litbiss.de

Axel Kutsch im gespräch

zeit und zeitgeister“ – der unter diesem motto im Rhein-Erft Kreis stattfindende literaturherbst 2014 macht in diesen wochen mit einem neuen konzept von sich reden: etablierte literatur meets poetry slam auf der suche nach slam poetry.

Axel Kutsch, über jahrzehnte bekannt als lyriker (Ikarus fährt Omnibus) und anthologist von lyrik aus ganz deutschland (Versnetze) mit über 30 publikationen im regal, legte im gespräch mit litbiss seine gedanken dazu dar. gesprächspartner war b.r.m.ulbrich, litbiss-blogger.

brmu: was hält ein so bekannter lyrik-anthologist von poetry slam?
A.K. meint, im weitesten sinne gehöre poetry slam zur literatur, unterscheide sich aber in der form der darbietung deutlich, der event- und wettbewerbscharakter überwiege offensichtlich, „überfahre“ mitunter den text; „schlagertexte wirken auch nicht ohne die melodie.“

brmu: nehmen wir die melodie weg, welchen eindruck hinterlassen poetry-slam-texte, auch als slam poetry benannt, auf den lyriker Kutsch?
A.K.: „nach meinen bisherigen poetry-slam-eindrücken, die ich live, am fernseher und im internet gewonnen habe, werden bei solchen veranstaltungen oft texte vorgetragen, die sich angesichts ihrer bescheidenen literarischen qualität nicht unbedingt für eine veröffentlichung in büchern aufdrängen.“ daher sei ja auch die stütze des events erforderlich, was nicht abwertend gemeint sei. bekanntlich hätten die Dadaisten ähnliche verfahren der präsentation ihrer lyrik angewendet. so neu sei poetry slam also gar nicht.

brmu: erfolgreiche lösungen werden tradiert, sagt der biologe. wenn man an die üblichen lesungen denkt, dann kann die vom autor gelesene literatur durch die art seines vortrags gewinnen oder verlieren. wie sehen sie diesen aspekt beim poetry slam?
A.K. unterstreicht mit der hand, dass „ein gewisser unterhaltungswert sich dadurch einstellt, dass manche slammer ihre texte auf der bühne gekonnt wiedergeben. es überwiegen eventcharakter und amüsement, wogegen nichts zu sagen ist. aber mit nennenswerter literatur hat poetry slam in den meisten fällen nichts zu tun.“ in der performance sei der text oft nachrangig, daher könne slam poetry auch besser per dvd wiedergegeben werden, denn per buch.

brmu: aber poetry slam ist in. würden sie aufgrund der starken resonanz beim jungen publikum eine poetry-slam-anthologie herausgeben, hoffend, dass dies die lyrik-szene belebe?
A.K. schüttelt den kopf: „lesen möchte ich kaum etwas davon.“ aber man müsse fair sein und zugestehen, dass sich die qualität über die jahre bessern könne, vor allem, wenn so mancher slammer intensiver an seinen texten arbeiten würde, denn im buch müssten diese nun mal für sich alleine wirken.

brmu: das erinnert an durststrecken. welchen rat können sie den slammern und auch poeten geben, um die qualität ihrer texte zu verbessern?
A.K. zögert, denkt lange nach und summiert, es gebe wohl einen set allgemein gültiger qualitätskriterien, über den man in workshops oder seminaren nachdenken könne, wie etwa das vermeiden abgenutzter metaphern, altbackenen sprachgebrauchs, epigonal wirkender formulierungen. positiv ausgedrückt: „die lyrik sollte ambitioniert sein, die diktion unverbraucht“.
es gebe aber ebenso gewichtig auch eine individuelle komponente, den persönlichen geschmack, den man durch die lektüre anerkannt guter gedichte schulen könne. also: lesen, lesen, lesen. qualität in der lyrik, das sei ein schwieriges thema und könne in der regel nur durch langjähriges beschäftigen mit ihr reifen.

brmu: bleiben versuch und irrtum. welchen rat würden sie slammern und poeten gleicher­maßen auf dem weg zur veröffentlichung ihrer wortkunst mitgeben?
A.K. schaut erstaunt, lächelt verschmitzt und deutet an: wenn der text raus müsse, dann aus ureigenem antrieb, nicht im auftrag oder zu irgendjemandes gefallen. danach komme viel handwerk aus erfahrung mit der sprache. der dichter und slammer sollte den drang, ja zwang zum schreiben in sich spüren.

man kann nicht ansatzweise von lyrik leben, aber man kann wunderbar mit lyrik leben.“ dieses bonmot von Axel Kutsch, in dieser runde aus seinem munde, ist ein heiterer abschluss eines für manche ernsten themas.

zu dem thema der qualität von lyrik sei auf zwei anthologien hingewiesen:
Jürgen Nendza, Hajo Steinert (hrsg.), stadt land fluss – Eine Lyrikanthologie, Lilienfeld 2014, selbstredend auch gedichte von Axel Kutsch enthaltend! und:
Axel Kutsch (hrsg.), Versnetze_sieben, Verlag Ralf Liebe 2014, erscheint im Oktober d. j.;

siehe auch http://www.litbiss.de/web/littreff-m; scrollen bis littreff#6 Ikarus frei nach Kutsch

© 13.09.2014 brmu

 

Kommentare 2

Gäste - Ruth Welter am Samstag, 13. September 2014 18:59

http://www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8

Hier ist sie „berühmt“ geworden, die Julia Engelmann.
Den Text muss man sich mehrmals anhören, fand ich.

Und dann habe ich ihn auch noch einmal nachgelesen, in ihrem Buch, das dem Hype um ihren Vortrag folgte. „Eines Tages, Baby“, heißt das Buch, so wie der Anfang ihres Slam-Vortrags. Ein Text, der mich nach wie vor berührt.

Den Text im stillen Kämmerlein zu lesen ist von völlig anderer Qualität, von anderem Erleben. Jeder wird das anders empfinden.

Ebenso wie ihren Text – auch im Buch – „Über stille Poeten“.

Das passt nun so gut – oder auch gar nicht gut – zu Ihrem Interview mit Herrn Kutsch, lieber Dr. Ulbrich. Ich erlaube mir den Refrain zu zitieren, obwohl der ganze Text lesenswert ist.

Der Refrain, der mir nicht nur die Lyriker am Schreibtisch, sondern auch die Slammer auf der Bühne so nah sein lässt:

Und manchmal,
wenn du innehältst für einen Augenblick,
um einmal kurz zwischen die Zeilen zu treten,
wenn statt in Gesichter du in Augen blickst,
hörst du sie flüstern,
die stillen Poeten.

(Julia Engelmann)

[b]http://www.youtube.com/watch?v=DoxqZWvt7g8[/b] Hier ist sie „berühmt“ geworden, die Julia Engelmann. Den Text muss man sich mehrmals anhören, fand ich. Und dann habe ich ihn auch noch einmal nachgelesen, in ihrem Buch, das dem Hype um ihren Vortrag folgte. „[i]Eines Tages, Baby[/i]“, heißt das Buch, so wie der Anfang ihres Slam-Vortrags. Ein Text, der mich nach wie vor berührt. Den Text im stillen Kämmerlein zu lesen ist von völlig anderer Qualität, von anderem Erleben. Jeder wird das anders empfinden. Ebenso wie ihren Text – auch im Buch – „[i]Über stille Poeten[/i]“. Das passt nun so gut – oder auch gar nicht gut – zu Ihrem Interview mit Herrn Kutsch, lieber Dr. Ulbrich. Ich erlaube mir den Refrain zu zitieren, obwohl der ganze Text lesenswert ist. Der Refrain, der mir nicht nur die Lyriker am Schreibtisch, sondern auch die Slammer auf der Bühne so nah sein lässt: [i]Und manchmal, wenn du innehältst für einen Augenblick, um einmal kurz zwischen die Zeilen zu treten, wenn statt in Gesichter du in Augen blickst, hörst du sie flüstern, die stillen Poeten.[/i] (Julia Engelmann)
Gäste - brmu am Samstag, 20. September 2014 14:08

hallo frau Welter, das interview mit Axel Kutsch entstand aus einem impuls heraus. regionale schriftsteller/innen traten anlässlich des 13. Literaturherbstes in Bergheim das erste mal mit slammern zusammen auf. das war der auslöser. einen lyriker dazu zu befragen, schien mir passend, seine meinung ist autonom, ob passend oder nicht.
zum weiteren reiben an dem thema empfehle ich Anton G. Leitner, lyriker und herausgeber der lyrikzeitschrift "Das Gedicht". er betreibt auch einen lyrikblog: http://www.dasgedichtblog.de, wo er das erwähnte buch von Julia Engelmann per videoclip kritisch rezensiert. lyriker sehen in poetry-slam offenbar gut "durchrhythmisierte" texte - aber weniger gedichte. ob das berührungsängste sind, neidkomplexe oder einfach nur unsicherheit gegenüber dem hype des poetry-slam, bleibt abzuwarten. lyriker leben ja mit einem dauerdefizit: zu wenig leser/innen. es wird vieler stimmen bedürfen, ein belastbares urteil zu erarbeiten. in dem sinne vielen dank für den beitrag. brmu

hallo frau Welter, das interview mit Axel Kutsch entstand aus einem impuls heraus. regionale schriftsteller/innen traten anlässlich des 13. Literaturherbstes in Bergheim das erste mal mit slammern zusammen auf. das war der auslöser. einen lyriker dazu zu befragen, schien mir passend, seine meinung ist autonom, ob passend oder nicht. zum weiteren reiben an dem thema empfehle ich Anton G. Leitner, lyriker und herausgeber der lyrikzeitschrift "Das Gedicht". er betreibt auch einen lyrikblog: www.dasgedichtblog.de, wo er das erwähnte buch von Julia Engelmann per videoclip kritisch rezensiert. lyriker sehen in poetry-slam offenbar gut "durchrhythmisierte" texte - aber weniger gedichte. ob das berührungsängste sind, neidkomplexe oder einfach nur unsicherheit gegenüber dem hype des poetry-slam, bleibt abzuwarten. lyriker leben ja mit einem dauerdefizit: zu wenig leser/innen. es wird vieler stimmen bedürfen, ein belastbares urteil zu erarbeiten. in dem sinne vielen dank für den beitrag. brmu
Gäste
Mittwoch, 18. Oktober 2017

Sicherheitscode (Captcha)