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Goethen auf der spur

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© foto brmu 16.10.2016 J. & A. Rumler im Wirthaus an der Lahn

Jutta und Andreas Rumler, beide langjährig den Goethe-Gesellschaften in Köln und Weimar angehörig, haben sich wieder engagiert und den interessierten mitgliedern eine anschauliche exkursion von zwei tagen auf den spuren des Johann Wolfgang Goethe geboten. eine erfolgreiche planung, gutes arrangement und zügige durchführung gelangen dank ihrer erfahrung.

überall wurden wir freundlich empfangen und mit viel informationen über das verhalten des „dichterfürsten“ unterrichtet. viele ausstellungsstücke illustrierten eindrücklich die damalige lebensweise. der stolz der uns berichtenden personen vor ort, ein haus oder ein zimmer oder einen schreibtisch zu präsentieren, an dem JWG einst gelebt, geliebt und gearbeitet hatte, war unverkennbar. uns spätgeborenen sind das museale informationen, deren gehalt wir unwillkürlich daraufhin abklopfen, was sie denn zu den weltweit anerkannten werken Goethes beigetragen haben mögen.

will man dem auf den grund gehen, so ist eine reise zu seinen wirkstätten erhellend. in diesem jahr 2016 standen auf dem plan: Brentano-Haus in 65375 Oestrich-Winkel im Rheingau, Reichskammergerichtsmuseum in 35578 Wetzlar, Grabmal des Karl Wilhelm Jerusalem dortselbst, „Goethehaus Volpertshausen“ in 35625 Hüttenberg, Goethe auf der Bank in 35583 Garbenheim und zum abschluss einkehr in das „Wirtshaus an der Lahn“ in 56112 Lahnstein.

an einigen dieser orte machte J. W. Goethe verschiedenen damen bei tanz und musik oder im privaten kreis den hof, wurde nicht erhöhrt, und schrieb sich später alles von der seele. literatur als therapie? sicher ist, die damen wären längst vergessen, wäre da nicht ein galanter herr Goethe mit seinen erinnerungen gewesen!

aber auch die freundschaften mit empfindsamen herren der höheren gesellschaft seiner zeit, insbesondere der tod des K. W. Jerusalem aus unglücklicher liebe, inspirierten ihn zu dem damals sensationellen briefroman „Die Leiden des jungen Werther(s)“. man würde heute von einem bestseller sprechen, denn es wurden rund 10.000 exemplare verkauft, nicht gerechnet die raubdrucke.

sein zeitkritisches werk, die gesellschaftlichen verhaltensweisen mit tragischem ausgang spiegelnd, traf den nerv einer breiten schicht der bevölkerung. selbsttötung als revolte, das war unerhört und wider alle lehren von kirche und staat. dazu hat viel später Albert Camus (1942) gemeint, es gebe nur ein wirkliches ernstes philosophisches problem: den selbstmord. und er bietet pragmatischere lösungen an: trotz der absurdität des seins entscheidet sich sein protagonist für das ewige rollen des steins gegen alle gefälle. Werther war früher und noch kein glücklicher Sisyphos!

ohne das gute leben Goethes, arbeitsreich und wohlsituiert, universal interessiert und hoch inspiriert durch der damen charme und schönheit, wäre seine literatur nicht denkbar. insofern wirkte der autor als werkerstellendes medium, mit all seinen besonderheiten gleich welcher art. aber Roland Barthes erhob 1967 mahnend den finger wider den personenkult und sprach davon, dass der autor tot sei (la mort de l’auteur), meinend: er spiele, wenn das werk in der welt sei, keine rolle mehr.

bestand haben jene werke, die gelesen, verstanden und geliebt werden, weil sie etwas zu sagen haben. das hat JWG eindrucksvoll vorgelegt und vorgelebt. auf seinen spuren zu reisen machte uns appetit, seinen „Werther“ mit duldvollen augen erneut oder auch zum ersten mal zu lesen, um muster zu finden, die bei uns heutigen noch resonanzen erzeugen. wären wir als puristen Roland Barthes gefolgt, hätten wir auf die zwei schönen tage im Rheingau und an der Lahn verzichten müssen - ein asketischer gedanke.

© 19.10.2016 brmu

 

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