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Mauersegler's drop down

 Poschenrider-a-2015-09-04 20.22.17

© foto Brockmann zeigt Christoph Poschenrieder

wenn man schon ein anregendes buch von ihm gelesen hat wie „Die Welt ist im Kopf“, dann will man mehr: den autor kennen lernen, ob der auch anregend sei.

und tatsächlich: am 4. September 2015 las Christoph Poschenrieder in der Buchhandlung Brockmann in Brühl aus seinem neuen Werk „Mauersegler“, unprätentiös, entspannt, ja geradezu zurückgenommen. kein stimmlicher schnickschnak oder non-verbaler firlefanz verstellte uns die wirkung seiner ausgewählten texte.

und die hatten es in sich. es geht um gealterte herren in einem repräsentativen haus am Starnberger See, kokett WG genannt. alle am ende ihrer lebensbilanz, die in manch nachdenklichem satz fixiert ist (No fool like an old fool. 193). einer prägt besonders und ist ein paarmal (170) im buch zu lesen: Kannst du nicht stehen, so fliege. (62, 164, 170)

bezug wird genommen auf den mauersegler, eine vogelart, die sich dem fliegen besonders gut angepasst hat. die beine sind kurz und verschwinden fast im bauchgefieder. der mauersegler kann nicht lange stehen, er muss fliegen.

das ist die zentrale metapher für Poschenrieder, die metamorphose erfolgreicher und reicher leute in rentner und pensionäre zu beschreiben. das hinwegsterben sei das fliegen, das flügge werden zu höherem?

damit der abgang ins nichts schmerzlos gelingt, hat Ernst ein spezielles computerprogramm geschrieben, dass denjenigen bestimmt, der die tötung auf verlangen mittels gifttrunk vollenden soll. etwas komplizierter als bei Sokrates und seinem schierlingsbecher.

erstaunlich oft muss der finanziell am schlechtesten gestellte Carl im bunde der WG den todestrunk reichen, wobei es auch verwicklungen gibt, die das gesellschaftliche thema der selbsttötung illustrieren. am ende steht der ich-erzähler Carl auf dem landungssteeg am see fest auf beiden beinen, um dann zu sinken.

wir leser/-innen müssen kombinieren und mitdenken. Das ganze Denken ist doch nichts als eine unübersichtliche Installation fallender Dominosteine. Aber wer stößt den ersten Stein um? Und was kommt nach dem letzten? (180) man merkt immer wieder an solchen textstellen, dass der autor philosophisch ausgebildet ist und uns an seinem wissen teilhaben lassen möchte.

besonders Schopenhauer hat es ihm angetan, der natürlich auch in diesem buch aufscheint. denn das ganze buch ist eine anti-these zu Schopenhauers ablehnung des selbstmordes: „Der Selbstmörder will das Leben und ist bloß mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden. Daher gibt er keineswegs den Willen zum Leben auf, sondern bloß das Leben, indem er die einzelne Erscheinung zerstört.“ (Werke I, S 471) ob das die WG-bewohner auch so gesehen haben?

hierüber ließe sich trefflich diskutieren. das lässt sich aber in einer lesung schlecht an. der vom literaturbetrieb noch gar nicht verbogene Christoph Poschenrieder: mit ihm können wir etwas lernen, sind gar zum recherchieren angestiftet, erweitern unseren horizont und nicht nur unsere leselust.

und an mitteilsamem fehlt es nicht: Einer der Vorteile des Alters ist die Einsicht, dass „unersetzlich“ ein eitler, menschlicher Ausdruck ist. In der Natur schreit alles: Du gehst, ich komme. (Die Natur selbst lächelt und sagt: Ich bleibe.) (203) kann man das drama einer alten-WG besser beschreiben? das feudale haus wird am ende zu einer herberge junger menschen, die die pflegerin mitbringt. der uralte generationenwechsel.

Carl, der durchblicker und kümmerer in der WG meint schon früh im buch: Mir gefällt die Vorstellung, dass sterbende Mauersegler einfach die Flügel falten und zu Boden stürzen. (62) der mauersegler ist sein vogel. er ist die metapher des alterns in der sich erhebenden reife und dem plötzlichen drop down.

so bescheiden der autor auftritt, so profund lockt das buch. aber vorsicht, bist du im richtigen alter, wird es dich anpacken und fest berühren, denn so oder so entgehst du seiner weisheit nicht.

© 16.09.2015 brmu

 

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