank in 35583 Garbenheim und zum abschluss einkehr in das „Wirtshaus an der Lahn“ in 56112 Lahnstein.

an einigen dieser orte machte J. W. Goethe verschiedenen damen bei tanz und musik oder im privaten kreis den hof, wurde nicht erhöhrt, und schrieb sich später alles von der seele. literatur als therapie? sicher ist, die damen wären längst vergessen, wäre da nicht ein galanter herr Goethe mit seinen erinnerungen gewesen!

aber auch die freundschaften mit empfindsamen herren der höheren gesellschaft seiner zeit, insbesondere der tod des K. W. Jerusalem aus unglücklicher liebe, inspirierten ihn zu dem damals sensationellen briefroman „Die Leiden des jungen Werther(s)“. man würde heute von einem bestseller sprechen, denn es wurden rund 10.000 exemplare verkauft, nicht gerechnet die raubdrucke.

sein zeitkritisches werk, die gesellschaftlichen verhaltensweisen mit tragischem ausgang spiegelnd, traf den nerv einer breiten schicht der bevölkerung. selbsttötung als revolte, das war unerhört und wider alle lehren von kirche und staat. dazu hat viel später Albert Camus (1942) gemeint, es gebe nur ein wirkliches ernstes philosophisches problem: den selbstmord. und er bietet pragmatischere lösungen an: trotz der absurdität des seins entscheidet sich sein protagonist für das ewige rollen des steins gegen alle gefälle. Werther war früher und noch kein glücklicher Sisyphos!

ohne das gute leben Goethes, arbeitsreich und wohlsituiert, universal interessiert und hoch inspiriert durch der damen charme und schönheit, wäre seine literatur nicht denkbar. insofern wirkte der autor als werkerstellendes medium, mit all seinen besonderheiten gleich welcher art. aber Roland Barthes erhob 1967 mahnend den finger wider den personenkult und sprach davon, dass der autor tot sei (la mort de l’auteur), meinend: er spiele, wenn das werk in der welt sei, keine rolle mehr.

bestand haben jene werke, die gelesen, verstanden und geliebt werden, weil sie etwas zu sagen haben. das hat JWG eindrucksvoll vorgelegt und vorgelebt. auf seinen spuren zu reisen machte uns appetit, seinen „Werther“ mit duldvollen augen erneut oder auch zum ersten mal zu lesen, um muster zu finden, die bei uns heutigen noch resonanzen erzeugen. wären wir als puristen Roland Barthes gefolgt, hätten wir auf die zwei schönen tage im Rheingau und an der Lahn verzichten müssen - ein asketischer gedanke.

© 19.10.2016 brmu

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Von Aufbrüchen und Aussteigern

knapp eine woche vor herbstbeginn lädt der Autorenkreis Rhein-Erft (ARE) zu einer lesung im rahmen der veranstaltung „LiteraturHerbst Rhein-Erft-Lesung“ in das so genannte Mauseum in Bergheim ein.

schaut man auf der homepage vom Mauseum nach (zugriff: 17.9.2016), so wird eine lesung aus dem jahre 2007 als aktueller termin offeriert!? das verwirrt und macht nachdenklich: neun jahre nicht aktualisiert, soll man da dann noch hingehen? ich tat es und war einerseits positiv überrascht, andererseits irritiert.

eine schöne überraschung war der teamcharakter der angebotenen lesungen. autorinnen und autoren des ARE beteiligten sich und lasen szenisch aus den gebotenen texten. das ist eine willkommene belebung der üblichen lesungsmonotonie und signalisiert den gemeinsamen impuls für die literatur aktiv zu sein.

Ahr Lesung-160917-Mauseum
Isolde Ahr sorgte souverän und mit professioneller stimme für das literarische gerüst des nachmittags. drei kurze schilderungen von zuwanderinnenschicksalen aus Russland, der Türkei und Haiti, die in direkter arbeit mit den betroffenen frauen gestalt annahmen, gaben den tenor vor: aufbruch. unangekündigt kam abschließend noch eine kurzgeschichte aus ihrem jüngsten buch „Du & andere Irrtümer“ mit dem titel „Die Caro-Dame“ zum zuge, um auch einen aussteiger zu illustrieren.

Löffler Lesung-160917-Mauseum
Kay Löffler las als auktoriale stimme aus seiner publikation „Krystyna – Eine Ausländerakte“ (1991), die das motto der lesung aus der kalten und unpersönlichen sicht von verwaltung und juristerei aufnahm. dem szenisch gelesenen text liegt eine tatsächliche, umfängliche akte zugrunde. die protagonistin Krystyna wurde überzeugend in ton und tenor von Heike Schulz gelesen. überhaupt überzeugten eher die beiden autorinnen Ahr und Schulze im sinne der verinnerlichung und identifikation mit den protagonist/inn/en.

Streich Lesung-160917-Mauseum
Jürgen Streich bestritt den dritten teil der lesung durch eine komprimierte wiederholung seines programms im Königsdorfer Literaturforum (litbiss berichtete), in dem er sich ausführlich dem science-fiction-autor H. G. Wells widmete. sich mit dessen großem werk zu beschäftigen erfordert zeit. die fehlte jedoch. leider geriet der vortrag zur ablesung und ermüdete. dennoch: Wells gilt es neu zu entdecken, beschreibt er hellsichtig unsere drängenden weltprobleme und propagiert - durchaus umstritten - weltregierungslösungen dafür.

irritierend war, dass der titel der veranstaltung dem neuesten buch von Kay Löffler entlehnt ist („Von Aufbrüchen und Aussteigern“), jedoch aus diesem das motto bedienenden texten gar nicht gelesen wurde.

und noch etwas sei angemerkt. leider klappte die choreografie nicht immer (wer ist jetzt dran?), die tontechnik hatte ihre tücken (rückkoppelung), das timing erschien verbesserungwürdig (verspäteter beginn, überzogene pausen). man sollte in diesen dingen an das publikum denken und es durch professionalität besser würdigen, damit es gerne wieder kommt.

die moderation durch „Prof. Dr.“ Gynter Mödder (tipp: im literarischen bereich ist es völlig unüblich, sich mit titeln darzustellen!) war leider fahrig und ging wenig auf die texte und deren verknüpfungen untereinander ein. „tja“, wie Mödder zum vortrag von Streich meinte, tja, seine eigene „mödderation“ war schon mal besser.

das mag der tatsache geschuldet sein, dass das private Mauseum aus tausenden von exponaten rund um die maus eigentlich gar nicht mehr in Bergheim existiert, sondern längst nach Eckernförde verlagert wurde. die lesung fand eigentlich im echo dieser originellen sammlung statt.

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ein deprimierendes bild hängt im beengten lesungsraum, auf der die „Mauseums-Maus“ wie ein menetekel am galgen baumelt. ob das ein gutes ohmen für die zukunft des ARE ist? litbiss meint, der ARE sollte sich schnell daran gewöhnen, dass die mauseums-zeiten beendet sind und dass unter neuer führung ein neuer ort im öffentlichen raum (nicht privat!) zu neuen ufern führt. es wäre den rührigen autorinnen und autoren, die eine moderne, anregende art der lesung darboten, herzlich zu wünschen.

© 18.09.2016 brmu
Isolde Ahr, Du & andere Irrtümer, wort und mensch Verlag 2015
Kay Löffler, Krystyna - Eine Ausländerakte, Amazon Distribution  o.J.
Kay Löffler, Von Aufbrüchen und Aussteigern - Science Fiction Stories, Amazon Fulfillment 2016

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Löffler im weltraum

Kay Löffler hat sich mit seinem buch „Dorf der Wolkenmacher“ einen namen gemacht. es behandelt die probleme eines braunkohle-tagebaus und der damit zusammen hängenden umsiedlung eines dorfes.

nun bringt sich der autor seiner leserschaft erneut in erinnerung, diesmal mit kurzgeschichten „Von Aufbrüchen und Aussteigern“ der besonderen art. wir befinden uns nämlich im weltraum und im medier der science-fiction geschichten, allerdings ohne das brimborium der üblichen art. lesen sie selbst!

der autor hat litbiss ein kleines interview gewährt:

> gestatten: Kay Löffler, einen alias-namen als autor habe ich nicht, weil ich zu meinen texten mit meinem namen stehen kann. außerdem habe ich schon einmal meinen namen geändert. - mein mädchenname ist MÜLLER.

ich wurde zu einer zeit geboren, die mich kalt lässt, denn ich kann mich nicht an sie erinnern. aus heutiger sicht stelle ich fest: das war verdammt kurz nach dem krieg. doch damals war mir das nicht so bewusst. da waren fünf jahre schon sehr viel.

als jugendlicher habe ich schon geschrieben, weil ich den drang dazu verspürte. keine ahnung, wo der her kam.

dabei inspirierte mich immer der spruch "sei sand, nicht öl im getriebe der welt."

meine berufliche ausbildung hat mich zunächst nicht interessiert. erst später, nach eineinhalb jahren auszeit, als ich aus Indien zurückkehrte, da wusste ich, wie schön ordnung sein kann.

so kam es dann, dass ich heute wieder und immer noch und guten gewissens hauptberuflich im ordnungsamt tätig bin.

mein erstes buch jedoch, das ich geschrieben habe, das war ein science-fiction-roman, der bis heute nicht veröffentlicht ist. vielleicht arbeite ich noch einmal dran, denn in den ansätzen war der gar nicht so schlecht, obwohl ich damals erst 14 war. - warum ich den geschrieben habe? siehe antwort 3.

das literarische schreiben hat für mich einen anspruch, den ich niemals werde befriedigend erfüllen können.

wenn sie mein neuestes buch „Von Aufbrüchen und Aussteigern“ lesen, wünsche ich Ihnen, dass sie es wieder lernen, die langsamkeit und die ruhe zu genießen.

sie werden in der sache folgendes erkennen: es muss nicht immer action, es müssen nicht immer cliffhanger1 sein, es darf nicht immer alles auf künstlich konstruierte oberflächliche spannung und schnelle schnitte hinauslaufen. das leben ist stressig genug. genießen sie die langsame konfrontation mit anderen gedanken und sichtweisen und denken selbst in ruhe nach.

über mich finden sie in meinen büchern immer wieder puzzleteilchen, aber niemals den ganzen Kay Löffler.

und von der leserschaft habe ich viel zu selten eine reaktion. <

das ließe sich leicht ändern. kommen sie zum diesjährigen Literaturherbst, dort wird Kay Löffler aus seinem neuesten buch lesen.

© 07.09.2016 brmu
erläuterung 1cliffhanger ist in der literatur ein spannungsaufladender satz, der in das nächste kapitel hinüberleitet, quasi als neugierigmacher.

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Köhlmeier & Liessmann schwelgen in mythen

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© 4.9.2016 foto brmu zeigt Köhlmeier & Liessmann in aktion

das Literaturhaus Köln wird 20 jahre alt – gratulation! der auftakt der diesjährigen literaturtage-saison nach den feierlichkeiten im Kölner Rathaus vom vortage fand im Museum für angewandte Kunst in Köln statt und hielt einen aufregenden abend parat. zwei rührige autoren, der literat Michael Köhlmeier und der philosoph Konrad Paul Liessmann, erzählten und lasen uns aus ihrem erst noch erscheinendem buch „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?“ über alte zeiten.

der alt-griechische Olymp mit seinen vielen göttinnen und göttern und deren patologischen verhaltensweisen von geilheit und eifersucht, von hinterhalt bis mordlust, zerstörungswut und rache ist, gottseidank, nicht mehr relevant – oder? leider doch, es finden sich viele parallelen und adaptionen in unserer welt bis in die aktuellen gottesvorstellungen.

Michael Köhlmeier erzählte uns mit seinen worten einige befremdlich-schaurige geschichten aus dieser archaischen weltvorstellung (Schopenhauer lässt grüßen) und sein langjähriger freund Konrad Paul Liessmann half uns, diese ins heutige philosophisch zu interpretieren. sein charmanter Wiener schmäh half uns dabei.

Köhlmeier erzählte gerade von dem Satyr Marsyas, der eine flöte namens Aulos findet und damit göttlich spielen kann. er wird dafür von den menschen bewundert, jedoch von dem gott Apoll eifersüchtig gehasst. nebenbei: Aulos ist mit einem fluch belegt, der sich auf grausame weise realisiert. Apoll hatte sich ausbedungen, dass der sieger des wettkampfes mit dem verlierer machen könne, was er wolle. im hinterhältigen wettstreit verliert der naive satyr und dann:

Da packte der Gott den Satyr am Genick, hängte ihn an eine Fichte und schabte ihm mit dem Aulos die Haut vom Körper. Die Musen standen dabei, und das Geschrei des Marsyas war ihnen wie Musik. Denn die Musen verstehen es, in allen Dingen der Welt das Schöne zu sehen. (1) nach diesem schock gab Köhlmeier das wort an Liessmann weiter, die philosophische interpretation vorzunehmen.

Aber noch die Schreie des Gemarterten erscheinen den Musen als Wohlklang. Der Künstler … ist ja der dünnhäutige … allen Erfahrungen der Welt schutzlos ausgelieferte Mensch, aber seine Schmerzensschreie werden den anderen zu einem Wohlklang, zu einem Genuss. (2)

was für eine ernüchterung! die musen, inbegriff der inspiration und kreativitätsauslösung, hören aus folterschreien wohlklang heraus? wie pervers ist das denn? das schmerzenschaos der stimme wird einfach umgedeutet! kann man dann die folterknechte unserer zeit, die perfiden spaß am quälen haben, auch als musen ansprechen, musen der mörderei?

und weiter: die künstler als sensibler seismograf dieser verkommenen welt schreien ihre werke aus der qual heraus in diese welt. noch ein schock! ich dachte immer, wer von der Muse geküsst wurde, der beginnt inspiriert die welt zu interpretieren und sie uns anderen in neuen facetten zu zeigen. gut, die arbeit ist auch anstrengend und manchmal quält sich der autor ans ende seines werkes. aber das ist doch gar nicht zu verwechseln mit den schmerzensschreien des Marsyas.

die veranstaltung mit den beiden österreichischen wortkünstlern aus literatur und philosophie hat mich ernüchtert. die künstler der welt leiden an ihr und ihre werke sind manifestierte qual und alles nur wegen der perversen musen. da benötigen wir wohl alle einfühlsame therapie. gerne hätte ich mit den beiden therapeuten ein heilsames gespräch geführt.

denn: ich will nicht an die fichte, ich will von keiner muse geküsst werden – nie und nimmer!

ihr tumben musen
an eu’ren busen
will ich nicht ihr
kommt so weich
daher und seid so
hart pervers im
dreh der welten
mein werk soll
freude sein und
allen ebenso -
kein’ qual kein’
psychopein aus
druckerpressen
therapie auf
eure kosten

© 05.09.2016 brmu
Zitate aus Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann, Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? – Mythologisch-philosophische Verführungen, Hanser 2016
(1) seite 141, (2) seite 149

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Anne Dorn erzählt aus alten zeiten

Geht ein Tag über die Straße. (10) ja, dann wendet sich Anne Dorn an uns, die leserschaft, die mit dem wunsch nach literarischen zusammenhängen aus der alten BRD und DDR, an die ohne leidenschaft für die hetze des akuten literaturbetriebs, der einen angeblichen bestseller nach dem anderen gebiert, an die ohne hitlistenglaube.

He, ihr alten und neuen Menschen, entschuldigt, daß ich anklopfe und vorbeikomme mit meinem Bauchladen. (7) diesmal sind wir gekommen, hin zum ort FREIRAUM in Köln, wo Anne Dorn nicht einfach vorlas, sondern spontan erzählen, lesen, nachdenken und rückblicken miteinander in einer spannenden melange offerierte.

So nähere ich mich dem Ort nach manchem Überlegen, denn sie kannten mich hier mit flinkem Fuß und flotter Zunge. (29) fürwahr, im hohen alter von 91 jahren ist der fuß nicht mehr so flink, aber die zunge ist flott und flink und führt große namen im munde: Böll und Huchel nur als beispiel.

Am Haupt des Tisches, auf dem knarzenden Stuhl sitze ich, (32) und berichte aus leben und literatur. wir, die wir in der hitze des tages an ihren lippen hingen, uns gingen die zwei stunden schnell herum. wer nachblättern will, dem seien ihre romane empfohlen, insbesondere die autobiografischen erinnerungen „Geschichten aus tausendundzwei Jahren“.

He, Sie, ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich alles verkehrt gemacht habe. (49) in einem leben voller mut und lust auf neuerungen kann man manches verkehrt machen. Aber nach welchem Maßstab verkehrt? (49) das können wir zuhörende nicht ermessen und bewerten, sondern nur staunen, was eine alleinstehende mutter von vier kindern in der kunstszene und literatur an chancen ergreift.

Bevor die Geschichte beginnt, sich einzuschwärzen, lieber (64) eine pause machen und beim nächsten mal fortfahren. es gibt viel zu erinnern und viel zu lesen. Anne Dorn hat romane, erzählungen, gedichte, dramen, hörspiele, essays und features geschrieben für film, funk und lesepublikum.

Warum kommt ihr mich besuchen, (68) die ihr hier vorm tische sitzt? ganz einfach, wir wollen eine zeitzeugin hören, die noch die literatur-idole unserer jugend persönlich kannte. wer die autorin noch nicht kennen sollte, der wird sie mögen, wenn er sie beim nächsten mal im FREIRAUM in Köln am 20.11.2016 erleben kann.

© 29.08.2016 brmu
Zitate aus Anne Dorn, Wetterleuchten – Gedichte, Poetenladen 2011, seitenzahlenangaben und gedichttitel: 10 Warten, Hoffen - 7 Ein Gedicht – 29 Furcht und Trost – 32 Später Nachmittag – 49 Fünf Sekunden – 64 Vor dem Vergessen – 68 Im Traum

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H. G. Wells in Königsdorf

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© 04.08.2016 foto brmu: Streich und Lussem im „interview“

Jürgen Streich (JS), seines zeichens journalist und autor, hat mal wieder einen coup - oder soll man besser sagen: „streich“ - gelandet. sein Königsdorfer Literaturforum (KFL) vom 4.8.2016 im ev. Gemeindehaus Königsdorf hat uns den vermeintlichen sience fiction autor Herbert Georg Wells (H.G. Wells, HGW) mit seinen anderen facetten ins bewusstsein gerückt.

der abend war locker aufgebaut. zunächst konnten wir essentielles zum kritischen und skeptischen denken des autors in einem fingierten interview hören. JS stellte dem rezitator Ulrich Lussem als HGW fragen, die dieser locker, aus Wells werken zitierend, beantwortete. eine gelungene art, den im vorletzten jahrhundert geborenen autor (1866-1946) mit seinen eigenen aussagen zu worte kommen zu lassen. das machte neugierig, hörten wir doch eher beunruhigendes, das man getrost oder untröstlich in die kategorie der dystopien einordnen kann.

ausführungen, die weit von einem trivialen sifi-story-schreiber entfernt sind. HGW war historiker und soziologe und wacher zeitgenosse. das befähigte ihn, entwicklungen seiner zeit intelligent zu extrapolieren und deren gewaltpotenzial bei notorisch unreifer menscheit richtig voraus zu ahnen. sie fanden ihren niederschlag in über 120 werken (romane, erzählungen, sachbücher). wir heutigen können seine „prophetie“ bezeugen.

exemplarisch las Walburga Maraite aus dem schwer zugänglichen buch „Befreite Welt“. es reflektiert die möglichkeit einer weltregierung als mittel zur eindämmung der gewalt. Jedermann, ob weise oder beschränkt, glaubte in diesen Tagen, daß die Aufteilung der Welt unter eine Vielzahl von Regierungen unvermeidlich wäre und es noch Tausende von Jahren bleiben würde. Sei war wirklich unvermeidlich, bis sie unmöglich wurde. war das Jahrhundert … eine Zeit ständig zunehmender Vergeudung. Nur der extreme Individualismus dieser Zeit, nur der völlige Mangel an kollektivem Verständnis und Zielbewußtsein kann diese Vergeudung erklären. … Das ganze System näherte sich dem Zusammenbruch. Und jedes Jahr wendete man noch mehr Arbeitskraft und Energie auf Rüstung auf und vergrößerte ständig die Kreditschulden der Industrie. … Wohin man auch in der Welt blicken mochte, nirgends fand man einen Sinn für die Gefahr oder das Verlangen, den Dingen auf den Grund zu gehen. … Niemand konnte, niemand wollten den Abgrund vor seinen Füßen sehen. … Die Menschheit lebt immer im Aufbruch. Leben heißt Beginnen und nichts anderes als Beginnen.“ es wird letztlich einer weltregierung das wort geredet, wobei allerdings voraus zu setzen wäre, dass die dann regierenden nicht das von Wells den menschen so schlecht ausgestellte zeugnis inne hätten. dazu sagt HG Wells aber nichts.

Maria Sarafidou las einen text des leider verhinderten Christian Gierend, der sich mit den fantastischen kurzgeschichten Wells gefasste. Darin ging es H. G. Wells daru, die unbegrenzten Möglichkeiten zukünftiger Wissenschaft und Technik aufzuzeigen, gepaart mit der Unfähigkeit der Menschheit, diese sinnvoll und friedfertig für die Allgemeinheit zu nutzen. Wells sah den Menschen als weiterentwickelten Affen an, der sich aber letztendlich evolutionsbedingt selbst vernichten würde. das ist ernüchternd zu hören, es fallen uns tausende von bestätigenden beispielen ein.

alle drei sind teilnehmer/-innen der von Jürgen Streich geleiteten schreibwerkstatt „Federleicht“. ein schöner beweis, dass sich die kernerarbeit an der basis der schreibkunst lohnt. ohne die ermutigung zum schreiben lässt sich das potenzial der schriftstellerischen begabungen aus der region nicht heben – und alle großen schriftsteller/-innen sind schließlich ihrer region entwachsen. „Federleicht“ – Die Inklusive Schreibwerkstatt in Alt St. Ulrich“.

den abschluss bildete ein längeres zitat aus „Menschen, Göttern gleich“, von Elisabeth Kann gelesen. „Dutzende Jahrhunderte seien notwendig gewesen, ehe die schwersten Missbräuche des Vertrauens, das in einer modernen Organisation notwendig ist, abgestellt werden könnten. Jeder Utope muss fünf Grundsätze der Freiheit lernen, …erste Grundsatz ist der der Unantastbarkeit der Privatsphäre … zweite Grundsatz ist der der Bewegungsfreiheit … dritte Grundsatz ist der vom unbeschränkten Wissen … zum vierte Grundsatz der Freiheit … (Wo es Lügen gibt, kann keine Freiheit herrschen.).

nach dem abend und seiner diskussion war das verstaubte bild von HG Wells als sf-geschichtenschreiber, gar als autor trivialer literatur, das wohl manch einer mit sich herumgetragen hat, gründlich renoviert und korrigiert. wir haben es mit einem gesellschaftskritischen mahner zu tun, der aus der zeit bis zum Zweiten Weltkrieg die meist unguten entwicklungen der massengesellschaft richtig vorher gesehen hat und beschreibt, inklusive der von ihm erstmals so genannten „Atombombe“. die richtigen lösungen werden angedacht, aber ob sie tragen oder variiert oder fallen gelassen werden müssen, das wird die arbeit der jeweils aktiven generationen auf der welt bleiben.

das Well’sche orakel hat gesprochen! wer ohren hat zu hören, der höre! wer hirn hat, denke und komme vielleicht zu dem schluss des autors Lars Gustafsson 1: „Es gibt Dinge, die wir erforschen sollten. Und es gibt Dinge, die wir nicht erforschen sollten.“

© 08.08.2016 brmu
1 zitat aus Lars Gustafsson, Doktor Wassers Rezept, Hanser 2016, seite 78

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Rumlers splitter im Erftland

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© 2013 foto brmu: Andreas Rumler liest aus seinem Gedichtband

ein interview mit Andreas Rumler (AR) über die hintergründe zur entstehung seines gedichte-zyklus „Erft-Land-Splitter“1

litbiss:    ihre ersten Erft-Land-Splitter, herr Rumler, umfassten fünfzehn gedichte. das war anno 2007. inzwischen liegen dreiunddreißig vor. wie kam es zu dieser fortschreibung?

AR:     während der letzten jahre ist dieser kleine zyklus „Erft-Land-Splitter“ entstanden, als lyrische erkundung unserer neuen heimat. recht naiv waren wir in diesen schönen kreis gezogen, weil uns die gegend und das haus dort mit unserem neuen grundstück gefielen.

litbiss: und die menschen dort?

AR:       dass die nachbarn sehr nett und hilfsbereit waren, menschlich eine ideale gruppe, erfuhren wir erst später.

litbiss: sie nennen es „unsere neue heimat“, was ist daran so attraktiv?

AR:     geschichtsträchtig ist das land. knapp 500 meter von unserem haus entfernt verlief die alte Via Belgica, die Köln mit dem heutigen Antwerpen verband. reiche archäologische funde birgt der fruchtbare boden: siedlungen seit der steinzeit, römische gutshöfe, rastplätze, militärlager, tempelanlagen sowie burgen, schlösser und kirchen seit dem mittelalter.

litbiss: das hört sich kulturträchtig und unersetzlich an …

AR:     … doch statt diesen schatz, ein kulturerbe der menschheit, zu bewahren und zu bergen, wird er fast vollständig zerstört. zwar unterstützt der tagebau-betreiber forschungen, nach auskunft der archäologen werden aber nur rund 5 % der funde gerettet – ein feigenblatt.

litbiss: gerade so viel, dass in der öffentlichkeit dies und das positive berichtet werden kann. was passiert mit den restlichen 95%?

AR:     das meiste wird von den baggern des braunkohle-konzerns geschreddert.

litbiss: nicht alle sind kulturbeflissen, die schredderei stört sie wenig …

AR:     …verheizt wird die heimat, die bürger atmen krebserregenden feinstaub ein, ihre häuser erleiden bergschäden. über generationen gewachsene sozialverbände werden zerschlagen. profitgierige und archaische technik triumphieren über menschen. die schlote der kraftwerke schädigen zudem das klima

litbiss: das hört sich gar nicht gut an. die „neue heimat“ also hier im so genannten braunkohlerevier, wie es so schön den ruhr-pott kopierend heißt, hat macken. grund genug, dagegen zu halten. steckt das in dem titel: Erft-Land-Splitter?

AR:     der titel „splitter“ hat einen doppeltem grund: unter den baggerschaufeln zersplittert kultur. zugleich geben die bilder splitter von eindrücken wieder, einzelaspekte, momentaufnahmen, einblicke in eine zerstörte landschaft und vernichtete dörfer, sterbende gemeinwesen.

litbiss: die meisten gedichte kommen prosaisch daher, notate sind ja auch prosatexte - die gedichtform im herkömmlichen sinne wird bewusst gesprengt?

AR:     lyrisch sind sie formuliert, frei von traditionellen formen, sacht rhythmisiert und dezent gegliedert, notate eben, leicht hingeworfen – ganz im gegensatz zu den gewichtigen problemen, die sie thematisieren.

litbiss: das problem der grube, sprich Tagebau Hambach, dauert fort, ein grund, den zyklus fortzuschreiben?

AR:     erstmals erschien dieser kleine zyklus: Erft-Land-Splitter. Lyrische Notate in Köln in der edition fundamental des schriftstellers, buch- und druckkünstlers Richard Müller im jahr 2007 in einer sehr edlen, in bleiernen lettern von hand gesetzten ausgabe und wurde aufwändig kunsthandwerklich gebunden. die vorliegende fassung wurde von mir aktualisiert und überarbeitet sowie im lauf der zeit um weitere gedichte ergänzt.

litbiss: also ein keineswegs abgeschlossenes werk, so wie auch der tagebau noch längst nicht abgeschlossen ist und seine auswirkungen fortdauern werden. als beispiel seien bei litbiss zwei neue gedichte mit erlaubnis des autors Andreas Rumler zitiert.

XXIX

schmutz bläst der wind
dreck und feinstaub
gift für die lungen jener anwohner
die geschlagen sind mit
solch mächtigem konzern
der alles plattmacht was sie lieben
wer solche nachbarn hat
braucht keine feinde

XXX

heilkraft zeigt die natur weht samen
über aufgerissene erde
erst blüht ihren duft verbreitend
kamille dann mohn und margeriten
nachtkerzen auch sie trotzen
der menschen und natur
verachtenden zerstörungswut

„zerstörungswut“, nicht im sinne individueller amoklauferei, sondern aus kollektivem, unreflektiertem wachstumswahn vieler, wird hier angesprochen. leider lesen die „macher“ dieser situation offenbar keine lyrik. aufkeimende kritik wird mit dem argument „arbeitsplätze“ totgeschlagen.

anmerkung für jene, die prosa lieben: in nicht-lyrischer weise nimmt sich Ingrid Bachér in ihrem roman „Die Grube“ dieses themas an: die zerstörerischen mechanismen am beispiel eines umzusiedelnden dorfes. auch hier wird aus verdeckten interessen weniger zum angeblichen wohle aller bei vielen nicht wieder gut zu machende zerstörung angerichtet.

© 07.08.2016 brmu
1 Andreas Rumler, Erft-Land-Splitter - Lyrische Notate, edition fundamental, Köln 2007

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Zeiler im lückentext

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© 2016 foto: Charlotte Zeiler und ihr debüt-roman "La vita seconda"

als autorin bin ich Charlotte Zeiler, den bürgerlichen namen verrate ich nicht, weil ich mittlerweile Charlotte Zeiler bin.

ich wurde geboren, zu einer zeit, in der die DDR bzw. der ostblock im umbruch war, das hatte auf mich großen einfluss. ich wollte auch freiheit. in erste linie die persönliche freiheit.

als kind wollte ich immer glücklich sein und geliebt werden und als 18-jährige erfüllte ich mir diesen wunsch, indem ich in den westen floh.

meine ausbildung ist immer im fluss. ich bin begierig, neues zu lernen. im prinzip ist meine lebensausbildung niemals beendet.

dabei hat mich immer der satz meiner eltern begleitet: (eher geprägt und vorangetrieben) das schaffst DU nie…pah!

so kam es, dass ich heute sehr ehrgeizig und zielstrebig bin und meine erfolgserlebnisse als diese gar nicht sehe. der erlösende schulterklopfer aus dem elternhaus fehlt…

mein erstes buch habe ich viele jahre geschrieben. es war mir eine herzensangelegenheit. (der weg ist gleichzeitig das ziel und die befreiung.)

die schriftstellerei hat einen riesenvorteil, denn ich konnte mich neu erfinden.

wenn sie das buch lesen, wünsche ich ihnen gute unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger.

sie werden in der sache folgendes erkennen: jeder interpretiert etwas anderes in das gelesene hinein.

über mich finden sie in dem buch einiges. ich bin alle(s) und doch niemand.

und von der leserschaft habe ich in form von rückmeldungen die seelenstreicheleinheiten bekommen, die ich als kind immer vermisst habe. ich bin süchtig danach, weil es so gut tut.

© 04.07.2016 brmu

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Bohns traumglücklebensliebe

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© 8.4.2016 foto brmu, Manfred Bohn und Sascha Schwarzbart im Medio, Stadtbibliothek Bergheim, in aktion.

lyrik ist ein sperriges thema im literaturbetrieb – auch in der region. das schert Manfred Bohn aber nicht. er legt nun seinen zweiten gedichtband vor: Traum, Glück, Leben, Liebe; MM Bohn Verlag Bergheim, 2016.

Bohn ließ uns im rahmen der lesungsreihe „Autoren der Region“ des rührigen Fördervereins der Stadtbibliothek Bergheim eben dort im Medio an seiner benefiz-performance teilhaben.

es war für alle sinne gesorgt: für stimmung sorgte ein rotlichtiges bühnenarrangement aus großformatigen bildern von Marina Freude, die insgesamt 13 bilder zu dem neuen gedichtband beigesteuert hat.

für die congeniale begleitung im hintergrund war der pianist Olexandr Moyerer (Sascha Schwarzbart ist sein künstlername) zuständig, der professionell die lesung mit einfühlsamen improvisationen aus der welt der „e&u-musik“ vertonte. Bohn stellte ihn mit dem worten vor: „während andere nach noten suchen, spielt Sacha einfach.“ und so war es auch, separater applaus dafür zeigte die wertschätzung des publikums.

und dann die bassige stimmte des dichters Bohn als souverän sonorem arrangeur seiner gedichte in einer melange aus wort, mimik, gestik, hut und schal. keine einfache ablesung vom blatte, nein, es war bühnenreif. jedes kapitel hatte seinen eigenen hut und schal als signal des themenwechsels.

musiker und lyriker haben es gemäß Bohn nicht leicht, denn:
Der Musiker, wie übrigens auch der Lyriker,
Die haben es alle beide schwer,
Der Kampf um jede Silbe, Note
Erschöpfen diese Künstler sehr.
(52)

in der pause dann rechtzeitig snacks und gute tröpfchen für den plausch. so betört man ein publikum. zum schluss eine zugabe mit dem gedicht „Wilder Wein, so grün und heftig“:

Wilder Wein, so grün,
Wie ein urwaldischer Zwergfrosch,
Raschelt über dir, hinter mir,
Neben dir und unter mir.

Deine safte Schönheit strahlt
Im Einklang unserer Bewegungen.
Alles ist geflohen, war zu wichtig,
Die Gefühle sind im gleichen Takt – geblieben!
Deine gezeigte Lust erstaunt mich,
War so nicht auszumachen.
Kess, heftig und betörend …

es geht noch weiter, auf seite 93! wollen sie es wissen, so lesen sie im gedichtband weiter.

© 12.04.2016 brmu

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Feldhoff kokettiert: poeta minor

Heiner Feldhoff bezeichnet sich als poeta minor. er wohnt im Westerwald, war lehrer und schreibt neben gedichten und erzählungen schon lange die kleinste form: kürzestgeschichten als strobos­kopische blicke in die welt. „Becketts Hose“ und „Kafkas Hund“ sind eindrückliche zeugnisse davon (s. forum).

neugierig geworden, bat ich ihn im Januar um ein interview über sich, sein schreiben und bleiben, der weite wegen schriftlich. er stimmte gerne zu und hier sind seine antworten:

litbiss: wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, von dem könnte man annehmen, es flösse „großstädterblut“ in seinen adern. was bewegt sie, ihr autorenleben in Oberdreis im Westerwaldkreis zu verbringen?

HF: Als ich 1972 in den Westerwald zog, gab es tatsächlich einen enormen Kontrast zwischen Stadt und Land. Damals suchte ich die ländliche Idylle, suchte die Täler weit und Höhen und den andächt’gen Aufenthalt dort, um das anstrengende verantwortliche Leben als junger Pädagoge und Familienvater auszuhalten. Ich bekam aber rasch Heimweh und fuhr immer wieder zurück nach Duisburg, zu alten Freunden, zur alten Mutter, bis heute übrigens. Zusätzlich deckte ich lange Zeit das Bedürfnis nach Großstädtischem durch regelmäßige Fahrten nach Köln und Paris.

litbiss: auf ihrer homepage sind in etwa 40 jahren 15 werke, z. t. prämiert, aufgeführt. wie dürfen wir leser/-innen das bezüglich ihres schaffens deuten?

HF: Ich bin selbst überrascht, dass da offenbar ein kleines Gesamtwerk zusammengekommen  ist. Es ist wohl die „Lust am Text“, so bekanntlich ein Buchtitel von Roland Barthes, die mich angetrieben hat, von Kindesbeinen an. Und das Erkunden diverser Schreibfelder: neben Lyrischem und Prosastücken (keine Romane!) das Verfassen von Biographien und auch das Übersetzen. Die Intervalle zwischen den Büchern werden indes größer; es gibt immer öfter auch Tage, gottlob keine Phasen, des Überdrusses an der Literatur, besonders dann, wenn zuviel eitles Geschwätz die Feuilletons füllt, zuviel leicht konsumierbare Leseware angepriesen wird.

litbiss: sie sind von beruf lehrer gewesen. hat die nähe zum bildungsbetrieb den parallelen „nebenberuf“ autor ermöglicht oder gar eine literarische berufung erzwungen?

HF: Nun, ich war ja Deutsch- und Französischlehrer. Und hatte also tagaus, tagein jugendliche Partner im kreativen Umgang mit der Sprache. Auch der produktive Umgang mit Falschem, mit Fehlerhaftem, war ein Gewinn. Oder die Mundart (kennen Sie die Stammform „kief“ statt kaufte?). Ich holte die Dichter zu Lesungen in die Schule. Wir fuhren gemeinsam zur Buchmesse, einmal machte der Autor Hadayatullah Hübsch eine Lesung im Bus. Ich veranstaltete einen Gedichtwettbewerb, bundesweit: Gedichte zum Auswendiglernen, der Preisträger, von einer Schülerjury ausgewählt, bekam tausend Mark. Und als ich merkte, dass die Schüler dann besonders motiviert waren, wenn sie über ihr eigenes Leben schreiben konnten, stellte ich auch bei Klassenarbeiten immer öfter solche Realitätsthemen: und wir machten daraus schließlich ein gemeinsames Buch, unter dem Titel „Von Bäumen und Menschen“.

litbiss: als literat treten sie mit der kleinen form, in erzählung, gedicht, kürzestgeschichte auf. das könnte der lesegewohnheit einer großstädtisch gehetzten leserschaft geschuldet sein, aber auch einer philosophie der offenen weite huldigen. wie darf man sie zwischen lyrik und prosa einordnen?

HF: Es ist mir ein Rätsel - ich widerspreche Ihnen da also -, warum die kleine Form nur eine verschwindend kleine Leserschaft hat, dabei wäre sie wegen ihrer Kürze besonders geeignet, etwa wie für fromme Leute die Losungen zum Tage. Der umfängliche Roman, alles Umfängliche, Fiktionale hat, wie schon gesagt, sein großes Publikum. Ich beklage das Desinteresse an der Kurzprosa gar nicht, das ist in Deutschland so, in Frankreich ist das schon etwas anders, da gibt’s z.B. ein großes Interesse für poetische Notate, für Denkbilder im Sinne Walter Benjamins, für literarische Tagebücher. Geselle dich zur kleinen Schar, sagt Goethe, mir bereitet es ein heimliches Vergnügen, als poeta minor meine Miniaturen in das literarische Leben einzuschmuggeln, sogar in Schulbücher. Es ist beglückend, wenn das Eigene neben Ingeborg Bachmann, Erich Fried oder Peter Rühmkorf auftaucht.

litbiss: als autor beschäftigen sie sich in ihrem essayistischen werk mit Albert Camus, Henry D. Thoreau, Paul Deussen, allesamt in der nähe der philosophie. pocht hier ihr eigentliches, verkündendes autoren-herz?

HF: Ne, Maximen, Botschaften mag ich hier nicht als Konzentrate verkünden, à la: Du musst dein Leben ändern. Das liegt ohnehin auf der Hand. Aber fasziniert war und bin ich von dem Ausmaß an geistiger Freiheit, die die genannten Drei in ihrem Werk eröffnen, fordern, herausstellen, Camus in der durchschauten Absurdität, Thoreau im Ungehorsam gegen alles zivilisatorische Bevormunden, Nietzsche (über „meinen“ Deussen) in seinen Erkenntnissen „über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“. Mich mit Paul Deussen, einem engen Freund Nietzsches, zu beschäftigen, war insofern naheliegend, als er hier in dem Westerwaldort, wo ich lebe, aufgewachsen ist, wie Nietzsche Pfarrerssohn; er hat ein hervorragendes Werk hinterlassen, das auf verständliche Weise den altindischen Geistesraum erschließt, besonders den Advaita-Vedanta. Und dass Nietzsche hier vor Ort, praktisch an meiner heutigen Haustüre, vorbeigelaufen ist, hat ihn mir natürlich sogleich menschlich nähergebracht. Er hat den Westerwald übrigens als „grua-, grua-, gruselich kalt“ beschrieben. Man bedenke bei diesen Worten Nietzsches offenkundige Grusikalität. Thoreau und Camus in ihren Journalen, Nietzsche in seinem fragmentarischen, aphoristischen Schreiben – da sind sie mir besonders nahe Gesprächspartner, lebendiger oft als „real existierende“.

litbiss: die philosophie schlägt sich sicherlich in ihrem prosaischen und lyrischen werk nieder. welchen tipp können sie ihren leser/-innen zum verständnis ihrer texte geben?

HF: Wer einen metaphysischen Halt sucht, den kann ich auf Deussen verweisen, der in der Nachfolge Schopenhauers ein idealistisches, kohärentes System vorlegt, das die Materie voll anerkennt inklusive unserer vita brevis, und dennoch, wider alle Vernunft, eine tröstliche überindividuelle „Unzerstörbarkeit ohne Fortdauer“ postuliert. Es ist auch im engeren eine Philosophie des Dennoch, ja eines Lebensglücks, das im Mythos des Sisyphos anklingt, den Camus ja mit dem Satz beendet, man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, im Französischen liest sich dank des exponierten Schlußworts besonders nachdrücklich: Il faut imaginer Sisyphe heureux.

litbiss: in ihren texten schimmert engagement durch für das unberührte, das natürliche. wie richtig läge man, wenn dies als zunehmende distanz oder reserve gegenüber dem „mensch en masse“ aufgefasst würde, der mit seinem auftreten in der welt erhebliche, nachteilige veränderungen bewirkt? was geben sie der leserschaft zu bedenken?

HF: Ach, meine Leserschaft, diese schöne treue und immer wieder neue Hundertschaft. Bedenklich, wenn ich diesen Befreundeten etwas zu bedenken gäbe, aufgäbe als Hausaufgabe. Nein, ich gebe ihnen etwas zu lesen, ich hoffe etwas Erfreuliches; ihr Sprachbewußtsein Erweiterndes. Und ich gebe immer auch Lesetipps, Robert Walser, Jules Renard, Cioran, Márai, Handkes Notizbücher. Im engen Deutschland ist das Unberührte kaum mehr zu finden, vielleicht nur noch im kleinen, en détail fürs Auge; das Ohr ist überall durch industriellen, maschinellen, technischen Lärm belastet, das Landleben macht da keine Ausnahme mehr, im Gegenteil, mir scheint, in vielen städtischen Nebenstraßen ist es heute ruhiger als auf dem Lande, welches schon lange seine Unschuld verloren hat, Kafkas „Mann vom Lande“ kann zu Hause bleiben, ungetrost.

litbiss: bestimmt arbeiten sie längst an einem weiteren essay, lyrik- oder prosaband. welche brandneue kürzestgeschichte darf ich meinen leser/-innen vorab präsentieren?

HF: Wir Nichtschwimmer.

litbiss: was halten sie als autor von der „acht-punkte-proklamation des poetischen actes“ des H.C. Artmann (1921-2000), insbesondere vom ersten satz: „es gibt einen satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“?

HF: Eine schöne Schlußfrage. Ich kenne dieses Phänomen sehr gut: Nicht-schreiben, nichts sagen – und dennoch sind die Sätze da, virtuell, oder in Träumen. Ich träume ganze Reden, Textpassagen, Briefentwürfe, nach so vielen Jahren des Umgangs mit den Wörtern, ihren Klängen, mit den Buchstaben kein Wunder, es sind geradezu körperliche Lebewesen, imaginäre Lesewesen in jedem Fall. Artmanns Hinweis läßt mich an den wunderbaren Pessoa denken (Buch der Unruhe), da spricht er an einer Stelle von den großen Dichtern des Schweigens, die, im Wissen um ihre Fähigkeit zum Meisterwerk, vorzogen, es mit ihrer Entscheidung des Nie-Schreibens zu krönen! Nun ja, so habe ich, indirekt hergeleitet, gute Gründe, dann und wann ein weiteres unvollkommenes Werk herauszubringen. Von dem großen Fotografen August Sander gibt es ein Bild aus dem Jahre 1913, das einen alten Westerwälder Bauern zeigt, Sander gab ihm den Titel: Der Philosoph. Ja, der hat diesen ausdruckstarken Blick in die Ferne, den Blick eines Wissenden ohne jedes aufgeschriebene Wort. Übrigens auch das einer Bäuerin, einer Philosophin.

Abschließend die oben erwähnte Kürzestgeschichte:

Wir Nichtschwimmer. Auf einem Festbankett verblüffte der Olympiasieger, der in Antwerpen die Goldmedaille gewonnen und zugleich einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte, die versammelte Festgesellschaft mit der Erklärung, er wisse selbst nicht, wie ihm dieser Erfolg gelungen sei, denn eigentlich könne er gar nicht schwimmen. Ich las diese seltsame Geschichte am Vorabend einer Osterreise an die holländische Küste, die mich auch an Antwerpen vorbeiführen würde, wo ich immer nur mit Herzklopfen herfahre wegen der offenbar hier unvermeidlichen Staus vor dem sogenannten Kennedy-Tunnel. Die beiden mitreisenden Enkelkinder hatte ich noch jüngst selber in einem unserer täglichen Gespräche am Telefon verblüffen wollen, indem ich nämlich der achtjährigen Emma, die sich darüber verwundert zeigte, daß man den Osterhasen nie zu Gesicht bekomme, erklärte, eigentlich, hätte ich gehört, gebe es den Osterhasen gar nicht, was sie ungerührt zur Kenntnis nahm, Max habe so etwas auch schon angedeutet. Ihr großer Bruder hatte mich übrigens seinerseits gefragt, ob ich ihm sagen könne, wie denn die Auferstehung von Jesus zu begreifen sei, ein Toter könne doch gar nicht wieder lebendig werden. Ich darauf: Eigentlich habe es den auferstandenen Jesus gar nicht gegeben, das sei eine Erfindung der Anhänger Jesu gewesen, die in ihrer übergroßen Trauer den Tod ihres Meisters nicht hätten wahrhaben wollen, woraufhin Max zehn Sekunden lang geschwiegen hat und ich Emma im Hintergrund habe lachen hören. Ich nahm mir vor, wenn wir am Ostermontag über den Strand laufen würden, mir die Kinder zu Seite zu nehmen und ihnen, das milde Wellenrauschen in den Ohren, schonend beizubringen, daß es sie, Max und Emma, eigentlich gar nicht gebe, sondern sie sogleich, von einer Sekunde zur anderen, schon wieder ganz andere seien und sie eigentlich meine Großeltern seien und ich ihr Enkelkind, und im Meer dort vor uns, das wißt ihr besser als ich, sind wir alle nur Nichtschwimmer.1

1 litbiss dankt Heiner Feldhoff für die erlaubnis der veröffentlichung seiner kürzestgeschichte „Wir Nichtschwimmer“.

© 21.01.2016 brmu

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Zindler's prosit 2016

Wenn du dass Tor geöffnet hast,
So kann es sein, du gehst nach draußen,
Die Landschaft liegt vor deinem weiten Blick,
Du siehst die Ferne, die dich lockt
Zu anderen Menschen, neuen Wegen.

Es kann auch sein, du trittst in einen Raum,
Der dich zu bleiben heißt
Im Schirm der Wände des Gehäuses
Mit dir und wenigen allein zu sein
Auf stillem Weg in deine Innenräume.

Schließ deine Türe hinter dir!
Geh deinen Weg und kehre wieder
Zum Ausgangspunkt zurück. Vielleicht
Hast du den Weg gemacht, um heimzukehren
Oder in dir verweilt: Brich auf!

© Theo Zindler aus Kassel zum Jahreswechsel 2015/2016
eingestellt am 01.01.2016 / 00:05 uhr brmu

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Feldhoff findet Becketts Hose

Noch ruhen unsre Wälder. Wir hielten Ausschau nach den Horsten des Rotmilans, unseres Kampfgefährten, spähten in die Astgabeln von Laubbäumen, es war vom sogenannten Kulturabfall die Rede, von Kunststoffresten etc., die der stolze Vogel beim Nestsbau verwendet. Welche Freude, als wir in einer hohen Buche einen Horst entdeckten, aus dem heraus ein Fetzen Plastik flatterte, das war der Ausweis des Milans, den die Behörden verlangten. Und nun zu euch, Bruder Schwarzstorch, Vetter Kolrabe, Lebensabschnittspartner Wespenbussard! (Heiner Feldhoff, Becketts Hose, Klöpfer&Meyer 2015, s. 8)

Heiner Feldhoff legt als abgeklärter autor in seinem neuesten buch „Becketts Hose“ eine sammlung von 166 notaten vor, deren sprache fällige denkprozesse quer durch das leben auszulösen vermag. kein rechthaberisch erhobener zeigefinger aus dem Westerwald. nein: subtil mahnende „Kürzestgeschichten“ sind zu lesen. was wir daraus machen, überlässt er uns.

was steht nun im text, was dahinter? das „Wir“ aus „Noch ruhen unsere Wälder“ steht wohl für eine gruppe von gleichgesinnten, vielleicht mitglieder eines vogelschutzvereins und, im weiteren sinne, die verständige leserschaft. man ist im revier auf kontrollgang, macht beobachtungen an den horsten von greifvögeln.

und schon beginnt die doppelbödigkeit. der „Rotmilan“, als ein „Kampfgefährte“ angesprochen, lässt uns an politisches denken, die beobachtungen werden zur „Ausschau“, zur letztgültigen schau der dinge wie sie sind. und die stehen nicht zum besten: „Kulturabfall“ als mülliges baumaterial in den nestern der vögel. der zentrale begriff „Kulturabfall“ offenbart die abgründigkeit der menschheit. sie ist nicht nur fähig, zivilisationen zu etablieren, sondern auch als ausdruck ihrer höherentwicklung: kultur.

aber jederzeit können die schattenseiten der zivilisation in die kultur einbrechen, sie zum abfallen von sich selbst bringen, ja, sie derart versauen, dass abfall sogar in bislang unberührter natur integriert wird. die vögel als über allem schwebende zeugen dieses prozesses spiegeln das diktum in anschaulicher weise. insofern sind sie unfreiwillige, von eigennutz unverdächtige gefährten im kampf gegen diese destruktive entwicklung. die „Fetzen Plastik“, das artifizielle aus menschlicher hybris, unterwandern die welt.

die unsensibilität menschlicher denkweise ist derart schlimm, dass sie diese, nicht artgerechte verhaltensweise der „stolzen“ vögel bereits als erkennungsmerkmal, als „Ausweis des Milans, den die Behörden“ verlangen, anerkennt, statt sie als alarmsignal der eigenen zerstörungen in und an der natur zu interpretieren. die behörden haben „Kunststoffreste“, unnatürliches also, als neues nestbaumaterial anerkannt.

so denkt man bis hierher - und dann der schock: „Welche Freude“ über den „Fetzen Plastik“ im milannest. liege ich etwa falsch, haben sich die hinter dem „Wir“ stehenden arrangiert? wofür kämpfen die, sind sie bereits so verblendet, dass sie den „Kulturabfall“ als kniefall hinter dem spektiv erleben? verstörend folgt sogar noch ein aufruf: „Und nun zu euch…“ in dem sinne, dass „Schwarzstorch, Kolkrabe, Wespenbussard“ an der reihe sind, als „Bruder“ wie verbündete, aber zu oder gegen was? sich auch des abfalls zu bedienen, sich einzureihen in phalanx der angepassten?

nein, ich klammere mich an den begriff des „Kampfgefährten“ und weigere mich, ihn kollaborativ zu verstehen. der aufruf an die anderen greifvögel ist der wunsch nach weiteren beweisen über das zerstörerische verhalten der menschen, als gehäuftes warnsignal, um dagegen anzugehen. denn plastikfetzen im nest als metapher stehen für die unsichtbaren giftstoffe in unserer nahrungskette, für das selbstzerstörerische menschlicher kurzdenkerei: die menschliche dummheit flattert grüßend als nestbaumaterial. Feldhoff mahnt mit nur 76 worten bibliothekfüllend, auf dass keiner sagen kann, das habe ich nicht gewusst.

das wichtige kommt oft unscheinbar daher!

© 22.12.2015 brmu

p.s.: Heiner Feldhoff schreibt mir kommentierend am 23.12.2015: "... ich will nur rasch in der Sache darauf verweisen, dass der Nachweis von Rotmilan und Schwarzstorch etc. die Errichtung von Windrädern in Waldgebieten verhindern hilft - das geht ja auch aus dem Text S. 10/11 hervor. Daher auch der paradoxe Jubel über die Entdeckung des Plastikfetzens, was ja nichts ändert an der Richtigkeit Ihrer Empfindung hinsichtlich der Kampfgefährten, der großen Familie (die nicht zuletzt einen Thoreau als Ahnherrn hat)".

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Goethe in Aachen

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© 31.10.2015 foto brmu: Andreas Rumler präsentiert sein buch
(siehe auch diesen blog: http://www.litbiss.de/web/littreff-m)

das Literaturbüro in der Euregio Maas-Rhein e.V. hatte am 31.10.2015 in das Haus Löwenstein am Markt (Ratssaal) in Aachen eingeladen. thema: „Ein virtueller Spaziergang durch Goethes Leben“. Andreas Rumler gönnte uns einen einblick in sein bündiges Goethebuch „Johann Wolfgang Goethe: Dichter – Staatsmann – Universalgenie“ in einer opulenten bilderschau mittels moderner präsentationstechniken. wir wurden wie zeittouristen durch die vita Goethes geführt. querverweise auf sein werk gaben den blick auf den literaten frei, hinweise auf seine staatsmännischen funktionen in Weimar erdeten den oft als Olympier überöhten autor. alles an passender stelle, so dass sich ein ganzes ergab.

naturgemäß ist ein über achtzigjähriges, ereignisreiches leben nicht in einer schulstunde erläutert. es waren derer zwei, was das etwa zwanzigköpfige, interessierte publikum nicht störte. in der engagierten diskussion kam man schnell ins allgemeine und dabei auf die verbreitete, hymnische art und weise der rezeption des kanonisten JWG und forderte, ihn für die jüngeren generationen kritischer als autor darzustellen. vor allem sei seine tätigkeit als staatsmann und die damit verbundenen, ethischen implikationen heute kritischer zu sehen.

das führte zu der bemerkung, dem autor gegenüber seinem werk nicht das übergewicht zu verleihen, wie es schon Roland Barthes mit seiner generellen these, der autor sei tot, gefordert hatte. nicht Goethe sei im fokus, sondern sein werk oder einzelnen teile dessen. da aber JWG in geradezu manischer art und weise alles und jegliches notiert habe, sei eben ein riesiges konvolut an daten, fakten und bemerkungen der eigeninterpretation vorhanden.

dem blogger fällt beim abfassen dieses artikels ein: es wäre interessant zu erfahren, was die Goethe-Gesellschaften und Goethe Institute als die "promotion agenturen" JWGs zu dem obigen gedanken einer zeitgemäßeren rezeption beitragen könnte. wie können wir wegkommen von der ältlichen glorifizierung, hin zur aktuellen, werkimmanenten rezeption für diejenigen, für die autoren eigentlich schreiben: nicht für schüler/-innen im schonraum der schule, sondern für leser/-innen mitten im leben. JWG hat eine reihe von aktuellen themen zu bieten, die sogar den brückenschlag zu Albert Camus erlaubten. ich denke dabei an den „Werther“.

es ist eine gelungene sache, wenn ein kleines werk über ein scheinbar gänzlich ausgeschöpftes thema eine frische und nachdenklich stimmende diskussion entzündet. Andreas Rumler sei dank!

© 01.11.2015 brmu

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Mauersegler's drop down

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© foto Brockmann zeigt Christoph Poschenrieder

wenn man schon ein anregendes buch von ihm gelesen hat wie „Die Welt ist im Kopf“, dann will man mehr: den autor kennen lernen, ob der auch anregend sei.

und tatsächlich: am 4. September 2015 las Christoph Poschenrieder in der Buchhandlung Brockmann in Brühl aus seinem neuen Werk „Mauersegler“, unprätentiös, entspannt, ja geradezu zurückgenommen. kein stimmlicher schnickschnak oder non-verbaler firlefanz verstellte uns die wirkung seiner ausgewählten texte.

und die hatten es in sich. es geht um gealterte herren in einem repräsentativen haus am Starnberger See, kokett WG genannt. alle am ende ihrer lebensbilanz, die in manch nachdenklichem satz fixiert ist (No fool like an old fool. 193). einer prägt besonders und ist ein paarmal (170) im buch zu lesen: Kannst du nicht stehen, so fliege. (62, 164, 170)

bezug wird genommen auf den mauersegler, eine vogelart, die sich dem fliegen besonders gut angepasst hat. die beine sind kurz und verschwinden fast im bauchgefieder. der mauersegler kann nicht lange stehen, er muss fliegen.

das ist die zentrale metapher für Poschenrieder, die metamorphose erfolgreicher und reicher leute in rentner und pensionäre zu beschreiben. das hinwegsterben sei das fliegen, das flügge werden zu höherem?

damit der abgang ins nichts schmerzlos gelingt, hat Ernst ein spezielles computerprogramm geschrieben, dass denjenigen bestimmt, der die tötung auf verlangen mittels gifttrunk vollenden soll. etwas komplizierter als bei Sokrates und seinem schierlingsbecher.

erstaunlich oft muss der finanziell am schlechtesten gestellte Carl im bunde der WG den todestrunk reichen, wobei es auch verwicklungen gibt, die das gesellschaftliche thema der selbsttötung illustrieren. am ende steht der ich-erzähler Carl auf dem landungssteeg am see fest auf beiden beinen, um dann zu sinken.

wir leser/-innen müssen kombinieren und mitdenken. Das ganze Denken ist doch nichts als eine unübersichtliche Installation fallender Dominosteine. Aber wer stößt den ersten Stein um? Und was kommt nach dem letzten? (180) man merkt immer wieder an solchen textstellen, dass der autor philosophisch ausgebildet ist und uns an seinem wissen teilhaben lassen möchte.

besonders Schopenhauer hat es ihm angetan, der natürlich auch in diesem buch aufscheint. denn das ganze buch ist eine anti-these zu Schopenhauers ablehnung des selbstmordes: „Der Selbstmörder will das Leben und ist bloß mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden. Daher gibt er keineswegs den Willen zum Leben auf, sondern bloß das Leben, indem er die einzelne Erscheinung zerstört.“ (Werke I, S 471) ob das die WG-bewohner auch so gesehen haben?

hierüber ließe sich trefflich diskutieren. das lässt sich aber in einer lesung schlecht an. der vom literaturbetrieb noch gar nicht verbogene Christoph Poschenrieder: mit ihm können wir etwas lernen, sind gar zum recherchieren angestiftet, erweitern unseren horizont und nicht nur unsere leselust.

und an mitteilsamem fehlt es nicht: Einer der Vorteile des Alters ist die Einsicht, dass „unersetzlich“ ein eitler, menschlicher Ausdruck ist. In der Natur schreit alles: Du gehst, ich komme. (Die Natur selbst lächelt und sagt: Ich bleibe.) (203) kann man das drama einer alten-WG besser beschreiben? das feudale haus wird am ende zu einer herberge junger menschen, die die pflegerin mitbringt. der uralte generationenwechsel.

Carl, der durchblicker und kümmerer in der WG meint schon früh im buch: Mir gefällt die Vorstellung, dass sterbende Mauersegler einfach die Flügel falten und zu Boden stürzen. (62) der mauersegler ist sein vogel. er ist die metapher des alterns in der sich erhebenden reife und dem plötzlichen drop down.

so bescheiden der autor auftritt, so profund lockt das buch. aber vorsicht, bist du im richtigen alter, wird es dich anpacken und fest berühren, denn so oder so entgehst du seiner weisheit nicht.

© 16.09.2015 brmu

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Martin Walker singt

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© foto 28.05.2015 brmu: Martin Walker signiert im Brühler Rathaus

man muss ihn erlebt haben, den Martin Walker! redend, lesend, singend. in gutem deutsch einleitend, englisch lesend aus seinen büchern, französisch die stimmung darin besingend. gestikulierend zur szene, mimisch lebendig, stimmlich vibrierend. das publikum geht mit und ist hingerissen. trilingual beherrscht er souverän den abend.

Bruno, der ungewöhnliche polizist aus St. Denis, hat es in seinem siebten fall "Provokateure" mit dem irrsinn der religiösen verirrungen der geister zu tun, also mit eiferern, egal ob politisch oder religiös motiviert oder durch eine unbekömmliche mischung aus beiden. deren opfer sind wie immer die unbeschol­tenen, hier im extrem: kinder. die wurzeln reichen bis in die braune vergangenheit, hüben wie drüben. es gibt also passagen, in denen das schmunzeln erstarrt und geschichtsbewusstsein gefördert wird. aber man lese selber – und Bruno verheddert sich wieder kochend zwischen „seinen“ frauen.

das begeisterte publikum passte diesmal nicht in die Buchhandlung Brockmann in Brühl, da hätte man die veranstaltung viermal wiederholen müssen, so rege war der andrang, den kreateur des liebenswerten protagonisten Bruno zu erleben. und das bereits zum zweiten mal. und es hat sich wieder gelohnt. diesmal traf man sich im rathaus der stadt Brühl. hernach wurde signiert vor der tafel mit den bürgermeistern der vergangenheit.

beim anschließenden dinner kam man locker und unkompliziert ins gespräch: Martin Walker möchte sich nicht festlegen lassen auf seine erfolgreichen Bruno-Krimis. das sei keine hohe literatur, meinte er bescheiden. dem muss man widersprechen, denn seine kriminalromane sind elegant verschnitten mit den genüssen der küche, des savoir vivre in Frankreich. damit hat er ein genre hoffähig gemacht. das kommt gut an und nebenbei lernen wir etwas über die lebenskunst – aber auch eigenheit der menschen in südfrankreich, der Provence. wer träumt da nicht von einem ausgedehnten urlaub in diesen landen?

literatur meint nicht immer die goetheanische schwere oder den philosophischen schürfgang. sie soll entrücken, verzücken und den horizont erweitern. das kann er, der Martin Walker, als historiker, journalist, autor wandelnd zwischen den welten: USA, Europa, China. und wir? wir schätzen uns glücklich, mit ihm zu plaudern, ihn zu erleben, wie er über seinen neuen roman im Diogenes verlag spricht.

eine zukunftsstory, betitelt „Made in Germany“. etwas für die deutsche seele, wachrüttelnd: wie werden wir als hochtechnologie-land im jahre 2065 mit intelligenten maschinen zusammen leben? die computer kennen uns: sie haben unsere literatur inne, kennen unsere filme, unser menschliches potpourri an rationalem und irrationalem verhalten. der roman ist eine literarische verarbeitetung der visionen eines „think tank“ der hyperpostmoderne für die entscheider in der republik – Angela Merkel und Siegmar Gabriel waren auch dabei – und Martin Walker. eine im wahrsten sinne fantastische story für ein zu lancierendes buch, in dem zukunftsfragen und deren wechselwirkungen zu den beziehungen der menschen in unseren landen aufgeworfen werden. ergo: Martin Walker betritt neues gelände: den kritisch-skeptischen gesellschaftsroman der zukunft, in den fußstapfen von Orwell und Huxley – und das ist doch literatur, isn’t it?

das buch der zukunftsspekulation hat nur einen kleinen makel: kein Bruno darin zu finden. aber trost ist in petto: zwei weitere folgen vom Chef de Police, sind bereits für uns geschrieben. Martin Walker ist hart gegen sich selbst und schreibt mindestens 1000 worte am tag, wie er sagt, jeden tag. der verlag Diogenes wird uns wissen lassen, wann wir mit Bruno wieder rechnen können. schön, dass es auch Diogenes und Brockmann gibt.

© 28.05.2015 brmu

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Tilman Röhrig zelebriert seine könige

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© 25.4.15 foto brmu: Tilman Röhrig lesend

schon wieder eine lesung! man rafft sich auf zur nächsten monotonen textabspulung. und dann diese überraschung: selten die einheit von text und lesung zu solch einer mitreißenden performance erlebt, wie sie uns Tilman Röhrig im Schloss Paffenburg geboten hat.

im rahmen der „VS NRW Literatur­tage“ zelebrierte er uns mit modulierter stimme, kom­mentierender mimik, ausgreifenden gesten und konkreten tischaktionen – wenn sein prota­gonist durst hatte, dann trank er einen schluck wasser aus dem bereit stehenden glas - seinem neuen historienroman „Die drei Könige von Köln“. in kluger weise raffte Röhrig zwischen zwei textpassagen die handlung mit eigenen worten, seinen notizen am textrand folgend, verlor sein publikum nicht aus dem blick und ließ uns so lebendig anteil nehmen an dem von ihm in literatur gefassten geschehen.

Napoleons armee steht im Rheinland und vor der den toren Kölns. Düsseldorf brennt. die gebeine der Heiligen Drei Könige im Dom müs­sen vor der geplanten kapitulation, sprich schlüsselübergabe an den französischen general, in sicherheit gebracht werden, aus religiösen gründen und auch aus geschäftlichen. denn das ist die einmalige mischung Kölnischen wesens: was mir nützt, was dem stadtrat nützt, was der stadt nützt, das wird bauernschlau in szene gesetzt. das ist der kern der geschichte, die sich nun wie eine kompakte blüte nach und nach in bewährter weise entfaltet. man lese sich selber auf 580 seiten in die vergangenheit.

merke: schriftsteller haben in ihrem werk immer auch, bewusst oder unbewusst, eine bot­schaft an ihre leserschaft versteckt. danach gefragt, ob er mit seinem buch das besondere, „Köl’sche“ wesen den vielen Nicht-Kölnern nahe bringen wolle zwecks leichterer integration, musste Tilman Röhrig schmunzeln und sprach uns von dem „Imi“, der er immer noch sei und wohl auch bleibe, aber durch seine arbeit inzwischen angesehen und respektiert. ein anhaltender, brausender applaus war der dank für den erfrischenden abend.

© 27.04.2015 brmu

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Röcher im glück

Lars-Röcher Porträt

© foto L. Röcher

Lars Röcher ist ein in der szene wohl bekannter slam-poet aus Bergheim. er ist schon mit jungen jahren als resident poet des clubs "Blue Shell" eine kölner textlegende. er nimmt höchstens zum ablesen ein blatt vor den mund. als slam master von Bergheim ist er gründer und veranstalter zugleich.

hier exklusiv für litbiss ein aktuelles slam-gedicht von ihm mit der bemerkung, ein wenig lyrik für den blog.

Glück?!

Ich will ein Glücksschmied sein
und zwar mit bloßen Händen
nur mit Hilfe meiner Finger
möchte ich alles formen.
Ich will hässliche, kantige
und eckige dunkle Brocken
in hell glänzende und
leuchtende Kugeln verwandeln

Ich will mit meiner hochkant
gestellten Hand alle Ketten
zerschlagen und durchtrennen
und für immer verbannen.
Ich will eine riesige Glücksschmiede
aufbauen und tausende von Menschen
sollen mit mir Tag für Tag
neues Glück schmieden.

Ich will so viel Glück formen,
dass jeder Mensch auf Erden
für jeden Tag ein kleines Stück
Glück verwenden kann.
Ich will das ganze Pech
auf dieser Welt vernichten
und in der heißen Glut
meiner Glücksschmiede versenken.

Aber wie kann ich dieses Handwerk erlernen?
Gibt es eine Lehre zum Glücksschmied?
Oder gibt es ein Studium dafür?
Was ist das Geheimnis vom Glück?
Wie kann ich es vervielfältigen?
Wie kann ich andere Menschen
von meinem Vorhaben überzeugen?
Ich weiß es nicht

© 15.01.2015 Lars Röcher
exklusiv für litbiss

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Zindler's neujahrsgruß

Theo Zindler, jahrgang 1932, hat seine leidenschaft für lyrik im gymnasium als deutsch- und lateinlehrer im unterricht, in schreibwerkstätten und szenischem spiel weiter gegeben. wer nicht das glück hatte, sein/e schüler/in zu sein, der kann sich in seinem gedichtband „Außer­halb des Geheges“ (edition Fischer 1999) und seinen kindheitserinnerungen „Heiles im Unheil“ (Lulu Verlag 2012) kundig machen. ein weiterer gedichtband ist in arbeit. hier sein aktueller neujahrsgruß 2015:

2015 Post Christum Natum

Wir sind ein Teil der kosmischen Bewegung
Im Umlauf um die Pole, das Zentralgestirn
Der Sonne bis in unsren Puls und jede Regung,
Bis in den Blutkreislauf, die Schaltung im Gehirn.

Wir sind das All: Das All ist überall.
Wir sind der Spiegel aller Weltgesetze
In Werden und Vergehn, in tiefem Fall
Und Aufstieg, dem Gefangensein im Netze

Des Gangs durch Labyrinthe, Fuß vor Fuß,
Dunkle Materie, irrend wie die Blinden,
Zum Licht gezogen, um den Sog im Zeitenfluss
Durch Finden unseres Mittelpunkts zu überwinden.

Wie immer die Gestirne für uns stehn
Oder in ihrem Lauf zu neuen Lebensräumen
Uns ziehn: Lasst unseren Weg uns weitergehn
Mit Zuversicht und allen unsren Träumen.

© 2014 Theo Zindler

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Pfaffs wunsch

Turn of the year

turn
of the year
churn
what's dear
near
at rear?

right here
no fear
is
bliss!

open mind
can find
behind
a rind

what helps
heals
seals.

right here
something dear!

without fear
dare see
good for me!

 

Christmas

Time to stop and stand
to shake a hand
to listen and not just to hear
what others fear.

Time to give time
and not just a rhyme
or present wanted or not
or books with a useless plot!

Christmas: Christ in a mass
who does
what helps and heals
what the person next to you feels.

© 2014 Brigitte Pfaff
eingestellt mit ihrer erlaubnis aus dem diesjährigen weihnachtsgruß an uns.

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Everts kritik

An die Kritiker

Was man guten Freunden schreibt,
sei’s Karte, Brief, Gedicht, es treibt
zu heller Freude oder Widerspruch.

Statt Heiterkeit zu entfachen,
oder herzlich lautes Lachen,
heißt’s: den Reimen fehlt Artistik,
ganz zu zu schweigen von Stilistik.

Leider glücken Metrum, Vers und Satz
nicht jedem so prägnant wie Ringelnatz
und wenige nur sind klug wie Zoroaster,
dafür die bess’ren Kritikaster.

© 2014 Evert Everts
von E. Everts am 25.12.2014 für den Blog freigegeben.

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Jochen Schmidt liest

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© foto 13.11.2014 brmu / Jochen Schmidt liest in der Buchhandlung Brockmann in Brühl

eigentlich müsste er „Schmitz“ heißen, so gern haben ihn die Kölner. das jury-trio vom Kölner Stadt-Anzeiger, dem literaturhaus köln und der Lengfeld’schen Buchhandlung waren sich in diesem jahre einig: es sollte Jochen Schmidts buch „Schneckenmühle“ (bei C. H. Beck) sein, „Ein Buch für die Stadt“ Köln. und dann beginnt der marathon der lesungen für den autor, die vierte station ist die buchhandlung Brockmann in Brühl.

Jochen Schmidt aus Berlin, jahrgang 1970, ist in seiner ruhigen, gewinnenden art, die beim lesen das berlinern und sächseln der protagonisten genüsslich koloriert, ein idealer vermittler seines buches Schneckenmühle, in dem die ferienerlebnisse eines Jens von vierzehn jahren aufgeschrieben sind, diese in einem ferienlager, das tatsächlich noch heute mit jenem namen existiert. auch das authentisch.

Jens erlebt situationen, die er mit flotten sprüchen kommentiert und frühreif anmutende, skeptische reflexionen, „seinen Staat betreffend“, anhängt, dies als probate methode, mit gewissem humor dem system nicht zu nahe zu treten. Schmidt meint, jeder habe ja gewusst, welche grenze er überschreiten müsse, um aufzufallen mit den bekannten nachteilen. wenn gar nichts klappe, so denkt Jens, dann mache man eben rüber in den westen.

Jochen Schmidt versicherte uns auf rückfragen, dass dies tatsächlich das lebensgefühl dieser zeit vor dem mauerfall repräsentiere und dass auch danach „die lebensbiographien nicht abgewirtschaftet hätten“. unterschiede zu denen im westen solle man ruhig gelten lassen, da sie noch gar nicht in ihrem wert gehoben worden seien: für den durchschnittsbürger spielte geld eine untergeordnete rolle, soziale beziehungen aber eine dominante, karriere war nicht wichtig, aber eine anstellung in verträglicher vernetzung, repariertes rangierte vor neuem usw.

aber Jens ist nicht nur ein vertreter der heranreifenden, damaligen DDR-jugendlichen aus der zeit der wende, er ist über alle grenzen hinweg auch ein vertreter der ganz allgemeinen menschlichen entwicklung und bietet somit auch den „westlern“ aus der BRD eine große resonanzfläche ähnlicher lebenssituationen, das als eine probate grundlage für die gemeinsamkeiten.

diese idee ist konsequent aufgenommen in dem neuen buch von Jochen Schmidt und David Wagner, genannt „Drüben und Drüben – zwei deutsche Kindheiten“ aus dem Rowohlt verlag. auf dieser basis kann die hoffnung keimen, dass die immer noch in den köpfen stehende mauer zwischen „ostlern“ und „westlern“, wie es im publikum hieß, aus gemeinsam erlebten lebenssituationen verständnis erwachsen kann. das wird den folgegenerationen vorbehalten sein – wie immer, wenn verkrampfungen gelöst werden müssen.

© 14.11.2014 brmu

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wortflackern1

Wortflackern1 2014-IMG 6343a
© foto 25.10.2014 brmu, die jungen autorinnen und autoren nach der lesung, v.l. Selin Sen, Lars Röcher, Christiane Lieth, Markus Krämer, Lea Baumgart

wortflackern – junge autor/inn/en im schreibprozess. wie die frisch entzündete kerze im dunkeln flackert, so die vorgetragenen texte der fünf jungen autorinnen und autoren im raum M1 der Stadtbibliothek Bergheim, die im zuge des lesens immer sicherer und drängender vortragen. man muss sich einbrennen: sie ins thema zum schreiben, wir ins hören zum verstehen. die texte sind knallharte analysen der jetztzeit, schonungslose blicke unter die decke der sprache, der gesellschaft, des stadtlebens, der eigenen unsicherheit, des allgemeinen diskurses. in der reihenfolge der lesungen, moderiert  von Bernhard R. M. Ulbrich, seines zeichens "älterer" autor:

Lea Baumgart, 18 jahre alt, studentin der literatur und medienwirtschaft, hieß uns mehrfach willkommen im 21. jahrhundert, wo angeblich individualität groß geschrieben werde, sich aber als flop erweise, denn „man muss dazugehören“, was man daran erkenne: „jede generation habe ihre worte“. ein geschliffener prosatext als reflexion, ob individualität im radikalen sinne überhaupt möglich sei.

Lelin Sen, 26 jahre alt, studentin der rechtswissenschaften, möchte am liebsten „den mond verklagen“, wenn sie nach ihren „träumen mit dem kopf an die realität schlägt“. ein emotionaler slam-text aus der innersten verfasstheit einer zweifelnden an der unreflektierten lebensweise heutiger tage.

Lars Röcher, 25 jahre alt, professioneller slammer, klagt eindringlich, „du legst mich in wortketten“, die wie eine garotte irritierend sich schnell zusammenziehen. alles eine atemberaubende form der inhaltsleeren kommunikation, ein plappern der worte. er beklagt in rasanter slammer-manier die oberflächlichkeit der kontakte und sprechblasen. hohles geklingel allüberall.

Christiane Lieth, 29 jahre alt, sozialberuf(ung) der altenpflege, fragt sich schmerzlich über ihren inneren zustand: „bin ich ausgewachsen?“ und fühlt sich dabei gar nicht wohl, wie „der scheiß beim realismus der ist, dass die angst mitmuss“. ein eindringlicher, berührender gesang der menschwerdung aus der unbeschwerten jugend in das beschwerliche erwachsensein.

Marius Krämer, 16 jahre alt, schüler, schließlich präsentiert aus der sicht eines unbestechlich aufmerksamen jugendlichen ein gnadenlos kritisches gedicht über seine heimatstadt Bergheim mit all ihren ecken und kanten von schmutz und kotz, „die er doch nicht lassen will“. wen der herr liebt, den züchtigt er, fällt mir dabei ein. das gedicht sollte im stadtrat aushängen als mahnung für die menschen zu entscheiden, nicht fürs geld.

es gibt vergnügungen des körpers und vergnügungen des geistes. ersteres fand parallel auf dem rummelplatz am Aachener Tor in Bergheim statt, letzteres in der pilotveranstaltung „wortflackern“, die der Förderverein der Stadtbibliothek Bergheim - ihm sei dank - ausgerichtet hat. trotz der leidigen tatsache, dass in seinen bedürfnissen oftmals der geist dem körper unterlieg, war etwa ein dutzend zuhörer anwesend. die hörten erstaunlich reife texte, die in charmant offener weise vorgetragen wurden.

herrlich! noch keine verkrümmungen durch den literaturbetrieb, noch keine hybris nach dem debüt auf dem buchmarkt, noch keine allüren vom bekanntsein. aus diesem humus speist sich hoffentlich die nächste literatengeneration. so meine gedanken beim zuhören.

der Autorenkreis Rhein-Erft (ARE), als regionale autorenvereinigung, vertreten durch das langjährige mitglied Karl Rovers, wäre gut beraten, sich mit diesen jungen persönlichkeiten weiter zu befassen und ihnen professionelle hilfe bei der vervollkommnung ihrer schreibarbeit anzubieten. nicht ohne grund lautet der untertitel der lesung: junge autoren im schreibprozess! wie wäre es mit einem moderierten schreibworkshop im Mauseum?

der moderator hat sich bei den jungen autorinnen und autoren herzlich bedankt mit seinem lyrik-debütband „litbiss: der geist der strophen wirbelt dich herum“ aus dem Verlag Ralf Liebe. alle hatten ein lächeln im gesicht. es ist wohltuend, wenn jung und alt sich verständigen können, denn sie haben alle etwas wichtiges zu sagen.

die reihe wird sicherlich fortgesetzt - wir sind gespannt, weitere talente zu entdecken.

© 25.10.2014 brmu

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Kalker Kaffee #26

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© foto 18.10.2014 brmu

kalter kaffee ist verpönt,
kalker kaffee uns verwöhnt
mit selbst ge[sch]riebenen bohnen,
die sich zu le[e]sen lohnen.

jenseits des mächtigen literaturbetriebes haben Anja Sauerwald, Eicke Frohwein, Heiko Schomberg und Hartmut Ernst vor etwa fünf jahren ihren literaturzirkel Kalker Kaffee gegründet, zunächst im privaten wohnzimmer zur beschäftigung mit selbst geschriebenem, nun geöffnet auch für gastleser/innen und gasthörer/innen im Kalker Bürgerhaus. der karge keller lässt noch den spät-studentischen impuls ahnen, der dieser honorigen initiative zugrunde liegt.

die beschäftigung mit literatur ist ein kommunikatives training über die ach so vielfältigen weltsichten. Goethe sprach von anschauung und schrieb darüber und blieb. heute wissen wir von Warhol, dass es nur noch für eine viertelstunde reiche. da sind zwanzig minuten lesezeit ein geschenk des quartetts an alle willigen. ein hoch den kellerkindern!

das programm KK#26 startete mit dem gast Frank Osthoff, dessen kernige spottgedichte mit vortrefflichen wortbedeutungsverdrehungen unsere gehirnwindungen in anspruch nahmen. die „gästin“ Sigrid Krekel sinnierte über unsensible förster mit knackarsch im wald und ein recht versoffenes freundesduo am kneipentresen, beides nicht ohne deftige männerkritik. Heiko Schomberg sodann forderte in drei rollen solide fußballkenntnisse ein, insbesondere, was die taktik von sieg und niederlage anbetrifft, dies getrennt durch eine kleine pause. denn: vieles denken und mitdenken verbraucht den sauerstoff im keller.

in der zweiten hälfte des abends lasen dann noch der gast Bernhard R. M. Ulbrich, der zu dem problemthema „liebe“ einen zug quer durch seine lyrik, prosagedichte und prosa brachte, und „Ernesto“ (Hartmut Ernst) mit seinen kritischen gedanken zum tumben tourismus an befremdlichen vogelvolieren in so genannten „natürlichen vogelparks“.

über zwei stunden lang zeigte das publikum gute resonanz, klatsche, lachte und murmelte meinungen. es gab denen im rampenlicht auf der lesebühne mut, weiter zu machen. anschauung endet nie.

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wer sich einen eindruck verschaffen will, der klicke auf das bild.

© 20./24.10.2014 brmu

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Liebe im lande

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© Foto 10.10.2014 brmu / Ralf Liebe vor seinem Lebenswerk in Weilerswist

er ist wieder da, in seiner wohl einzigartigen mischung aus druckerei und verlag, ralf liebe aus weilerswist, der bücher an einem tag, vom schreiben bis zum fertigen produkt, erstellen kann. bewiesen im jahre 2003 mit dem abgebildeten buch „Tempo – Ein kreatives Abenteuer zum Welttag des Buches, 23. April 2003“.

wer ihn kennt, wundert sich nicht. die auszeit auf 3.500 km Camino-wanderung quer durch Europa von August bis Oktober 2014 war ihm eine energietankaktion für die nächsten jahre im kampf um gute bücher und lesehungrige kunden. von rückzug keine spur!

auf die frage, ob er denn den freunden des hauses über seine beweggründe, erfahrungen, erkenntnisse und entschlüsse bezüglich seiner zukünftigen berufung als druckender verleger oder verlegender drucker auf der langen strecke berichten wolle und wie, kommt ein zögern und verlegenes lächeln. nein, eigentlich wolle er darüber nicht sprechen, es sei genügend über den Camino geredet und geschrieben worden. die wanderung sei eine zutiefst private sache. die tatsache, dass er weitermache, möge beredt genug sein.

und wie geht es konkret weiter? die zigarette drehend, lugt er hoch und spricht von drei säulen: die einmalige kombination der beiden säulen druckerei und verlag unter einem dach und in einer hand, das sei in deutschland wohl einmalig. und drittens, muss ich nachfragen. die dritte säule sei ganz aktuell: er habe sich als bürgermeisterkandidat für Weilerswist aufstellen lassen, dies parteilos und mit zukunftsweisenden plänen für weilerswist. es gäbe gute chancen.

das überrascht, hatte Ralf Liebe doch eben noch von dem zeitaufwand für das büchermachen gesprochen und vor allem für das marketing derselben. er habe sich entschlossen, nach seinen möglichkeiten weiterhin wie früher angebote an die leserschaft zu machen, indem er bücher, die ihn überzeugten, auf sein risiko hin verlege (eigentlich vorlege), auf kundschaft hoffend. daran wolle er nichts ändern. die politik sei neuland. wie das unter einen hut passt, bleibt zunächst unausgesprochen.

damit das verlegerische konzept funktioniert, so der interviewer, brauche er also gute autoren – „und die ihn“, ergänzt er selbstbewusst. was denn autorinnen und autoren tun könnten, um seinen qualitätskriterien zu genügen? das sei einfach und schwierig zugleich. das werk „müsse ihm sympathisch rüberkommen“: epigonentum zähle nun einmal überhaupt nicht dazu, weder in der lyrik noch in der prosa. eine frische, unverbrauchte sprache sei grundvoraussetzung, wie es Axel Kutsch, einer seiner frühesten weggefährten, auch fordere. der rest sei in gewisser weise handwerk, das den lektor brauche, der er ebenfalls auf dem weg zum buch sei.

im laufe des gesprächs wird mir klar, dass sich an dem konzept für den verlag wenig nur ändern wird. das kann autoren und leser, die den verlag kennen und schätzen, gefallen. wie aber neue gewinnen? das ist nach wie vor schwer.

das hat sicherlich etwas mit unserer lesekultur zu tun. wer aus gründen der bequemlichkeit bei der amazone bestellt, der word opfer des wirtschaftlichkeitsdiktats am massenmarkt. masse ist aber nicht gleich klasse! die goldnuggets findet man eher auf den seitenwegen des literatur­betriebs, wie bei Ralf Liebe.

© 10.10.2014 brmu

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Hahn's gedichtwelten

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© foto 11.10.2014 brmu / Ulla Hahn signiert im Flur vor dem Sendesaal des WDR-Funkhauses in Köln

lit.Cologne Spezial. nach der kür mit der moderatorin Sabine Scholt, gegen die sie, Ulla Hahn, sich bestens behauptete, und den lesungseinschüben aus ihrem dritten, autobiographischen band "Spiel der Zeit", nun die pflicht: signiermarathon, eine reichlich lange schlange von bewundernden mit büchern in der hand.

und trotzdem immer ein freundliches wort. vor mir in der schlange möchte jemand einen besonderen kölschen spruch von ihr als signum eingetragen haben. die schriftstellerin blickt kurz auf und sagt: „in dem buch sind genug solcher sprüche“ und schreibt zum x-ten mal ihren namenszug in „Spiel der Zeit“. ein entwaffnendes lächeln beendet die szene.

„mir bitte nur ein einfaches signum mit datum.“ ich nutze den kontrast. erleichtert schaut sie auf, ich lege die „Gesammelten Gedichte“ auf den tisch. sie lächelt wissend. „vielen dank für den schönen abend“, bemerke ich. sie lächelt mit etwas müden augen aus ehrlichem gesicht. wehe denen im hamsterrad des literaturbetriebs, denke ich im mitgefühl. ein fotograf fummelt mit seiner monströsen fotokanone herum, dann ist schon der nächste an der reihe.

ich habe meine trophäe: die essenz aus elf gedichtbänden! sie ist in dem sammelband vereint, ein schwergewicht von 877 seiten deutscher gegenwartslyrik, lesbar, verstehbar; zu resonanz fähige lyrik. das letzte gedicht aus der serie „fünfte jahreszeit“ lautet:

„traum vom schreiben
ohne worte zu machen
wahrtraumdeuterey“

das urprogramm aller mit schreibdrang, dem schreibenzwang zu entkommen, ohne mit diesen ewig missverständlichen worten an der weltdeutung teilhaben zu können. das „y“ als wurzel aus alten sprachzeiten bis heute hinauf in die krone, die Ulla Hahn trägt.

© 11.10.2014 brmu

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Axel Kutsch im gespräch

zeit und zeitgeister“ – der unter diesem motto im Rhein-Erft Kreis stattfindende literaturherbst 2014 macht in diesen wochen mit einem neuen konzept von sich reden: etablierte literatur meets poetry slam auf der suche nach slam poetry.

Axel Kutsch, über jahrzehnte bekannt als lyriker (Ikarus fährt Omnibus) und anthologist von lyrik aus ganz deutschland (Versnetze) mit über 30 publikationen im regal, legte im gespräch mit litbiss seine gedanken dazu dar. gesprächspartner war b.r.m.ulbrich, litbiss-blogger.

brmu: was hält ein so bekannter lyrik-anthologist von poetry slam?
A.K. meint, im weitesten sinne gehöre poetry slam zur literatur, unterscheide sich aber in der form der darbietung deutlich, der event- und wettbewerbscharakter überwiege offensichtlich, „überfahre“ mitunter den text; „schlagertexte wirken auch nicht ohne die melodie.“

brmu: nehmen wir die melodie weg, welchen eindruck hinterlassen poetry-slam-texte, auch als slam poetry benannt, auf den lyriker Kutsch?
A.K.: „nach meinen bisherigen poetry-slam-eindrücken, die ich live, am fernseher und im internet gewonnen habe, werden bei solchen veranstaltungen oft texte vorgetragen, die sich angesichts ihrer bescheidenen literarischen qualität nicht unbedingt für eine veröffentlichung in büchern aufdrängen.“ daher sei ja auch die stütze des events erforderlich, was nicht abwertend gemeint sei. bekanntlich hätten die Dadaisten ähnliche verfahren der präsentation ihrer lyrik angewendet. so neu sei poetry slam also gar nicht.

brmu: erfolgreiche lösungen werden tradiert, sagt der biologe. wenn man an die üblichen lesungen denkt, dann kann die vom autor gelesene literatur durch die art seines vortrags gewinnen oder verlieren. wie sehen sie diesen aspekt beim poetry slam?
A.K. unterstreicht mit der hand, dass „ein gewisser unterhaltungswert sich dadurch einstellt, dass manche slammer ihre texte auf der bühne gekonnt wiedergeben. es überwiegen eventcharakter und amüsement, wogegen nichts zu sagen ist. aber mit nennenswerter literatur hat poetry slam in den meisten fällen nichts zu tun.“ in der performance sei der text oft nachrangig, daher könne slam poetry auch besser per dvd wiedergegeben werden, denn per buch.

brmu: aber poetry slam ist in. würden sie aufgrund der starken resonanz beim jungen publikum eine poetry-slam-anthologie herausgeben, hoffend, dass dies die lyrik-szene belebe?
A.K. schüttelt den kopf: „lesen möchte ich kaum etwas davon.“ aber man müsse fair sein und zugestehen, dass sich die qualität über die jahre bessern könne, vor allem, wenn so mancher slammer intensiver an seinen texten arbeiten würde, denn im buch müssten diese nun mal für sich alleine wirken.

brmu: das erinnert an durststrecken. welchen rat können sie den slammern und auch poeten geben, um die qualität ihrer texte zu verbessern?
A.K. zögert, denkt lange nach und summiert, es gebe wohl einen set allgemein gültiger qualitätskriterien, über den man in workshops oder seminaren nachdenken könne, wie etwa das vermeiden abgenutzter metaphern, altbackenen sprachgebrauchs, epigonal wirkender formulierungen. positiv ausgedrückt: „die lyrik sollte ambitioniert sein, die diktion unverbraucht“.
es gebe aber ebenso gewichtig auch eine individuelle komponente, den persönlichen geschmack, den man durch die lektüre anerkannt guter gedichte schulen könne. also: lesen, lesen, lesen. qualität in der lyrik, das sei ein schwieriges thema und könne in der regel nur durch langjähriges beschäftigen mit ihr reifen.

brmu: bleiben versuch und irrtum. welchen rat würden sie slammern und poeten gleicher­maßen auf dem weg zur veröffentlichung ihrer wortkunst mitgeben?
A.K. schaut erstaunt, lächelt verschmitzt und deutet an: wenn der text raus müsse, dann aus ureigenem antrieb, nicht im auftrag oder zu irgendjemandes gefallen. danach komme viel handwerk aus erfahrung mit der sprache. der dichter und slammer sollte den drang, ja zwang zum schreiben in sich spüren.

man kann nicht ansatzweise von lyrik leben, aber man kann wunderbar mit lyrik leben.“ dieses bonmot von Axel Kutsch, in dieser runde aus seinem munde, ist ein heiterer abschluss eines für manche ernsten themas.

zu dem thema der qualität von lyrik sei auf zwei anthologien hingewiesen:
Jürgen Nendza, Hajo Steinert (hrsg.), stadt land fluss – Eine Lyrikanthologie, Lilienfeld 2014, selbstredend auch gedichte von Axel Kutsch enthaltend! und:
Axel Kutsch (hrsg.), Versnetze_sieben, Verlag Ralf Liebe 2014, erscheint im Oktober d. j.;

siehe auch http://www.litbiss.de/web/littreff-m; scrollen bis littreff#6 Ikarus frei nach Kutsch

© 13.09.2014 brmu

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lit.herb.14

litherbst akteure-140905-bu

© foto 05.09.2014 brmu / die akteure des abends, v.l.n.r.:
Evert Everts, Prof. Dr. Gynter Mödder, Margit Hähner, Dr. Rainald Hahn, Lars Röcher, Florian Golz, Isolde Ahr, Jan Muschiolik

literaturherbst. zeit der bunt fallenden, welken manuskriptblätter? weit gefehlt! dynamische 18 tage dem äquinoktium voraus, begann in Bergheim der diesjährige literaturherbst schon im spätsommer mit bravour und bravissimo. vor voll besetzten stuhlreihen - dem leiter der Stadt­biblio­thek Bergheim, herrn Werner Wieczorek sei dank für die präparation des raumes, von der erfrischenden Gugy-Band des Gutenberg-Gymnasiums unter der leitung von Henriette Bender mit schmissigem sound unterstützt, zeigten poetry slammer und dichter/innen ihre wortkunst.

diese gelungene mischung hatte sich der Förderverein der Stadtbibliothek Bergheim (FSB), maßgeblich an der organisation des starts im Medio mitarbeitend, einfallen lassen. an dieser stelle ein dankbarer handschlag dem vorsitzenden, Dr. Rainald Hahn, ohne dessen zielstrebig­keit dieser schöne erfolg nicht gelungen wäre.

der wechsel von jungen, aufbegehrenden poetry slam vertretern, die wortfreudig (man scheute auch kein straßendeutsch) und stimmgewaltig (mikrophone wurden eher nicht gebraucht) ihre poesie in den raum donnerten zu den eher sprachgewandten und dagegen leise lesenden, arrivierten autorinnen und autoren der rheinischen region, war in seiner ausprägung beeindruckend. das aber nicht konkurrierend, sondern ergänzend.

die gesamte veranstaltung unterschied sich dadurch wohltuend von den betulichen, sattsam bekannten lesungen vor einem publikum als staffage. dieser ganz andere mix des gestrigen abends war wohl auch – ich spekuliere – der grund, warum die offiziellen gäste, Frau Bürgermeisterin Maria Pfordt (Mitglied im FSB), der stellv. Landrat des Rhein-Erft Kreises, Herr Guido van Berg und der Kulturdezernent des Rhein- Erft Kreises, Herr Engelbert Schmitz (der so eine gelungene Veranstaltung noch nicht erlebt habe, wie er meinte) bis zum ende dabei waren. auch die beiden hauptsponsoren des literaturherbstes, in persona Frau Elisabeth Thelen (RheinEnergie) und Herr Christian Brand (Kreissparkasse Köln) zeigten sich amüsiert interessiert.

das programm war ein kaleidoskop der themen und formen. der slam master Lars Röcher setzte die maßstäbe mit seinen rhythmisch akzentuierten texten aus der jetztzeit „wenn du mit mir sprichst“ und „schlag wort“, darauf antwortete Evert Everts (ARE) mit kindheits­erin­nerun­gen an den großonkel, der nach dem ersten weltkrieg verstummte, was wir heute mit dem wortungetüm >posttraumatisches belastungssyndorm (ptbs)< benennen.

die pause war gefüllt mit angeregter plauderei und fingerfood und alkofreien getränken zur freien auswahl. die Gugy-Band, die den abend über zur superform auflief, lockte alle wieder in die stuhlreihen und weiter ging es mit Lars Röcher und dem text „stell dir vor“. er gab das mikro an seinen kollegen Florian Golz (Floriginal) ab, dessen gesellschaftskritik die laut­spre­cher­mem­branen flattern ließen. die antwort waren wieder stille, mit geschulter stimme professionell vorgetragene erinnerungen nach dem zweiten Weltkrieg von Isolde Ahr (ARE): „vater kommt zurück - 1949“, auch hier ist das ptbs des vaters offensichtlich und lässt den kleinen sohn, der nun seine mutter an den ihm verloren hat, verstummen. der zweite text holte uns aus nachdenklichkeit und betroffenheit wieder zurück. der text „eine zeitreise – wohl behütet.“ machte uns mit der pillbox bekannt, ein accessoire als kopfschmuck, den ich für meinen teil bislang überhaupt noch nicht kannte.

Gugy spielte und sang uns wieder den kopf frei für die letzte runde. der slammer Jan Muschiolik (Jansen Sourround) rief uns das „recht auf freiheit“ ins gedächtnis und brachte uns damit wieder in die bedenkliche aktualität zurück. es fielen unbequeme sätze, die wie brennesseln auf dem trommelfell brannten und aufwühlten. den ausklang beherrschte Margit Hähner (ARE), die mit ihrem text „latte macchiato“ sozialkritisch die „gentrifizierung“ in einem kölner stadtviertel durch die hippen reichen glossierte. am ende wird die protagonistin ein café aufmachen, um diese kundengruppe zu melken.

durch das programm führte der vorsitzende des Autorenkreises Rhein-Erft (ARE), der autor Gynter Mödder. er moderierte nicht, er mödderte! mit kessen sprüchen, wortverdrehungen und bedeutungsverkehrungen in seiner ureigenen art, nahm er die damen und herren auf der büh­ne auf den arm und verteilte dabei fleißig bücher aus dem fundus des ARE.

denn eines ist unser aller antrieb: die literatur braucht leserschaft, die braucht orientierung, die gibt ihnen solch ein abend. dank an alle, die mitgeholfen haben, den erfolg möglich zu machen. ein >schade< an alle, die nicht gekommen sind. eine einladung an alle, die beim nächsten mal kommen wollen.

eine chance ergibt sich am 26.9.2014 bei littreff.medio , wo wir Carsten Sebastian Henn, den Krimiautor,  Hürther Kulturpreisträger (2005) und aktueller Kulturpreisträger des Rhein-Erft Kreises am selben ort als diskussionsgast begrüßen weden und am 24. 10. 2014 bei „Junge Autoren der Region“.

© 06.09.2014 brmu

s. auch BMTV Regional Fernsehen.:

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matrix36

Matrix Kutsch-Portät
© 2014 foto brmu vom cover MATRIX im POP-Verlag Ludwigsburg

was? sie schreiben gedichte! das liest doch keiner, elitär unverständlich, das verlegt doch keiner, ein verlustgeschäft, im literaturbetrieb eine marginalie, vergebene liebesmüh’ – so oder ähnlich sind die kommentare zu manuskripten, auf denen sich lyrisches erhebt.

aber H.C. Artmanns proklamation (1) aus der mitte des letzten jahrhunderts richtet auf: „der poetische act ist dichtung um der reinen dichtung willen. er ist reine dichtung und frei von aller ambition nach anerkennung, lob oder kritik.

lass sie reden, wahre dichter schreiben und nehmen das heft in die hand, wie Axel Kutsch. sie sammeln lyrische texte, geben sie unter einem dachthema wie „Versnetze“ heraus und finden mutige verleger, wie Axel Kutsch. sie lassen sich vom wirtschaftsdiktat des literaturbetriebs nicht einschüchtern, sie wissen um den wert lyrischer sprachstücke, wie Axel Kutsch.

aufgrund seiner ausbildung als journalist hat er einen kritischen blick ins gesellschaftliche erworben, trotz dieser ausbildung hat er sich seine lyrische sprache erhalten, mal ernst, mal humorvoll, ironisch oder sachlich, immer dem gedanken im gedichte folgend:

Zur Nacht / Lieber Bub, gleich wird es Nacht. / Das AKW wird dicht gemacht. / Es strahlte uns so lange an. / Ruh sanft, mein kleiner Strahlemann. (2) die frage ist, wo ruht der kleine bub, im bett oder im grab? das gute-nacht-liedchen lässt zeitverzögert stutzen und einem das blut stocken. das ist beabsichtigte denkarbeit im hirn der leserschaft, auf das sie’s denken schafft.

das ist nur ein griff in den aktuellen querschnitt seiner lebenslangen arbeit an worten und versen in der neuen ausgabe von „Matrix“ aus dem POP-verlag. dem verleger und lyriker Traian Pop sei aufrichtiger dank für diese würdigung eines unbestechlichen geistes unserer tage, denn „Er schrieb Gedichte / für eine bessere Welt. / Sie wurde nicht besser, / sein Werk gefällt.“(3) beim turmbau zu Babel hat es auch einen dichter gegeben, der uns kunde gab.

weiteres zum werk des lyrikers auch bei KUNO| Kulturmagazin zu Kunst, Musik und Poesie und bei BOOKRIX von M. Hagedorn, Lyrik als Zusammenführungskunst, ein Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch, e-book zum online-lesen.

wenn SIE wissen wollen, was Axel Kutsch noch so alles drauf hat, dann schauen SIE in die MATRIX als die neutrale struktur, in der dichtung und wahrheit ruhen.

© 21.06.2014 brmu
(1) H. C. Artmann, Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes (1953) und zitate aus MATRIX Zeitschrift für Literatur und Kunst Nr. 2/2014. (2) auf seite 14, (3) auf seite 16

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bogen&leier&lesung

 Theo-Zindler-Lesung-140608-bu

© 09.06.2014 foto brmu zeigt Theo Zindler während der lesung vor zahlreichem publikum

der pfingstsonntag am 8.6.2014 bot etwa 70 interessierten jungen und alten eine abwechslung der besonderen art, jenseits des üblichen literaturbetriebs. in der idyllisch lokalisierten Historischen Mühle Freienhagen in Waldeck-Freihenhagen bot der lehrer, alt-lateiner und begeisterter Horaz-kenner Theo Zindler einen einblick in seine ’fünf bücher’, wie er die einzelnen kapitel der humorvollen und nachdenklichen lesung „Bogen&Leier“ genannt hat.

den willkommensauftakt gab der eigner der mühle, Werner Liebchen, der uns im übrigen vorher einen spannenden einblick in die geschichte der mühle aus dem jahre 1717 gegeben hat. wir konnten uns von der wassertechnik damaliger zeit geräuschvoll, quietschend, schwirrend und platschend überzeugen. danach verlas brmu auf wunsch T. Z.’s das ihm gewidmete grußgedicht (s. poem vom 8.6.2014).

und dann ging es los: ein rauschen und bauschen sprachlicher gewebe, zart oder straff, blumig oder deftig, oft auch untermalt von eingeblendetem bild und ton. das publikum ging beschwingt mit und wurde auch eingebunden – das schafft nähe und lässt die verse wirken. nichts von der schwere lyrischer lesungen, elitärem getue oder überheblichem gehabe. hier aus der lesung ein kleines lied zur panflöte:

Lied zur Panflöte - Hen kai Pan

Pans Weise
Flötet durch stehende Luft
Leise
Und schweren Duft.
Es verstummen
Schnarrender Lärm der Zikaden,
Hummel- und Bienensummen.
Tropfende Quellen laden
Schläfrig dich ein,
Mittags den Tag zu vergessen
Und indessen -
Eins mit der Welt zu sein.

Theo Zindler nahm uns mit in seine gedankenwelt aus all seinen lebensjahren, von denen er immerhin über 80 zählen kann. wollte man alles genau verstehen, so sollte man die welt der alten römer kennen und in wenigen fällen sogar deren sprache – aber Theo Zindler rettete uns immer mit einer eigenen, kongenialen übersetzung. der abend war anregend, ohne ins angespannte zu kippen. als lyrik-blogger habe ich gestaunt, wie inspirierend eine lesung sein und wie ein publikum an den lippen hängen kann, ergo: ansporn und reifung.

mögen Theo Zindler als freund im geiste der lyrik noch eine reihe solcher lesungen gelingen und die summa vitae auch als buch „Bogen&Leier“ erscheinen können. er als menschenfreundlicher zeitgenosse hat es verdient.

© 09.06.2014 brmu

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Goethe wozu?

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© 09.05.2014 foto brmu: Dr. Manfred Osten trägt vor: „Goethe – wozu?“

am 9. Mai 2014 wurde die rührige Goethe-Gesellschaft in Köln e.V. (GGK) 20 jahre alt und beging dieses zwischenjubiläum auf dem weg in die zukunft mit einem festprogramm: ansprachen, grußworte, ehrungen, erinnerungen und mitten drin ein vortrag von Dr. Manfred Osten mit dem titel „Goethe – wozu?“ man möchte ergänzen: „… ist er noch gut?“

diese frage hat der ex-diplomat erster klasse in geschliffenen, freimündig druckreifen sätzen, ohne manuskript, stück für stück beantwortet, wobei ihm insbesondere der brief von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832, geadelt 1782, JWG) an den Komponisten und Musiker Carl Friedrich Zelter (1758 – 1832, CFZ) vom 6.6.1825 die entscheidende quelle war. fazit: JWG hat unsere zeit prophetisch vorausgesehen und den quellgrund allen übels: schnellligkeit, beliebigkeit. leider war keine diskussion möglich, in der diese interpretation hinterfragt hätte werden können. hier die fakten:

CFZ hatte aus Berlin an JWG in einem brief vom 4.6.1825 berichtet über die „zentnerschwere Zauberoper ’Alcidor’ von Spontini, die 4 Stunden spielt, …“ sie sei „ein Chaos von den rarsten Effekten, die sich untereinander aufreiben wollen.“ der komponist habe „Verwundrung erregen, erschrecken wollen, und … seinen Zweck völlig erreicht. Er kommt mir vor wie ein Goldkönig, der mit seinem Golde den Leuten Löcher in den Kopf schmeißt. … Was wollte ich denn aber eigentlich sagen? – Soll man verfluchen, indem man selber dabei ist? Soll man leiden, was nicht zu dulden wäre? – So wollen wir (mit Wieland) leben lassen und – leben.“ CFZ meinte, diese musik habe sich „in Karikatur verirrt.“ CFZ ist skeptisch gegenüber dem modernen trend in der musikwelt, aber vertritt wie Wieland den grundsatz: legen und leben lassen.

und sein brieffreund JWG nimmt den gedanken auf. opulent räsoniert er über „jene überfüllte Musik“ von Spontini – und dann in typisch elitärer manier über die ganze welt:

alles aber sei jetzt ultra, alles transzendiere unaufhaltsam, im denken wie im tun, niemand kenne sich mehr, niemand begreife das element, worin er schwebe und wirke, niemand den stoff, den er bearbeite. von reiner einfalt könne die rede nicht sein; einfältiges zeug gebe es genug. junge leute würden viel zu früh aufgeregt und dann im zeitstrudel fortgerissen; reichtum und schnel­lig­keit sei, was die welt bewundere und wonach jeder strebe, eisenbahnen, schnell­posten, dampfschiffe und alle möglichen fazilitäten der kommunikation seien es, worauf die gebildete welt ausgehe, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der mittelmäßigkeit zu verharren. eigentlich sei es das jahrhundert für die fähigen köpfe, für leicht­fassende praktische menschen, die, mit einer gewissen gewandtheit ausgestattet, ihre superiorität über die menge fühlten, wenn sie gleich selbst nicht zum höchsten begabt seien. und dann apostrophiert JWG CFZ direkt: „Lass uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die so bald nicht wiederkehrt.

aus dem brief Goethes (zitiert nach Karl Otto Conrady, Goethe 250, verlag Landpresse 1999, seite 85) arrangiert Manfred Osten gekonnt vorgetragen seine schlussfolgerungen als eine prophetie Goethes an seine nachwelt. quellgrund allen übels sei die rasant zunehmende geschwindigkeit, die nichts reifen lasse, und die beliebigkeit (faszilität) der kommunikativen umgangsformen.

gewiss, das ist eine der möglichen verstehensweisen. gewiss, das klingt wie Kassandras ruf. gewiss, das ist die gnade der erkenntnis aus dem geiste eines genies. aber, die interpretationshoheit sei umkämpft mit der bemerkung, dass diesen seufzer alle gebildeten weltversteher, die so genannten weisen, seufzten, da relativ zum besitzstand von kultur und zivilisaitont, nicht zu reden von individuellen interessen, alle veränderungen durch das neue schon immer bedrohlich und irritierend gewesen sind.

tatsächlich konnte Goethe unsere jetzigen verhältnisse niemals voraussehen. wie denn auch, wenn die komplexität der weltgeschichte mit allem drum und dran prinzipiell nicht vorhersehbar und damit ebenfalls nicht planbar ist, weil unser denkorgan – wie es Manfred Osten aus der neurobiologie treffend im vortrag selber zitiert – dazu gar nicht in der lage ist. aber JWG erkannte als empiriker zugrunde liegende muster, die nach dem ähnlichkeitsprinzip entwicklungen als cluster erahnen lassen. das ist das prinzip der denkarbeit von so genannten think tanks in unternehmen oder nationen. die nahe zukunft einschätzen, mehr geht nicht.

es ist keine kunst zu prophezeien, schnelligkeit hindere reifung. jeder bauer weiß, dass seine feldfrüchte von jahr zu jahr unterschiedlich lange brauchen, um den gewünschten reifegrad zu erlangen. so kommt der spruch zustande, ein jegliches habe seine zeit (spezifische entwicklung). man kann es dann noch wie Nostradamus mit kryptisch-diffusen formulierungen anreichern, um viele generationen in atem zu halten.

„reife“ ist ein ziel-terminus der zeit aus beobachtung und der darauf fußenden erfahrung vieler menschen, schnelligkeit hingegen ein „weg-terminus“, ebenfalls aus erfahrung. wer vor der zeit erntet, hat stroh in der scheuer. nur wenn diese beiden aus der balance geraten, dann tritt schaden ein. schnelligkeit an sich ist kein negativum. nur für jene, die wie Goethe beharren wollen, um „die Letzten … einer Epoche, die so bald nicht wiederkehrt“, zu sein. das hat einen hauch von hybris. das ist keine dynamisch „Denke“, die aber zum Verständnis von komplexität gefordert wäre, das ist gönnerhaftes festhalten an hergebrachten verhältnissen nach dem motto: wir sind noch immer die besten. schon die alten vor tausenden von jahren haben darüber geklagt, dass die jungen nichts können, die dann alt wurden und darüber klagten, dass die jungen nichts können, die ….

also: wozu Goethe? meine meinung ist klar:

1.     wir brauchen ihn als alternativen, um zu erkennen, dass denkmuster aus köpfen zu weltmustern werden zu ihren jeweiligen epochen und diese wiederum denkmuster in den köpfen der zeitgenossen erzeugen, die wiederum … ein endlos rekursiver prozess.

2.     wir brauchen sein stimme, weil ihr immer noch gewichtigkeit attributiert wird, aber nicht mehr verklärt, nicht verzerrt, nicht überinterpretiert. denn das macht distanz auf und man winkt ab.

insofern ein großer dank an den vortragenden, der mich wieder ein stück Goethe hat verstehen lassen, in reibung an ihm.

© 13.05.2014 brmu

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Goethe novelliert

 Füllmann-IMG 0471a

© foto 13.04.2014 brmu / Andreas Rumler (r., Vorstand GGK) vorstellend Dr. Rolf Füllmann (l.)

die rührige Goethe Gesellschaft in Köln (GGK) hat für 2014 ein weitreichendes programm vorgelegt, das am 13. 4. d. j. dem dozenten an der Kölner Universität, herrn Dr. Rolf Füllmann, gelegenheit gab, über seine erkenntnisse zu dem altersstück „Novelle“ von Johann Wolfgang v. Goethe zu sprechen. er stützte sich dabei auf seine publikationen „Einführung in die Novelle“, WBG 2010, seite 100ff., und „Organologisch, nicht geometrisch: Pantheismus, Pietismus und Poetik in Goethes >Novelle< - Eine Lektüre mit Lichtenberg“, Lichtenberg-Jahrbuch 2012.

Novelle“, gleichzeitig ein literarischer gattungsbegriff, ist der programmatische titel eines alterswerks von Goethe, in der Füllmann vier analyse-ebenen ausmacht: (1) poetik der novelle als unerhörte begebenheit, (2) pantheistische anklänge in den verwendeten naturbildern, (3) christlicher mythos steht pate für die löwen-metapher und (4) eine symbolische synthese aus kulturreligion und naturreligion im finalen akt der löwenbändigung durch den knaben mit der flöte. es stecke die summe goetheanischen denkens in dieser novelle, was schon der prototypische titel andeute. die zentralen tiersymbole weisen auf ein anschauunsdenken hin, das nicht analysiere, sondern sythetisiere.

in der nachfolgenden diskussion am katheter und am tresen wurden auch altersweiser humor und gar parodistische elemente gesehen (brmu). so ist das finale derart pathetisch überhöht, dass man auf den gedanken kommen kann, Goethe habe hier bewusst übertrieben, um die heile welt ad absurdum zu führen. sie ist nämlich nicht heil und war es nie! es gibt nur zeitweilig inseln der harmonie, was im ruinenburghof der rundgang des flöte spielenden und singenden knaben mit dem löwen im gefolge andeutet. an kitsch grenzend die lebensferne szene mit dem splitter in einer tatze des löwen, die der junge heraus zieht. man helfe sich mit einem zitat aus der literatur oder bibel. es wirkt doch reichlich abgenutzt und das bei Goethe? kaum denkbar – oder?

und das mochte JWG wohl erreichen, als er hoch betagt 1828 diesen text aus jahrzehnte alten vorlagen erarbeitete: so lange mystifizieren, so lange überhöhen, bis ein kippen einsetzt und alles auf den kopf stellt. was da auf den kopf gestellt wird, erhellt die szene mit der fürstin, die dem edelmann Honorio andeutet, die zukunft liege jenseits dieser gestade, und die szene mit dem fürsten, der von der jagd zurückeilt, um alles notwenige um die bekämpfung des brandes im ort zu managen. alle drei „player“ aus dem novellendreieck übernehmen gänzlich andere funktionen als erwartet. Goethe spielt hier mit den erwartungen der zeigenössischen leserschaft. sie werden damals verdutzt vom buche aufgeschaut haben – was ist das denn? wir heutigen müssen auf diesen akt der verblüffung aufmerksam gemacht werden, weil doch alles so selbstverständlich geworden ist.

und die bunt gekleideten schausteller als „underdogs“ der damaligen gesellschaftsordnung bitten souverän um das leben des löwen – nicht unterwürfig kriechend oder bettelnd. das sind neue töne! und neue geschichtliche sichtweisen stecken dahinter. nicht zählt mehr gottes gnadentum zur parasitären lebensweise der oberschicht, sondern funktionen inne haben und dem gemeinwohl dienen als griff in die zukunft aufgeklärterer verhältnisse. das ist echte weisheit und sicherlich eine resonanz zu seinem jugendlichen non-konformismus, domestiziert nun in ämtern und teuren standeskleidern und noch in verklausulierten worten. das ist ein spannender Goethe, der alte!

der kumulierte Goethe lässt
der feder zwischentöne zu
im bildhaften denken seiner
zeit diktiert er die novelle:
aus zwei mach eins und weis
auf keins der üblichkeiten

der tote tiger sprengt das
dreieck der novelle mit
einem fingerzeig der edlen
fürstin weist sie aus dem
dreieck dem Honorio die
neue welt / hienieden ist
kein staat zu machen

der löwe aus dem wappen
schnurrt pro domo vom
hinke splint befreit von des
knaben hand souverän lässt
unterschicht hier grüßen
und flötentöne sind ihm
wohl bekannt: signal zum
aufbruch in die neue zeit
da fürsten manager sein
müssen und arge brände
löschen statt zu zünden

harmonie ist ein kitsch der auf
ewig unwissenden die sich
fantasierend aus geschichte
mythenreich bedienen / ja -
die weisheit des alten aber
ist säure auf die gewissheiten
gepolsterter stühle: der leu
steckt nun im wappen fest –
achte auf den schleichenden
tiger

© 14.04.2014 brmu

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geschätzter Schätzing

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© 2014 foto brmu: alles parat für die show

wer am 19. märz 2014 ab 19:30 uhr in den Balloni-Hallen in Köln eine lesung bekannten stils erwartet hatte, wurde schnell eines anderen belehrt: das licht verging und Frank Schätzing kam, auf die bühne, erleuchtet: sein gesicht im licht des tablet-rechners, von dem er passagen aus seinem neuen buch las. immerhin, der star las streckenweise, aber kein buch weit und breit, nur am schluss im vorraum zwecks ankauf und signum.

die choreografie war professionell einstudiert, alles klappte auf und an der runden bühne lückenlos und beeindruckend. zur lesenden stimme des autors – immer noch im völligen dunkel - gesellte sich die passende geräuschkulisse des eben zitierten plots, dialoge aus dem hörbuch, verkehrslärm, knatternder fluglärm, stadtambiente. hatte man früher die hörermühe, sich aus dem gelesenen text selbst im kopf ein bild zu formen, war nun alles sofort im angebot: der lesend abgerufene geräuschfilm ohne störende lichtspiele, eben im dunkel, etwa dreiviertelstunde lang das gespenstisch beleuchtete gesicht.

aber das licht kam wieder und blendete manchmal, wollte man den meister direkt anschauen, der nun plaudernd in die runde wandelte, charmant informierend, das publikum mit einer vertrackten sache bekannt machend: der nahe osten. ein fass mit brodelndem inhalt und tausende jahre tiefem boden. und seine botschaft war klar: die einfachen menschen leben zusammen im geben und nehmen, die geifernden eiferer aller seiten reißen ein, was pragmatismus und koexistenz aufbauen wollen. und alle berufen sich auf einen gott und beanspruchen den tempelberg als uniques heiligtum. (bei dieser geschichte fiel mir spontan ein, dass die buddhisten damals viel schlauer waren als die vertreter der drei buchreligionen. denn als Buddha starb, wurde seine leiche verbrannt und die asche in mehreren urnen unter den anspruchstellenden verteilt. jede partei hatte so „ihr“ heiligtum! kriege blieben da überflüssig.)

Ofrin IMG 0010a
© 2014 foto brmu: Ofrin und Schätzing in blaulicht watend

nach den zwischenerläuterungen des meisters, trat die sängerin Ofri Brin, genannt Ofrin, auf. ein wahres feuerwerk an bühnenpräsenz. ihr haupt umlodert von gewellten, rothäutigen haarschlagen, ihre stimme aus archaischer tiefe, gehüllt in pures weiß. was sie sang war im wortlaut verborgen, aber der körperliche ausdruck sprach von dem ewigen wechsel zwischen liebe und hass, zwischen trauen und misstrauen. drei dieser auftritte in wechselndem licht haben den abend passgenau bereichert und das erstaunen über eine buchlose lesung kompensiert. Ofrin war dem meister ebenbürtig.

die show klang aus wie sie begonnen hatte, als eine lesung vom tablet in rasantem plot vom verstecken und verfolgen. er bietet alles auf, was spannend ist. wer das ende kennen will, möge das buch, eine mischung aus historischer betrachtung und thriller, selber lesen. ich bin Frank Schätzing dankbar, dass er sich an das heiße und sofort alle emotionen hochpeitschende thema „nah ost“ herangewagt hat. kaum vorstellbar, dass eine andere literaturform dazu geeignet gewesen wäre, ein breites publikum für dieses jahrtausende alte knäuel von religiösem wahn mit tod und verderben im gepäck zu interessieren. Günter Grass war das mit seinem gedicht "Was gesagt werden muss" als kürzeste textform letztens schlecht bekommen.

möge „Breaking News“ aus dem Kiepenheuer&Witsch verlag (2014) von Frank Schätzing dazu beitragen, der leserschaft kurzweil zu bereiten, den weltbürgern die augen zu öffnen, dass friedliche koexistenz auch ein resultat der evolution ist – man muss lediglich den brei der götterei vom feuer nehmen.

© 20.03.2014 brmu

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natürlich wachsen

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© foto 17.01.2014 brmu / J. Streich, Dr. M. Griefahn (v.l.)

das Königsdorfer Literaturforum macht von sich reden: es wird nun zehn jahre alt. zu diesem anlass hat sein mentor von der stunde null an, Jürgen Streich, frau Dr. Monika Griefahn, eine zeitweilige wegbegleiterin, eingeladen, aus ihrer dissertation vorzutragen.

frau Dr. Griefahn ist aktuell leiterin der >Monika Griefahn Institut Medien, Umwelt, Kultur GmbH< in Buchholz. in dieser eigenschaft und vor dem hintergrund eines langjährigen engagements in sachen umwelt, zb. als mitbegründerin von Greepeace Deutschland, als Umweltministerin in Niedersachsen a. D. und als MdB-SPD 1998-2009, hat sie zentrale gedanken aus ihrer dissertation (Edda Rydzy und Monika Griefahn, Natürlich wachsen – Erkundungen über Mensch, Natur und Wachstum aus kulturpolitischem Anlass, Springer VS 2014) vorgetragen.

es sei zur bewältigung der allseits begangenen und noch im gange seienden umweltsünden vor dem hintergrund des wissens aus natürlichen, sprich evolutionären vorgängen, unbedingt ein paradigmawechsel erforderlich. der muss heißen: natürliches wachstum, auch als schlagwort benannt als cradle to cradle (ctc), insofern ist der titel der vorgelegten dissertation zweideutig. nicht gemeint ist: „natürlich wachsen“ im sinne weiter so wie bisher, was sonst, sondern im einklang mit den von der natur, resp. evolution, vorgelegten/vorgelebten prinzipien der wiederverwertung. diese zur langverfügbarkeit von ressourcen und zur vermeidung von verseuchung aller arten, ob boden, luft, wasser oder nahrung.

dieser könne nicht vordergründig von der politik verordnet werden, er müsse als umwertung gesellschaftlichen handelns von den einzelnen bürger/innen gewollt und dauerhaft mitgetragen werden. dazu sei es nötig, eine sozio-kulturelle evolution in gang zu setzen. die stütze seien die jungen menschen im schulprozess, der ein ästhetisch-kulturelles angebot präsentieren müsse. es sei erwiesen, dass menschen, die beispielsweise ein musikinstrument spielten, die welt und ihre probleme differenzierter sähen und sich verantwortungsbewusster verhalten würden. zum abschluss der interessanten gedankengänge zitierte frau Dr. Griefahn Bertolt Brecht aus ’Die Geschichten von Herrn Keuner’: „Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen.“

die anschließend von Jürgen Streich geführte diskussion zwischen frau Dr. Griefahn und dem publikum war teilweise skeptisch bis kontrovers, also die richtige mischung für eine lebhafte auseinandersetzung mit den vorgetragenen inhalten. es sei eine frage des käuferverhaltens und preisbewusstseins, ob sich innovative ansätze zu einer zyklischen wirtschaft durchsetzen können. es sei eine frage des marktes, ob solche dann teureren produkte nicht für die arbeitsplätze der leute, die ja auch käufer seien, und die prosperität der unternehmen nachteilig ausschlagen würden. es sei eine frage der betonkopfmentalität in den entscheidungsetagen vieler vor allem großer unternehmen, innovative ansätze zu produkten reifen zu lassen. es sei eine frage des unternehmerischen belohnungssystems, wie manager/innen entscheiden. es gäbe aber verbündete sogar in der branche der consulter, die EVOCO GmbH sei so ein unternehmen, dass sich zum ziele gesetzt habe, ein management zu propagieren, das sich auf den prinzipien der evolution stüzt und ein zyklisches, nachhaltiges wirtschaften erlaube bei hinreichender profitabilität. es tut sich etwas in den köpfen: Darwin meets business.

frau Dr. Griefahn ließ sich nicht beirren, konterte sachkundig und referiert, dass diese sicherlich richtigen, nachteiligen aspekte durch einen paradigmawechsel überwunden werden müssten. meint also einen marsch durch die generationen mit gezielter umorientierung mittels einer ästhetisch-kulturellen erziehung speziell junger leute auf der basis gesellschaftlichen konsenses. etablierte strukturen und eine etablierte denke lassen sich bekanntermaßen nicht einfach ins gegenteil verkehren. hierin konnten alle vorbehaltlos einstimmen, so dass der abend mit der beeindruckenden tastenkunst des bekannten pianisten Alphonse Sauer wieder fulminant ausklingen konnte.

mögen uns die Brecht’schen bäume noch lange gegeben sein, den alten bäumen aus dem Hambacher Forst ist es nicht gegeben – auch ein massives versagen menschlichen handelns. nachdenklich geht man nach hause und fragt sich, ob wir nicht fakten schaffen, die unseren enkeln und urenkeln das leben versauern oder gar versauen werden. brmu

natürliches wachstum

1 frau Dr. Griefahn propagiert
den wechsel vom paradigma
dass menschheit nicht mehr giert
und ablegt übles stigma

2 wachstum um geldes preis
ist nicht die edlere krönung
wachstum im klugen kreis
ist die natürliche lösung

3 das den jungen eingeimpft
denn die haben potenzial
viele alte sind beschimpft
denn denen scheint's egal

4 der reife mensch im ganzen
sei eine persönlichkeit
paradigmawechsel im ranzen
für die ganze menschenheit

© 17.01.2014 brmu

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Köhlmeiers idylle

Köhlmeier Brühl-Lesung-131114-bu

© 14.11.2013 foto brmu / Michael Köhlmeier liest in der Buchhandlung Brockmann in Brühl

eine idylle mit hund
der nicht ertrinkt
gibt uns allen kund
wo das leben hinkt

hakt der tod sich unter
lässt dich einfach fallen
dann ginge man unter
als einer von allen

nur schreibend gelingt
der befreiungsschlag
die trauer um das kind
die kommt an den tag

und schon ist der autor
gänzlich überflüssig
denn das werk geht vor
für den leser schlüssig

der findet viel resonanz
oder auch gar nichts gut
jenen hilft es ganz
andern fehlt der mut

kommt auf situationen an
darin leser sich finden
so kann literatur
sein publikum binden

© 15.11.2013 brmu

bericht: Michael Köhlmeier setzte sich und begann ganz unprätentiös zu erzählen und zu lesen, das in der voll besetzten buchhandlung Brockmann in Brühl. auf dem tisch lag seine novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“*, der gar nicht ertrinkt. im gegenteil, er rettet den autor aus tiefster verletztung durch den verlust der tochter Paula.

hier schneidet das wahre leben in die literatur ein: Köhlmeier betont ausdrücklich, dass es nicht darum gehe, den tod seiner tochter „zu vermarkten“ (eine grauenhafte vorstellung), sondern er als schriftsteller von kindesbeinen an und seine frau, Monika Helfer, ebenfalls schriftstellerin, sie beide vermochten den tod ihres kindes Paula Köhlmeier, die ebenfalls angehende schriftstellerin war, nur auf dem literarischen wege zu bewältigen. die trauerarbeit über das schreiben. die frage aus dem publikum, ob er damit seiner tochter „ein verlängertes leben schenken“ wolle, verneint Köhlmeier aber entschieden, es wäre eben seine art, die verletzung zu verarbeiten, ein weiterleben im buch wäre nicht das leben seiner tochter.

die lesung war getragen von einer sonoren, leicht erkältet klingenden stimme, die die kunst der pausen kannte. auch merkte man an einigen stellen, dass da ein vater las, denn in den pausen lag tiefe emotion, die das publikum durch zurückhaltung und auch mitfühlende sympathie würdigte. zumal offenbar auch eltern anwesend waren, die ähnliche schicksale zu beklagen hatten.

da passte es gut, dass Köhlmeier gegen ende der veranstaltung einen wunsch erfüllte: ich bat ihn, das nachstehende gedicht „Gedanke und Gedächtnis“ aus seinem ersten gedichtband „Der Liebhaber bald nach dem Frühstück“** zu lesen, dass mir die situation aufzunehmen schien, was er gerne bestätigte.

Köhlmeier Gedicht-131114-bu

obwohl wir übereinstimmten, dass ein literarisches werk eine eigene, von den autor/inn/en unabhängige wirkung erzielen solle, war es dennoch gut und wichtig, diesen feinen mann aus dem Vorarlbeg kennen gelernt zu haben. beim signieren des gedichtes verriet er mir in kurzem plausch, dass bei Michael Krüger ein weiteres lyrik-manuskript liege, denn gedichte habe er immer nebenbei geschrieben, er sei aber viel zu zurückhaltend, diese einfach so zu veröffentlichen. möge Michael Köhlmeier seine scheu überwinden und uns auch als lyriker noch oft beeindrucken.

mehr verrät der artikel von Ruth Lütz-Bedorf im Kölner Stadt-Anzeiger/Brühl vom 15.11.2013.

© brm ulbrich / 15.11.2013
  * Michael Köhlmeier, Idylle mit ertrinkendem Hund, Deuticke Verlag 2008
** Michael Köhlmeier, Der Liebhaber bald nach dem Frühstück - Gedichte, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, Bd. 25, Hanser Verlag 2012

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willensfrei-eiei

 Willensfrei OstenSinger-IMG 8156a-131025-bu
© foto 25.10.2013 brmu: Manfred Osten und Wolf Singer im Gespräch

auf einer podiumsdiskussion im festsaal des stadtschlosses Weimar am 25.10.2013, veranstaltet von der Klassik Stiftung Weimar, wird der neurophysiologe Singer von dem autor Osten mit Goethe-zitaten bombadiert und dann zur stellungnahme animiert. diese diskussion ist bereits mehrfach an anderer stelle geführt worden und auch als cd unter selbem titel erhältlich.

von Osten kamen flinke zitate
aus Goethes tiefem werk
gefolgt von einer frag' zum rate
wie man sich das wohl erklärt
in bezug auf die heutige zeit

schon war gast Singer bereit
neuro und bio und logisch
zu liefern in weitem worte
willensfreiheit sei ein wisch
den man so verstehen sollte:

es habe so kommen müssen
und weiter wisse man nicht

da könnten viele musen küssen
freier wille sei ohne gewicht
die welt ein komplexes gebilde

gastgeber Osten im gefilde
erklärt Goethe zum visionär
der in seinen werken zeigte
was uns heute noch originär
das schauende uns aber leite

© 04.11.2013 brmu
zitat von W. Singer während der diskussion um das problem der willensfreiheit, die nach neurophysiologischer sicht fraglich ist, da jeglicher bewussten denke neuronale vorgänge im hirn vorauseilen; man lese dazu: Wolf Singer, Ein neues Menschenbild?, Suhrkamp TBW 1596, 2003, seite 24 ff: Das Ende des freien Willens?

 

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HJO im kapellsche

HaJO

Abtei Brauweiler. 12.10.2013. 20:15 uhr. was pfaffen selten schaffen: die kapelle war brechend voll, denn Hanns-Josef Ortheil plauderte und las für ein stündchen aus seinem neuen buch „Das Kind, das nicht fragte“ aus dem Luchterhand Verlag 2012.

durch den erfreulichen zustrom lesehungriger sah sich der ausrichtende verein „Freundeskreis Abtei Brauweiler e.V.“ gezwungen, die lesung in die angrenzende kapelle zu verlegen. Dort war es arg kalt und der hall störte anfangs sehr. aber HaJOs stimme wärmte uns und sie durchbrach die widrige akustik, ein menschenfreund durch und durch, was besonders die szene im beichtstuhl belegt, in der der protagonist als achtjähriges kind seine blockade, fragen zu stellen, aufbricht.

nach längerem schweigen fordert ihn der priester auf, von sich zu erzählen. darauf er: „Wenn ich von mir erzählen soll, brauche ich einen Stuhl, im Knien kann ich nicht gut erzählen.“ (seite 116) das ist der durchbruch, Benjamin hat sich selbst befreit, wo andere sich durch brimorium bis ins alter fesseln lassen. dem freundeskreis der abtei sei dank für dies erlebnis.

er schreibt piano
und spielt es auch
leis=tonale sätze im
duft der atmosphäre
bringen uns die
leute nah wie du
und ich in resonanz
und der schalk im
nacken bringt die
befreiung: hier im
beichtstuhl durch
fragen selber denken
und antwort finden
wozu dann noch
brimborium der
katalysator steckt
in uns wo sonst

© 13.10.2013 brmu
die ortheilschen monologe auf der homepage des Literaturhauses Stuttgart zum thema "buch" sind plaudereien aus dem zentrum des litaraturbetriebs. unbedingt hörens- und sehenswert, viel vergnügen!

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total-op

Totaloperation einer Landschaft, so war das Königsdorfer Literaturforum vom 11.7.2013 betitelt. es kamen unter anderen drei autoren der region zu worte, die, zum thema passend, aus ihren werken vorlasen.

KL Löffler-lesung130710-bu

Kay Löffler las passagen aus seinem werk „Dorf der Wolkenmacher“, Engelsdorfer Verlag 2007, und ließ das zahlreiche publikum die emotionale anspannung von betroffenen der umsiedlung durch den tagebau spüren. die sprengung eines kirchturms als brutales zeichen der befremdlichen entwurzelung.

KL Mödder-lesung-130710-bu

Gynter Mödder trug aus "Knollen, Kohle und Miljöh", herausgegeben von Axel Kutsch und Jochen Arlt, erschienen im Rhein-Eifel-Mosel-Verlag 1990, zunächst humorvollen text vor über ein bislang unbekanntes tier, die tagigall, der sich im verlaufe der lesung in bittere ironie wendete: die endemische tagigall als nieschenbewohnerin der kunstlandschaft der tagebaukippen, genannt Glessener Alpen, erscheint natürlich schützenswert und damit sein habitat. er konnte sogar eine zeichnung dieser extrem scheuen und bedrohten art vorweisen, die Renate Mödder-Reese durch lange feldstudien anfertigte.

KL Rumler-lesung-130710-bu

Andreas Rumler wagte sich an dem prosaisch dominierten abend an die lyrik und zitierte weite passagen seiner „Erftland-Splitter“, edition fundamental 2007, ein kaleidoskop von gedanken zu den vorgängen um und an den tagebauen. Unwiderrufliche veränderungen von landschaft, kulturellen werten und persönlichen verwurzelungen.

Jürgen Streich moderierte den abend, der wieder künstlerisch gerahmt wurde von Alphonse Sauer als professionellen pianisten.

in der diskussion waren die positionen pro und kontra tagebau vertreten, was den gedankenaustausch beflügelt hat. letzlich ist wichtig festzustellen, dass die legalen grundlagen dieser landschafts-op existieren, dass es aber auch legitim ist, diese immer wieder zu hinterfragen, und in neue, wissenschafltich fundierte zusammenhänge zu bringen, wie etwa neu erkannte gesundheitsrisiken der betroffenen, wirtschaftliche risiken der auswirkungen für die gesellschaft und globale auswirkungen für "das lebewesen erde" (J. Streich). dazu gehören auch die spektakulären aktionen der besetzer des Hambacher Forstes als ein mittel zivilen ungehorsams gegenüber den verkrustungen des politischen apparates, man denke an lobbyistischen filz und filzigen lobbyismus. eine anregende diskussion in durchaus verträglicher atmosphäre.

man fragt sich, warum keine presse zugegen war und stolpert über den gedanken, das behandelte thema passe nicht in die lokale zeitungswelt. ein schuft, der dieses dächte!

© 12.07.2013 brmu

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über weite entfernung

lesung in der weinstube Bohn in Bergheim am 5.7.2011.

 Bohn Weinstube

© foto: b.r.m. ulbrich
M.M. Bohn rezitiert „Über weite Entfernung“

am Aachener Tor in Bergheim angekommen, die Hauptstraße schon ziemlich menschenleer, steigt man am Roten Haus nr. 99 ein paar stufen hinauf und betritt rechts einen kleinen raum, der liebevoll mit gedichten auf blauem grund in petersburger hängung ausgestattet ist. wenige tische für rund zwanzig gäste stellen gleich eine besondere atmosphäre her.

dann die überraschung: jeder darf sich ein gedicht aus der lyrik-galerie wünschen und sein eigen nennen. eine große geste des gastgebers, seines zeichens auch ein mann der lyrik, der es versteht, die gäste in seiner weinstube immer wieder mit neuen lyrischen eindrücken zu erfreuen.

nach guten weinen aus deutschen landen und einem tapas-bufett steigt die spannung bis der eindrucksvolle Manfred Michael Bohn mit seinem sonoren bassbariton den raum ausfüllt: jedes gewünschte gedicht wird ausdrucksvoll vorgelesen, so dass es sicherlich noch länger in erinnerung bleibt. das von mir ausgewählte wird hier mit seiner erlaubnis veröffentlicht:

Über weite Entfernung

Über weite Entfernung, welch herrliche Kraft.
Innige Umarmung, Harmonie geschafft.
Sprudelnde Lüfte,
Spürbare Düfte.
Wehmut an Deiner Seite,
Über endlose Weite.
Der Tag kommt – riesengroß,
Komm, wir lassen uns nicht los!

© Manfred Michael Bohn /Juni 2013

weitere gedichte und wortspiele: in dem lyrikband „Liebe & Schmerz“, Verlag M. M. Bohn-Kommunikation 2011, 103 seiten, mit sechs treffenden illustrationen von Roman Pompe; das buch nebst CD kann in der weinstube erworben werden.

© 06.07.2013 brmu

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autoren slam

die Buchhandlung Moewes in Bergheim machte von sich reden. sie lud zu einem neuartigen autoren-slam ein: 24. Mai 2013 ab 20 Uhr. Sieben autor/innen hatten zehn minuten zeit, aus ihren werken zu lesen. litbiss war auch dabei!

Autoren-Slam bu-130524-bs

Bild: B. Schulz | Förderverein Stadtbiblio BM

der stärkste applaus sollte die/den gewinner/in küren. gewinn: ein gespräch im Piper Verlag. alle waren so gut, die schallmessungen so dicht beieinander, dass sich herr Moewes spontan entschloss, allen autor/innen eine chance zu einem gespräch vermitteln zu wollen. das war die beste entscheidung des gelungenen abends. allen, leserinnen und lesern, hörerinnen wie hörern, fiel dankbar ein stein vom herzen. was daraus wird?

litbiss kann berichten: die buchhandlung Moewes in persona herr Moewes will den autoren slam wegen der guten resonanz weiterführen. das ist eine gute nachricht für autoren/innen und leser/innen.

das ereignis ist in einer bildergalerie des FSB zu betrachten, klicken sie hier.

ohne euch, liebe familie, freundinnen und freunde und litbiss-fans, wäre es nicht so aufregend ausgegangen. für euren starken beifall bedanke ich mich herzlich mit diesem vierzeiler:

dichten in vollen zügen
ist reichlich übertrieben
in vollen zügen dichten
ist höher zu gewichten

© 25.05.2013 brmu

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Cologne Paper Art

papier ist geduldig. die Cologne Paper Art zeigt wieder papierkunst in der Vulkan-Halle in Köln. fast alle dort ausgestellten künstler/innen bearbeiteten das papier auf der oberfläche oder formten es bis hin zum scherenschnitt. Interessant, aber nicht aufregend.

JB Libellenbild-130422-bu

Jutta Barth auf der Cologne Paper Art, am 21.4.2013 auf eines ihrer werke zeigend

ganz anders in der box 32: dort gab es papierkunst der besonderen art zu sehen. bei Jutta Barth nimmt das papier ästhetisch angeordnetes pflanzenmaterial in sich auf. durch verrrottung skelettierte pflanzenteile, wie etwa blätter, werden in den sensiblen schöpfungsprozess des papieres (pulpe) einbezogen. Jutta Barth zeigt diese rare als pulppainting bezeichnete technik in wahrer meisterschaft. eine zarte akzentuierung mit tusche oder farben arbeitet den effekt des eingebetteten abschließend heraus. ihre so biologisch daherkommenden bilder regen gleich zu gedichten an. hier ein spontan verfasster haiku:

die bilder sprechen
von innen und von außen
meinen garten an

© 21.04.2013 brmu

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Vlaminck liest

eingeladen vom Autorenkreis Rhein-Erft (ARE), unterstützt vom neuen Förderverein Stadtbibliothek Bergheim (FSB), gab Dennis Vlaminck im Mauseum in Bergheim-Glessen am 13.4.2013 eine lesung aus seinem neuen krimi „Domfeuer“. Vlaminck ist von beruf journalist, seine brötchen verdient er sich beim Kölner Stadt-Anzeiger. wer das spannende werk liest, der lernt viel über das mittelalterliche Köln und die schlitzohrigkeit dessen bürgerschaft.

Lesung Mauseum-130413-bu

© foto brmu, von r. n. l.: D. Valminck, Prof. Dr. med. G. Mödder (Vorsitz ARE), Dr. R. Hahn (Vorsitz FSB)

in der fragerunde gab Vlaminck einblicke in sein doppelleben. tags über journalist, schreibe er des nachts in stiller zurückgezogenheit, wenn frau und kinder, hunde, katzen, pferde ruhe geben. dies brauche er zur konzentration über mehrere stunden. dann falle ihm für den plot seiner krimis genügend ein, wobei auch episoden aus dem eigenen leben verarbeitet würden, wie etwa die szene mit dem zahnbrecher. dabei müsse er schon durchaus aufpassen, journalistisches und literarisches schreiben nicht zu vermengen.

zum schluss verriet er noch, an einem anschluss-krimi zu arbeiten, der etwas mit einem nicht austrocknenden teich und seiner heimatstadt bedburg zu tun habe. möge dieser krimi genau so spannend, unterhaltsam und nebenbei lehrrreich sein wie „Domfeuer“.

© 13.04.2013 brmu

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welterswelt

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Ruth Welter liest,

eingeladen vom Förderverein Stadtbibliothek Bergheim, in der Stadtbibliothek im Medio der Stadt Bergheim aus ihrem buch DAS KINDERMÄDCHEN UND DER HERR JESUS (2012) zur erbauung und erheiterung der drei dutzend zuhörer/inne/n. es geht um die kleinen und feinen geschichten rund um Brühl, die ihre verwandten und bekannten erlebt haben. so manche weckte eigene erinnerungen und ließ das gemüt in resonanz mitschwingen.

rund um die vom förderverein liebevoll aus- und angerichteten erfrischungen konnte in einer pause angeregt über das werk geplaudert werden. danach übernahme Ruth Welter wieder das ruder und las im zweiten teil weitere geschichten vor, wobei das publikum wählen konnte, eine kluge einbeziehung, die nähe schafft.

wir waren zeugen eines einfühlsamen erinnerungswerkes, das über Brühl hinaus ins ganze Rheinland ausstrahlt und auch dort seine leser/innen finden sollte. offizielle bezugsquelle: buchhandlung Brockmann in Brühl, es liegt auch in der buchhandlung Moewes in Bergheim aus.

© 02.03.2013 brmu

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