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H. G. Wells in Königsdorf

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© 04.08.2016 foto brmu: Streich und Lussem im „interview“

Jürgen Streich (JS), seines zeichens journalist und autor, hat mal wieder einen coup - oder soll man besser sagen: „streich“ - gelandet. sein Königsdorfer Literaturforum (KFL) vom 4.8.2016 im ev. Gemeindehaus Königsdorf hat uns den vermeintlichen sience fiction autor Herbert Georg Wells (H.G. Wells, HGW) mit seinen anderen facetten ins bewusstsein gerückt.

der abend war locker aufgebaut. zunächst konnten wir essentielles zum kritischen und skeptischen denken des autors in einem fingierten interview hören. JS stellte dem rezitator Ulrich Lussem als HGW fragen, die dieser locker, aus Wells werken zitierend, beantwortete. eine gelungene art, den im vorletzten jahrhundert geborenen autor (1866-1946) mit seinen eigenen aussagen zu worte kommen zu lassen. das machte neugierig, hörten wir doch eher beunruhigendes, das man getrost oder untröstlich in die kategorie der dystopien einordnen kann.

ausführungen, die weit von einem trivialen sifi-story-schreiber entfernt sind. HGW war historiker und soziologe und wacher zeitgenosse. das befähigte ihn, entwicklungen seiner zeit intelligent zu extrapolieren und deren gewaltpotenzial bei notorisch unreifer menscheit richtig voraus zu ahnen. sie fanden ihren niederschlag in über 120 werken (romane, erzählungen, sachbücher). wir heutigen können seine „prophetie“ bezeugen.

exemplarisch las Walburga Maraite aus dem schwer zugänglichen buch „Befreite Welt“. es reflektiert die möglichkeit einer weltregierung als mittel zur eindämmung der gewalt. Jedermann, ob weise oder beschränkt, glaubte in diesen Tagen, daß die Aufteilung der Welt unter eine Vielzahl von Regierungen unvermeidlich wäre und es noch Tausende von Jahren bleiben würde. Sei war wirklich unvermeidlich, bis sie unmöglich wurde. war das Jahrhundert … eine Zeit ständig zunehmender Vergeudung. Nur der extreme Individualismus dieser Zeit, nur der völlige Mangel an kollektivem Verständnis und Zielbewußtsein kann diese Vergeudung erklären. … Das ganze System näherte sich dem Zusammenbruch. Und jedes Jahr wendete man noch mehr Arbeitskraft und Energie auf Rüstung auf und vergrößerte ständig die Kreditschulden der Industrie. … Wohin man auch in der Welt blicken mochte, nirgends fand man einen Sinn für die Gefahr oder das Verlangen, den Dingen auf den Grund zu gehen. … Niemand konnte, niemand wollten den Abgrund vor seinen Füßen sehen. … Die Menschheit lebt immer im Aufbruch. Leben heißt Beginnen und nichts anderes als Beginnen.“ es wird letztlich einer weltregierung das wort geredet, wobei allerdings voraus zu setzen wäre, dass die dann regierenden nicht das von Wells den menschen so schlecht ausgestellte zeugnis inne hätten. dazu sagt HG Wells aber nichts.

Maria Sarafidou las einen text des leider verhinderten Christian Gierend, der sich mit den fantastischen kurzgeschichten Wells gefasste. Darin ging es H. G. Wells daru, die unbegrenzten Möglichkeiten zukünftiger Wissenschaft und Technik aufzuzeigen, gepaart mit der Unfähigkeit der Menschheit, diese sinnvoll und friedfertig für die Allgemeinheit zu nutzen. Wells sah den Menschen als weiterentwickelten Affen an, der sich aber letztendlich evolutionsbedingt selbst vernichten würde. das ist ernüchternd zu hören, es fallen uns tausende von bestätigenden beispielen ein.

alle drei sind teilnehmer/-innen der von Jürgen Streich geleiteten schreibwerkstatt „Federleicht“. ein schöner beweis, dass sich die kernerarbeit an der basis der schreibkunst lohnt. ohne die ermutigung zum schreiben lässt sich das potenzial der schriftstellerischen begabungen aus der region nicht heben – und alle großen schriftsteller/-innen sind schließlich ihrer region entwachsen. „Federleicht“ – Die Inklusive Schreibwerkstatt in Alt St. Ulrich“.

den abschluss bildete ein längeres zitat aus „Menschen, Göttern gleich“, von Elisabeth Kann gelesen. „Dutzende Jahrhunderte seien notwendig gewesen, ehe die schwersten Missbräuche des Vertrauens, das in einer modernen Organisation notwendig ist, abgestellt werden könnten. Jeder Utope muss fünf Grundsätze der Freiheit lernen, …erste Grundsatz ist der der Unantastbarkeit der Privatsphäre … zweite Grundsatz ist der der Bewegungsfreiheit … dritte Grundsatz ist der vom unbeschränkten Wissen … zum vierte Grundsatz der Freiheit … (Wo es Lügen gibt, kann keine Freiheit herrschen.).

nach dem abend und seiner diskussion war das verstaubte bild von HG Wells als sf-geschichtenschreiber, gar als autor trivialer literatur, das wohl manch einer mit sich herumgetragen hat, gründlich renoviert und korrigiert. wir haben es mit einem gesellschaftskritischen mahner zu tun, der aus der zeit bis zum Zweiten Weltkrieg die meist unguten entwicklungen der massengesellschaft richtig vorher gesehen hat und beschreibt, inklusive der von ihm erstmals so genannten „Atombombe“. die richtigen lösungen werden angedacht, aber ob sie tragen oder variiert oder fallen gelassen werden müssen, das wird die arbeit der jeweils aktiven generationen auf der welt bleiben.

das Well’sche orakel hat gesprochen! wer ohren hat zu hören, der höre! wer hirn hat, denke und komme vielleicht zu dem schluss des autors Lars Gustafsson 1: „Es gibt Dinge, die wir erforschen sollten. Und es gibt Dinge, die wir nicht erforschen sollten.“

© 08.08.2016 brmu
1 zitat aus Lars Gustafsson, Doktor Wassers Rezept, Hanser 2016, seite 78

 

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