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wolkenmacher

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© foto 31.10.2013 brmu: autor Kay Löffler im gespräch anlässlich der einladung zum littreff.medio und der besprechung seines buches „Dorf der Wolkenmacher“, erschienen im Engelsdorfer Verlag, Neuauflage 2001

der teilnehmerkreis von littreff.medio hat dem schon 1997 verfassten roman eine heute noch vorhandene aktualität zugebilligt, die sich aus dem umfeld der tagebaue in der region ergibt.

eine aus drei familien stammende gruppe von fünf kindern, resp. jugendlichen, entdeckt eine lichtung im nahen forst und erobert diese als ihr refugium. es entsteht eine gruppendynamik, die auch eine aufkeimende, zarte zuneigung zwischen Marvin und Vanessa, den beiden älteren, beinhaltet. die situation wäre ein idylle, wenn nicht plötzlich die brutale realität einbrechen würde: das bergbautreibende unternehmens wird den wald roden.

die kinder sind geschockt und überlegen, sich zu wehren. vieles wird erörtert, radikalität abgelehnt, und man kommt zum schluss, befreundete und bekannte kinder, fünfzig an der zahl, zu mobilisieren, um sich an die gefährdeten bäume zu ketten. diese aktion bringt den vater von Marvin in seiner eigenschaft als polizist in arge bedrängnis, muss er doch seine eigenen kinder verhaften. doch die aktion läuft glimpflich aus. die kinder sehen dem abholzen machtlos zu und es bleibt nur der zornige, symbolische akt von Marvin, nun schon ein „Erwachsener mit Hoffnung“ /126, ein neues bäumchen zu pflanzen.

Das oft als jugendroman angesprochene und damit teils missverstandene werk ist eine parabel zu dem modernen, bürgerlichen leben, in dem im zuge der exploration für die allgemeinheit („Strom wird immer gebraucht, und der wird hier nun mal aus Kohle gemacht“ /52) eine lokale minderheit nachteile erleidet. der autor überhöht diesen effekt durch die protagonisten, die kinder (Marvin, dessen Bruder Manuel, Vanessa, deren Schwester Laureen und dem Hund Piri-Piri /7, sowie Denis, genannt Hamm /18 und später noch das Pony Cherokee) der im hintergrund agierenden erwachsenen sind.

kinder als die hoffnung der zukunft: wie werden sie mit der zerstörung ihrer idylle zurecht kommen, wie den frust kanalisieren, wie gewalt und randale abwehren, wie an informationen kommen, wie diese nutzen und öffentlichkeit herstellen, wie sich selber in die waagschale werfen, wann erkennen, verloren zu haben und dennoch erhobenen hauptes weiter leben zu können? für sie geht es um viel: „Der bevorstehende Umzug in die neuen Häuser war schon schlimm genug, aber wenn die Lichtung zerstört wurde bestand die Gefahr, dass alles auseinander brach.“ /62.

all das wird in dem buch in einfühlsamen dialogen und beschreibungen durchgespielt und dient letztlich so der orientierung heranwachsender, sich als souveräner teil der bürgerschaft einer region zu verstehen („Wenn Kinder mehr Zivilcourage haben als Erwachsene, wenn Kinder bereit sind, für ihre Umwelt zu kämpfen, dann haben wir eine Zukunft“ /126). nicht ohne grund ist dieses buch oft bestandteil der lektüre in schulen.

es ist aber auch eine beziehungsreiche lektüre für die erwachsenen macher dieser realität: politik und wirtschaft. denn die szene der internen sitzung der partei des bürgermeisters, nicht ohne grund etwa in der mitte des romans platziert /70-73, ist sehr aufschlussreich, wie politisch gedacht und gehandelt wird und warum politik im volke als verschlagen wahrgenommen wird („Wer will schon ein Monopol verlieren?“ /73).

die wirtschaft könnte ihren anteil am gemeinwohl als arbeitsplatzgarant wahrnehmen („Es werden fast jede Woche weniger Leute bei der Schwarz-Braun. Und dann immer das Gefühl, das die ganze Presse, die ganze Welt gegen einen ist ….“ /63) oder als gelddruckmaschine für share holder und andere, lediglich am eigenwohl interessierte. auch diese seite der wirklichkeit wird angerissen und wirkt desillusionierend. insofern sei das werk auch als eine nachdenkliche lektüre für erwachsene empfohlen.

der autor, Kay Löffler, hat sich den fragen des teilnehmerkreises gerne gestellt und freimütig auskunft erteilt, warum und wie er schreibt. er verriet uns: das schreiben sei ausdrucksform und inneres bedürfnis. die geschichte sei ursprünglich für seine eigenen vier kinder konzipiert, dann aber habe sie ein eigenleben entwickelt. die arbeitsweise sei szenisch gewesen im filmischen sinne, die szenen keineswegs linear entwickelt, sondern durchaus lückenhaft und sich erst allmählich mit erweiternden ideen schließend. zum beispiel sei das pferd Cherokee erst später eingeführt worden, um dem lebensgefühl der Vanessa („Typ Lehrerin“ /7) ausdruck zu verleihen. die muse müsse zwar mindestens einmal küssen, aber der rest sei arbeit bis hin zur korrektur der druckfahnen.

littreff.medio dankt Kay Löffler für seine aufgeschlossenheit und dafür, uns sein werk näher gebracht zu haben.

© 03.11.2013 brmu

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HJO im kapellsche

HaJO

Abtei Brauweiler. 12.10.2013. 20:15 uhr. was pfaffen selten schaffen: die kapelle war brechend voll, denn Hanns-Josef Ortheil plauderte und las für ein stündchen aus seinem neuen buch „Das Kind, das nicht fragte“ aus dem Luchterhand Verlag 2012.

durch den erfreulichen zustrom lesehungriger sah sich der ausrichtende verein „Freundeskreis Abtei Brauweiler e.V.“ gezwungen, die lesung in die angrenzende kapelle zu verlegen. Dort war es arg kalt und der hall störte anfangs sehr. aber HaJOs stimme wärmte uns und sie durchbrach die widrige akustik, ein menschenfreund durch und durch, was besonders die szene im beichtstuhl belegt, in der der protagonist als achtjähriges kind seine blockade, fragen zu stellen, aufbricht.

nach längerem schweigen fordert ihn der priester auf, von sich zu erzählen. darauf er: „Wenn ich von mir erzählen soll, brauche ich einen Stuhl, im Knien kann ich nicht gut erzählen.“ (seite 116) das ist der durchbruch, Benjamin hat sich selbst befreit, wo andere sich durch brimorium bis ins alter fesseln lassen. dem freundeskreis der abtei sei dank für dies erlebnis.

er schreibt piano
und spielt es auch
leis=tonale sätze im
duft der atmosphäre
bringen uns die
leute nah wie du
und ich in resonanz
und der schalk im
nacken bringt die
befreiung: hier im
beichtstuhl durch
fragen selber denken
und antwort finden
wozu dann noch
brimborium der
katalysator steckt
in uns wo sonst

© 13.10.2013 brmu
die ortheilschen monologe auf der homepage des Literaturhauses Stuttgart zum thema "buch" sind plaudereien aus dem zentrum des litaraturbetriebs. unbedingt hörens- und sehenswert, viel vergnügen!

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total-op

Totaloperation einer Landschaft, so war das Königsdorfer Literaturforum vom 11.7.2013 betitelt. es kamen unter anderen drei autoren der region zu worte, die, zum thema passend, aus ihren werken vorlasen.

KL Löffler-lesung130710-bu

Kay Löffler las passagen aus seinem werk „Dorf der Wolkenmacher“, Engelsdorfer Verlag 2007, und ließ das zahlreiche publikum die emotionale anspannung von betroffenen der umsiedlung durch den tagebau spüren. die sprengung eines kirchturms als brutales zeichen der befremdlichen entwurzelung.

KL Mödder-lesung-130710-bu

Gynter Mödder trug aus "Knollen, Kohle und Miljöh", herausgegeben von Axel Kutsch und Jochen Arlt, erschienen im Rhein-Eifel-Mosel-Verlag 1990, zunächst humorvollen text vor über ein bislang unbekanntes tier, die tagigall, der sich im verlaufe der lesung in bittere ironie wendete: die endemische tagigall als nieschenbewohnerin der kunstlandschaft der tagebaukippen, genannt Glessener Alpen, erscheint natürlich schützenswert und damit sein habitat. er konnte sogar eine zeichnung dieser extrem scheuen und bedrohten art vorweisen, die Renate Mödder-Reese durch lange feldstudien anfertigte.

KL Rumler-lesung-130710-bu

Andreas Rumler wagte sich an dem prosaisch dominierten abend an die lyrik und zitierte weite passagen seiner „Erftland-Splitter“, edition fundamental 2007, ein kaleidoskop von gedanken zu den vorgängen um und an den tagebauen. Unwiderrufliche veränderungen von landschaft, kulturellen werten und persönlichen verwurzelungen.

Jürgen Streich moderierte den abend, der wieder künstlerisch gerahmt wurde von Alphonse Sauer als professionellen pianisten.

in der diskussion waren die positionen pro und kontra tagebau vertreten, was den gedankenaustausch beflügelt hat. letzlich ist wichtig festzustellen, dass die legalen grundlagen dieser landschafts-op existieren, dass es aber auch legitim ist, diese immer wieder zu hinterfragen, und in neue, wissenschafltich fundierte zusammenhänge zu bringen, wie etwa neu erkannte gesundheitsrisiken der betroffenen, wirtschaftliche risiken der auswirkungen für die gesellschaft und globale auswirkungen für "das lebewesen erde" (J. Streich). dazu gehören auch die spektakulären aktionen der besetzer des Hambacher Forstes als ein mittel zivilen ungehorsams gegenüber den verkrustungen des politischen apparates, man denke an lobbyistischen filz und filzigen lobbyismus. eine anregende diskussion in durchaus verträglicher atmosphäre.

man fragt sich, warum keine presse zugegen war und stolpert über den gedanken, das behandelte thema passe nicht in die lokale zeitungswelt. ein schuft, der dieses dächte!

© 12.07.2013 brmu

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über weite entfernung

lesung in der weinstube Bohn in Bergheim am 5.7.2011.

 Bohn Weinstube

© foto: b.r.m. ulbrich
M.M. Bohn rezitiert „Über weite Entfernung“

am Aachener Tor in Bergheim angekommen, die Hauptstraße schon ziemlich menschenleer, steigt man am Roten Haus nr. 99 ein paar stufen hinauf und betritt rechts einen kleinen raum, der liebevoll mit gedichten auf blauem grund in petersburger hängung ausgestattet ist. wenige tische für rund zwanzig gäste stellen gleich eine besondere atmosphäre her.

dann die überraschung: jeder darf sich ein gedicht aus der lyrik-galerie wünschen und sein eigen nennen. eine große geste des gastgebers, seines zeichens auch ein mann der lyrik, der es versteht, die gäste in seiner weinstube immer wieder mit neuen lyrischen eindrücken zu erfreuen.

nach guten weinen aus deutschen landen und einem tapas-bufett steigt die spannung bis der eindrucksvolle Manfred Michael Bohn mit seinem sonoren bassbariton den raum ausfüllt: jedes gewünschte gedicht wird ausdrucksvoll vorgelesen, so dass es sicherlich noch länger in erinnerung bleibt. das von mir ausgewählte wird hier mit seiner erlaubnis veröffentlicht:

Über weite Entfernung

Über weite Entfernung, welch herrliche Kraft.
Innige Umarmung, Harmonie geschafft.
Sprudelnde Lüfte,
Spürbare Düfte.
Wehmut an Deiner Seite,
Über endlose Weite.
Der Tag kommt – riesengroß,
Komm, wir lassen uns nicht los!

© Manfred Michael Bohn /Juni 2013

weitere gedichte und wortspiele: in dem lyrikband „Liebe & Schmerz“, Verlag M. M. Bohn-Kommunikation 2011, 103 seiten, mit sechs treffenden illustrationen von Roman Pompe; das buch nebst CD kann in der weinstube erworben werden.

© 06.07.2013 brmu

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Cologne Paper Art

papier ist geduldig. die Cologne Paper Art zeigt wieder papierkunst in der Vulkan-Halle in Köln. fast alle dort ausgestellten künstler/innen bearbeiteten das papier auf der oberfläche oder formten es bis hin zum scherenschnitt. Interessant, aber nicht aufregend.

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Jutta Barth auf der Cologne Paper Art, am 21.4.2013 auf eines ihrer werke zeigend

ganz anders in der box 32: dort gab es papierkunst der besonderen art zu sehen. bei Jutta Barth nimmt das papier ästhetisch angeordnetes pflanzenmaterial in sich auf. durch verrrottung skelettierte pflanzenteile, wie etwa blätter, werden in den sensiblen schöpfungsprozess des papieres (pulpe) einbezogen. Jutta Barth zeigt diese rare als pulppainting bezeichnete technik in wahrer meisterschaft. eine zarte akzentuierung mit tusche oder farben arbeitet den effekt des eingebetteten abschließend heraus. ihre so biologisch daherkommenden bilder regen gleich zu gedichten an. hier ein spontan verfasster haiku:

die bilder sprechen
von innen und von außen
meinen garten an

© 21.04.2013 brmu

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welterswelt

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Ruth Welter liest,

eingeladen vom Förderverein Stadtbibliothek Bergheim, in der Stadtbibliothek im Medio der Stadt Bergheim aus ihrem buch DAS KINDERMÄDCHEN UND DER HERR JESUS (2012) zur erbauung und erheiterung der drei dutzend zuhörer/inne/n. es geht um die kleinen und feinen geschichten rund um Brühl, die ihre verwandten und bekannten erlebt haben. so manche weckte eigene erinnerungen und ließ das gemüt in resonanz mitschwingen.

rund um die vom förderverein liebevoll aus- und angerichteten erfrischungen konnte in einer pause angeregt über das werk geplaudert werden. danach übernahme Ruth Welter wieder das ruder und las im zweiten teil weitere geschichten vor, wobei das publikum wählen konnte, eine kluge einbeziehung, die nähe schafft.

wir waren zeugen eines einfühlsamen erinnerungswerkes, das über Brühl hinaus ins ganze Rheinland ausstrahlt und auch dort seine leser/innen finden sollte. offizielle bezugsquelle: buchhandlung Brockmann in Brühl, es liegt auch in der buchhandlung Moewes in Bergheim aus.

© 02.03.2013 brmu

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mohr malt nicht

Burkhard Mohr (Bonner Cartoonist) war in der Christus Kirche zu gast im Königsdorfer Literaturforum, moderiert von Jürgen Streich und am klavier musikalisch gerahmt von Alphonse Sauer. Mohr hat uns in seine besondere zauberwelt des begnadeten zeichnens einblick nehmen lassen.

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Goethe ruft an

John von Düffel schreibt in seinem roman "Goethe ruft an" aus dem DuMont Verlag, erschienen 2011, gleich zu beginn auf seite 7 über eine figur namens Goethe als eine art über-ich aller schriftsteller:

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b.k. liest uns vor

lesung von Bodo Kirchhoff aus seinem roman "Die Liebe in groben Zügen, Frankfurter Verlagsanstalt 2012, im Literaturhaus Köln am 1.10.2012 anlässlich seines 25. hochzeitstages in anwesenheit seiner frau und seines sohnes.

foto mit erlaubnis des Literaturhauses Köln (LHK) abgebildet.

Kirchhoff Lesung-LHK-121001-bu

b.k. liest im LHK: er drängt und dräut in
die siebte fassung mit fassung braucht
sicherlich keine sechsundzwanzig stunden
für die sechsechsneun seiten der liebe in
groben zügen zug um zug geht es voran

die einfältige frage des abends: wieviel
auto bio graf iie steckt versteckt denn im
roman ein hin und her mit allerlei gedöns
und färbung zwischen den vielen zeilen da

findet dr.u. die kluge antwort in der rede:
ohne leben des autors kein roman in dem
das leben des autors vorkommen könnte!

lebenserfahrung aus verlegermund
tut dem moderator manches kund

und höre: der abend ward gerettet

© 6.10.2012 brm ulbrich

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