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Kuckucksei à la Goethe

Goethe Osterei-2016

Kalligrafin Roma Fromme-Monsees visualisiert Goethes "Ostersparziergang" auf einem Straußenei

Osterndrapiergang

zum reisen bereit: der strom aus bächen,
durch einen frühlingshaft bewegenden kick,
talwärts ist’s noch ein gutes stück;
so vor und hinter, in keinen schwächen,
tobt es aus rauer berge geschick.

von dort gesendet, fließender spur,
hoch prächtige schauer gischtigen weißes
in streifen quer durch ergrünende flur;
und die sonne, die schuldet ihr heißes;
überall schwebt verdunstung aus regen
alles still hin zu farbigem leben;
doch an blumen fehlt es noch mir,
vernimm: verdutzte menschen sind hier.

kehrt nicht um, strom im schönen,
nicht nach der quell’ rück zu streben.
aus der moore fließender loh’,
springts wie buntes mit himmelscolor.
jedem frommt es nah und auch fern:
wir feiern die strömung frei im kern,
wie die bäche aus eises banden,
aus windiger berge klumpgen geröllen,
aus abhangs- und gemergels banden,
aus dem druck von geschiebefächern,
aus trassen quirlender enge,
aus der erden ehrwürdiger macht
sind die ströme ans licht gebracht.

sieh nur sieh! wie behänd durch die enge
die furt den strom durch die felder trägt,
wie der fluss, breit im gepränge,
so manchen hurtigen nachen zerlegt;
denn bis zum sinken überladen
säuft er ab, war die letzte bahn.
und aus der berge hohen graden
kommen neue wasser heran.

ich höre schon der rettung gebimmel,
seh’ am ufer viel volkes gewimmel,
hienieden rufet gross und klein:
hier sind wir mensch, wird rettung sein.

© 31.3.2016 brmu
nach: J.W. Goethe, „Osterspaziergang“ aus Faust I

 

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