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Feldhoff kokettiert: poeta minor

Heiner Feldhoff bezeichnet sich als poeta minor. er wohnt im Westerwald, war lehrer und schreibt neben gedichten und erzählungen schon lange die kleinste form: kürzestgeschichten als strobos­kopische blicke in die welt. „Becketts Hose“ und „Kafkas Hund“ sind eindrückliche zeugnisse davon (s. forum).

neugierig geworden, bat ich ihn im Januar um ein interview über sich, sein schreiben und bleiben, der weite wegen schriftlich. er stimmte gerne zu und hier sind seine antworten:

litbiss: wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, von dem könnte man annehmen, es flösse „großstädterblut“ in seinen adern. was bewegt sie, ihr autorenleben in Oberdreis im Westerwaldkreis zu verbringen?

HF: Als ich 1972 in den Westerwald zog, gab es tatsächlich einen enormen Kontrast zwischen Stadt und Land. Damals suchte ich die ländliche Idylle, suchte die Täler weit und Höhen und den andächt’gen Aufenthalt dort, um das anstrengende verantwortliche Leben als junger Pädagoge und Familienvater auszuhalten. Ich bekam aber rasch Heimweh und fuhr immer wieder zurück nach Duisburg, zu alten Freunden, zur alten Mutter, bis heute übrigens. Zusätzlich deckte ich lange Zeit das Bedürfnis nach Großstädtischem durch regelmäßige Fahrten nach Köln und Paris.

litbiss: auf ihrer homepage sind in etwa 40 jahren 15 werke, z. t. prämiert, aufgeführt. wie dürfen wir leser/-innen das bezüglich ihres schaffens deuten?

HF: Ich bin selbst überrascht, dass da offenbar ein kleines Gesamtwerk zusammengekommen  ist. Es ist wohl die „Lust am Text“, so bekanntlich ein Buchtitel von Roland Barthes, die mich angetrieben hat, von Kindesbeinen an. Und das Erkunden diverser Schreibfelder: neben Lyrischem und Prosastücken (keine Romane!) das Verfassen von Biographien und auch das Übersetzen. Die Intervalle zwischen den Büchern werden indes größer; es gibt immer öfter auch Tage, gottlob keine Phasen, des Überdrusses an der Literatur, besonders dann, wenn zuviel eitles Geschwätz die Feuilletons füllt, zuviel leicht konsumierbare Leseware angepriesen wird.

litbiss: sie sind von beruf lehrer gewesen. hat die nähe zum bildungsbetrieb den parallelen „nebenberuf“ autor ermöglicht oder gar eine literarische berufung erzwungen?

HF: Nun, ich war ja Deutsch- und Französischlehrer. Und hatte also tagaus, tagein jugendliche Partner im kreativen Umgang mit der Sprache. Auch der produktive Umgang mit Falschem, mit Fehlerhaftem, war ein Gewinn. Oder die Mundart (kennen Sie die Stammform „kief“ statt kaufte?). Ich holte die Dichter zu Lesungen in die Schule. Wir fuhren gemeinsam zur Buchmesse, einmal machte der Autor Hadayatullah Hübsch eine Lesung im Bus. Ich veranstaltete einen Gedichtwettbewerb, bundesweit: Gedichte zum Auswendiglernen, der Preisträger, von einer Schülerjury ausgewählt, bekam tausend Mark. Und als ich merkte, dass die Schüler dann besonders motiviert waren, wenn sie über ihr eigenes Leben schreiben konnten, stellte ich auch bei Klassenarbeiten immer öfter solche Realitätsthemen: und wir machten daraus schließlich ein gemeinsames Buch, unter dem Titel „Von Bäumen und Menschen“.

litbiss: als literat treten sie mit der kleinen form, in erzählung, gedicht, kürzestgeschichte auf. das könnte der lesegewohnheit einer großstädtisch gehetzten leserschaft geschuldet sein, aber auch einer philosophie der offenen weite huldigen. wie darf man sie zwischen lyrik und prosa einordnen?

HF: Es ist mir ein Rätsel - ich widerspreche Ihnen da also -, warum die kleine Form nur eine verschwindend kleine Leserschaft hat, dabei wäre sie wegen ihrer Kürze besonders geeignet, etwa wie für fromme Leute die Losungen zum Tage. Der umfängliche Roman, alles Umfängliche, Fiktionale hat, wie schon gesagt, sein großes Publikum. Ich beklage das Desinteresse an der Kurzprosa gar nicht, das ist in Deutschland so, in Frankreich ist das schon etwas anders, da gibt’s z.B. ein großes Interesse für poetische Notate, für Denkbilder im Sinne Walter Benjamins, für literarische Tagebücher. Geselle dich zur kleinen Schar, sagt Goethe, mir bereitet es ein heimliches Vergnügen, als poeta minor meine Miniaturen in das literarische Leben einzuschmuggeln, sogar in Schulbücher. Es ist beglückend, wenn das Eigene neben Ingeborg Bachmann, Erich Fried oder Peter Rühmkorf auftaucht.

litbiss: als autor beschäftigen sie sich in ihrem essayistischen werk mit Albert Camus, Henry D. Thoreau, Paul Deussen, allesamt in der nähe der philosophie. pocht hier ihr eigentliches, verkündendes autoren-herz?

HF: Ne, Maximen, Botschaften mag ich hier nicht als Konzentrate verkünden, à la: Du musst dein Leben ändern. Das liegt ohnehin auf der Hand. Aber fasziniert war und bin ich von dem Ausmaß an geistiger Freiheit, die die genannten Drei in ihrem Werk eröffnen, fordern, herausstellen, Camus in der durchschauten Absurdität, Thoreau im Ungehorsam gegen alles zivilisatorische Bevormunden, Nietzsche (über „meinen“ Deussen) in seinen Erkenntnissen „über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“. Mich mit Paul Deussen, einem engen Freund Nietzsches, zu beschäftigen, war insofern naheliegend, als er hier in dem Westerwaldort, wo ich lebe, aufgewachsen ist, wie Nietzsche Pfarrerssohn; er hat ein hervorragendes Werk hinterlassen, das auf verständliche Weise den altindischen Geistesraum erschließt, besonders den Advaita-Vedanta. Und dass Nietzsche hier vor Ort, praktisch an meiner heutigen Haustüre, vorbeigelaufen ist, hat ihn mir natürlich sogleich menschlich nähergebracht. Er hat den Westerwald übrigens als „grua-, grua-, gruselich kalt“ beschrieben. Man bedenke bei diesen Worten Nietzsches offenkundige Grusikalität. Thoreau und Camus in ihren Journalen, Nietzsche in seinem fragmentarischen, aphoristischen Schreiben – da sind sie mir besonders nahe Gesprächspartner, lebendiger oft als „real existierende“.

litbiss: die philosophie schlägt sich sicherlich in ihrem prosaischen und lyrischen werk nieder. welchen tipp können sie ihren leser/-innen zum verständnis ihrer texte geben?

HF: Wer einen metaphysischen Halt sucht, den kann ich auf Deussen verweisen, der in der Nachfolge Schopenhauers ein idealistisches, kohärentes System vorlegt, das die Materie voll anerkennt inklusive unserer vita brevis, und dennoch, wider alle Vernunft, eine tröstliche überindividuelle „Unzerstörbarkeit ohne Fortdauer“ postuliert. Es ist auch im engeren eine Philosophie des Dennoch, ja eines Lebensglücks, das im Mythos des Sisyphos anklingt, den Camus ja mit dem Satz beendet, man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, im Französischen liest sich dank des exponierten Schlußworts besonders nachdrücklich: Il faut imaginer Sisyphe heureux.

litbiss: in ihren texten schimmert engagement durch für das unberührte, das natürliche. wie richtig läge man, wenn dies als zunehmende distanz oder reserve gegenüber dem „mensch en masse“ aufgefasst würde, der mit seinem auftreten in der welt erhebliche, nachteilige veränderungen bewirkt? was geben sie der leserschaft zu bedenken?

HF: Ach, meine Leserschaft, diese schöne treue und immer wieder neue Hundertschaft. Bedenklich, wenn ich diesen Befreundeten etwas zu bedenken gäbe, aufgäbe als Hausaufgabe. Nein, ich gebe ihnen etwas zu lesen, ich hoffe etwas Erfreuliches; ihr Sprachbewußtsein Erweiterndes. Und ich gebe immer auch Lesetipps, Robert Walser, Jules Renard, Cioran, Márai, Handkes Notizbücher. Im engen Deutschland ist das Unberührte kaum mehr zu finden, vielleicht nur noch im kleinen, en détail fürs Auge; das Ohr ist überall durch industriellen, maschinellen, technischen Lärm belastet, das Landleben macht da keine Ausnahme mehr, im Gegenteil, mir scheint, in vielen städtischen Nebenstraßen ist es heute ruhiger als auf dem Lande, welches schon lange seine Unschuld verloren hat, Kafkas „Mann vom Lande“ kann zu Hause bleiben, ungetrost.

litbiss: bestimmt arbeiten sie längst an einem weiteren essay, lyrik- oder prosaband. welche brandneue kürzestgeschichte darf ich meinen leser/-innen vorab präsentieren?

HF: Wir Nichtschwimmer.

litbiss: was halten sie als autor von der „acht-punkte-proklamation des poetischen actes“ des H.C. Artmann (1921-2000), insbesondere vom ersten satz: „es gibt einen satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“?

HF: Eine schöne Schlußfrage. Ich kenne dieses Phänomen sehr gut: Nicht-schreiben, nichts sagen – und dennoch sind die Sätze da, virtuell, oder in Träumen. Ich träume ganze Reden, Textpassagen, Briefentwürfe, nach so vielen Jahren des Umgangs mit den Wörtern, ihren Klängen, mit den Buchstaben kein Wunder, es sind geradezu körperliche Lebewesen, imaginäre Lesewesen in jedem Fall. Artmanns Hinweis läßt mich an den wunderbaren Pessoa denken (Buch der Unruhe), da spricht er an einer Stelle von den großen Dichtern des Schweigens, die, im Wissen um ihre Fähigkeit zum Meisterwerk, vorzogen, es mit ihrer Entscheidung des Nie-Schreibens zu krönen! Nun ja, so habe ich, indirekt hergeleitet, gute Gründe, dann und wann ein weiteres unvollkommenes Werk herauszubringen. Von dem großen Fotografen August Sander gibt es ein Bild aus dem Jahre 1913, das einen alten Westerwälder Bauern zeigt, Sander gab ihm den Titel: Der Philosoph. Ja, der hat diesen ausdruckstarken Blick in die Ferne, den Blick eines Wissenden ohne jedes aufgeschriebene Wort. Übrigens auch das einer Bäuerin, einer Philosophin.

Abschließend die oben erwähnte Kürzestgeschichte:

Wir Nichtschwimmer. Auf einem Festbankett verblüffte der Olympiasieger, der in Antwerpen die Goldmedaille gewonnen und zugleich einen neuen Weltrekord aufgestellt hatte, die versammelte Festgesellschaft mit der Erklärung, er wisse selbst nicht, wie ihm dieser Erfolg gelungen sei, denn eigentlich könne er gar nicht schwimmen. Ich las diese seltsame Geschichte am Vorabend einer Osterreise an die holländische Küste, die mich auch an Antwerpen vorbeiführen würde, wo ich immer nur mit Herzklopfen herfahre wegen der offenbar hier unvermeidlichen Staus vor dem sogenannten Kennedy-Tunnel. Die beiden mitreisenden Enkelkinder hatte ich noch jüngst selber in einem unserer täglichen Gespräche am Telefon verblüffen wollen, indem ich nämlich der achtjährigen Emma, die sich darüber verwundert zeigte, daß man den Osterhasen nie zu Gesicht bekomme, erklärte, eigentlich, hätte ich gehört, gebe es den Osterhasen gar nicht, was sie ungerührt zur Kenntnis nahm, Max habe so etwas auch schon angedeutet. Ihr großer Bruder hatte mich übrigens seinerseits gefragt, ob ich ihm sagen könne, wie denn die Auferstehung von Jesus zu begreifen sei, ein Toter könne doch gar nicht wieder lebendig werden. Ich darauf: Eigentlich habe es den auferstandenen Jesus gar nicht gegeben, das sei eine Erfindung der Anhänger Jesu gewesen, die in ihrer übergroßen Trauer den Tod ihres Meisters nicht hätten wahrhaben wollen, woraufhin Max zehn Sekunden lang geschwiegen hat und ich Emma im Hintergrund habe lachen hören. Ich nahm mir vor, wenn wir am Ostermontag über den Strand laufen würden, mir die Kinder zu Seite zu nehmen und ihnen, das milde Wellenrauschen in den Ohren, schonend beizubringen, daß es sie, Max und Emma, eigentlich gar nicht gebe, sondern sie sogleich, von einer Sekunde zur anderen, schon wieder ganz andere seien und sie eigentlich meine Großeltern seien und ich ihr Enkelkind, und im Meer dort vor uns, das wißt ihr besser als ich, sind wir alle nur Nichtschwimmer.1

1 litbiss dankt Heiner Feldhoff für die erlaubnis der veröffentlichung seiner kürzestgeschichte „Wir Nichtschwimmer“.

© 21.01.2016 brmu

 

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