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Köhlmeier & Liessmann schwelgen in mythen

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© 4.9.2016 foto brmu zeigt Köhlmeier & Liessmann in aktion

das Literaturhaus Köln wird 20 jahre alt – gratulation! der auftakt der diesjährigen literaturtage-saison nach den feierlichkeiten im Kölner Rathaus vom vortage fand im Museum für angewandte Kunst in Köln statt und hielt einen aufregenden abend parat. zwei rührige autoren, der literat Michael Köhlmeier und der philosoph Konrad Paul Liessmann, erzählten und lasen uns aus ihrem erst noch erscheinendem buch „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?“ über alte zeiten.

der alt-griechische Olymp mit seinen vielen göttinnen und göttern und deren patologischen verhaltensweisen von geilheit und eifersucht, von hinterhalt bis mordlust, zerstörungswut und rache ist, gottseidank, nicht mehr relevant – oder? leider doch, es finden sich viele parallelen und adaptionen in unserer welt bis in die aktuellen gottesvorstellungen.

Michael Köhlmeier erzählte uns mit seinen worten einige befremdlich-schaurige geschichten aus dieser archaischen weltvorstellung (Schopenhauer lässt grüßen) und sein langjähriger freund Konrad Paul Liessmann half uns, diese ins heutige philosophisch zu interpretieren. sein charmanter Wiener schmäh half uns dabei.

Köhlmeier erzählte gerade von dem Satyr Marsyas, der eine flöte namens Aulos findet und damit göttlich spielen kann. er wird dafür von den menschen bewundert, jedoch von dem gott Apoll eifersüchtig gehasst. nebenbei: Aulos ist mit einem fluch belegt, der sich auf grausame weise realisiert. Apoll hatte sich ausbedungen, dass der sieger des wettkampfes mit dem verlierer machen könne, was er wolle. im hinterhältigen wettstreit verliert der naive satyr und dann:

Da packte der Gott den Satyr am Genick, hängte ihn an eine Fichte und schabte ihm mit dem Aulos die Haut vom Körper. Die Musen standen dabei, und das Geschrei des Marsyas war ihnen wie Musik. Denn die Musen verstehen es, in allen Dingen der Welt das Schöne zu sehen. (1) nach diesem schock gab Köhlmeier das wort an Liessmann weiter, die philosophische interpretation vorzunehmen.

Aber noch die Schreie des Gemarterten erscheinen den Musen als Wohlklang. Der Künstler … ist ja der dünnhäutige … allen Erfahrungen der Welt schutzlos ausgelieferte Mensch, aber seine Schmerzensschreie werden den anderen zu einem Wohlklang, zu einem Genuss. (2)

was für eine ernüchterung! die musen, inbegriff der inspiration und kreativitätsauslösung, hören aus folterschreien wohlklang heraus? wie pervers ist das denn? das schmerzenschaos der stimme wird einfach umgedeutet! kann man dann die folterknechte unserer zeit, die perfiden spaß am quälen haben, auch als musen ansprechen, musen der mörderei?

und weiter: die künstler als sensibler seismograf dieser verkommenen welt schreien ihre werke aus der qual heraus in diese welt. noch ein schock! ich dachte immer, wer von der Muse geküsst wurde, der beginnt inspiriert die welt zu interpretieren und sie uns anderen in neuen facetten zu zeigen. gut, die arbeit ist auch anstrengend und manchmal quält sich der autor ans ende seines werkes. aber das ist doch gar nicht zu verwechseln mit den schmerzensschreien des Marsyas.

die veranstaltung mit den beiden österreichischen wortkünstlern aus literatur und philosophie hat mich ernüchtert. die künstler der welt leiden an ihr und ihre werke sind manifestierte qual und alles nur wegen der perversen musen. da benötigen wir wohl alle einfühlsame therapie. gerne hätte ich mit den beiden therapeuten ein heilsames gespräch geführt.

denn: ich will nicht an die fichte, ich will von keiner muse geküsst werden – nie und nimmer!

ihr tumben musen
an eu’ren busen
will ich nicht ihr
kommt so weich
daher und seid so
hart pervers im
dreh der welten
mein werk soll
freude sein und
allen ebenso -
kein’ qual kein’
psychopein aus
druckerpressen
therapie auf
eure kosten

© 05.09.2016 brmu
Zitate aus Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann, Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? – Mythologisch-philosophische Verführungen, Hanser 2016
(1) seite 141, (2) seite 149

 

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Mittwoch, 16. August 2017

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