litbiss.de

Kutsch, der versvernetzer

Bild1

Axel Kutsch, lyriker von herzen und anthologist aus überzeugung, realisiert in diesem jahr seine zehnte tour des poèmes, Versnetze_10 genannt, die wieder im Verlag Ralf Liebe erschienen ist. das formale konzept der anthologiereihe „Versnetze“ ist schnell geklärt: bewusst unliterarisch strukturiert nach den postleitzahlen und sortiert nach alter der einsender/-innen, werden 219 autorinnen und autoren mit einem oder mehreren gedichten vorgestellt, eine auswahl aus tausenden von einsendungen. inzwischen ist ein kleiner „Grenzverkehr“ integriert.

das ist harte arbeit des lesens, wertens und auswählens. Axel Kutsch meinte in unserem gespräch schmunzelnd, dass auch nicht alle abgelehnten es so sportlich nähmen wie litbiss, sondern auch mal gerne am telefon schimpftiraden von sich gäben.

weder thematische noch formale kriterien wurden vorgegeben, an dem sich die jungen und gealterten lyriker/-innen versuchen konnten. dieses konzept gibt der interessierten leserschaft also einen unverstellten überblick über die „dichterische arbeit“ an der basis im lande, und zwar unverfälscht vom so genannten literaturbetrieb der hitlisten, preisverleihungsorgien und rezensionsresonanzen, mit der die leserschaft verwöhnt, aber auch gelenkt wird.   

litbiss: die arbeit des anthologisten ist umfangreich, die des sammelns und vor allem des lesens von tausenden gedichten, was bringe einen dazu.

Kutsch: als lyriker beseele ihn generell die möglichkeit, mit gedichten sprache zu vertiefen und zu erweitern, um wortspielerisch neue resonanzräume zu erschließen. als sammler von gedichten anderer in anthologien sei er stets daran interessiert, talente zu entdecken und insgesamt einen weitreichenden überblick über die deutschsprachige lyrik der gegenwart zu vermitteln. 

litbiss: um diese herkulesarbeit zu bewältigen, bedürfe es sicherlich der kriterien, wie die zu umschreiben wären.

Kutsch: er habe „immer den anspruch, gedichte mit unverbrauchter sprache zu veröffentlichen und auf texte mit abgegriffener und plakativer diktion zu verzichten“.

litbiss:  dilettierende gebrauchsgedichte oder epigonale verse sind offensichtlich also keine optionen. eine wichtige botschaft. und grundlegend die frage, wie das konzept zu Versnetze zustande gekommen sei.

Kutsch: um das möglichst unverfälscht realisieren zu können, habe er "Versnetze" konzipiert, „weil sich in diesen nach postleitzahlbereichen strukturierten sammelbänden, deren kapitel jeweils mit dem jüngsten autor beginnen und dem ältesten enden, die vernetzung der regionen, szenen und generationen übersichtlich darstellen lässt“.

litbiss: so also erhalte der titel eine vordergründige bedeutung als basis (land) für die hintergründige, nämlich das fischen im meer der möglichkeiten lyrischer entdeckungen, was aber viel arbeit sei. 

Kutsch: „das sammeln von gedichten hat für mich persönlich einerseits den besonderen reiz, mich mit taufrischen poemen weniger bekannter und renommierter lyrikerinnen und lyriker zu beschäftigen, gewissermaßen den heißen atem des neuen zu spüren“. aber enttäuschung sei auch zugegen, denn es habe „andererseits enttäuschende momente, vor allem dann, wenn ich weniger gelungene einsendungen von autorinnen und autoren erhalte, die in früheren "Versnetzen" schon mit besseren gedichten vertreten waren“.

litbiss: als ein eben solch abgelehnter sei festgestellt: wer nicht (mehr) vertreten ist, möge also nicht schimpfen, sondern in sich gehen und sich fragen, wie er in zukunft den ansprüchen genügen könne, denn die reihe soll weiter geführt werden. 

Kutsch gibt dann noch preis: „mein lyrisches lieblingsthema ist die literatur, das schreiben von texten, in denen ich mich humorvoll, gelegentlich auch sarkastisch mit poesie, poeten und dem ‘betrieb‘ befasse“.

litbiss: die reflexion über den literaturbetrieb, dessen, was per attribution zu literatur wird, ergibt wiederum literatur wie satire, eine kompetenz, die nicht jedem gegeben ist. dann kommen wir zu der fälligen frage, wie es weitergehen werde.

Kutsch: „aktuell arbeite ich gerade an der vorbereitung einer anthologie außerhalb der reihe "Versnetze“ mit gedichten zu literarischen figuren und schriftstellern vom altertum bis in die gegenwart.“ und an die leserschaft gerichtet, meint Kutsch: „wenn sie meine bücher lesen, wünsche ich ihnen neben nachdenklichkeit vergnügen am spielerischen, ironischen, auch subversiven umgang mit sprache“.

Reim to Say Goodbye1

Da drängt doch dieser Typ ins Gedicht.
Alberne Mähne, grimmiges Gesicht.

Frauen in den Schritt gefasst?
Aussperren, was ihm nicht passt.
Wie der holpert, poltert, schasst!

So einen wolln wir hier nicht sehn.
Wir mauern und lassen ihn draußen stehn.

litbiss: man darf also gespannt sein, wie viel davon wir in der nächsten edition lesen dürfen. für die neugierigen sei erwähnt, dass sich über Axel Kutsch in der welt des buches zahlreiche beiträge in den medien finden, so auch in nachschlagewerken wie dem wichtigen "Killy-Literatur­lexikon". das führt zur frage, wie es mit der zeit und arbeit im umfeld des schreibens bestellt sei.

Kutsch sinniert, er engagiere sich nicht mehr in literatenorganisationen, weil er keine lust auf zwist habe, wie er dort nach seinen erfahrungen immer wieder mal  aufflammt.

litbiss: aus eigenem erleben kann das bestätigt werden: offenbar sind literaten eine besonders sensible sorte mensch gegen kritik, obwohl schon im letzten jahrhundert Roland Barthes gemeint hat, dass der autor tot sei, also für die wirkung des werkes unwichtig sei. doch viele legen ihr herzblut in ihr geschriebenes und fühlen sich dann persönlich schwer getroffen, wenn die schreibe beim anthologisten, im lektorat oder bei der leserschaft durchfällt. 

Kutsch möchte das gespräch nicht beenden ohne festzustellen: „zum abschluss ist mir noch wichtig, mit nachdruck darauf hinzuweisen, dass die deutschsprachige lyrik selten so pulsierend und facettenreich wie in diesen jahren war“.

litbiss: wovon man sich auch und besonders in den inzwischen zehn bänden der "Versnetze" überzeugen kann. man darf gespannt sein, wie es weitergeht, was aus der feder von Axel Kutsch in die druckerpresse und zu uns gelangen wird.

© 23.09.2017 brmu
das gespräch mit Axel Kutsch führte brmu/litbiss.de am 21. September 2017
1 Axel Kutsch (Hrsg.), Versnetze_zehn – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, Verlag Ralf Liebe 2017, seite 184, mit erlaubnis des Autors Axel Kutsch

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Donnerstag, 19. Oktober 2017

Sicherheitscode (Captcha)