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ackerschollenaufbruch

wenn man bei moderner literatur
vom konkreten abstrahiert und
zum grundlegenden kommt dann
erkennt man die grundmuster
merkt man das immer währende
pflügen des endlosen ackers:
jetziges aus ewig gestrigem in
immer anderen wortkaskaden

(k)ein neues unter der alten sonne
überraschung und begeisterung
kommen aus der auslesung des
je neuen ackerschollenaufbruchs
auswurf der federnden spaten
beredter schriftsteller/-innen und
arglose leserwesen wühlen darin
wie würmer in der edlen scholle

© 09.10.2017 brmu

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alles muss raus

jener dichter so toll
schrieb und schrieb
hieb auf hieb
in die tastatur

ich frage ja nur
so dann und wann
wer’s raffen kann
was diese übung soll

© 23.09.2017 brmu

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gründe zu lesen

(dem lesekreis Brockmann in Brühl gewidmet.)

das lesen, das kann ich doch
die kosten, die trag‘ ich noch
bücher, die löschen neugier
leseruh‘, die schaff‘ ich mir
zeitaufwand: überschaubar
tagesgeschäft: ist doch klar
bleibt vom lesen unberührt
oder fast, wie‘s sich gebührt

das wird dich weiterbringen
das lesen lässt dich springen
zu neuen horizonten
kaum druck auf deine konten
meinung, die werd‘ ich schulen
nicht mit dem mainstream buhlen
lesen, ein wicht‘ger ansatz
schafft für wissen neuen platz

wahre pionierarbeit
im gestrüpp der dämlichkeit
im kampf contra dümmlichkeit
lesen macht allzeit bereit

unter digitalem joch
da beschützt das lesen noch
kannst analog im strome
treiben auf‘m bücherthrone
neuem horizonte zu
glatt in die erkenntnisruh‘

passionierte aber
zerlegen das gelaber
in trivialromanen
und sei es von den ahnen
und platter literatur
lesekreis wirkt wie 'ne kur

befreit vom ganz banalen
entschlackt  vom trivialen
lesen gute bücher wir
horizontverengung hier
wird kräftig überwunden
verständnis unumwunden
schaffen wir im lesekreis
uns macht keiner etwas weis
erweitern die rezeption
lesekompetenz mit krohn‘

lesen stählt in gegenwart
für zukünfte auch macht's hart
eins wird das ergebnis sein
die mustererkennung fein
literatur mit welten
die auch bei uns oft gelten
für deine lebenspraxis
in unserer galaxis

hab‘ den mut auf ein neues
muss ja nicht sein ein teures
buch für die visionen
du kannst auf ihnen thronen

© 01.08.2017 brmu

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essenz sein

Wie die Musik kann die Literatur uns aus unseren täglichen Strukturen herausziehen und zu unserer eigentlichen Menschlichkeit zurückbringen. Dem Gefühl davon, was es heißt zu existieren. Der Essenz des Seins. (82)

in der lesekapsel
im bücherorbit
da bist du allein
hier darfst du sein
tief in der essenz
vom leben an sich
und nichts müssen
und nichts sollen
und nichts wollen
nur lesen dürfen
tiefes tauchen
im wörtersee hier
kannst du mensch
sein im reinformat
bis luft du holen
musst konkret im
diesseitsleben -
husten, wir haben
ein problem

© 05.03.2017 brmu
1 zitat aus: Janne Teller, Komm, Hanser 2012. (seitenzahl)

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lyrik reinigt prosa

sprache sei nicht rhythmisch
per se
sie bedürfe der metrikerhilfe
okay
das nennen alle dichten
ach nee
der rhythmus aber steckt
im vers
die sprachgestaltung dann
so wär’s
im eleganten satze
kein scherz
und in der strophe gar
in erz
gegossene form am end

dichten also ist das
wörtersetzen
dichten ergo wird zum
bilderfetzen
wohltönend in dem hirn
der leser|in
die inn’re stimme klingt
die weberin
im metaphernsingsang

wie der hai den
putzerfisch
so der autor
dichter hat
den rhythmopoios1

© 05.03.2017 brmu
1 Friedrich Georg Jünger, Rhythmus und Sprache im Deutschen Gedicht, Cotta’s Bibliothe der Moderne, Bd. 63, Klett Verlag 1987, seite 19ff.

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gedicht nicht

mein gedicht ist dein gedicht
ist ein gedicht - oder nicht

gedankensplit in strophen
schon gar nichts für die doofen
verse voller metaphern
machen zu puren gaffern
die prosaisten alle
die spucken hoch die galle
aus ihrer wörter fluten
mensch, wir doch sind die guten

sein gedicht ist kein gedicht
ist scheingedicht- oder nicht
 
© 04.03.2017 brmu

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kuss muss

wenn der ruf berufung wird
wie beim rufer in der wüste
kann’s ein beruf leicht werden:
schriftsteller in der wörter
ew’gen permutation

was aber ist der „ruf“ denn nun
ich denk‘, die muse küsst geheim
von außen dich des nachts und
ruft nicht durch die gegend wie
die schreier auf dem markte tun

gewiss, die muse knutscht dich ab
doch muss das gar nichts heißen
wenn nicht der drang von innen
kömmt als selbstaufrufung an das
analoge des papiers vor dir

die neuen schwärmen auch von
digitalen tasten mit dem zaubertrick
worauf am flachen schirm sich
zeil‘ auf zeil‘ zu versen binden -
wie auch immer, kuss muss sein

© 18.02.2017 brmu

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literarische schreibe

einst wurden dichter von der muse geküsst
ein hinlänglich schwerschöner augenblick
im federbett der einsamen entrücktheiten

dann kam sendungsbewusstsein dazu
und der schriftsteller ward geborgen
auszustellen seine schriften hinter glas

worauf autoren um die ecke schlichen
zu zählen diese schriften umsatzmäßig
denn was die können, kann ich auch

so kam der epigone in die welt als
kopie von anderen und seiner selbst
endlos ist die bücherreih‘ im bord

jetzt aber schluss damit und
auf die unibank gesetzt in Kölle
ja, schreiben kann man studieren

denn als handwerk hat doch alles
begonnen mit keilen im ton
jetzt kommt ein laptop hinzu

zum schnelleren löschen oder
war noch etwas anderes dabei
ach ja, das unikat als frucht

des scharfen musenzungenkusses
elektrisch der schlag durch und durch
die entäußerung des eigenen seins

talent ist voraussetzung, spirit die
zündung zum brennenden genius
der rest: die literarische schreibe

am zentralen ort für die literatur
sagt die kulturministerin …

© 17.02.2017 brmu
zitat aus: KSTA v. 7.2.2017, K. Meier, Literarisches Schreiben studieren

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literatura

literatur hat
gitternatur fällt
vieles durch und
durch ein spiel
mit worten auf
neutralem papier
im feuersturm

© 19.08.2016 brmu

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Kutsch in USA

in der bildungsstiftung „International Baccalaureate® (IB)“ in Bethesda, Maryland, US, ist eine entscheidung gefallen: man will das gedicht „Feier des Wortes“ als prüfungsstoff studenten der deutschen sprache vorlegen. warum ist das eine meldung wert?

kein gigant, kein genius oder olympier aus klassikers zeiten hat es geschrieben, sondern ein begabter mensch aus Bergheim, Axel Kutsch, autor und anthologist, der mit und für die lyrik lebt.

lyrik, jenes genre, das die meisten mit wegwerfender handbewegung mit marginalität abstempeln: das liest doch eh keiner. Kutsch ist da ganz anderer meinung, seine innige haltung zu diesem genre hat er litbiss im gespräch kund getan.

nun geschieht ein schritt der anerkennung weit über den deutschen sprachraum hinaus. das ist litbiss ein anlass, sich mit diesem gedicht näher zu befassen.

Feier des Wortes tritt fordernd und selbstbewusst auf, kein hauch von unterwürfigkeit und bittstellerei. der leser hat gefälligst haltung anzunehmen. gleich einer publikumsbeschimpfung fordert das gedicht die leserschaft auf, sich für das gedicht als solches vorzubereiten und für die richtigen rahmenbedingungen zu sorgen. wo hat man solches schon gelesen?

Kutsch’s gedicht mutet wie eine checkliste an. es ist provokant und sagt etwas über das selbstverständnis von lyrikern aus: keine unterwürfigkeit, sondern souveränität des wortkünstlers.

es ist so ungewöhnlich wie fordernd und grenzt sich mit seinem auftreten gegen die prosa als geschwätzigkeit ab. prosa kann man in jeder lebenslage konsumieren, lyrik bedarf des feierlichen eintretens, aber ohne Schuhe, mit gewaschenen Händen. der dreck von hand und fuß als schmutzmetapher der alltäglich platter gedanken soll außen vor bleiben, denn es findet eine feier statt. man ist an religiöse gebräuche erinnert, reinlichkeit vor dem heiligtum. lasche Einstellungen der Alltäglichkeit sollen dem gedicht nicht zusetzen.

der wohlklang der wortfeier, der liturgie der zeilen, harmonie von form und inhalt, soll in den Applaus als signal der resonanz mit dem korpus des gedichtes münden, und das in Respekt und Haltung. als Liederjan der straße wird man sich nicht in die mysterien des gedichtes einführen können.

und wenn diese resonanz eingetreten ist, dann kommt der impuls des redens über das erlebte. wir nennen es interpretation. dafür sei das übliche entfernt, die Zähne geputzt und der mund gespült. Mundgeruch ist fehl am platz, die üblichkeiten der tiefschürferei wissender interpretationen, das schlüpfen ins hirn des dichters, lebend oder tot, soll unterlassen sein.

der genuss am klang der worte, an der tonalität der zeilen, die anhörung des ganzen sei langsam erkundet, wider den hysterisch beschleunigten zeitgeist des raffens und gierens. ein ritual hilft: zeitentrückt sorge man für gedämpftes Licht. so kann man meditieren, wenn die regeln eingehalten werden. dann kommt zeile für zeile und bildet den klangkörper des gedichtes, den einen ton, in dem wir leser genießend aufgehen dürfen.

dies dank der kunst des lyrikers, denn er zentriert auf diesen punkt hin. der prosaist lässt laufen und laufen über hunderte von seiten. eine hatz von protagonist zu protagonist durch ein gewirr von handlungen. nur ab und an ein resonanter satz im textfeld der banalitäten.

möge Axel Kutsch noch lange das mauerblümchen lyrik begießen, möge den studenten sein gedicht eingehen und für sie gute noten erwirken – wenn sie denn genießen können.

wenn sie das gedicht von Sophie Rois im SRF hören wollen, klicken sie auf den titel und dann im neuen fenster auf den starter >.

Feier des Wortes
von Axel Kutsch

Bevor Sie dieses Gedicht betreten,
ziehen Sie sich bitte die Schuhe aus.
Sie werden vom Autor darum gebeten.
Sparen Sie am Ende nicht mit Applaus.

Haben Sie sich schon die Hände gewaschen?
Nein? Dann wird es aber höchste Zeit.
Begegnen Sie Dichtung nicht mit der laschen
Einstellung Ihrer Alltäglichkeit.

Was glauben Sie denn, wo Sie gerade weilen?
Hier findet eine Feier des Wortes statt.
Spüren Sie nicht den Wohlklang der Zeilen,
die der Autor für Sie geschrieben hat?

Da darf er ein bißchen Respekt verlangen.
Nehmen Sie gefälligst Haltung an.
Gerade sitzen! Nicht so durchgehangen
wie ein versoffener Liederjan.

Die Zähne sollten Sie sich auch noch putzen.
Ein Gedicht verträgt keinen Mundgeruch.
Oder geht es Ihnen darum, zu beschmutzen,
was Sie mehr fordert als ein Kalenderspruch?

Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit.
Sorgen Sie noch für gedämpftes Licht.
Sind Sie jetzt endlich soweit?
Dann genießen Sie dieses Gedicht.

© 22.07.2016 brmu
zitat des gedichtes aus: Axel Kutsch, Wortbruch, Ralf Liebe Verlag 1999 mit erlaubnis des autors; Kulturnotizen (KUNO): http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=35411; Kölner Stadt Anzeiger vom 22.7.2016 „Gedicht aus Ahe als Prüfstoff in den USA“ von Dennis Vlaminck

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