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bogen&leier&lesung

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© 09.06.2014 foto brmu zeigt Theo Zindler während der lesung vor zahlreichem publikum

der pfingstsonntag am 8.6.2014 bot etwa 70 interessierten jungen und alten eine abwechslung der besonderen art, jenseits des üblichen literaturbetriebs. in der idyllisch lokalisierten Historischen Mühle Freienhagen in Waldeck-Freihenhagen bot der lehrer, alt-lateiner und begeisterter Horaz-kenner Theo Zindler einen einblick in seine ’fünf bücher’, wie er die einzelnen kapitel der humorvollen und nachdenklichen lesung „Bogen&Leier“ genannt hat.

den willkommensauftakt gab der eigner der mühle, Werner Liebchen, der uns im übrigen vorher einen spannenden einblick in die geschichte der mühle aus dem jahre 1717 gegeben hat. wir konnten uns von der wassertechnik damaliger zeit geräuschvoll, quietschend, schwirrend und platschend überzeugen. danach verlas brmu auf wunsch T. Z.’s das ihm gewidmete grußgedicht (s. poem vom 8.6.2014).

und dann ging es los: ein rauschen und bauschen sprachlicher gewebe, zart oder straff, blumig oder deftig, oft auch untermalt von eingeblendetem bild und ton. das publikum ging beschwingt mit und wurde auch eingebunden – das schafft nähe und lässt die verse wirken. nichts von der schwere lyrischer lesungen, elitärem getue oder überheblichem gehabe. hier aus der lesung ein kleines lied zur panflöte:

Lied zur Panflöte - Hen kai Pan

Pans Weise
Flötet durch stehende Luft
Leise
Und schweren Duft.
Es verstummen
Schnarrender Lärm der Zikaden,
Hummel- und Bienensummen.
Tropfende Quellen laden
Schläfrig dich ein,
Mittags den Tag zu vergessen
Und indessen -
Eins mit der Welt zu sein.

Theo Zindler nahm uns mit in seine gedankenwelt aus all seinen lebensjahren, von denen er immerhin über 80 zählen kann. wollte man alles genau verstehen, so sollte man die welt der alten römer kennen und in wenigen fällen sogar deren sprache – aber Theo Zindler rettete uns immer mit einer eigenen, kongenialen übersetzung. der abend war anregend, ohne ins angespannte zu kippen. als lyrik-blogger habe ich gestaunt, wie inspirierend eine lesung sein und wie ein publikum an den lippen hängen kann, ergo: ansporn und reifung.

mögen Theo Zindler als freund im geiste der lyrik noch eine reihe solcher lesungen gelingen und die summa vitae auch als buch „Bogen&Leier“ erscheinen können. er als menschenfreundlicher zeitgenosse hat es verdient.

© 09.06.2014 brmu

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Goethe wozu?

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© 09.05.2014 foto brmu: Dr. Manfred Osten trägt vor: „Goethe – wozu?“

am 9. Mai 2014 wurde die rührige Goethe-Gesellschaft in Köln e.V. (GGK) 20 jahre alt und beging dieses zwischenjubiläum auf dem weg in die zukunft mit einem festprogramm: ansprachen, grußworte, ehrungen, erinnerungen und mitten drin ein vortrag von Dr. Manfred Osten mit dem titel „Goethe – wozu?“ man möchte ergänzen: „… ist er noch gut?“

diese frage hat der ex-diplomat erster klasse in geschliffenen, freimündig druckreifen sätzen, ohne manuskript, stück für stück beantwortet, wobei ihm insbesondere der brief von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832, geadelt 1782, JWG) an den Komponisten und Musiker Carl Friedrich Zelter (1758 – 1832, CFZ) vom 6.6.1825 die entscheidende quelle war. fazit: JWG hat unsere zeit prophetisch vorausgesehen und den quellgrund allen übels: schnellligkeit, beliebigkeit. leider war keine diskussion möglich, in der diese interpretation hinterfragt hätte werden können. hier die fakten:

CFZ hatte aus Berlin an JWG in einem brief vom 4.6.1825 berichtet über die „zentnerschwere Zauberoper ’Alcidor’ von Spontini, die 4 Stunden spielt, …“ sie sei „ein Chaos von den rarsten Effekten, die sich untereinander aufreiben wollen.“ der komponist habe „Verwundrung erregen, erschrecken wollen, und … seinen Zweck völlig erreicht. Er kommt mir vor wie ein Goldkönig, der mit seinem Golde den Leuten Löcher in den Kopf schmeißt. … Was wollte ich denn aber eigentlich sagen? – Soll man verfluchen, indem man selber dabei ist? Soll man leiden, was nicht zu dulden wäre? – So wollen wir (mit Wieland) leben lassen und – leben.“ CFZ meinte, diese musik habe sich „in Karikatur verirrt.“ CFZ ist skeptisch gegenüber dem modernen trend in der musikwelt, aber vertritt wie Wieland den grundsatz: legen und leben lassen.

und sein brieffreund JWG nimmt den gedanken auf. opulent räsoniert er über „jene überfüllte Musik“ von Spontini – und dann in typisch elitärer manier über die ganze welt:

alles aber sei jetzt ultra, alles transzendiere unaufhaltsam, im denken wie im tun, niemand kenne sich mehr, niemand begreife das element, worin er schwebe und wirke, niemand den stoff, den er bearbeite. von reiner einfalt könne die rede nicht sein; einfältiges zeug gebe es genug. junge leute würden viel zu früh aufgeregt und dann im zeitstrudel fortgerissen; reichtum und schnel­lig­keit sei, was die welt bewundere und wonach jeder strebe, eisenbahnen, schnell­posten, dampfschiffe und alle möglichen fazilitäten der kommunikation seien es, worauf die gebildete welt ausgehe, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der mittelmäßigkeit zu verharren. eigentlich sei es das jahrhundert für die fähigen köpfe, für leicht­fassende praktische menschen, die, mit einer gewissen gewandtheit ausgestattet, ihre superiorität über die menge fühlten, wenn sie gleich selbst nicht zum höchsten begabt seien. und dann apostrophiert JWG CFZ direkt: „Lass uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die so bald nicht wiederkehrt.

aus dem brief Goethes (zitiert nach Karl Otto Conrady, Goethe 250, verlag Landpresse 1999, seite 85) arrangiert Manfred Osten gekonnt vorgetragen seine schlussfolgerungen als eine prophetie Goethes an seine nachwelt. quellgrund allen übels sei die rasant zunehmende geschwindigkeit, die nichts reifen lasse, und die beliebigkeit (faszilität) der kommunikativen umgangsformen.

gewiss, das ist eine der möglichen verstehensweisen. gewiss, das klingt wie Kassandras ruf. gewiss, das ist die gnade der erkenntnis aus dem geiste eines genies. aber, die interpretationshoheit sei umkämpft mit der bemerkung, dass diesen seufzer alle gebildeten weltversteher, die so genannten weisen, seufzten, da relativ zum besitzstand von kultur und zivilisaitont, nicht zu reden von individuellen interessen, alle veränderungen durch das neue schon immer bedrohlich und irritierend gewesen sind.

tatsächlich konnte Goethe unsere jetzigen verhältnisse niemals voraussehen. wie denn auch, wenn die komplexität der weltgeschichte mit allem drum und dran prinzipiell nicht vorhersehbar und damit ebenfalls nicht planbar ist, weil unser denkorgan – wie es Manfred Osten aus der neurobiologie treffend im vortrag selber zitiert – dazu gar nicht in der lage ist. aber JWG erkannte als empiriker zugrunde liegende muster, die nach dem ähnlichkeitsprinzip entwicklungen als cluster erahnen lassen. das ist das prinzip der denkarbeit von so genannten think tanks in unternehmen oder nationen. die nahe zukunft einschätzen, mehr geht nicht.

es ist keine kunst zu prophezeien, schnelligkeit hindere reifung. jeder bauer weiß, dass seine feldfrüchte von jahr zu jahr unterschiedlich lange brauchen, um den gewünschten reifegrad zu erlangen. so kommt der spruch zustande, ein jegliches habe seine zeit (spezifische entwicklung). man kann es dann noch wie Nostradamus mit kryptisch-diffusen formulierungen anreichern, um viele generationen in atem zu halten.

„reife“ ist ein ziel-terminus der zeit aus beobachtung und der darauf fußenden erfahrung vieler menschen, schnelligkeit hingegen ein „weg-terminus“, ebenfalls aus erfahrung. wer vor der zeit erntet, hat stroh in der scheuer. nur wenn diese beiden aus der balance geraten, dann tritt schaden ein. schnelligkeit an sich ist kein negativum. nur für jene, die wie Goethe beharren wollen, um „die Letzten … einer Epoche, die so bald nicht wiederkehrt“, zu sein. das hat einen hauch von hybris. das ist keine dynamisch „Denke“, die aber zum Verständnis von komplexität gefordert wäre, das ist gönnerhaftes festhalten an hergebrachten verhältnissen nach dem motto: wir sind noch immer die besten. schon die alten vor tausenden von jahren haben darüber geklagt, dass die jungen nichts können, die dann alt wurden und darüber klagten, dass die jungen nichts können, die ….

also: wozu Goethe? meine meinung ist klar:

1.     wir brauchen ihn als alternativen, um zu erkennen, dass denkmuster aus köpfen zu weltmustern werden zu ihren jeweiligen epochen und diese wiederum denkmuster in den köpfen der zeitgenossen erzeugen, die wiederum … ein endlos rekursiver prozess.

2.     wir brauchen sein stimme, weil ihr immer noch gewichtigkeit attributiert wird, aber nicht mehr verklärt, nicht verzerrt, nicht überinterpretiert. denn das macht distanz auf und man winkt ab.

insofern ein großer dank an den vortragenden, der mich wieder ein stück Goethe hat verstehen lassen, in reibung an ihm.

© 13.05.2014 brmu

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Goethe novelliert

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© foto 13.04.2014 brmu / Andreas Rumler (r., Vorstand GGK) vorstellend Dr. Rolf Füllmann (l.)

die rührige Goethe Gesellschaft in Köln (GGK) hat für 2014 ein weitreichendes programm vorgelegt, das am 13. 4. d. j. dem dozenten an der Kölner Universität, herrn Dr. Rolf Füllmann, gelegenheit gab, über seine erkenntnisse zu dem altersstück „Novelle“ von Johann Wolfgang v. Goethe zu sprechen. er stützte sich dabei auf seine publikationen „Einführung in die Novelle“, WBG 2010, seite 100ff., und „Organologisch, nicht geometrisch: Pantheismus, Pietismus und Poetik in Goethes >Novelle< - Eine Lektüre mit Lichtenberg“, Lichtenberg-Jahrbuch 2012.

Novelle“, gleichzeitig ein literarischer gattungsbegriff, ist der programmatische titel eines alterswerks von Goethe, in der Füllmann vier analyse-ebenen ausmacht: (1) poetik der novelle als unerhörte begebenheit, (2) pantheistische anklänge in den verwendeten naturbildern, (3) christlicher mythos steht pate für die löwen-metapher und (4) eine symbolische synthese aus kulturreligion und naturreligion im finalen akt der löwenbändigung durch den knaben mit der flöte. es stecke die summe goetheanischen denkens in dieser novelle, was schon der prototypische titel andeute. die zentralen tiersymbole weisen auf ein anschauunsdenken hin, das nicht analysiere, sondern sythetisiere.

in der nachfolgenden diskussion am katheter und am tresen wurden auch altersweiser humor und gar parodistische elemente gesehen (brmu). so ist das finale derart pathetisch überhöht, dass man auf den gedanken kommen kann, Goethe habe hier bewusst übertrieben, um die heile welt ad absurdum zu führen. sie ist nämlich nicht heil und war es nie! es gibt nur zeitweilig inseln der harmonie, was im ruinenburghof der rundgang des flöte spielenden und singenden knaben mit dem löwen im gefolge andeutet. an kitsch grenzend die lebensferne szene mit dem splitter in einer tatze des löwen, die der junge heraus zieht. man helfe sich mit einem zitat aus der literatur oder bibel. es wirkt doch reichlich abgenutzt und das bei Goethe? kaum denkbar – oder?

und das mochte JWG wohl erreichen, als er hoch betagt 1828 diesen text aus jahrzehnte alten vorlagen erarbeitete: so lange mystifizieren, so lange überhöhen, bis ein kippen einsetzt und alles auf den kopf stellt. was da auf den kopf gestellt wird, erhellt die szene mit der fürstin, die dem edelmann Honorio andeutet, die zukunft liege jenseits dieser gestade, und die szene mit dem fürsten, der von der jagd zurückeilt, um alles notwenige um die bekämpfung des brandes im ort zu managen. alle drei „player“ aus dem novellendreieck übernehmen gänzlich andere funktionen als erwartet. Goethe spielt hier mit den erwartungen der zeigenössischen leserschaft. sie werden damals verdutzt vom buche aufgeschaut haben – was ist das denn? wir heutigen müssen auf diesen akt der verblüffung aufmerksam gemacht werden, weil doch alles so selbstverständlich geworden ist.

und die bunt gekleideten schausteller als „underdogs“ der damaligen gesellschaftsordnung bitten souverän um das leben des löwen – nicht unterwürfig kriechend oder bettelnd. das sind neue töne! und neue geschichtliche sichtweisen stecken dahinter. nicht zählt mehr gottes gnadentum zur parasitären lebensweise der oberschicht, sondern funktionen inne haben und dem gemeinwohl dienen als griff in die zukunft aufgeklärterer verhältnisse. das ist echte weisheit und sicherlich eine resonanz zu seinem jugendlichen non-konformismus, domestiziert nun in ämtern und teuren standeskleidern und noch in verklausulierten worten. das ist ein spannender Goethe, der alte!

der kumulierte Goethe lässt
der feder zwischentöne zu
im bildhaften denken seiner
zeit diktiert er die novelle:
aus zwei mach eins und weis
auf keins der üblichkeiten

der tote tiger sprengt das
dreieck der novelle mit
einem fingerzeig der edlen
fürstin weist sie aus dem
dreieck dem Honorio die
neue welt / hienieden ist
kein staat zu machen

der löwe aus dem wappen
schnurrt pro domo vom
hinke splint befreit von des
knaben hand souverän lässt
unterschicht hier grüßen
und flötentöne sind ihm
wohl bekannt: signal zum
aufbruch in die neue zeit
da fürsten manager sein
müssen und arge brände
löschen statt zu zünden

harmonie ist ein kitsch der auf
ewig unwissenden die sich
fantasierend aus geschichte
mythenreich bedienen / ja -
die weisheit des alten aber
ist säure auf die gewissheiten
gepolsterter stühle: der leu
steckt nun im wappen fest –
achte auf den schleichenden
tiger

© 14.04.2014 brmu

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Ikarus frei nach Kutsch

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© 04.04.2014 / foto brmu / Axel Kutsch* hört zu

jahrgang ’45, die wirren des krieges nicht in den knochen, doch aber noch an den versen, entscheidet sich der junge Axel Kutsch, 1969 journalist zu werden. nach zwei jahren volontariat wird er redakteur und bleibt diesem beruf in verschiedenen tageszeitungen insgesamt 30 jahre treu, davon ganze 20 jahre beim Kölner Stadt-Anzeiger. Axel Kutsch ist also ein journalist durch und durch.

aber das professionelle schreiben um das zeilenhonorar weckt früh auch den wunsch, andere zeilen zu füllen. anfang der 80ger jahre folgen in guter regelmäßigkeit gedichtbände, rezensionen („Das Gedicht“) und seine spezialität: anthologien, jene sammelwerke von literatur gleicher gattung, die einen überblick vermitteln. Kutsch verschreibt sich der lyrik.

einmal thematisch gesetzten Aspekten gewidmet (wie „Blitzlicht“, Landpresse 2001), in denen gedichte aller epochen ausgewählt werden, die einen beitrag zu dem schwerpunktthema bieten. hier lernt man oft bekannte dichter mit nicht geläufigen texten kennen, ergo: ein oft überraschender querschnitt durch die lyrik-landschaft.

eine andere landschaft, die postleitzahl-regionen, nimmt Kutsch mit seinen "VersNetzen" (Verlag Ralf Liebe, 2008) und deren vorläufern ins visier. der deutschsprachige raum in Europa wird gemäß postleitzahlen der länder parzelliert. es kommen zeitgenössische lyriker aus diesen regionen zu worte. das konzept hat den bundesweiten ruf von Axel Kutsch gefestigt, denn es ist ein faires konzept, jung und alt, bekannt und unbekannt, debütant und routinier in einem werk zu veröffentlichen. der siebte band ist in vorbereitung.

uns bei littreff.medio interessierte es nun, wie ein lyriker beide welten, eigenes schreiben und fremd geschriebenes sammeln, auseinander hält, ob es intereferenzen gibt, erwünschte und unerwünschte. die antwort fällt klar aus: wenn Kutsch an einer anthologie arbeitet, dann nicht an einem eigenen gedichtband und umgekehrt, doch lasse sich gegenseitige kreative befruchtung natürlich nicht vermeiden. das kann man dann in seinen schalkhaften gedichten durch eingebaute, verfremdete zitate anderer lyriker/innen bestätigt finden.

sein credo, gute lyriker seien beim schreiben kühl und unbestechlich und ließen sich beim nachdenken viel zeit (FixPoetry, 30.7.2012), bezeugt seinen arbeitsstil. das hingehuschte ist nicht seins, so leicht die gedichte aus „Ikarus fährt Omnibus“ auch daherkommen mögen, sie sind wohl überlegt und erfordern zum kompletten verständnis, sagen wir auch ruhig: genuss, einen literarischen hintergrund.

zur lage der lyrik befragt, meinte Kutsch in einem interview: man könne nicht ansatzweise von lyrik leben, aber man könne wunderbar mit lyrik leben (NRZ-on-line-Flyer 121, 2007), sicherlich ein bonmot. dies hat sich bis heute nicht geändert, da ein sich gegenseitig ungünstig beeinflussender prozess im literaturbetrieb die lyrik benachteiligt: a) das lesepublikum liest kaum lyrik, weil sie relativ teuer ist und sehr wenig beworben wird, b) die verlage drucken lyrik, wenn überhaupt, nur in einer gemischtkalkulation mit romanen, die das geld bringen, und verknappen so das angebot, c) die rezension ignoriert lyrik weitgehend, weil man sich damit nicht profilieren kann, d) die lücke wollen kleinverlage füllen, haben aber dabei regelmäßig wirtschaftliche krisensituationen zu bestehen. alles in allem scheint also lyrik ein verlustgeschäft zu sein. man lese dazu den kurzen artikel von Kutsch im poetenladen: So ist es. Ist es so?

und sie schreiben doch! immer wieder geraten der/dem lyrik-liebhaber/in schmale bände in die hände, die beim stöbern in buchhandlungen unseres vertrauens entdeckt werden. ein fund, ein grund, in selbiger stund’ zu lesen, wie in dem gedichtband Ikarus fährt Omnibus von Axel Kutsch. das titel gebende gedicht wird hier zitiert (Axel Kutsch, Ikarus fährt Omnibus, Landpresse 2005, seite 64):

Ikarus fährt Omnibus.
Fragt ein Kind den Ikarus:
Warum fährst du Omnibus?
Fliegt denn nicht der Ikarus?

Mit dem Fliegen ist jetzt Schluß.
Daß ich nicht mehr fallen muß,
darum fahr ich Omnibus,
sagt zum Kind der Ikarus.

wir haben vielleicht noch in erinnerung, dass es in der alt-griechischen mythologie einen pionier gab namens Ikarus, der sich in den kopf gesetzt hatte, aus eigenem ingenieurgeist zu fliegen, die götter entthronend. leider hatte er mit materialeigenschaften zu kämpfen, die den erfolg zunichte machten: das wachs als klebstoff der federn auf seinen schwingen schmolz unter der hitze der sonne, die katatstrophe war vorprogrammiert – als wären wir in heutigen zeiten. es gibt keinen grund, sich über Ikarus zu erheben, denn unsere katastrophen sind gewaltiger!

aber diesen Ikarus wähnte die/der leser/in längst vergangen, da taucht er plötzlich als bürger im alliterativen Omnibus auf und die unverdorbene, ursprüngliche naivität eines kindes stellt ihn zur rede: warum auf der erde omnibus fahren, statt am himmel zu fliegen? kein anflug von verlegenheit, Ikarus sagt praktisch-pragmatisch: mit dem firlefanz ist jetzt schluss! Denn er will nicht mehr auf die nase fallen, aus der mythologie, aus den träumen, aus den visionen, aus den scheinbaren erfolgen, er will sich bescheiden auf der erde fortbewegen – es ist ihm so wohl sicherer.

wer sich wie Axel Kutsch so einen dialog zurechtlegt, der hat gesellschaftkritik vom feinsten aus der feder laufen lassen. alle gläubigkeit an alles, was wir zivilisatorische errungenschaften nennen, birgt letztendlich die gefahr des brutalen absturzes aus dem gleichgewicht – und hier ist nicht mehr der individuelle absturz gemeint, hier hängt wie Ikarus die menschheit mit unzulänglichen flügeln am himmel und das wachs schmilzt und schmilzt – mit kohlendioxyd noch schneller.

so stecken wir weiterhin in der falle. wir wünschen Axel Kutsch noch viele gelegenheiten, seine ironisch-lyrischen verätzungen des zeitgeistes anzubringen. mögen seine anthologien noch viele lyriker/innen ermuntern, gegen den marginalisierungstrend weiter anzuschreiben.

wenn man mehr wissen will über Axel Kutsch, dann stöbere man im internet und finde zum beispiel dieses goldstück: Frag nicht - mit einer zeichnung von Elisabeth Süß-Schwend. oder auch vorgelesen im Schweizer Rundfunk (SRF2): Feier des Wortes. eine ganz starke anweisung, wie man gedichte aufzunehmen hat.

© 06.04.2014 brmu
*) foto mit freundlicher erlaubnis von Axel Kutsch

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geschätzter Schätzing

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© 2014 foto brmu: alles parat für die show

wer am 19. märz 2014 ab 19:30 uhr in den Balloni-Hallen in Köln eine lesung bekannten stils erwartet hatte, wurde schnell eines anderen belehrt: das licht verging und Frank Schätzing kam, auf die bühne, erleuchtet: sein gesicht im licht des tablet-rechners, von dem er passagen aus seinem neuen buch las. immerhin, der star las streckenweise, aber kein buch weit und breit, nur am schluss im vorraum zwecks ankauf und signum.

die choreografie war professionell einstudiert, alles klappte auf und an der runden bühne lückenlos und beeindruckend. zur lesenden stimme des autors – immer noch im völligen dunkel - gesellte sich die passende geräuschkulisse des eben zitierten plots, dialoge aus dem hörbuch, verkehrslärm, knatternder fluglärm, stadtambiente. hatte man früher die hörermühe, sich aus dem gelesenen text selbst im kopf ein bild zu formen, war nun alles sofort im angebot: der lesend abgerufene geräuschfilm ohne störende lichtspiele, eben im dunkel, etwa dreiviertelstunde lang das gespenstisch beleuchtete gesicht.

aber das licht kam wieder und blendete manchmal, wollte man den meister direkt anschauen, der nun plaudernd in die runde wandelte, charmant informierend, das publikum mit einer vertrackten sache bekannt machend: der nahe osten. ein fass mit brodelndem inhalt und tausende jahre tiefem boden. und seine botschaft war klar: die einfachen menschen leben zusammen im geben und nehmen, die geifernden eiferer aller seiten reißen ein, was pragmatismus und koexistenz aufbauen wollen. und alle berufen sich auf einen gott und beanspruchen den tempelberg als uniques heiligtum. (bei dieser geschichte fiel mir spontan ein, dass die buddhisten damals viel schlauer waren als die vertreter der drei buchreligionen. denn als Buddha starb, wurde seine leiche verbrannt und die asche in mehreren urnen unter den anspruchstellenden verteilt. jede partei hatte so „ihr“ heiligtum! kriege blieben da überflüssig.)

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© 2014 foto brmu: Ofrin und Schätzing in blaulicht watend

nach den zwischenerläuterungen des meisters, trat die sängerin Ofri Brin, genannt Ofrin, auf. ein wahres feuerwerk an bühnenpräsenz. ihr haupt umlodert von gewellten, rothäutigen haarschlagen, ihre stimme aus archaischer tiefe, gehüllt in pures weiß. was sie sang war im wortlaut verborgen, aber der körperliche ausdruck sprach von dem ewigen wechsel zwischen liebe und hass, zwischen trauen und misstrauen. drei dieser auftritte in wechselndem licht haben den abend passgenau bereichert und das erstaunen über eine buchlose lesung kompensiert. Ofrin war dem meister ebenbürtig.

die show klang aus wie sie begonnen hatte, als eine lesung vom tablet in rasantem plot vom verstecken und verfolgen. er bietet alles auf, was spannend ist. wer das ende kennen will, möge das buch, eine mischung aus historischer betrachtung und thriller, selber lesen. ich bin Frank Schätzing dankbar, dass er sich an das heiße und sofort alle emotionen hochpeitschende thema „nah ost“ herangewagt hat. kaum vorstellbar, dass eine andere literaturform dazu geeignet gewesen wäre, ein breites publikum für dieses jahrtausende alte knäuel von religiösem wahn mit tod und verderben im gepäck zu interessieren. Günter Grass war das mit seinem gedicht "Was gesagt werden muss" als kürzeste textform letztens schlecht bekommen.

möge „Breaking News“ aus dem Kiepenheuer&Witsch verlag (2014) von Frank Schätzing dazu beitragen, der leserschaft kurzweil zu bereiten, den weltbürgern die augen zu öffnen, dass friedliche koexistenz auch ein resultat der evolution ist – man muss lediglich den brei der götterei vom feuer nehmen.

© 20.03.2014 brmu

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wunderliche gesellen

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© foto 17.01.2014 B. Schulz (Förderverein der Stadtbibliothek Bergheim) lichtet Bernhard Ulbrich (l.) und Theodor Weißenborn (geb. 1933) im gespräch ab*

eine alte, verwirrt erscheinende dame steht auf einem postamt am info-stand mit den telefonbüchern, blättert immer hin und her und schreibt schließlich in eines der bücher etwas nieder. Theodor Weißenborn verfolgt den unüblichen vorgang und fragt sich neugierig, was denn da stehe. er gesellt sich zu der dame und liest, was dort steht: „Ich bin nicht böse – ich bin der Heilige Geist.“ (!?) diskret zieht er sich zurück, erledigt noch seine angelegenheit am postschalter und geht nachdenklich von dannen.

diese und ähnliche situationen, so erzählte er uns beim nachträglichen tee, waren die initiale zündung, nach dem studium der literatur noch das der psychologie anzuhängen, eine für die deutsche literatur glückliche entscheidung, so meine ich heute. er wollte wissen und will es noch immer, was in einem menschen vor sich geht, der sich dergestalt äußert.

der weg zum autor geschriebener (lyrik und prosa) und gesprochener (hörspiele) werke war dann für ihn zwingend, denn „dem Selbstbild nach ein ’außerparlamentarischer Querdenker, Grenzgänger zwischen den Lagern oder Sasse zwischen sämtlichen Stühlen’ spricht [er] von dem, worüber er nicht schweigen kann.“ [G. Helmes (hrsg.) im vorwort der werkausgabe]. beide kompetenzen aus literatur und psychologie ergeben den kreativitätspool, aus dem unser gast Weißenborn, inzwischen achtzigjährig, noch heute schöpft. sein umfangreiches werk ist bei Böschen erschienen, sechs pralle bände, die die gesamte fülle der von ihm beherrschten genres versammeln und in der mehrheit die angeknacksten typen unserer menschlich-unmenschlichen gesellschaft skizzieren.

dieser 17. Januar 2014 in der bibliothek der stadt Bergheim im Medio war ein abend der extraklasse! Theodor Weißenborn, einer der granden bundesrepublikanischer literatur, hat uns mit seinem besuch beehrt, um über eine groteske geschichte, betitelt „Der Wächter des Wals“, aus der aktuellen anthologie „Wunderliche Zeitgenossen“ aus dem Verlag Ralf Liebe, erschienen 2013, zu sprechen.

nach einem vorausgehenden meinungsaustausch der littreff.medio – teilnehmer/innen ohne den autor, hatten wir viele fragen, die in summa ausloten wollten, wie denn das schicksal des wächters Müngersdorf, der in dem, von ihm in einer fahrenden ausstellung bewachten und dabei einer staunenden menge profund erklärten, ausgestopften wal letztlich verdaut wird, wie das denn zu verstehen sei.

der protagonist Müngersdorf studierte biologie, speziell ichthyologie, und fällt in der prüfung hämisch durch, was ihn zutiefst verletzt, da er kein kämpfer ist. „Ein stilles, stetes Weinen ist in solchen Menschen…“ und „… solche Menschen brauchen viel Liebe.“ (12) Müngersdorf verarbeitet diese pleite mit einer sich steigernden hinwendung als „qualvollen Dilettantismus“ (11) zu dem prüfungsobjekt. bald weiß er alles über den wal an sich, erntet aber nur unverständnis in seiner umgebung. die tiefe verletzung und das fortgesetzte verlangen nach anerkennung treiben ihn in den wahn, den er durch völlige hingabe an sein studienobjekt bis zur obsession mit religiösen zügen steigert. „Wohlan, so wisse: Ich bin der Herr, dein Wal! du hast mich geboren aus deinem Geiste, du hast mich genährt mit deinem Blute, du hast geglaubt, ich sei dein Leben, aber du bist das meine: Du hast mich geschaffen, die Zeit ist erfüllt, ich fordere den Preis: opfre dich mir“! (26) und das passiert dann in grotesker weise: es werden nur noch „unverdauliche Teile seines Körpers“ (27) gefunden. das objekt seiner obsession hat in vollständig resorbiert.

der schluss mag grotesk erscheinen, er ist in übertragendem sinne so real wie das tägliche brot. darin steckt eine ganz hintergründige kritik der inhumanen anteile unserer gesellschaft und deren einzelwesen: die gier nach „einem toten Gegenstand“ (27), worauf man „seine ganze Existenz an ihn verliert“ (27), die entmenschlicht und führt ins aus. der weg dorthin ist gepflastert mit allfälligen dogmen aus wissenschaft, kultur, religion und wirtschaft als killer freien, eigenständigen denkens, ohne das man aber „an Leib und Seele verdorrt“ (27). mir fällt dabei das schlagwort von Immanuel Kant ein, das von der ’selbstverschuldeten unmündigkeit’.

da heraus zu finden, ist allein nicht zu schaffen, wenn den einzelnen oder gar alle „die Idee des Wals“ (25), sprich eine beliebige idiologie oder auch idiotie, erfasst hat. dazu bedarf es der achtsamkeit, sensibilität und solidarität der nicht infizierten mitmenschen. wir nennen das empathie in einer toleranten gesellschaft.

littreff.medio dankt Theodor Weißenborn für diese ausgezeichnete diskussion und wünscht sich noch weitere, sich dem literaturbetrieb widersetzende schriften von ihm.

© 18.01.2014 brmu
*die veröffentlichung des fotos ist von Theodor Weißenborn authorisiert.

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natürlich wachsen

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© foto 17.01.2014 brmu / J. Streich, Dr. M. Griefahn (v.l.)

das Königsdorfer Literaturforum macht von sich reden: es wird nun zehn jahre alt. zu diesem anlass hat sein mentor von der stunde null an, Jürgen Streich, frau Dr. Monika Griefahn, eine zeitweilige wegbegleiterin, eingeladen, aus ihrer dissertation vorzutragen.

frau Dr. Griefahn ist aktuell leiterin der >Monika Griefahn Institut Medien, Umwelt, Kultur GmbH< in Buchholz. in dieser eigenschaft und vor dem hintergrund eines langjährigen engagements in sachen umwelt, zb. als mitbegründerin von Greepeace Deutschland, als Umweltministerin in Niedersachsen a. D. und als MdB-SPD 1998-2009, hat sie zentrale gedanken aus ihrer dissertation (Edda Rydzy und Monika Griefahn, Natürlich wachsen – Erkundungen über Mensch, Natur und Wachstum aus kulturpolitischem Anlass, Springer VS 2014) vorgetragen.

es sei zur bewältigung der allseits begangenen und noch im gange seienden umweltsünden vor dem hintergrund des wissens aus natürlichen, sprich evolutionären vorgängen, unbedingt ein paradigmawechsel erforderlich. der muss heißen: natürliches wachstum, auch als schlagwort benannt als cradle to cradle (ctc), insofern ist der titel der vorgelegten dissertation zweideutig. nicht gemeint ist: „natürlich wachsen“ im sinne weiter so wie bisher, was sonst, sondern im einklang mit den von der natur, resp. evolution, vorgelegten/vorgelebten prinzipien der wiederverwertung. diese zur langverfügbarkeit von ressourcen und zur vermeidung von verseuchung aller arten, ob boden, luft, wasser oder nahrung.

dieser könne nicht vordergründig von der politik verordnet werden, er müsse als umwertung gesellschaftlichen handelns von den einzelnen bürger/innen gewollt und dauerhaft mitgetragen werden. dazu sei es nötig, eine sozio-kulturelle evolution in gang zu setzen. die stütze seien die jungen menschen im schulprozess, der ein ästhetisch-kulturelles angebot präsentieren müsse. es sei erwiesen, dass menschen, die beispielsweise ein musikinstrument spielten, die welt und ihre probleme differenzierter sähen und sich verantwortungsbewusster verhalten würden. zum abschluss der interessanten gedankengänge zitierte frau Dr. Griefahn Bertolt Brecht aus ’Die Geschichten von Herrn Keuner’: „Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen.“

die anschließend von Jürgen Streich geführte diskussion zwischen frau Dr. Griefahn und dem publikum war teilweise skeptisch bis kontrovers, also die richtige mischung für eine lebhafte auseinandersetzung mit den vorgetragenen inhalten. es sei eine frage des käuferverhaltens und preisbewusstseins, ob sich innovative ansätze zu einer zyklischen wirtschaft durchsetzen können. es sei eine frage des marktes, ob solche dann teureren produkte nicht für die arbeitsplätze der leute, die ja auch käufer seien, und die prosperität der unternehmen nachteilig ausschlagen würden. es sei eine frage der betonkopfmentalität in den entscheidungsetagen vieler vor allem großer unternehmen, innovative ansätze zu produkten reifen zu lassen. es sei eine frage des unternehmerischen belohnungssystems, wie manager/innen entscheiden. es gäbe aber verbündete sogar in der branche der consulter, die EVOCO GmbH sei so ein unternehmen, dass sich zum ziele gesetzt habe, ein management zu propagieren, das sich auf den prinzipien der evolution stüzt und ein zyklisches, nachhaltiges wirtschaften erlaube bei hinreichender profitabilität. es tut sich etwas in den köpfen: Darwin meets business.

frau Dr. Griefahn ließ sich nicht beirren, konterte sachkundig und referiert, dass diese sicherlich richtigen, nachteiligen aspekte durch einen paradigmawechsel überwunden werden müssten. meint also einen marsch durch die generationen mit gezielter umorientierung mittels einer ästhetisch-kulturellen erziehung speziell junger leute auf der basis gesellschaftlichen konsenses. etablierte strukturen und eine etablierte denke lassen sich bekanntermaßen nicht einfach ins gegenteil verkehren. hierin konnten alle vorbehaltlos einstimmen, so dass der abend mit der beeindruckenden tastenkunst des bekannten pianisten Alphonse Sauer wieder fulminant ausklingen konnte.

mögen uns die Brecht’schen bäume noch lange gegeben sein, den alten bäumen aus dem Hambacher Forst ist es nicht gegeben – auch ein massives versagen menschlichen handelns. nachdenklich geht man nach hause und fragt sich, ob wir nicht fakten schaffen, die unseren enkeln und urenkeln das leben versauern oder gar versauen werden. brmu

natürliches wachstum

1 frau Dr. Griefahn propagiert
den wechsel vom paradigma
dass menschheit nicht mehr giert
und ablegt übles stigma

2 wachstum um geldes preis
ist nicht die edlere krönung
wachstum im klugen kreis
ist die natürliche lösung

3 das den jungen eingeimpft
denn die haben potenzial
viele alte sind beschimpft
denn denen scheint's egal

4 der reife mensch im ganzen
sei eine persönlichkeit
paradigmawechsel im ranzen
für die ganze menschenheit

© 17.01.2014 brmu

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domfeuer

achtung: littreff #3 ist verlegt auf Freitag, den 17.1.2014, 16:30Uhr in der Bibliothek Bergheim. thema: Theodor Weißenborn, Wunderliche Zeitgenossen, Verlag Ralf Liebe 2013.

Vlaminck littreff-131129-bu

29.11.2013 Stadtbibliothek Bergheim, littreff.medio, brm ulbrich im gespräch mit Dennis Vlaminck

so ist es ja gewesen:
feuer zehrt am dom
rache zehrt auch schon
geheime jahre lang
bis die kogge dann
in den hafen kam
und die mörderei
weitergeht mit drei
händlern in tuch
aber jetzt ist’s genuch
rest bitte selber lesen
littreff.medio traf sich zum zweiten mal und wir tauschten zunächst ohne den autor unsere erkenntnisse über den historischen kriminalroman „Domfeuer“ von Dennis Vlaminck (Emons verlag, 2011) aus. nach dem erstling „Reliquiem“ (2008) legte der autor nun ein gereiftes werk vor, szenisch in den handlungssträngen mit eigenwilligen charakteren, die im laufe der geschichte entwickelt werden.

und diese geschichte bietet viel: spannende krimistory auf der suche nach den motiven der täter, aber auch historische aha-erlebnisse aller arten: der Hildebold-Dom und sein abbruch, schiffartstechnik einer kogge und deren bewehrung, mühlentechnik aus dem mittelalter mit staubexplosion, lebensweisen unterpriveligierter kölner inklusive puff, klüngel der patrizier in der riecherzeche, kirche als machtfaktor im erzbistum und amtsmacht bis hin zu ersten, forensischen untersuchung seitens eines hellwachen büttels und den zahnschmerzen seines kollegen, die ein auf dem marktplatz residierender zahnbrecher brachial behandelt. man erschauert.

es gäbe noch viel zu berichten, der krimi ist pralle voll mit leben aus einer zeit, die wir nicht mehr im blick haben. so bestätigte uns auch der autor, Dennis Vlaminck, der später zu uns stieß, dass er gründlich recherchiert und sich eine kleine fachbibliothek aufgebaut habe und nun aus seinem fundus schöpfen könne. deswegen wird es nicht der letzte krimi aus diesem genre sein. ein nächster ist schon in arbeit. immerhin feiert der Emons verlag im nächsten jahr sein 30jähriges bestehen und das wäre doch ein schönes datum für einen dritten krimi.

bereitwillig erläuterte uns der autor, der beruflich als journalist beim Kölner Stadt-Anzeiger seine brötchen für die familie verdient, wie er an solchen manuskripten arbeitet: nächtliches refugium vor störungen aller arten, keine diffizilen skizzen, wie etwa Heinrich Böll sie angefertigt hatte, im vorhinein, nur ein genereller, roter faden, an dem sich die szenen wie an einer wäscheleine entlang entwickeln, die dialoge, die aktionen, oft mit einem cliffhanger in der schwebe gelassen, die dann an anderer stelle wieder aufgenommen werden. so wird die leserschaft wie durch den sog weitergezogen.

welche rolle der dom in dem kriminellen geschehen spielt, mögen die neugierig gewordenen leser/innen nun selber herausfinden. es gibt viel zu entdecken. unsere einhellige meinung war: ein spannender krimi mit exakt recherchiertem hintergrund, der nebenbei viel lerninhalte bereithält. eine teilnehmerin fasste es so zusammen: das buch wäre auch ein toller film. wir wünschen Dennis Vlaminck eine goldene feder für den nächsten coup aus dem mittelalter.

© 29.11.2013 brmu

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Köhlmeiers idylle

Köhlmeier Brühl-Lesung-131114-bu

© 14.11.2013 foto brmu / Michael Köhlmeier liest in der Buchhandlung Brockmann in Brühl

eine idylle mit hund
der nicht ertrinkt
gibt uns allen kund
wo das leben hinkt

hakt der tod sich unter
lässt dich einfach fallen
dann ginge man unter
als einer von allen

nur schreibend gelingt
der befreiungsschlag
die trauer um das kind
die kommt an den tag

und schon ist der autor
gänzlich überflüssig
denn das werk geht vor
für den leser schlüssig

der findet viel resonanz
oder auch gar nichts gut
jenen hilft es ganz
andern fehlt der mut

kommt auf situationen an
darin leser sich finden
so kann literatur
sein publikum binden

© 15.11.2013 brmu

bericht: Michael Köhlmeier setzte sich und begann ganz unprätentiös zu erzählen und zu lesen, das in der voll besetzten buchhandlung Brockmann in Brühl. auf dem tisch lag seine novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“*, der gar nicht ertrinkt. im gegenteil, er rettet den autor aus tiefster verletztung durch den verlust der tochter Paula.

hier schneidet das wahre leben in die literatur ein: Köhlmeier betont ausdrücklich, dass es nicht darum gehe, den tod seiner tochter „zu vermarkten“ (eine grauenhafte vorstellung), sondern er als schriftsteller von kindesbeinen an und seine frau, Monika Helfer, ebenfalls schriftstellerin, sie beide vermochten den tod ihres kindes Paula Köhlmeier, die ebenfalls angehende schriftstellerin war, nur auf dem literarischen wege zu bewältigen. die trauerarbeit über das schreiben. die frage aus dem publikum, ob er damit seiner tochter „ein verlängertes leben schenken“ wolle, verneint Köhlmeier aber entschieden, es wäre eben seine art, die verletzung zu verarbeiten, ein weiterleben im buch wäre nicht das leben seiner tochter.

die lesung war getragen von einer sonoren, leicht erkältet klingenden stimme, die die kunst der pausen kannte. auch merkte man an einigen stellen, dass da ein vater las, denn in den pausen lag tiefe emotion, die das publikum durch zurückhaltung und auch mitfühlende sympathie würdigte. zumal offenbar auch eltern anwesend waren, die ähnliche schicksale zu beklagen hatten.

da passte es gut, dass Köhlmeier gegen ende der veranstaltung einen wunsch erfüllte: ich bat ihn, das nachstehende gedicht „Gedanke und Gedächtnis“ aus seinem ersten gedichtband „Der Liebhaber bald nach dem Frühstück“** zu lesen, dass mir die situation aufzunehmen schien, was er gerne bestätigte.

Köhlmeier Gedicht-131114-bu

obwohl wir übereinstimmten, dass ein literarisches werk eine eigene, von den autor/inn/en unabhängige wirkung erzielen solle, war es dennoch gut und wichtig, diesen feinen mann aus dem Vorarlbeg kennen gelernt zu haben. beim signieren des gedichtes verriet er mir in kurzem plausch, dass bei Michael Krüger ein weiteres lyrik-manuskript liege, denn gedichte habe er immer nebenbei geschrieben, er sei aber viel zu zurückhaltend, diese einfach so zu veröffentlichen. möge Michael Köhlmeier seine scheu überwinden und uns auch als lyriker noch oft beeindrucken.

mehr verrät der artikel von Ruth Lütz-Bedorf im Kölner Stadt-Anzeiger/Brühl vom 15.11.2013.

© brm ulbrich / 15.11.2013
  * Michael Köhlmeier, Idylle mit ertrinkendem Hund, Deuticke Verlag 2008
** Michael Köhlmeier, Der Liebhaber bald nach dem Frühstück - Gedichte, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, Bd. 25, Hanser Verlag 2012

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willensfrei-eiei

 Willensfrei OstenSinger-IMG 8156a-131025-bu
© foto 25.10.2013 brmu: Manfred Osten und Wolf Singer im Gespräch

auf einer podiumsdiskussion im festsaal des stadtschlosses Weimar am 25.10.2013, veranstaltet von der Klassik Stiftung Weimar, wird der neurophysiologe Singer von dem autor Osten mit Goethe-zitaten bombadiert und dann zur stellungnahme animiert. diese diskussion ist bereits mehrfach an anderer stelle geführt worden und auch als cd unter selbem titel erhältlich.

von Osten kamen flinke zitate
aus Goethes tiefem werk
gefolgt von einer frag' zum rate
wie man sich das wohl erklärt
in bezug auf die heutige zeit

schon war gast Singer bereit
neuro und bio und logisch
zu liefern in weitem worte
willensfreiheit sei ein wisch
den man so verstehen sollte:

es habe so kommen müssen
und weiter wisse man nicht

da könnten viele musen küssen
freier wille sei ohne gewicht
die welt ein komplexes gebilde

gastgeber Osten im gefilde
erklärt Goethe zum visionär
der in seinen werken zeigte
was uns heute noch originär
das schauende uns aber leite

© 04.11.2013 brmu
zitat von W. Singer während der diskussion um das problem der willensfreiheit, die nach neurophysiologischer sicht fraglich ist, da jeglicher bewussten denke neuronale vorgänge im hirn vorauseilen; man lese dazu: Wolf Singer, Ein neues Menschenbild?, Suhrkamp TBW 1596, 2003, seite 24 ff: Das Ende des freien Willens?

 

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wolkenmacher

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© foto 31.10.2013 brmu: autor Kay Löffler im gespräch anlässlich der einladung zum littreff.medio und der besprechung seines buches „Dorf der Wolkenmacher“, erschienen im Engelsdorfer Verlag, Neuauflage 2001

der teilnehmerkreis von littreff.medio hat dem schon 1997 verfassten roman eine heute noch vorhandene aktualität zugebilligt, die sich aus dem umfeld der tagebaue in der region ergibt.

eine aus drei familien stammende gruppe von fünf kindern, resp. jugendlichen, entdeckt eine lichtung im nahen forst und erobert diese als ihr refugium. es entsteht eine gruppendynamik, die auch eine aufkeimende, zarte zuneigung zwischen Marvin und Vanessa, den beiden älteren, beinhaltet. die situation wäre ein idylle, wenn nicht plötzlich die brutale realität einbrechen würde: das bergbautreibende unternehmens wird den wald roden.

die kinder sind geschockt und überlegen, sich zu wehren. vieles wird erörtert, radikalität abgelehnt, und man kommt zum schluss, befreundete und bekannte kinder, fünfzig an der zahl, zu mobilisieren, um sich an die gefährdeten bäume zu ketten. diese aktion bringt den vater von Marvin in seiner eigenschaft als polizist in arge bedrängnis, muss er doch seine eigenen kinder verhaften. doch die aktion läuft glimpflich aus. die kinder sehen dem abholzen machtlos zu und es bleibt nur der zornige, symbolische akt von Marvin, nun schon ein „Erwachsener mit Hoffnung“ /126, ein neues bäumchen zu pflanzen.

Das oft als jugendroman angesprochene und damit teils missverstandene werk ist eine parabel zu dem modernen, bürgerlichen leben, in dem im zuge der exploration für die allgemeinheit („Strom wird immer gebraucht, und der wird hier nun mal aus Kohle gemacht“ /52) eine lokale minderheit nachteile erleidet. der autor überhöht diesen effekt durch die protagonisten, die kinder (Marvin, dessen Bruder Manuel, Vanessa, deren Schwester Laureen und dem Hund Piri-Piri /7, sowie Denis, genannt Hamm /18 und später noch das Pony Cherokee) der im hintergrund agierenden erwachsenen sind.

kinder als die hoffnung der zukunft: wie werden sie mit der zerstörung ihrer idylle zurecht kommen, wie den frust kanalisieren, wie gewalt und randale abwehren, wie an informationen kommen, wie diese nutzen und öffentlichkeit herstellen, wie sich selber in die waagschale werfen, wann erkennen, verloren zu haben und dennoch erhobenen hauptes weiter leben zu können? für sie geht es um viel: „Der bevorstehende Umzug in die neuen Häuser war schon schlimm genug, aber wenn die Lichtung zerstört wurde bestand die Gefahr, dass alles auseinander brach.“ /62.

all das wird in dem buch in einfühlsamen dialogen und beschreibungen durchgespielt und dient letztlich so der orientierung heranwachsender, sich als souveräner teil der bürgerschaft einer region zu verstehen („Wenn Kinder mehr Zivilcourage haben als Erwachsene, wenn Kinder bereit sind, für ihre Umwelt zu kämpfen, dann haben wir eine Zukunft“ /126). nicht ohne grund ist dieses buch oft bestandteil der lektüre in schulen.

es ist aber auch eine beziehungsreiche lektüre für die erwachsenen macher dieser realität: politik und wirtschaft. denn die szene der internen sitzung der partei des bürgermeisters, nicht ohne grund etwa in der mitte des romans platziert /70-73, ist sehr aufschlussreich, wie politisch gedacht und gehandelt wird und warum politik im volke als verschlagen wahrgenommen wird („Wer will schon ein Monopol verlieren?“ /73).

die wirtschaft könnte ihren anteil am gemeinwohl als arbeitsplatzgarant wahrnehmen („Es werden fast jede Woche weniger Leute bei der Schwarz-Braun. Und dann immer das Gefühl, das die ganze Presse, die ganze Welt gegen einen ist ….“ /63) oder als gelddruckmaschine für share holder und andere, lediglich am eigenwohl interessierte. auch diese seite der wirklichkeit wird angerissen und wirkt desillusionierend. insofern sei das werk auch als eine nachdenkliche lektüre für erwachsene empfohlen.

der autor, Kay Löffler, hat sich den fragen des teilnehmerkreises gerne gestellt und freimütig auskunft erteilt, warum und wie er schreibt. er verriet uns: das schreiben sei ausdrucksform und inneres bedürfnis. die geschichte sei ursprünglich für seine eigenen vier kinder konzipiert, dann aber habe sie ein eigenleben entwickelt. die arbeitsweise sei szenisch gewesen im filmischen sinne, die szenen keineswegs linear entwickelt, sondern durchaus lückenhaft und sich erst allmählich mit erweiternden ideen schließend. zum beispiel sei das pferd Cherokee erst später eingeführt worden, um dem lebensgefühl der Vanessa („Typ Lehrerin“ /7) ausdruck zu verleihen. die muse müsse zwar mindestens einmal küssen, aber der rest sei arbeit bis hin zur korrektur der druckfahnen.

littreff.medio dankt Kay Löffler für seine aufgeschlossenheit und dafür, uns sein werk näher gebracht zu haben.

© 03.11.2013 brmu

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HJO im kapellsche

HaJO

Abtei Brauweiler. 12.10.2013. 20:15 uhr. was pfaffen selten schaffen: die kapelle war brechend voll, denn Hanns-Josef Ortheil plauderte und las für ein stündchen aus seinem neuen buch „Das Kind, das nicht fragte“ aus dem Luchterhand Verlag 2012.

durch den erfreulichen zustrom lesehungriger sah sich der ausrichtende verein „Freundeskreis Abtei Brauweiler e.V.“ gezwungen, die lesung in die angrenzende kapelle zu verlegen. Dort war es arg kalt und der hall störte anfangs sehr. aber HaJOs stimme wärmte uns und sie durchbrach die widrige akustik, ein menschenfreund durch und durch, was besonders die szene im beichtstuhl belegt, in der der protagonist als achtjähriges kind seine blockade, fragen zu stellen, aufbricht.

nach längerem schweigen fordert ihn der priester auf, von sich zu erzählen. darauf er: „Wenn ich von mir erzählen soll, brauche ich einen Stuhl, im Knien kann ich nicht gut erzählen.“ (seite 116) das ist der durchbruch, Benjamin hat sich selbst befreit, wo andere sich durch brimorium bis ins alter fesseln lassen. dem freundeskreis der abtei sei dank für dies erlebnis.

er schreibt piano
und spielt es auch
leis=tonale sätze im
duft der atmosphäre
bringen uns die
leute nah wie du
und ich in resonanz
und der schalk im
nacken bringt die
befreiung: hier im
beichtstuhl durch
fragen selber denken
und antwort finden
wozu dann noch
brimborium der
katalysator steckt
in uns wo sonst

© 13.10.2013 brmu
die ortheilschen monologe auf der homepage des Literaturhauses Stuttgart zum thema "buch" sind plaudereien aus dem zentrum des litaraturbetriebs. unbedingt hörens- und sehenswert, viel vergnügen!

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total-op

Totaloperation einer Landschaft, so war das Königsdorfer Literaturforum vom 11.7.2013 betitelt. es kamen unter anderen drei autoren der region zu worte, die, zum thema passend, aus ihren werken vorlasen.

KL Löffler-lesung130710-bu

Kay Löffler las passagen aus seinem werk „Dorf der Wolkenmacher“, Engelsdorfer Verlag 2007, und ließ das zahlreiche publikum die emotionale anspannung von betroffenen der umsiedlung durch den tagebau spüren. die sprengung eines kirchturms als brutales zeichen der befremdlichen entwurzelung.

KL Mödder-lesung-130710-bu

Gynter Mödder trug aus "Knollen, Kohle und Miljöh", herausgegeben von Axel Kutsch und Jochen Arlt, erschienen im Rhein-Eifel-Mosel-Verlag 1990, zunächst humorvollen text vor über ein bislang unbekanntes tier, die tagigall, der sich im verlaufe der lesung in bittere ironie wendete: die endemische tagigall als nieschenbewohnerin der kunstlandschaft der tagebaukippen, genannt Glessener Alpen, erscheint natürlich schützenswert und damit sein habitat. er konnte sogar eine zeichnung dieser extrem scheuen und bedrohten art vorweisen, die Renate Mödder-Reese durch lange feldstudien anfertigte.

KL Rumler-lesung-130710-bu

Andreas Rumler wagte sich an dem prosaisch dominierten abend an die lyrik und zitierte weite passagen seiner „Erftland-Splitter“, edition fundamental 2007, ein kaleidoskop von gedanken zu den vorgängen um und an den tagebauen. Unwiderrufliche veränderungen von landschaft, kulturellen werten und persönlichen verwurzelungen.

Jürgen Streich moderierte den abend, der wieder künstlerisch gerahmt wurde von Alphonse Sauer als professionellen pianisten.

in der diskussion waren die positionen pro und kontra tagebau vertreten, was den gedankenaustausch beflügelt hat. letzlich ist wichtig festzustellen, dass die legalen grundlagen dieser landschafts-op existieren, dass es aber auch legitim ist, diese immer wieder zu hinterfragen, und in neue, wissenschafltich fundierte zusammenhänge zu bringen, wie etwa neu erkannte gesundheitsrisiken der betroffenen, wirtschaftliche risiken der auswirkungen für die gesellschaft und globale auswirkungen für "das lebewesen erde" (J. Streich). dazu gehören auch die spektakulären aktionen der besetzer des Hambacher Forstes als ein mittel zivilen ungehorsams gegenüber den verkrustungen des politischen apparates, man denke an lobbyistischen filz und filzigen lobbyismus. eine anregende diskussion in durchaus verträglicher atmosphäre.

man fragt sich, warum keine presse zugegen war und stolpert über den gedanken, das behandelte thema passe nicht in die lokale zeitungswelt. ein schuft, der dieses dächte!

© 12.07.2013 brmu

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über weite entfernung

lesung in der weinstube Bohn in Bergheim am 5.7.2011.

 Bohn Weinstube

© foto: b.r.m. ulbrich
M.M. Bohn rezitiert „Über weite Entfernung“

am Aachener Tor in Bergheim angekommen, die Hauptstraße schon ziemlich menschenleer, steigt man am Roten Haus nr. 99 ein paar stufen hinauf und betritt rechts einen kleinen raum, der liebevoll mit gedichten auf blauem grund in petersburger hängung ausgestattet ist. wenige tische für rund zwanzig gäste stellen gleich eine besondere atmosphäre her.

dann die überraschung: jeder darf sich ein gedicht aus der lyrik-galerie wünschen und sein eigen nennen. eine große geste des gastgebers, seines zeichens auch ein mann der lyrik, der es versteht, die gäste in seiner weinstube immer wieder mit neuen lyrischen eindrücken zu erfreuen.

nach guten weinen aus deutschen landen und einem tapas-bufett steigt die spannung bis der eindrucksvolle Manfred Michael Bohn mit seinem sonoren bassbariton den raum ausfüllt: jedes gewünschte gedicht wird ausdrucksvoll vorgelesen, so dass es sicherlich noch länger in erinnerung bleibt. das von mir ausgewählte wird hier mit seiner erlaubnis veröffentlicht:

Über weite Entfernung

Über weite Entfernung, welch herrliche Kraft.
Innige Umarmung, Harmonie geschafft.
Sprudelnde Lüfte,
Spürbare Düfte.
Wehmut an Deiner Seite,
Über endlose Weite.
Der Tag kommt – riesengroß,
Komm, wir lassen uns nicht los!

© Manfred Michael Bohn /Juni 2013

weitere gedichte und wortspiele: in dem lyrikband „Liebe & Schmerz“, Verlag M. M. Bohn-Kommunikation 2011, 103 seiten, mit sechs treffenden illustrationen von Roman Pompe; das buch nebst CD kann in der weinstube erworben werden.

© 06.07.2013 brmu

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Cologne Paper Art

papier ist geduldig. die Cologne Paper Art zeigt wieder papierkunst in der Vulkan-Halle in Köln. fast alle dort ausgestellten künstler/innen bearbeiteten das papier auf der oberfläche oder formten es bis hin zum scherenschnitt. Interessant, aber nicht aufregend.

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Jutta Barth auf der Cologne Paper Art, am 21.4.2013 auf eines ihrer werke zeigend

ganz anders in der box 32: dort gab es papierkunst der besonderen art zu sehen. bei Jutta Barth nimmt das papier ästhetisch angeordnetes pflanzenmaterial in sich auf. durch verrrottung skelettierte pflanzenteile, wie etwa blätter, werden in den sensiblen schöpfungsprozess des papieres (pulpe) einbezogen. Jutta Barth zeigt diese rare als pulppainting bezeichnete technik in wahrer meisterschaft. eine zarte akzentuierung mit tusche oder farben arbeitet den effekt des eingebetteten abschließend heraus. ihre so biologisch daherkommenden bilder regen gleich zu gedichten an. hier ein spontan verfasster haiku:

die bilder sprechen
von innen und von außen
meinen garten an

© 21.04.2013 brmu

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welterswelt

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Ruth Welter liest,

eingeladen vom Förderverein Stadtbibliothek Bergheim, in der Stadtbibliothek im Medio der Stadt Bergheim aus ihrem buch DAS KINDERMÄDCHEN UND DER HERR JESUS (2012) zur erbauung und erheiterung der drei dutzend zuhörer/inne/n. es geht um die kleinen und feinen geschichten rund um Brühl, die ihre verwandten und bekannten erlebt haben. so manche weckte eigene erinnerungen und ließ das gemüt in resonanz mitschwingen.

rund um die vom förderverein liebevoll aus- und angerichteten erfrischungen konnte in einer pause angeregt über das werk geplaudert werden. danach übernahme Ruth Welter wieder das ruder und las im zweiten teil weitere geschichten vor, wobei das publikum wählen konnte, eine kluge einbeziehung, die nähe schafft.

wir waren zeugen eines einfühlsamen erinnerungswerkes, das über Brühl hinaus ins ganze Rheinland ausstrahlt und auch dort seine leser/innen finden sollte. offizielle bezugsquelle: buchhandlung Brockmann in Brühl, es liegt auch in der buchhandlung Moewes in Bergheim aus.

© 02.03.2013 brmu

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mohr malt nicht

Burkhard Mohr (Bonner Cartoonist) war in der Christus Kirche zu gast im Königsdorfer Literaturforum, moderiert von Jürgen Streich und am klavier musikalisch gerahmt von Alphonse Sauer. Mohr hat uns in seine besondere zauberwelt des begnadeten zeichnens einblick nehmen lassen.

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Goethe ruft an

John von Düffel schreibt in seinem roman "Goethe ruft an" aus dem DuMont Verlag, erschienen 2011, gleich zu beginn auf seite 7 über eine figur namens Goethe als eine art über-ich aller schriftsteller:

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b.k. liest uns vor

lesung von Bodo Kirchhoff aus seinem roman "Die Liebe in groben Zügen, Frankfurter Verlagsanstalt 2012, im Literaturhaus Köln am 1.10.2012 anlässlich seines 25. hochzeitstages in anwesenheit seiner frau und seines sohnes.

foto mit erlaubnis des Literaturhauses Köln (LHK) abgebildet.

Kirchhoff Lesung-LHK-121001-bu

b.k. liest im LHK: er drängt und dräut in
die siebte fassung mit fassung braucht
sicherlich keine sechsundzwanzig stunden
für die sechsechsneun seiten der liebe in
groben zügen zug um zug geht es voran

die einfältige frage des abends: wieviel
auto bio graf iie steckt versteckt denn im
roman ein hin und her mit allerlei gedöns
und färbung zwischen den vielen zeilen da

findet dr.u. die kluge antwort in der rede:
ohne leben des autors kein roman in dem
das leben des autors vorkommen könnte!

lebenserfahrung aus verlegermund
tut dem moderator manches kund

und höre: der abend ward gerettet

© 6.10.2012 brm ulbrich

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