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Rumlers splitter im Erftland

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© 2013 foto brmu: Andreas Rumler liest aus seinem Gedichtband

ein interview mit Andreas Rumler (AR) über die hintergründe zur entstehung seines gedichte-zyklus „Erft-Land-Splitter“1

litbiss:    ihre ersten Erft-Land-Splitter, herr Rumler, umfassten fünfzehn gedichte. das war anno 2007. inzwischen liegen dreiunddreißig vor. wie kam es zu dieser fortschreibung?

AR:     während der letzten jahre ist dieser kleine zyklus „Erft-Land-Splitter“ entstanden, als lyrische erkundung unserer neuen heimat. recht naiv waren wir in diesen schönen kreis gezogen, weil uns die gegend und das haus dort mit unserem neuen grundstück gefielen.

litbiss: und die menschen dort?

AR:       dass die nachbarn sehr nett und hilfsbereit waren, menschlich eine ideale gruppe, erfuhren wir erst später.

litbiss: sie nennen es „unsere neue heimat“, was ist daran so attraktiv?

AR:     geschichtsträchtig ist das land. knapp 500 meter von unserem haus entfernt verlief die alte Via Belgica, die Köln mit dem heutigen Antwerpen verband. reiche archäologische funde birgt der fruchtbare boden: siedlungen seit der steinzeit, römische gutshöfe, rastplätze, militärlager, tempelanlagen sowie burgen, schlösser und kirchen seit dem mittelalter.

litbiss: das hört sich kulturträchtig und unersetzlich an …

AR:     … doch statt diesen schatz, ein kulturerbe der menschheit, zu bewahren und zu bergen, wird er fast vollständig zerstört. zwar unterstützt der tagebau-betreiber forschungen, nach auskunft der archäologen werden aber nur rund 5 % der funde gerettet – ein feigenblatt.

litbiss: gerade so viel, dass in der öffentlichkeit dies und das positive berichtet werden kann. was passiert mit den restlichen 95%?

AR:     das meiste wird von den baggern des braunkohle-konzerns geschreddert.

litbiss: nicht alle sind kulturbeflissen, die schredderei stört sie wenig …

AR:     …verheizt wird die heimat, die bürger atmen krebserregenden feinstaub ein, ihre häuser erleiden bergschäden. über generationen gewachsene sozialverbände werden zerschlagen. profitgierige und archaische technik triumphieren über menschen. die schlote der kraftwerke schädigen zudem das klima

litbiss: das hört sich gar nicht gut an. die „neue heimat“ also hier im so genannten braunkohlerevier, wie es so schön den ruhr-pott kopierend heißt, hat macken. grund genug, dagegen zu halten. steckt das in dem titel: Erft-Land-Splitter?

AR:     der titel „splitter“ hat einen doppeltem grund: unter den baggerschaufeln zersplittert kultur. zugleich geben die bilder splitter von eindrücken wieder, einzelaspekte, momentaufnahmen, einblicke in eine zerstörte landschaft und vernichtete dörfer, sterbende gemeinwesen.

litbiss: die meisten gedichte kommen prosaisch daher, notate sind ja auch prosatexte - die gedichtform im herkömmlichen sinne wird bewusst gesprengt?

AR:     lyrisch sind sie formuliert, frei von traditionellen formen, sacht rhythmisiert und dezent gegliedert, notate eben, leicht hingeworfen – ganz im gegensatz zu den gewichtigen problemen, die sie thematisieren.

litbiss: das problem der grube, sprich Tagebau Hambach, dauert fort, ein grund, den zyklus fortzuschreiben?

AR:     erstmals erschien dieser kleine zyklus: Erft-Land-Splitter. Lyrische Notate in Köln in der edition fundamental des schriftstellers, buch- und druckkünstlers Richard Müller im jahr 2007 in einer sehr edlen, in bleiernen lettern von hand gesetzten ausgabe und wurde aufwändig kunsthandwerklich gebunden. die vorliegende fassung wurde von mir aktualisiert und überarbeitet sowie im lauf der zeit um weitere gedichte ergänzt.

litbiss: also ein keineswegs abgeschlossenes werk, so wie auch der tagebau noch längst nicht abgeschlossen ist und seine auswirkungen fortdauern werden. als beispiel seien bei litbiss zwei neue gedichte mit erlaubnis des autors Andreas Rumler zitiert.

XXIX

schmutz bläst der wind
dreck und feinstaub
gift für die lungen jener anwohner
die geschlagen sind mit
solch mächtigem konzern
der alles plattmacht was sie lieben
wer solche nachbarn hat
braucht keine feinde

XXX

heilkraft zeigt die natur weht samen
über aufgerissene erde
erst blüht ihren duft verbreitend
kamille dann mohn und margeriten
nachtkerzen auch sie trotzen
der menschen und natur
verachtenden zerstörungswut

„zerstörungswut“, nicht im sinne individueller amoklauferei, sondern aus kollektivem, unreflektiertem wachstumswahn vieler, wird hier angesprochen. leider lesen die „macher“ dieser situation offenbar keine lyrik. aufkeimende kritik wird mit dem argument „arbeitsplätze“ totgeschlagen.

anmerkung für jene, die prosa lieben: in nicht-lyrischer weise nimmt sich Ingrid Bachér in ihrem roman „Die Grube“ dieses themas an: die zerstörerischen mechanismen am beispiel eines umzusiedelnden dorfes. auch hier wird aus verdeckten interessen weniger zum angeblichen wohle aller bei vielen nicht wieder gut zu machende zerstörung angerichtet.

© 07.08.2016 brmu
1 Andreas Rumler, Erft-Land-Splitter - Lyrische Notate, edition fundamental, Köln 2007

 

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