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Feldhoff findet Becketts Hose

Noch ruhen unsre Wälder. Wir hielten Ausschau nach den Horsten des Rotmilans, unseres Kampfgefährten, spähten in die Astgabeln von Laubbäumen, es war vom sogenannten Kulturabfall die Rede, von Kunststoffresten etc., die der stolze Vogel beim Nestsbau verwendet. Welche Freude, als wir in einer hohen Buche einen Horst entdeckten, aus dem heraus ein Fetzen Plastik flatterte, das war der Ausweis des Milans, den die Behörden verlangten. Und nun zu euch, Bruder Schwarzstorch, Vetter Kolrabe, Lebensabschnittspartner Wespenbussard! (Heiner Feldhoff, Becketts Hose, Klöpfer&Meyer 2015, s. 8)

Heiner Feldhoff legt als abgeklärter autor in seinem neuesten buch „Becketts Hose“ eine sammlung von 166 notaten vor, deren sprache fällige denkprozesse quer durch das leben auszulösen vermag. kein rechthaberisch erhobener zeigefinger aus dem Westerwald. nein: subtil mahnende „Kürzestgeschichten“ sind zu lesen. was wir daraus machen, überlässt er uns.

was steht nun im text, was dahinter? das „Wir“ aus „Noch ruhen unsere Wälder“ steht wohl für eine gruppe von gleichgesinnten, vielleicht mitglieder eines vogelschutzvereins und, im weiteren sinne, die verständige leserschaft. man ist im revier auf kontrollgang, macht beobachtungen an den horsten von greifvögeln.

und schon beginnt die doppelbödigkeit. der „Rotmilan“, als ein „Kampfgefährte“ angesprochen, lässt uns an politisches denken, die beobachtungen werden zur „Ausschau“, zur letztgültigen schau der dinge wie sie sind. und die stehen nicht zum besten: „Kulturabfall“ als mülliges baumaterial in den nestern der vögel. der zentrale begriff „Kulturabfall“ offenbart die abgründigkeit der menschheit. sie ist nicht nur fähig, zivilisationen zu etablieren, sondern auch als ausdruck ihrer höherentwicklung: kultur.

aber jederzeit können die schattenseiten der zivilisation in die kultur einbrechen, sie zum abfallen von sich selbst bringen, ja, sie derart versauen, dass abfall sogar in bislang unberührter natur integriert wird. die vögel als über allem schwebende zeugen dieses prozesses spiegeln das diktum in anschaulicher weise. insofern sind sie unfreiwillige, von eigennutz unverdächtige gefährten im kampf gegen diese destruktive entwicklung. die „Fetzen Plastik“, das artifizielle aus menschlicher hybris, unterwandern die welt.

die unsensibilität menschlicher denkweise ist derart schlimm, dass sie diese, nicht artgerechte verhaltensweise der „stolzen“ vögel bereits als erkennungsmerkmal, als „Ausweis des Milans, den die Behörden“ verlangen, anerkennt, statt sie als alarmsignal der eigenen zerstörungen in und an der natur zu interpretieren. die behörden haben „Kunststoffreste“, unnatürliches also, als neues nestbaumaterial anerkannt.

so denkt man bis hierher - und dann der schock: „Welche Freude“ über den „Fetzen Plastik“ im milannest. liege ich etwa falsch, haben sich die hinter dem „Wir“ stehenden arrangiert? wofür kämpfen die, sind sie bereits so verblendet, dass sie den „Kulturabfall“ als kniefall hinter dem spektiv erleben? verstörend folgt sogar noch ein aufruf: „Und nun zu euch…“ in dem sinne, dass „Schwarzstorch, Kolkrabe, Wespenbussard“ an der reihe sind, als „Bruder“ wie verbündete, aber zu oder gegen was? sich auch des abfalls zu bedienen, sich einzureihen in phalanx der angepassten?

nein, ich klammere mich an den begriff des „Kampfgefährten“ und weigere mich, ihn kollaborativ zu verstehen. der aufruf an die anderen greifvögel ist der wunsch nach weiteren beweisen über das zerstörerische verhalten der menschen, als gehäuftes warnsignal, um dagegen anzugehen. denn plastikfetzen im nest als metapher stehen für die unsichtbaren giftstoffe in unserer nahrungskette, für das selbstzerstörerische menschlicher kurzdenkerei: die menschliche dummheit flattert grüßend als nestbaumaterial. Feldhoff mahnt mit nur 76 worten bibliothekfüllend, auf dass keiner sagen kann, das habe ich nicht gewusst.

das wichtige kommt oft unscheinbar daher!

© 22.12.2015 brmu

p.s.: Heiner Feldhoff schreibt mir kommentierend am 23.12.2015: "... ich will nur rasch in der Sache darauf verweisen, dass der Nachweis von Rotmilan und Schwarzstorch etc. die Errichtung von Windrädern in Waldgebieten verhindern hilft - das geht ja auch aus dem Text S. 10/11 hervor. Daher auch der paradoxe Jubel über die Entdeckung des Plastikfetzens, was ja nichts ändert an der Richtigkeit Ihrer Empfindung hinsichtlich der Kampfgefährten, der großen Familie (die nicht zuletzt einen Thoreau als Ahnherrn hat)".

 

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