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Margriet de Moor in Brühl

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© foto Brockmann: K. Brockmann, M. de Moor, B. Ulbrich (v.l.)

der buchhandlung Brockmann in Brühl, namens frau Karola Brockmann, war in fünfter folge wieder der coup gelungen, die/den autor/-in der literatur-aktion „Ein Buch für die Stadt“ des Kölner Stadt-Anzeigers einzuladen.

diesmal hatte die jury für 2016 ein frühes werk (1993) der niederländischen autorin Margriet de Moor ausgewählt, die nun eine lesung aus ihrem roman-debüt „Erst grau dann weiß dann blau“ (1993) gab.

der leiter des schon im dritten jahre bestehenden „Brühler Lesekreises bei Brockmann“, Bernhard Ulbrich, hatte das große vergnügen, diesen leseabend im voll besetzten „margaretaS Begegnungszentrum Brühl“ zu moderieren.

Margriet de Moor las in bewunderswert akzentfreier aussprache, durchaus auch mit verhaltenem humor,  lebendig, dem publikum zugewandt. sie eröffnete mit passagen, die das eheliche verhältnis der protagonisten Robert Noort und Magda Rezková beschrieben, das sich durch eine gewisse inbesitznahme seitens des ehemanns und einer stummen distanz der ehefrau auszeichnet.

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© foto Ulbrich: M. de Moor im gespräch mit B. Ulbrich

im zwischenstop ergab sich ein kleines werkstatt-gespräch coram publicum. Ulbrich eröffnete mit einem zitat von Roland Barthes aus „La mort de l’auteur“ (1968): „Sobald ein Ereignis ohne weitere Absichten erzählt wird, …, vollzieht sich die Ablösung, verliert die Stimme ihren Ursprung, stirbt der Autor, beginnt die Schrift.“ und weist auf die interview-aussage der autorin (KSTA Magazin v. 5./6.11.2016) hin „Ich schreibe nicht psychologisch. Ich zeige nur.“ frau de Moor bestätigt das voll und ganz.  sie kenne die thesen von Barthes und teile seine position. es ergebe sich ein dreieck „autor – buch – leser“, in dem es ganz gut sei, wenn autoren und leser weniger voneinander wüssten, nur so könne das werk in seiner ganzen vielfalt erkundet werden. Ulbrich folgert: demnach hieße autorschaft, die welt zu spiegeln, ohne den moralischen zeigefinger zu heben.

der hinweis auf das dreieck führte zur kurzen betrachtung des roman-plots. Ulbrich meint, dass zwei beziehungsdreiecke sich zu einer sich gegenseitig beeinflussenden „bienenwaben-konstruktion“ zusammenfügen: Erik und Nelli als ein sich gegenseitig „luft lassendes“ ehepaar mit sohn Gabriel auf der einen seite und Robert und Magda als problembeziehung ohne kind auf der anderen seite. Gabriel als autist ist nicht so recht in der welt und die fehlgeburten von Magda (unerfüllter kinderwunsch) sind es ebenso nicht. es schloss sich die frage an, ob die autorin wie weiland Heinrich Böll ausführliche plot-skizzen zu ihren geplanten romanen anfertige. das sei nicht so, sie habe eher „alles im Kopf“ und komme mit notizen auf kleinem raum wie briefumschlägen zurecht. „Alles entwickelt sich wie bei einer Komposition“, die protagonisten würden sich entfalten wie melodie und variation in diversen tempi.

es folgte eine weitere lesung zu der selbstfindungs-reise von Magda, die eines tages ihre sachen packt und für zwei jahre aus der ehe, aus dem dorf, aus ihrem land entschwindet. nur wir leser/-innen haben teil an ihren reise-erlebnissen und erkundungen, ein auktorialer kunstgriff, der die bedeutung der leserschaft unterstreicht.

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© foto Brockmann: M. de Moor beantwortet fragen aus dem publikum

abschließend kamen eine reihe von fragen aus dem publikum nicht zu kurz, wie etwa der einfluss der in den romanen antönenden nazi-zeit in den niederlanden. Margriet de Moor antwortet darauf bereitwillig mit erlebnissen aus ihrer kindheit, die durchaus ambivalent waren und nicht zu einer einseitigen verurteilung taugten. auch hier erwartet die autorin, dass die leserschaft sich ein eigenes urteil bildet.

Margriet de Moor fordert ihren leser/-innen viel ab, dafür werden wir reich belohnt mit variationen der aspekte menschlicher beziehungen: hier der liebe! 

© 09.11.2016 brmu

 

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