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Epirrhema anders

müsst im lit’raturbetrachten
immer dies für wichtig achten:
nichts nur drinnen, nichts nur draußen;
denn was innen, scheint nach außen.
so begreifet ohne träumnis
eilig, offen das geheimnis.

freunde nicht des baren scheins,
nicht auch des ernsten spiels:
kein geschriebenes ist eins,
immer auch ein vieles.

© 08.01.2017brmu
J. W. Goethe: Gedichte – Ausgabe letzter Hand, Cotta, 1827, Gott und die Welt, gedicht „Epirrhema“ in anderem gewande

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Ringelnatz hat's

Vier Treppen hoch bei Dämmerung1
rhetorik in vier stufen

Du musst die Leute in die Fresse knacken.
stufe 1: bring einen knüller in die runde,

Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –

stufe 2: wenn der fokus dir gehört

Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
stufe 3: noch einmal überspitzen

Musst du zu ihnen wie zu einem Kind

stufe 4: dann wähle deine worte,

Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden

hier und heute, in aller einfachheit

 

Von Dingen, die du eben noch nicht wusstest.
regel 1: tu so als seist du überrascht

Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –,

regel 2: ström empathie in massen ab

Dass du sie in die Fresse schlagen musstest.

regel 3: quetsche tränen bei dem satz

Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen,

regel 4: sei konsequent bis in den schluss

Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen

hol witzig alle ab auf nimmer wiedersehn

© 17.12.2016 brmu
1aus: Joachim Ringelnatz, Kuttel-Daddeldu, Kurt Wolff Verlag München,1920, s. 190

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grolland in sicht

jetzt wieder die neider!
die spielen polköpptreiber,
wo so viel fleißigkeit
gar nichts mit dreistigkeit
am schwarzen hute hat.


es zahlt der vorweggeher
dem landestagessteher
für luftig halbe arbeit -
und er find‘ das so gescheit -
deftig ganzes salaire.


für uns ist gut zu wissen
auf welchem luderkissen
die wählerstimmen ruhen.
ja und: was soll man tuen?
die wahlurnen meiden?


nein! in die fresse knacken,
bis auf’s knie sie sacken.
reingegrätscht in die partei,
durchgerührt das allerlei
von ethos, ehre, eid.


nur des bürgers einmischung
zwingt nötige erfrischung
in das polköpppokerspiel.
neupartei, die bringt nicht viel,
ist bald krumm wie alle!


einmischung, wie sieht die aus?
das ist arbeit, oh du graus!
viel zu lesen, denken, auch
im ausschuss sein, das zu hauf,
dass mauschelei nicht sei.


bürger hat gewiss verdient,
was sich sonst so nicht geziemt.
seine faulheit immerdar,
sich die feigheit noch gebar:
lässt sich ja nichts ändern.


© 14.12.2016 brmu

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weihnachts-run

ach, du lieber weihnachtsmann,
bitte gehe du voran

prügel steckst dann du nur ein,
wenn’s geschenke war nicht fein
oder gar ganz völlig falsch
einer das kriegt in den hals

im erstehilfekasten
whiskyflaschen tasten
das ist wider die moral
helfen tut es allemal

ach, du lieber weihnachtsmann,
los jetzt! du gehst heut‘ voran!

© 15.12.2016 brmu

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aus dem ff

die faulheit mit der
feigheit ist immer
aus der erfahrung
die unglückspaarung

schleichend ganz bieder
grüßt sie heut‘ wieder
trottelt ohne zwang
richtung untergang

© 22.11.2016 brmu

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in den binsen

weiß man keine antworten mehr
fällt man über den frager her

liegt der dann still am boden
wird die sache verschoben

bis sie selber dazwischen fährt
denn schweigen ist immer verkehrt

© 15.09.2016 brmu

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silizium-fall

silizium am end' -
es fand sich neues:
paper-based-medium
man kann es blättern

sie gestatten noch?
"buch" ist mein name
regalspeicherung
wohnlich zumeist

bin den elektronischen
über, umweltlich
kein elektroschrott
in kinderhänden

merke: meine besten
seiten schmeicheln
den leserhänden
und dem verstand

ergo: buchlesen
ist der status der
zukunft in neuer
kulturtechnik

© 11.10.2016 brmu
dazu lese man: Thomas Thiel, Das nächste große Ding, Frankfurter Allgemeine Feuilleton vom 16.09.2016

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knall auf fall

meine augen möcht’ ich schließen
mich an die warme hauswand lehn’
und ruhe soll in mir zergehn’

möcht’ auch meine ohren schließen
viel länger als ich’s tue meist
auf dass stille flute meinen geist

und der stift in meinen händen
er soll nicht schaben auf papier
versinken will ich ganz allhier

bis der knall von einem auspuff
mir hässlich ’geist aus kopf bläst weg’ -
ach, hat die übung einen zweck?

© 06.09.2016 brmu

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afd

758.000.000
weltenweit
annallfabethen
alle fern der
les’kompetenz

denen man ’was
vormachen kann
im pressespiegel
per visagenkult

die man oftmals
alle für dumm
halten - folglich
alle für doof
verkaufen kann

viele auch sind
wieder unter uns
und schreien was
von lügenmesse

big meck&pomm
zurzeit leibgericht
alle feiern doch
und spielen nur:
alle fürs deutland

protest-wähler meinen
>Aber fick Dich<
wohin, wenn nicht
ins eigene knie

an der wahlurne, doch
da gilt auch für dich
erst lesen und denken:
alle für demokratie!

© 06.09./11.10.2016 brmu
nachtrag: man lese den brief von Stephan Hebel: "Sehr geehrter AfD-Wähler!"

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glück zieht

glück ist eine schwade
die durch’s hirn mir zieht
heiter ist’s, nie schade
dass man’s mir ansieht

© 30.08.2016 brmu

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situation

sterne | ich sage euch
sie sind abzählbar

sterne | ich sage euch
ihr seid abwägbar

sterne | ihr aber meint
wir sind hinnehmbar

von flüchtiger natur

© 19.08.2016 brmu

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zeit im fluge

doppeldecker im
marmorisierten himmel
nähmaschinenmotor
nötigt ein augenpaar
zeiten im fluge vorbei

© 29.07.2016 brmu

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Hombroich im regen

kunstinsel mit
inselkunst

in steinernem hall
die präziosen von
begnadeter hand

hängen stehen liegen
in holz und stein und
blinkemetall

gerahmtes papier
im druckermodus
auch farbige wände

mammutbaum wurzelt
gichtig im teich
sprosse im huckepack

außen der regen bei
hingeblätterter natur
tröpfchen für dröpken

unter dach und fach
dann bleiern der stift
in der bretterfurche

sein name plinkert
toison d’or in b
sei mir goldene feder

inseldunst in
regenkunst

© 24.07.2016 brmu
besuch auf der Museums Insel Hombroich am 23.7.2016

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weltenbrille

ein korn am pflug
aus ackerland
wird korn im flug:
dreck an der hand

so wandelt sich
die welt für dich

© 04.07.2016 brmu

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aus geld gemacht

trommelschläge der welt in
den idylleschein von
selbstgerechter attitüde

die anderen kippen mit
mann und maus auf

dem grund aber sind
wir alle gleicher im
tod der illusionen

scham hilft auch nicht
weiter rollt der rubel

© 31.05.2016 brmu
titel: zitat aus Dietmar Dath, Sämtliche Gedichte, Suhrkamp 2009, s. 23

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mit verspätung

(der besten ehefrau von allen)

liebgewonnen
hatte ich dich
und du mich
und wir uns
und vice versa
vor langer zeit
war’n zugedröhnt
von uns mit allem
was wir sind für
uns ob nah ob
fern von hier
und das hält an

bedenklich:
geburt sszz tage
hat man im alter
immer weniger
vor|sich|t

© 28.3.2016 brmu

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dawarwas

manchmal rollt
ein zug durch deine
nacht - auf dem gleise
d|er|innerung – leise
hunderte meter lang
mit einem husch
von verlustig
|sein| wird
immer
was

© 26.03.2016 brmu

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welttag der poesie

marketing gag im
abgesang der flatter
texte gibt es jede
menge zwischen
den zeilen liegt die
würze auch in dem
gedicht.

© 21.03.2016 brmu
von der UNESCO seit 2000 ausgerufener 21. März d. J. als "Welttag der Poesie".

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Clausnitz hitz

im schwitzkasten das kind
zu seinem schutz natürlich
wo denken wir denn hin
da könnt’ ja jeder kommen

blühende landschaften mit
viel kohl bepflanzt aus dem
solidaritäts zu schlag en
das wollen sie wieder und

reißen das maul auf wie
weiland in scheißbrauner
tunke das gröhlen und
funkenschlagen – nichts

haben sie gelernt – alles
vergessen und frauen
und kinder wieder vor
wutverzerrten fressen

mob gährt, wenn man
menschenverachtung
ordinäres gehabe und
biederkeit kombiniert

das im land der dichter
und denker - wo doch
Weimar nicht so weit
entfernt sein dürfte

das volk aber sind
79 734 753 leute*
nicht ihr da am rande
unserer zivilisation

von kultur wollen wir
schon gar nicht reden
unsere passt doch nur
auf christen !mensch!

© 22.02.2016 brmu
*nach: http://www.countrymeters.info/de/Germany/

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schülersein

hervorragendeschüler
strebenhöchstewahrheitan
imvollstenselbstvertrauen

hör:falschistnichtimmerfalsch
richtignichtimmerrichtig
imursprungistalleseins

mittelmäßigeschüler
lernengernvonanderen
dochfehltsanselbstvertrauen

hör:wennduanmeinungklebst
istderkleinsterunterschied
euchschonunüberbrückbar

wenndiraberdiehülle
vorgefastermeinungfällt
wirstduerkennenkönnen

hör:woistdanochdersinn
äußerlichkeitzubemühn

selbstgelehrigsteschüler
erleidenhöllenqualen
wennsieessenznichtberührn

© 13.02.2016 brmu
nachdichtung aus: Nyogen Senzaki, Keine Spuren im Wasser – eine Einführung in Zen, Theseus-Verlag 1992 / Shodoka (Yoka Daishi) Verse 14 und 39

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Kölscher mummenschanz

aus der reihe "Goethe und ..." hier ein aktueller beitrag zum karneval in Köln:

oft das alter, wie wir wissen,
ist der torheit schlechter bann;
also ist es gut zu wissen,
was in Köln so abgehn kann:

dort am Rhein, zu aller frommen,
ist vermummt die schar nicht schlecht;
flux im zuge aufgenommen,
so zu sichern spötters recht.

auch dem greise füllt erträglich
sich das kölschglas oft zur hand
und so ist es doch verständlich,
kommt der außer rand und band.

löblich wird ein jeckes streben,
wenn es kurz ist, selbst mit sinn;
heiterkeit und wolkenschweben
ist im rausch des wirts gewinn.

häufelt nicht an diesen tagen
tumber torheit fratzgesicht,
lasst mit uns die nachwelt sagen:
war das herrlich! oder nicht?

© 05.02.2016 brmu
umdichtung von J. W. Goethe, Der Kölner Mummenschanz, 1825

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Alle für Dummheit

auf der jagdstrecke
geblasen: petrys heil
wird da gar nichts

jesse stand auch so
seine arme erhoben
mit kreuz im rücken
nicht popolistig er
mit dem warndreieck
schießen treffen töten
wollt ihr den totalen

knalleffekt ≠ werbegag
ach sind wir wieder geil
alle für dummheit

© 01.02.2016 brmu

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deutsch im pack

Dräsdn, weißt du noch
damals in aschbrauner zeit

der himmel war unten
mit christbaumgeflacker
flüchtlingspulks in brand
bei lamettageflatter

die hölle jetzt oben
aus tiefem vergessen
schrille pegidabrunst
mit dummheitstressen

sie sei voller hass
so geifert ’ne schranze
laut ins mikrophongehör
hass gleich einer lanze

alle müssten raus
spuckbohnen fliegen
besser heut’ als morgen
sie am kragen kriegen

wohlan, nur welches land
nimmt deutschpack auf

© 11.01.2016 brmu

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befleckte sylvester

herr unbekannt
aus niemandsland
hörte es knallen und krachen
dies im sylvesterlogen

wie könn’ die dabei nur lachen
christbäume waren’s seiner zeit
mit wurzeln sprenghaft in die breit
dies in bausch und bogen

vergessen bloß
das kriegerlos

könnte neues kommen

© 03.01.2016 brmu

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Brodsky's januargefühl

die kings bar deiner alt-adresse,
kein stern scheint auf zu imponier’n.
das ohr ergibt sich, unter zwang,
des blizzards bohrendem gebrüll.
die schatten fallen hinter dich,
du löscht die kerze, haust dich hin,
kalender kann mehr nächte packen
als dafür kerzen wär’n.

was das soll? schwermut? ja, vielleicht.
’ne melodie, die niemals stoppt.
gut gekannt im rauf und runter.
stets gleiche dudelei
vom kommenden, in dunkelzeit,
für augen und lippen ganz groß,
weshalb es sie manchmal anhält,
sich dem fernen hinzuwenden.

hochgeblickt ins wolkenlose,
weil deine socke leer ausging,
verstehst bald diesen geiz: er passt
zum alter; bar jeder kränkung.
viel zu spät ist’s für ’ne ahnung,
für wunder, für den weihnachtsman.
plötzlich wirst du dann erkennen, du bist
dir selbst ein wahres geschenk.

© 2015 brmu nachdichtung von "January 1, 1965" aus
Joseph Brodsky, Nativity Poems, Farrar, Straus and Giroux, New York 2001, page 9

© 01.01.2016 brmu

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letzter tag

dinge
von den ersten können
wir nichts wissen wie
auch
     von
          den
               letzten
                       nichts
                                 o
                           gilt
                     das
             auch
       für
tage
wir glauben lieben hoffen …
an im auf das nächste jahr
zweitausendundsechzehn

© 31.12.2015 brmu

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kinterliches winderlied

(für alle schneemänner)

schneeflöckchen, weißröckchen
wo bleibst du dies jahr’
du bleibst in den wölkchen
das ist doch nicht wahr

komm’ setz’ dich aufs fenster
wir sehen dich gern’
der winter, wo bleibt der
er ist uns noch fern

schneeflöckchen, du fehlst uns
nichts weißes bringt ruh’
wir laufen wie schlunz
braune erde am schuh’

schneeflöckchen, weißröckchen
komm’, wenn auch als hauch
wir kratzen mit stöckchen
oder schaufeln dich auch

aber wenn du nicht gleich fällst
dann sprießen die blum
durch die lande, da gellt es
der winter wässert 'rum

© 30.12.2015 brmu
nach dem Kinderlied „Schneeflöckchen, Weißröckchen“

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ein traum von baum

du spiegel deiner wurzeln,
verzweigungsmetapher,
bedeutungsblätterstrauß

der du immer noch stehst, ob
wohl im fallen du bist, ob
gleich ein Grass dort saß

sei nicht hohl und morschig
sei ein blättermächtiger
sei ein dichter vogelhort

baum, allein majestetisch,
souveränität gemeinsam über
all die menschenblödheit

© 08.12.2015 brmu

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lernen ad infinitum

(allen unermüdlichen gewidmet)

keine schande ist’s zu lernen
geht es auch mit frust und lärmen
letztlich ist das neue wissen
hilfreich - doch kein ruhekissen
denn die weisheit wieder sinkt
lernen dann von vorn beginnt

© 11.08.2015 brmu

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Heinrich böllert

Heinrich, man sagt, du seiest tot
schon seit dreißig Jahren, das
aber glaub’ ich nicht

in meinem regal da stehst du
aufrechten gangs und in
meinem kopfe böllert es

bringt mich diese welt mal
wieder so richtig zum kotzen:
von dir das aufrechte trotzen

heut’, vor jetzt dreißig jahren
ich mit dem wagen gen Köln
und hatte tränen in den augen

auf dem standstreifen wischte
ich mir deine hoffnung ins
gesichte zum weiteren fahren

danke, danke, danke

© 16.07.2015 brmu

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zehohzwo

und der alte lemmig sprach
erhob dabei sein haupt: er
wittere den rand der welt
:

so lasst uns nieder knien
rief er in die runde
und jetzo innehalten

wir müssen leider ziehn
ist die harte kunde
weil andre mächte walten

müssen lassen stahn
was uns so teuer ist
tornadofluten dräuen

denn wachstum war der wahn
mit haufenweise mist
vor dem wir nunmehr scheuen

ein gas wie das methan
aus dem arsch der rinder
vermischt sich in den lüften

aus kraftwerken entkam
das zehohzwo nicht minder
los jetzt, hoch die hüften

sie alle ab zum kliff
ganz unten tobt die see
die masse schiebt und drängelt

die ersten fall’n ins riff
der rest folgt peu-à-peu
so erde cool bemängelt

und der alte lemmig sprach
bedeckt dabei sein haupt: er
meide doch den rand der welt
.

© 26.05.2015 brmu

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Axel Kutsch 70*

ein hallo an Axel Kutsch
seine jugend, die ist futsch
seine liebe aber nicht
dazu, was ein jeder wicht
„diese lyrik“ nennen mag
aber keine ahnung hat
was das nun wirklich sei

lyrik, die ist ein besteck
das tranchieren ist ihr zweck
 - realitätseinschnitte -
bis hin zu kernes mitte
ja! damit erkennbar bleibt
welt, wo immer sie sich reibt
am huhn - und auch am ei

© 16.05.2015 brmu

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on the trip

(denen gewidmet)

die, die über den wassern wandeln
mit federn nach papieren angeln
und aphorismen dabei stammeln

die mit literatur anbandeln
wörter in texte flux verwandeln
zwischen buchdeckeln fest versammeln

um die, sagt man, muss es sich handeln
die mit der welt um wahrheit rangeln
wider alle, die sie verschandeln

© 14.05.2015 brmu

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Giersch schmeck weg

Giersch, du stehst parade
mein rücken wanket krumm
habe erst gerade
zwei quadratmeter um

Giersch lacht sich ins blättchen
ich hab’ die wurzelkraft
spaten, so ein mätzchen
sprieße neu in vollem saft

so hat der Giersch die macht
über gartenländer
da nützt kein wall kein schacht
wuchert an die ränder

drum mach’ das beste drauß
und ernte dir ihn ab
ist blatt für blatt ein schmaus
im wildpflanzensalat

© 05.05.2015 brmu
Giersch (Aegopodium podagraria)

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welttag des buches

ihr leser/innen
was mag da gutes
indrinnen sein

fluchung der logik
witz der hoffnung
unterhaltungswert
wortakrobatik
wahrheitsschonung
vers vom riesenzwerg

es zittern die blätter
im literaturbetrieb
vom gedruckten wort
hoffnung auf schönwetter
dass was übrig blieb
in dem bücherhort

schreibt’ weiter fein
seid frohen mutes
schriftsteller/innen

für verlegers verlegenheit
und des lesers belesenheit

© 23.04.2015 brmu
zum "Welttag des Buches und des Urheberrechts 2015"

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book of nothing

dichten ist wie nichten
von diversen welten
jetzto oder gleich
auf lange sichten
nur das wort
es bleibet stahn
für neuen anfang
schuldlos ohne scham

der gott der lyrik schaut herab:
lass mal lieber, klappt so nicht!

© 12.04.2015 brmu

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selbstbildnis mit ratte

(to whom it may concern)

mann-o-mann, Wondrat
schek’st du’s noch oder
brauchst du das: verehrer1

besser doch lieber leser/
innen am werk, die dich
kritisch hernehmen

verneinst den erziehungs
prozess aus deinen werken

verehrer sind nur gläubige
bewundernd schlucken sie
alles weg, nicht skeptisch
schauen sie auf dich in
alten tagen, brauchst du das?

welch eine feigheit vor kritik
sie gehört zum brot aller tage
das immer geschnitten wird
mit den messern der rezension
du enttäuscht, nicht dein werk

kein messer je geschwungen
ich hätt’ den roman so gerne
gelesen und hingestellt zu
all deinen anderen werken
die mich so lange hatten

ich will es nicht glauben
tät’ ich’s, verbannt’ ich dich
aus meinem bücherregal

© 10.04.2015 brmu
1 zitiert nach W. Wondratschek zu seinem jüngsten, an einen privatmann verkauften und unveröffentlichten roman „Selbstbildnis mit Ratte“ aus: exklusiv-interview im „WDR5 – Scala“ vom 8.4.2015

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sinkflug

wenn du denkst du traust
dann meinst du nur du traust
dann hast du dich getäuscht

wenn du denkst du fliegst
dann meinst du nur du fliegst
dann bist du schon zerschellt

wenn du nicht mehr denkst
dann denkst und meinst du nichts
dann weinen andre drum

wenn wir weiter denk’n
denken wir wir denk’n
dann sind wir arg getäuscht

© 26.03.2015 brmu

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in memoriam

nach drei tagen maloche im
            garten mit schere und
                        säge und auch beil

sitz ich müde auf der banke
            wie die eltern getan
                        ihre welt schien heil

jetzt sind sie unter der erde
            im hölzernen sarge
                        drauf grabstein mit zeil’

schluss mit mühen und plagen im
            leben und im lieben
                        der tod trieb den keil

zwischen sie und uns allhier im
            nachfahrenden leben
                        auf der todesmeil’

die elster weiß von all dem nichts
            beim nestbaugekäcker
                        von summe und teil

© 11.03.2015 brmu

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FAGU

(dem treuen vater post mortem)

von irgendwo kickt dich die welt
in das gesäß und sonst wo hin:
bist plötzlich im neuen programm
dein rufen gilt dem warmen tee

im bette liegst du jetzt zur pflege
verlassen haben dich die kräfte
rollst bewegt von fremden händen
auf dem matratzengrund

einst hast du mich gefüttert
jetzt liegst und schaust und sperrst
den müden, deinen mund mir auf
dass speise ich dir gebe

tränen glänzen in den augen
wollen sich nicht recht erklären:
hast die jungen groß gezogen
willst nun kleiner werden

bis der seele flügel wachsen, die
sehnsuchtsvoll ins weite schlagen
wie der Holgersson entschwand
aus dieser enge, nenn’ sie welt

aus unserer haut nur in den tod
wissend ist keiner, der da betet
den stein aber adelt die liebe
darauf dein name graviert

© 03.03.2015 brmu

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je suis, Charlie,

très, très enragé!

noch am tage der morde
stell dir vor, geht einer,
ein erster von 120, hin
und will nutzen ziehen
er brauche ein branding
für sein neue waffe (sic!)

je suis Charlie® soll sie heißen
kann man heft’ger darauf scheißen
auf ethik und moral?
geld lungert allemal
zu töten, etwas mensch zu sein
mich würgt der schöne schein

und je pense, donc je suis®
in la grande nation®
wohl unterschieden durch
egalité, fraternité, liberté®
vom alten l’état c’est moi®

liebe deinen nächst’n®
sprach der eine gott
sage nie, du rächst’n
wider allen spott

die bürger aber woll’n wir loben
auflage schnellte schön nach oben
sobald der gülden im becken klingt
im huy die seel im himmel springt
®
über des geldes fegefeuer
lässt sich’s hehlig springen teuer

© 16.01.2015 brmu / 749

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Dräsdn

(ACHTUNG: SATIRE!)

du perle tief im sächsischen
welch’ sau treibst du durchs dorf
lang’ schon nichts mehr gehört
vom abendland und seinen christen
zu schules zeiten war’s als die
geschichte ich verschlief

hab’ wicht’geres zu tun als
abendländer flux zu retten
du aber hast’s im kopf
das weiß man jetzt montäglich

allein, die saudurchsdorf
die wühlet gern im sumpf
und matsch und grunzt uns an
sie sei das volk natürlich und
stampfet auf im dreck

einmal in der geschichte
dieses uns’ren landes
als seine teile wuchsen
quasiheil retour ins abendland
da war der montag wichtig

davor aber warst du mehr
der tundra zugeneigt
was man noch heute
merken kann an deinem
notruf: Punti rette uns
vom übel allen andersseins

real seid ihr nullkommadrei
promille von dem ganzen
ein fliegenschiss ins land
ihr kuschelt gern und reichlich
im volksverein und gebet
euch die kante, wo noch heil
der krug und auch das glas
mit dunkelbraunen schnapps
ideen drin nicht müde wird
so hin und her zu schwappen

eines habt ihr unterschätzt
die Peggis und die Idas all’
und millionen and’re mehr
die sind jetzt mächtig sauer
denn ihren guten namen
geben sie nicht her dafür

der ganze große rest
das ist das wahre volk
im konsens dieser tage

© 14.01.2015 brmu / 746

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je suis Charlie

geist kann sich verdünnen
worte des anfangs verhallen
was gemeint war kann nur
erraten werden im ständigen
diskurs: texte und bilder
interpretieren die welt

auf galeeren der frustration
darin gewandete geiferer
verfälschend das erbe zu
peitschenden kugeln aus
eiferers mündungsfeuer ihm
geilt der gekrümmte finger

tod kann man nicht sähen
ihm geht nichts mehr auf
nur samen bringen früchte
manchmal die falschen
doch ironie und der spott
helfen zu unterscheiden

macht bitte weiter jetzt!
offline und online
weiter! in bild und text
geht nicht auf den leim

© 09.01.2015 brmu / 745
s. auch kommentar nr. 523 auf zeit-online.de und den sehr lesenswerten artikel von Markus Schwering im KSTA vom 9.1.2015, der uns spiegelt, dass es zeiten gab, während derer sich die deutschen mit satire und satirikern wie Kurt Tucholsky auch schwer taten. satire beißt ins fleisch der macht bis auf die dürren knochen, das tut den mächtigen und ihren vasallen weh!

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neujahrs(er)kenntnis

in dem neuen jahr
bleibt alles beim alten
oder auch nicht

es mehr’n sich fürwahr
ganz sicher die falten
in dem gesicht

am end’, scheinbar klar
wir gar nichts einhalten
ist nur gerücht

© 30.12.2014 brmu

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wnf

weihnachtsvöllerei im
schenken und im schmausen
magendarmtraktrevolte

rund um geöffnete ladenzeiten
zwei tage tanz auf dem throne
virus, virus, wo kommst du her1“

weihnachtsböllerei als
vorgezogenes sylvester im
liegen und sich krümmen

die engelin aber kommt mit
kartoffelbrei und cola und
hat ein erbarmen denn:

männer leiden länger

© 28.12.2014 brmu
1 die zeile singen nach: Hoffmann von Fallerslebens (1798-1874) lied: „Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald“

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weihe nachts, mann!

sie streiten sich aus
gerechnet über den
periodischen wnm
aus welchem kalten
land er käme durch
den warmen kamin

verdreckt den sack
abstellt in das trübe
aller erwartungen

das design seines
bartes hat längst ein
werbefuzzy trendy
geklärt: so rot-weiß
muss alles sein als
schnee und blut der
zeit im prallen sack
von konsens der uns
retten soll aus aller
depression, aus aller
reflexion über diese
absurden verhältnisse

und leise rieselt der
schnee von gestern

© 22.12.2014 brmu

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Friederike Mayröcker 90

(der ausdauernden gewidmet)

Frie dlich feiern wir
  de inen geburtstag so
   ri  chtig ohne tamtam
  ke  ine ist wie das flüszchen
            unter der erde mit
            dieser schreib
            besessen
            heit

© 19.12.2014 brmu
schaut nach: F. Mayröcker, Veritas, Reclam 1993, seiten 8 und 149

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lebenslust

das leben ist bald lustig
kann aber sein auch frustig

wenn‘s mal gerad’ nicht läuft
wenn ärger sich anhäuft

und alle nur noch nerven
dann möchte man ‘was werfen …

stattdessen tut man fluchen
so eine sünde buchen

wie man’s dreht und wendet
du brauchst den trost gespendet

© 19.12.2014 brmu

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Mila2

(für M.H. in K. zum 2.)

sabberlot und eiderdei
Milachen ist jetzte zwei

sagt auch schon: nein
kann das auch schrein

sie schaut wie keck
so süß perfekt
das kinderlachen

so ist das elternleben
sie werden älter eben

und wollen dies und das
uns allen macht das spaß

© 18.12.2014 brmu

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in den jahren

(G.S. in A. zum 65., oh 66.)

kommst du in die jahre
fallen aus dir haare
zittert noch die hand
streu dir keinen sand
in die schwachen augen

von des lebens trauben
hascht du nicht mehr viele
ergo: lies, was je gedruckt
solange der vorrat aus deiner bibliothek, in langen jahren gereift, reicht und du noch bei wachem verstande und hinreichendem augenlicht am tage und in der nacht in der lage bist, die umfängliche lektüre deines unstillbaren interesses
neugierig und zügig umzublättern
lass die andern ruhig meckern

© 18.12.2014 brmu

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