litbiss.de

Erichsens dreh mit dem buch

 Erichsen Uwe-klein-IMG 1277a

© 2015 foto brmu / Uwe Erichsen im gespräch, foto mit seiner erlaubnis gepostet

was ist der dreh an einem buch, das zu einem film werden soll? man kann das studieren, man kann aber auch mit einem profi plaudern. zum jahresabschluss unserer lesekreisrunde haben wir uns neugierig auch auf dieses gebiet der autorenarbeit begeben, zusammen mit einem bestens erfahrenen: Uwe Erichsen, autor zahlreicher drehbücher zu bekannten fernseh-serien.

eigentlich technisch ausgebildet, hat unser gast sich schon von kindesbeinen an mit dem schreiben beschäftigt. das mündete anfang der siebziger jahre in die erste autoren-phase der romanhefte mit an die 240 textbeiträgen zu so bekannten serien wie Jerry Cotton. in den achtzigern entdeckte Erichsen dann seinen schwerpunkt in kriminalromanen: in 10 jahren erschienen an die 20 krimis, das nennt man produktivität. in den neunzigern verlagerte sich sein schwerpunkt erneut, er wurde drehbuch-autor im selben genre der krimiwelt. beiträge zu so bekannten serien wie „Tatort“, „Grossstadtrevier“, „Der Fahnder“ und „Ein Fall für zwei“ stammen aus seiner feder.

Lawrence Kasdan (drehbuch-autor u. a. von Star-Wars-Filmen) sagte in einem interview (ksta 7./8.11.2015, Finsterlinge reizen mich besonders), „Ein Genre ist wie ein Gefäß: Sie können es benutzen, um jede mögliche Art von persönlicher Geschichte zu erzählen.“

daraus die frage: müssen krimi- und drehbuch-autoren kriminelles in sich haben, um erfolg­reiche krimis zu schreiben? Erichsen lacht und meint, natürlich nicht, sie interessierten sich lediglich für einen besonderen aspekt unserer gesellschaft. und in dieser weise versuchten sie, zumindest er, eigene werte durch haltung und verhalten in nebenfiguren zu verankern. neben­figuren deshalb, weil die protagonisten in serien bereits „fixiert“ sind. Goethe hätte in heutiger zeit auch drehbücher geschrieben, denn er war experimentierfreudig und an dem, was um ihn herum passierte, sehr interessiert.

gefragt, für welches opus er einen literaturpreis für ihn selbst empfehlen würde, war die wahl klar: „Das Leben einer Katze“ (1984), wozu er später auch das drehbuch zu dem film „Die Katze“ geschrieben hat. es wäre also ein hypothetischer preis für die kombination „roman- und drehbuchautor“. gibt es diesen preis schon? wenn nicht, so sollte er eingerichtet werden. für ihn!

wir von littreff.medio hatten die vergünstigung, in das original-drehbuch von „Ein Fall für zwei“, staffel 27, episode 9, folge 251, „Wo Freundschaft endet“, einblick zu nehmen mit den notizen und randbemerkungen aus der feder von Erichsen.

es fallen sofort die skizzenhaften beschreibungen der handlung und der orte auf, die der regie viele möglichkeiten der filmischen umsetzung erlauben. ebenso die schnörkellosen, kurzen dialoge. sie implizieren viel, was aus den bildern und der story geliefert wird.

dieses verglichen wir natürlich mit dem danach gedrehten film und kamen gleich in die diskussion, wie viel änderungen ein drehbuch-autor denn „innerlich vertragen“ kann. er muss offensichtlich viel vertragen, denn der änderungen sind viele in dem film, von der abgabe des drehbuchs bis zum fertigen dreh nehmen viele einfluss auf den text: produzent, regisseur, schauspieler, je nach situation und gusto. das kann bis zum letzten drehtag noch geschehen.

ein romanautor wäre längst verzweifelt, denn er würde „sein werk“, von ihm als ein teil seiner identität betrachtet, gegen den lektor verteidigen, ein lyriker sogar mit vehemenz, ist ihm doch jedes wort im gedicht unveränderbar.

ein drehbuch-autor liefert über den dreisprung exposé (kurze, neugierig stimmende zusammenfassung), treatment (beschreibung von ort und handlung) und drehbuch den plot, die handlung(en) und die dialoge, quasi als vorlage für die filmemacher. das äußert sich auch darin, dass er bei den dreharbeiten selten anwesend ist, eher ein störfaktor, denn eine hilfe.

drehbuch-autoren haben größere schnittstellen zu dramatikern als zu romanciers. dennoch: der dramatiker kann gewiss sein: die bühne und deren schauspieler halten sich genau an die texte, das publikum gerät in interaktion und wirkt auf die schauspieler zurück, es ist ein feedback-prozess.

dagegen muss der drehbuch-autor gewärtigen, dass sein buch bis zuletzt hin und hergedreht wird, wenn es der regie gefällt. und er ist außen vor, das publikum jubelt den schauspielern und der regie zu. drehbuch-autoren müssen wahrlich ein robustes autoren-ego haben.

Uwe Erichsen hat das! aus ihm sprechen begeisterung und passion für das drehbuch-schreiben bis ins hohe alter von knapp 80 jahren. wir haben sehr gerne mit ihm geplaudert und wünschen uns weiterhin spannende krimis aus seiner feder.

© 29.11.2015 brmu
der 800. text auf diesem  blog

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Samstag, 24. Juni 2017

Sicherheitscode (Captcha)