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Polanders verse verzettelt

im literaturbetrieb rangieren gedichte quasi in der hintersten buchreihe, unter dem kleinen label „Lyrik“. und tatsächlich, es sind denn auch viele moderne gedichte wohl nur den urhebern noch verständlich, wenn sie im wort- und silbenstakkato ihr innerstes schriftlich fixieren – oder auch das nicht einmal.

ganz anders bei Rolf Polander in seinem neuen gedichtband „In Versen verzettelt“, Shaker Media, 2016 erschienen. ihm sitzt der schalk im nacken und nicht im inneren. er hat eine klare feder, will also verstanden werden und dabei fleißig necken. wen? die leserschaft - und das nicht ohne koketterie. Aus meinem Munde ringelt / kein Natz sich aufs Papier und Ich bin nicht Robert Gernhardt versichert Polander in dem gedicht „Bekannte Dichter und ich“ (91).

die humorvollen verse, gelesen sind sie ein ohrwurm, der uns kitzelt, auf das wir lächeln. wir adaptieren schnell die reime, den sound, die scherze und erinnern uns an ähnliche muster, wenn schon nicht Joachim Ringelnatz und Robert Gernhardt, dann doch Wilhelm Busch. und meinen, der könnt’ ihm auch noch ein veritables vorbild sein.

so eingestimmt fühlen wir uns wohl, als sieger, wir haben ja sein kochrezept erkannt. dann kommt das gedicht „Dem Sieger“. peng! herausgerissen aus der idylle, müssen wir es zweimal lesen: Die kleinen Wegwunder / hast du zertreten. // Das Zielband zerreißt, / wenn du es erreichst. // Was also / bleibt dir? (20) das ist ja ein zischender säuretropfen!

keine gewissheit! eben schien noch alles so klar, gut sortierbar, eingängig. jetzt diese schärfe, der schalk ist vom nacken gerutscht, das seziermesser blinkt. die aufgeworfene frage schwebt noch im raum, da kommt der nächste wachrüttler in „Wertschätzung“: Den zu kurz gekommenen, / … // Ihnen sagen wir: / Ihr seid nicht überflüssig. / Wir brauchen euch./ Jeder einzelne von euch ist wertvoll. // An seinem Platz. (21)

und während du noch darüber nachdenkst, was wohl mit der textlich abgesetzten und damit betonten einschränkung „An seinem Platz“ gemeint sein kann, blättert deine hand neugierig weiter und findet diese warnung: „Über den Tellerand gesprochen“. hier lauert die demaskierende erkenntnis: Und ab und zu / schielt einer auf den Teller des anderen, / ob da nicht etwas zu holen sei. Ist das die / Perspektive, // die ihr meint? (22)

nein, sagst du unwillkürlich, nicht die perspektive der Global Player, die das betäubende mantra „wachstum“ rezitieren. es muss doch horizonterweiterung gemeint sein, jenes prinzip, dass alle einschließt, egoismen mindert und damit mildert, damit die kleinen Wegwunder eben nicht zertreten werden. An seinem Platz (und an allen anderen plätzen, setze ich hinzu), soll jede und jeder wertvoll sein dürfen, können und sollen.

die dichterische idylle ist gründlich aufgemischt und man zögert, weiter zu lesen. das ist ernüchterung pur, erfordert ein durchatmen und einen neuanfang. und wirklich tragen uns die nun folgenden gedichte artig durch das buch. ein kleiner fingerzeig in „Ungereimt“ noch entschuldigt sich für die unannehmlichkeit eben. Ich / reimt sich nicht auf Du. / Und trotzdem! / Oder gerade deswegen? (28) alles relativ, erschütterungen der leseerwartung von gedichten können vorkommen, wir sind eben unterschiedlich.

der schock zerläuft sich. gegen ende dann noch einmal in „Geschützter Standpunkt“ ein gut gemeinter rat in obiger sache. Regentropfen / stürzen sich / kopfüber / in das Spiegelbild / ihres Himmels, // hinterlassen auf Pfützen / ständig wechselnde / Interferenzmuster. // Aber die / sollte man sich / lieber vom Fenster aus / betrachten. (80) die verwerfungen der welt aus sicherer entfernung ansehen, via buch, das bietet der literaturbetrieb. was ein zeitkritischer roman auf hunderten von seiten um und um illustriert, das schafft in vier gedichten komprimiert auch dieser gedichtband.

unwillkürlich frage ich mich, ob Polander die komponierten 73 gedichte als wiese hat aufwachsen lassen, um den vier eruptiven orchideen der erkenntnis den wirkhintergrund zu schaffen. wer die wiese der reime für altbacken hält, der kann in diesem werk von Rolf Polander über seinen tellerand hinaus blicken lernen.

© 02.02.2016 brmu

 

Kommentare 1

Gäste - litbiss am Mittwoch, 03. Februar 2016 10:43

ergänzend teile ich den kommentar des autors und lyrikers Rolf Polander an mich aus seiner e-mail vom 3.2.2016 mit:
" Man erfährt ja aus solchen Rezensionen immer viel über sich selbst und auch ein bisschen etwas über seine Leser.
Ihre sauber ausgeübte Scheidekunst in die humorvollen eingängigen Gedichte und die vier von Ihnen herausgehobenen, also die berühmten zwei Seelen, die hier jeweils zuständig wären, kann ich in der eigenen Brust – wahrscheinlich mangels Abstand von derselben – nicht entdecken. Für meine Wahrnehmung wächst alles, was ich schreibe aus dem selben Humus und ich bilde mir ein, dass in manchem brav metrisch gebundenen und gereimten Gedichthäppchen auch ein gerüttelt Maß an Säure enthalten ist. Vielleicht ist sie dort nur besser verträglich, weil hübsch verpackt – da schmeckt man es dann nicht so! "
brmu/3.2.2016

ergänzend teile ich den kommentar des autors und lyrikers Rolf Polander an mich aus seiner e-mail vom 3.2.2016 mit: " Man erfährt ja aus solchen Rezensionen immer viel über sich selbst und auch ein bisschen etwas über seine Leser. Ihre sauber ausgeübte Scheidekunst in die humorvollen eingängigen Gedichte und die vier von Ihnen herausgehobenen, also die berühmten zwei Seelen, die hier jeweils zuständig wären, kann ich in der eigenen Brust – wahrscheinlich mangels Abstand von derselben – nicht entdecken. Für meine Wahrnehmung wächst alles, was ich schreibe aus dem selben Humus und ich bilde mir ein, dass in manchem brav metrisch gebundenen und gereimten Gedichthäppchen auch ein gerüttelt Maß an Säure enthalten ist. Vielleicht ist sie dort nur besser verträglich, weil hübsch verpackt – da schmeckt man es dann nicht so! " brmu/3.2.2016
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