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Zindler zupft bogen und leier

„Bogen und Leier“, ein titel, sechs bücher (kapitel) als wegweiser in die lyrische welt von gestern und heute. Theo Zindler kennt sich in beiden aus. Vergil und Catull werden elegant übersetzt als rahmen für die eigenen gedichte aus den letzten siebzehn jahren. gedichte von sprachlicher klarheit, einfühlsam die metaphern gewählt und der leserschaft verstehbares anbietend.

das titelgebende gedicht „Bogen und Leier“ wird hier mit der ersten strophe zitiert:

Angespannt
Warten sie
Auf den Pfeil
Und die Hand,
Die die Saiten
Zum Schwingen bringt.

in diesen wenigen zeilen liegt die ganze ambivalenz menschlichen seins. einerseits der pfeil als symbol des gewalttätigen machtanspruches mit tod und verderben in folge und andererseits die tönende saite einer leier als symbol aller kulturleistung der menschheit, von selbiger hand gezupft. wir haben die wahl: das zischen des pfeils oder die melodie der leier – daran wird alles gemessen werden. dieses gedicht ist wortmelodie und macht neugierig auf alle 111 gedichte.

interview. der autor Theo Zindler gab litbiss am 21.10.2016 ein interview:   

als autor bin ich auf dem weg zu mir selbst, um auf geheimnisse zu stoßen, die mir allein gehören und doch auch andere berühren (Präludium, seite 9/10).

ich wurde zu einer zeit geboren, in der die nazis krieg und zerstörung heraufbeschworen, was auf mich lebenslang doppelten einfluss hatte: den politischen „unheils“ und den rettenden „heils“ in der haltung und fürsorge meiner eltern.

als kind wollte ich immer schon verse schreiben wie ich es bei meinen eltern sah, über das, was ich mir erträumte. und als ich erwachsen war, war ich dann immer noch so viel kind, dass ich den traum wirklichkeit werden lassen konnte.

meine ausbildung konnte ich trotz der schulumbrüche in der nazizeit zielstrebig vollenden und wurde nach dem staatsexamen lehrer mit den fächern deutsch und latein sowie fachleiter für das fach deutsch in Kassel.

dabei hat mich immer der satz meiner eltern begleitet: „Du musst Geduld lernen und kannst nicht alles auf einmal erzwingen. Es muss wachsen wie die Bäume in der Natur.“

so kam es, dass ich heute ein schriftsteller bin, der noch immer das zu vollenden sucht, was ich nie zu einem ende gebracht habe und bringen werde.

mein erstes buch habe ich mit etwa 15 jahren geschrieben, eine indianertragödie. nach meiner pensionierung veröffentlichte ich den gedichtband „Außerhalb des Geheges“ 1999, den biographischen rückblick „Heiles im Unheil“ 2006 und den neuen gedichtband „Bogen und Leier“ 2016.

die schriftstellerei hat einen riesenvorteil, denn sie eröffnet einen reflexionsraum, in dem worte spielerisch gestalt annehmen, um etwas zu bedeuten.

sie hat aber auch einen harten nachteil, weil das gestaltete zur veröffentlichung drängt wie ein geprobtes schauspiel zur aufführung und weil der weg dorthin sehr schwer zugänglich ist.

mein lieblingsthema ist das, was menschliche existenz in natur und geschichte ausmacht und was das ringen menschlichen bewusstseins mit den bedingungen unseres denkens bedeutet. dazu gehören notwendige krisen und konflikte sowie momente des einklangs mit der welt, in der wir leben.

aktuell hat der ‘Deutsche Lyrik Verlag‘ nun meinen zweiten gedichtband „Bogen und Leier“ veröffentlicht.

wenn sie „Bogen und Leier“ lesen, wünsche ich ihnen freude beim eintauchen in die verse und innere beteiligung, die erst gedichte zu immer neuem leben erweckt, das sie als leser so mit gestalten.

sie werden in der sache folgendes erkennen: gedichte sind keine mitteilungen. ihr verstehen erfordert miterleben von rhythmus und bildersprache. sie enthalten auch keine zeitlichen abläufe wie erzählungen noch handlungen wie im drama. gedichte sind momentaufnahmen.

einen appell habe ich auch untergebracht, er fühlt sich immer dem ethos eines humanismus verpflichtet, der den menschen in eigenverantwortung der natur und dem gesellschaftlichen miteinander-leben gegenüber sieht.

über mich finden sie in dem buch eine verdichtung des eigenen lebens in momenten existenzieller betroffenheit, nicht in widerspiegelung der konkreten biographie. meine gedichte enthalten ihren anteil an erfahrungen, lebensumbrüchen und erfüllung, an reifungsprozess und persönlicher entwicklung, auch im bezug zu menschen meines lebensumfeldes.

über die leserschaft habe ich ein vertrautes und offenes bild durch zahlreiche lesungen, an denen ich mein publikum auch beteilige.

© 15.11.2016 brmu

 

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