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Von Aufbrüchen und Aussteigern

knapp eine woche vor herbstbeginn lädt der Autorenkreis Rhein-Erft (ARE) zu einer lesung im rahmen der veranstaltung „LiteraturHerbst Rhein-Erft-Lesung“ in das so genannte Mauseum in Bergheim ein.

schaut man auf der homepage vom Mauseum nach (zugriff: 17.9.2016), so wird eine lesung aus dem jahre 2007 als aktueller termin offeriert!? das verwirrt und macht nachdenklich: neun jahre nicht aktualisiert, soll man da dann noch hingehen? ich tat es und war einerseits positiv überrascht, andererseits irritiert.

eine schöne überraschung war der teamcharakter der angebotenen lesungen. autorinnen und autoren des ARE beteiligten sich und lasen szenisch aus den gebotenen texten. das ist eine willkommene belebung der üblichen lesungsmonotonie und signalisiert den gemeinsamen impuls für die literatur aktiv zu sein.

Ahr Lesung-160917-Mauseum
Isolde Ahr sorgte souverän und mit professioneller stimme für das literarische gerüst des nachmittags. drei kurze schilderungen von zuwanderinnenschicksalen aus Russland, der Türkei und Haiti, die in direkter arbeit mit den betroffenen frauen gestalt annahmen, gaben den tenor vor: aufbruch. unangekündigt kam abschließend noch eine kurzgeschichte aus ihrem jüngsten buch „Du & andere Irrtümer“ mit dem titel „Die Caro-Dame“ zum zuge, um auch einen aussteiger zu illustrieren.

Löffler Lesung-160917-Mauseum
Kay Löffler las als auktoriale stimme aus seiner publikation „Krystyna – Eine Ausländerakte“ (1991), die das motto der lesung aus der kalten und unpersönlichen sicht von verwaltung und juristerei aufnahm. dem szenisch gelesenen text liegt eine tatsächliche, umfängliche akte zugrunde. die protagonistin Krystyna wurde überzeugend in ton und tenor von Heike Schulz gelesen. überhaupt überzeugten eher die beiden autorinnen Ahr und Schulze im sinne der verinnerlichung und identifikation mit den protagonist/inn/en.

Streich Lesung-160917-Mauseum
Jürgen Streich bestritt den dritten teil der lesung durch eine komprimierte wiederholung seines programms im Königsdorfer Literaturforum (litbiss berichtete), in dem er sich ausführlich dem science-fiction-autor H. G. Wells widmete. sich mit dessen großem werk zu beschäftigen erfordert zeit. die fehlte jedoch. leider geriet der vortrag zur ablesung und ermüdete. dennoch: Wells gilt es neu zu entdecken, beschreibt er hellsichtig unsere drängenden weltprobleme und propagiert - durchaus umstritten - weltregierungslösungen dafür.

irritierend war, dass der titel der veranstaltung dem neuesten buch von Kay Löffler entlehnt ist („Von Aufbrüchen und Aussteigern“), jedoch aus diesem das motto bedienenden texten gar nicht gelesen wurde.

und noch etwas sei angemerkt. leider klappte die choreografie nicht immer (wer ist jetzt dran?), die tontechnik hatte ihre tücken (rückkoppelung), das timing erschien verbesserungwürdig (verspäteter beginn, überzogene pausen). man sollte in diesen dingen an das publikum denken und es durch professionalität besser würdigen, damit es gerne wieder kommt.

die moderation durch „Prof. Dr.“ Gynter Mödder (tipp: im literarischen bereich ist es völlig unüblich, sich mit titeln darzustellen!) war leider fahrig und ging wenig auf die texte und deren verknüpfungen untereinander ein. „tja“, wie Mödder zum vortrag von Streich meinte, tja, seine eigene „mödderation“ war schon mal besser.

das mag der tatsache geschuldet sein, dass das private Mauseum aus tausenden von exponaten rund um die maus eigentlich gar nicht mehr in Bergheim existiert, sondern längst nach Eckernförde verlagert wurde. die lesung fand eigentlich im echo dieser originellen sammlung statt.

IMG 4845a
ein deprimierendes bild hängt im beengten lesungsraum, auf der die „Mauseums-Maus“ wie ein menetekel am galgen baumelt. ob das ein gutes ohmen für die zukunft des ARE ist? litbiss meint, der ARE sollte sich schnell daran gewöhnen, dass die mauseums-zeiten beendet sind und dass unter neuer führung ein neuer ort im öffentlichen raum (nicht privat!) zu neuen ufern führt. es wäre den rührigen autorinnen und autoren, die eine moderne, anregende art der lesung darboten, herzlich zu wünschen.

© 18.09.2016 brmu
Isolde Ahr, Du & andere Irrtümer, wort und mensch Verlag 2015
Kay Löffler, Krystyna - Eine Ausländerakte, Amazon Distribution  o.J.
Kay Löffler, Von Aufbrüchen und Aussteigern - Science Fiction Stories, Amazon Fulfillment 2016

 

Kommentare 1

Gäste - R.H. am Donnerstag, 06. Oktober 2016 18:10

"Viele glauben, dass sich nichts ändern muss, damit alles so bleibt, wie es ist. Das ist ein Irrtum!" Wenn Herfried Münkler allein hiermit schon recht hat, was ist erst, wenn um uns herum sowieso alles ganz von selbst nach dem Kölschen Spruch abläuft: "Et bliev nix wie et wor!" Da gibt's nur eins: wir müssen uns neu erfinden. Mit anderen Worten: wir müssen reden. Lasst uns den brmu einladen, die Diskussion bringt bestimmt viel Spaß und Gewinn.

"Viele glauben, dass sich nichts ändern muss, damit alles so bleibt, wie es ist. Das ist ein Irrtum!" Wenn Herfried Münkler allein hiermit schon recht hat, was ist erst, wenn um uns herum sowieso alles ganz von selbst nach dem Kölschen Spruch abläuft: "Et bliev nix wie et wor!" Da gibt's nur eins: wir müssen uns neu erfinden. Mit anderen Worten: wir müssen reden. Lasst uns den brmu einladen, die Diskussion bringt bestimmt viel Spaß und Gewinn.
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