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essenz sein

Wie die Musik kann die Literatur uns aus unseren täglichen Strukturen herausziehen und zu unserer eigentlichen Menschlichkeit zurückbringen. Dem Gefühl davon, was es heißt zu existieren. Der Essenz des Seins. (82)

in der lesekapsel
im bücherorbit
da bist du allein
hier darfst du sein
tief in der essenz
vom leben an sich
und nichts müssen
und nichts sollen
und nichts wollen
nur lesen dürfen
tiefes tauchen
im wörtersee hier
kannst du mensch
sein im reinformat
bis luft du holen
musst konkret im
diesseitsleben -
husten, wir haben
ein problem

© 05.03.2017 brmu
1 zitat aus: Janne Teller, Komm, Hanser 2012. (seitenzahl)

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lyrik reinigt prosa

sprache sei nicht rhythmisch
per se
sie bedürfe der metrikerhilfe
okay
das nennen alle dichten
ach nee
der rhythmus aber steckt
im vers
die sprachgestaltung dann
so wär’s
im eleganten satze
kein scherz
und in der strophe gar
in erz
gegossene form am end

dichten also ist das
wörtersetzen
dichten ergo wird zum
bilderfetzen
wohltönend in dem hirn
der leser|in
die inn’re stimme klingt
die weberin
im metaphernsingsang

wie der hai den
putzerfisch
so der autor
dichter hat
den rhythmopoios1

© 05.03.2017 brmu
1 Friedrich Georg Jünger, Rhythmus und Sprache im Deutschen Gedicht, Cotta’s Bibliothe der Moderne, Bd. 63, Klett Verlag 1987, seite 19ff.

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gedicht nicht

mein gedicht ist dein gedicht
ist ein gedicht - oder nicht

gedankensplit in strophen
schon gar nichts für die doofen
verse voller metaphern
machen zu puren gaffern
die prosaisten alle
die spucken hoch die galle
aus ihrer wörter fluten
mensch, wir doch sind die guten

sein gedicht ist kein gedicht
ist scheingedicht- oder nicht
 
© 04.03.2017 brmu

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kuss muss

wenn der ruf berufung wird
wie beim rufer in der wüste
kann’s ein beruf leicht werden:
schriftsteller in der wörter
ew’gen permutation

was aber ist der „ruf“ denn nun
ich denk‘, die muse küsst geheim
von außen dich des nachts und
ruft nicht durch die gegend wie
die schreier auf dem markte tun

gewiss, die muse knutscht dich ab
doch muss das gar nichts heißen
wenn nicht der drang von innen
kömmt als selbstaufrufung an das
analoge des papiers vor dir

die neuen schwärmen auch von
digitalen tasten mit dem zaubertrick
worauf am flachen schirm sich
zeil‘ auf zeil‘ zu versen binden -
wie auch immer, kuss muss sein

© 18.02.2017 brmu

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literarische schreibe

einst wurden dichter von der muse geküsst
ein hinlänglich schwerschöner augenblick
im federbett der einsamen entrücktheiten

dann kam sendungsbewusstsein dazu
und der schriftsteller ward geborgen
auszustellen seine schriften hinter glas

worauf autoren um die ecke schlichen
zu zählen diese schriften umsatzmäßig
denn was die können, kann ich auch

so kam der epigone in die welt als
kopie von anderen und seiner selbst
endlos ist die bücherreih‘ im bord

jetzt aber schluss damit und
auf die unibank gesetzt in Kölle
ja, schreiben kann man studieren

denn als handwerk hat doch alles
begonnen mit keilen im ton
jetzt kommt ein laptop hinzu

zum schnelleren löschen oder
war noch etwas anderes dabei
ach ja, das unikat als frucht

des scharfen musenzungenkusses
elektrisch der schlag durch und durch
die entäußerung des eigenen seins

talent ist voraussetzung, spirit die
zündung zum brennenden genius
der rest: die literarische schreibe

am zentralen ort für die literatur
sagt die kulturministerin …

© 17.02.2017 brmu
zitat aus: KSTA v. 7.2.2017, K. Meier, Literarisches Schreiben studieren

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literatura

literatur hat
gitternatur fällt
vieles durch und
durch ein spiel
mit worten auf
neutralem papier
im feuersturm

© 19.08.2016 brmu

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Kutsch in USA

in der bildungsstiftung „International Baccalaureate® (IB)“ in Bethesda, Maryland, US, ist eine entscheidung gefallen: man will das gedicht „Feier des Wortes“ als prüfungsstoff studenten der deutschen sprache vorlegen. warum ist das eine meldung wert?

kein gigant, kein genius oder olympier aus klassikers zeiten hat es geschrieben, sondern ein begabter mensch aus Bergheim, Axel Kutsch, autor und anthologist, der mit und für die lyrik lebt.

lyrik, jenes genre, das die meisten mit wegwerfender handbewegung mit marginalität abstempeln: das liest doch eh keiner. Kutsch ist da ganz anderer meinung, seine innige haltung zu diesem genre hat er litbiss im gespräch kund getan.

nun geschieht ein schritt der anerkennung weit über den deutschen sprachraum hinaus. das ist litbiss ein anlass, sich mit diesem gedicht näher zu befassen.

Feier des Wortes tritt fordernd und selbstbewusst auf, kein hauch von unterwürfigkeit und bittstellerei. der leser hat gefälligst haltung anzunehmen. gleich einer publikumsbeschimpfung fordert das gedicht die leserschaft auf, sich für das gedicht als solches vorzubereiten und für die richtigen rahmenbedingungen zu sorgen. wo hat man solches schon gelesen?

Kutsch’s gedicht mutet wie eine checkliste an. es ist provokant und sagt etwas über das selbstverständnis von lyrikern aus: keine unterwürfigkeit, sondern souveränität des wortkünstlers.

es ist so ungewöhnlich wie fordernd und grenzt sich mit seinem auftreten gegen die prosa als geschwätzigkeit ab. prosa kann man in jeder lebenslage konsumieren, lyrik bedarf des feierlichen eintretens, aber ohne Schuhe, mit gewaschenen Händen. der dreck von hand und fuß als schmutzmetapher der alltäglich platter gedanken soll außen vor bleiben, denn es findet eine feier statt. man ist an religiöse gebräuche erinnert, reinlichkeit vor dem heiligtum. lasche Einstellungen der Alltäglichkeit sollen dem gedicht nicht zusetzen.

der wohlklang der wortfeier, der liturgie der zeilen, harmonie von form und inhalt, soll in den Applaus als signal der resonanz mit dem korpus des gedichtes münden, und das in Respekt und Haltung. als Liederjan der straße wird man sich nicht in die mysterien des gedichtes einführen können.

und wenn diese resonanz eingetreten ist, dann kommt der impuls des redens über das erlebte. wir nennen es interpretation. dafür sei das übliche entfernt, die Zähne geputzt und der mund gespült. Mundgeruch ist fehl am platz, die üblichkeiten der tiefschürferei wissender interpretationen, das schlüpfen ins hirn des dichters, lebend oder tot, soll unterlassen sein.

der genuss am klang der worte, an der tonalität der zeilen, die anhörung des ganzen sei langsam erkundet, wider den hysterisch beschleunigten zeitgeist des raffens und gierens. ein ritual hilft: zeitentrückt sorge man für gedämpftes Licht. so kann man meditieren, wenn die regeln eingehalten werden. dann kommt zeile für zeile und bildet den klangkörper des gedichtes, den einen ton, in dem wir leser genießend aufgehen dürfen.

dies dank der kunst des lyrikers, denn er zentriert auf diesen punkt hin. der prosaist lässt laufen und laufen über hunderte von seiten. eine hatz von protagonist zu protagonist durch ein gewirr von handlungen. nur ab und an ein resonanter satz im textfeld der banalitäten.

möge Axel Kutsch noch lange das mauerblümchen lyrik begießen, möge den studenten sein gedicht eingehen und für sie gute noten erwirken – wenn sie denn genießen können.

wenn sie das gedicht von Sophie Rois im SRF hören wollen, klicken sie auf den titel und dann im neuen fenster auf den starter >.

Feier des Wortes
von Axel Kutsch

Bevor Sie dieses Gedicht betreten,
ziehen Sie sich bitte die Schuhe aus.
Sie werden vom Autor darum gebeten.
Sparen Sie am Ende nicht mit Applaus.

Haben Sie sich schon die Hände gewaschen?
Nein? Dann wird es aber höchste Zeit.
Begegnen Sie Dichtung nicht mit der laschen
Einstellung Ihrer Alltäglichkeit.

Was glauben Sie denn, wo Sie gerade weilen?
Hier findet eine Feier des Wortes statt.
Spüren Sie nicht den Wohlklang der Zeilen,
die der Autor für Sie geschrieben hat?

Da darf er ein bißchen Respekt verlangen.
Nehmen Sie gefälligst Haltung an.
Gerade sitzen! Nicht so durchgehangen
wie ein versoffener Liederjan.

Die Zähne sollten Sie sich auch noch putzen.
Ein Gedicht verträgt keinen Mundgeruch.
Oder geht es Ihnen darum, zu beschmutzen,
was Sie mehr fordert als ein Kalenderspruch?

Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit.
Sorgen Sie noch für gedämpftes Licht.
Sind Sie jetzt endlich soweit?
Dann genießen Sie dieses Gedicht.

© 22.07.2016 brmu
zitat des gedichtes aus: Axel Kutsch, Wortbruch, Ralf Liebe Verlag 1999 mit erlaubnis des autors; Kulturnotizen (KUNO): http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=35411; Kölner Stadt Anzeiger vom 22.7.2016 „Gedicht aus Ahe als Prüfstoff in den USA“ von Dennis Vlaminck

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lyrisches

„Dichtung, einige Dichtung zumindest, muß nicht geschrieben sein, Romane müssen es.“ (44)

„Was skizziert werden muß, ist niederzuschreiben. Wenn das, was im Skizzenbuch steht, nur schnell notiert wurde, um nicht vergessen zu werden, damit es auf den richtigen Zusammenhang warten kann, in den es so wie es ist, gestellt wird, dann darf man sagen, ebendiese Juxtaposition oder Komposition ist die des Lyrischen.“ (45)

lyrisches, allzu lyrisches

da mach’ ich mir ’nen jux
daraus und lass das rumgedrux
so schreib’ ich nieder nix
skizzenbücher zu, aber fix!

© 01.06.2014 brmu / 634
aus Stanley Cavell, Der Anspruch der Vernunft, Suhrkamp verlag 2006, (seite)

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Billers definition

„Denn Wahrheit ist ein anderes Wort für Poesie, und der Schmerz, den sie beim Autor und bei den Lesern auslöst, verwandelt überhaupt erst die Worte in Literatur.“ *

* zitat aus dem artikel „Letzte Ausfahrt Uckermark“ von Maxim Biller in DIE ZEIT, no. 9 vom 20.2.2014, feuilleton seite 46

man kräuselt die augenbrauen: wird doch wahrheit land auf land ab als das aufklärende, faktisch richtige, beweisbare begriffen und poesie im gegenteil als die kreative, erbauliche erfindung. was haben beide denn gemeinsam, sie in worten äquivalent zu setzen? wahrheit als das dahinter liegende eines umstandes lässt sich sehr wohl mit poesie vergleichen, denn diese arbeitet mit hinter den worten liegenden bedeutungen. ergo: das wesensgleiche ist die nicht-offensichtlichkeit, der aufwand, an das zu kommen, was verdeckt ist.

über den schmerz als eine drastische körperliche form der resonanz, die sowohl worte der wahrheit als auch worte der poesie auslösen können, weist die brücke zum verständnis. gehen wir hinüber, finden wir literatur. nun hat die juristische literatur ihren eigenen charme und verschließt sich der laienhaften rezeption. desgleichen oft genug die anspruchsvolle poesie, die literatenliteratur und dort besonders die lyrik, die sich von der alltagssprache weit entfernt. der schmerz des (nicht-) verstehens wandelt die sattsam bekannten worte in literatur, die nach ihren eigenen regeln verstanden werden will. wer den schlüssel der dekodierung nicht findet, bleibt außen vor: vor wahrheit=poesie.

© 21.02.2014 brmu

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zeitlupenprosa

Poesie ist Prosa in Zeitlupe* meint
Baker, nicht der von der street
¡falsch! presst mein hirn dagegen
poesie nutzt worte im tiefgang
changierender bedeutungen
blitzt ins bild millisekunden=
schnell: nichts von langsamkeit
herre anthologist im flattersatz
der fehleinschätzung, aber der
rest liest sich annehmbar: Wenn
Sie etwas zu sagen haben, dann
sagen Sie es. … die Wahrheit
muss gleich auf den Tisch.*
so
sei es auch in dichterlaune

© 14.02.2014 brmu
* zitat aus: Nicholson Baker, Der Anthologist, C. H. Beck 2010, seite 7 und 15

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Murakami's technik

einige erhellende aussagen zur schreibarbeit des japanischen schriftstellers Haruki Murakami von ihm selbst im gespräch mit Ronald Düker (DIE ZEIT nr. 3/ 9.1.2014, Feuilleton, s. 37-38):

-      Ich glaube nur an die Vorstellungskraft.

-      Die wirkliche Welt und eine andere, irreale Welt bestehen zugleich, sie hängen ganz eng miteinander zusammen. Manchmal vermischen sie sich. Und wenn ich es will, …, kann ich die Seiten wechseln. Ich kann kommen und gehen. Das passiert in meiner Literatur.

-      Erst durch Technik wird aus einer Geschichte auch eine gute Geschichte.

-      Beim Schreiben kann ich alles tun, was ich will.

-      Aus der Vorstellungskraft kann ich alles schöpfen.

-      Ich recherchier nicht gern. Das hemmt die Vorstellungskraft.

-      Die dauernde Wiederholung des Banalen geht ins Hyperreale über, und von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Fantastik.

-      Erst wenn ich ganz leer geworden bin, bin ich in der Lage, etwas hervorzubringen.

-      Wenn eine Geschichte ihren Leser nicht zu einem besseren Menschen machen würde, dann würde es sich nicht lohnen, sie zu schreiben.

leser/in = autors vorstellungskraft
zeigt sich in seiner literatur als
die schreibtechnik im dreierschritt:
1 sich wiederholende beschreibungen
des alltäglich bekannten=banalen
die/der leser/in sucht darin verborgenes
das kann doch nicht alles sein -
attributiert also mehr als das banale
2 findet eine überhöhung in das
hyperreale als zwischenebene
die sie/er selber hineinlesen bis
3 die fantastische situation durchbricht
in der alles möglich ist gemäß der
vorstellungskraft autor = leser/in
ergo: ohne die leserschaft geht nix
man muss es mögen muri fixus

© 11.02.2014 brmu

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Conradys erlaubnis

Viel ist Gedichten erlaubt.
Wörtertreiben Verstummen
Einsinn Mehrsinn
Länge Kürze
            Filetierte
               Substanz
                 In Buch
                     Staben
                         Split
                               t
                                e
                                  r
                                   n.
Auch taumelndes Schweifen in gepflegten oder verwilderten Parks
Weit ausgedehnter Verse und Strophen.*

wörtertreiben = auftrieb der worte wie das liebe vieh zur alm der erkenntnis? oder von wörtern getriebener schreiber, lediglich das medium der niederschrift von eigenen zwanghaften gedankenkonstrukten? das eine aktiv in die welt treibend wie einen nagel in die wand der sturen dummheit, das andere passiv, erduldend und auf wirkung hoffend. den leser/inne/n kann es gleich sein, denn sie leiden an den splittern, die sie sich in ihr denken treiben.

© 10.02.2014 brmu
*gedichtauszug zitiert nach: Karl Otto Conrady, Wörtertreiben – Gedichte, Landpresse 2002, seite 31, aus dem gedicht: Fragment über treibende Wörter.

 

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Vonnegut's tipps

Kurt Vonnegut (1922 – 2007), us-amerikanischer schriftsteller, hat einmal ganz locker in einem schreibkurs acht regeln für das schreiben einer kurzgeschichte* aufgestellt, wobei er gleich anmerkte, dass die besten erzähler diese nicht eingehalten haben. die regeln auf den punkt gebracht in meiner freien übertragung: eine kurzgeschichte sollte …

1.     leser/innen an die geschichte fesseln interesse erzeugen.

2.     protagonisten zur leser-identifikation aufweisen resonanz erzeugen.

3.     protagonisten enthalten, die etwas wollen handlung suggerieren.

4.     sätze der entfaltung der protagonisten oder entwicklung der handlung bringen dynamik erzeugen.

5.     das ende früh erahnen lassen transparenz erzeugen.

6.     hauptfiguren durch dick und dünn gehen lassen, damit sie zeigen, was die drauf haben charaktere entwickeln.

7.     für eine person geschrieben sein und nicht für die ganze welt konkretheit aufweisen.

8.     leser/innen ins bild setzten, damit sie die geschichte selbst zu ende denken können plot erkennen lassen.

*aus: Kurt Vonnegut: Suche Traum, biete mich: Verstreute Kurzgeschichten, Carl Hanser Verlag, 2001, seite 19

nehmen wir die acht regeln des Kurt Vonnegut für die kurze prosa ernst, so stellen wir fest, dass lyriker/innen nur eine bedienen: (2) erzeuge resonanz zwischen leser/in und gedicht.

die anderen regeln verwässern nur durch verlängung und breitlegung der ewigen „w“-fragen: wer hat warum, weshalb was wann und wo wofür letztlich wie getan oder gelassen? lyrik funktioniert nicht so! obwohl linear zu erfassen, kippt sie sofort in bildhafte anschauung, eine unmittelbare erkenntnis, die intuitiv und ohne starre regeln auftritt, etwa nach dieser sequenz: dichter/in hat einen hauch einer ahnung ≡ einen flitzenden gedanken ≡ ein treffendes wortbild ≡ einen lyrischen text als gedicht ein/e leser/in ≡ ein aufmerken, eine resonanz beim lesen oder hören ≡ einen bestätigenden oder ganz anderen gedanken ≡ eine flüchtige ahnung, wovon die rede hätte gewesen sein können.

nichts genaues weiß man also nicht; bei gedichten ist das so. lyrische texte benötigen dichter/innen im poetischen act quasi als medium und danach als handwerker/innen der niederschrift. dann entwickelt das gedicht außerhalb der dichter/innen-schädel wirkung ohne ende, eben so lang es in der rezeption der menschen vorkommt. schreibregeln dazu sind ballast. nicht einmal die ottogravieh oder chramatique oder die sprake an sich sind grundlegend. ein gedicht kann sich vom wort in den klang völlig auflösen, das macht seinen resonanten ton aus.

ein prosawerk schafft das nicht! warum also ist lyrik das stiefkind des literaturbetriebes? wer resonanz erzeugen will, benötigt eine grundübereinstimmung, die senderwahl, um sich dann im feintuning abzustimmen. stimme zwei geigen genau, nimm eine beliebige und spiele und die andere wird richtig mittönen. sind dichter/innen und leser/innen durch den unglaublichen konsum von prosawerken schon so weit auseinander gedriftet, „verstimmt“, dass ein finetuning nicht mehr gelingt?

lyrik muss von dem esoterischen und elitären anschein abgelöst werden wie eine wertvolle briefmarke vom verfallenden couvert. jede/r könnte mindestens ein gelungenes gedicht im leben schreiben, messen wir es an der wirkung auf andere, wenn sie/er es denn herausließe. nur zu: das papier wartet geduldig auf den großen wurf – nicht als zerknüllter ball in den papierkorb. © 01.02.2014 brmu

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veröffentlicht

David sagt zu Marcel in dem roman von Daniel Kehlmann mit dem titel „Mahlers Zeit“ auf seite 118: „Ist dir schon aufgefallen, wie verlogen jedes Buch allein dadurch wird, daß jemand es veröffentlicht hat?“ (kursiv vom Autor)

nein, mir noch nicht
denn verlogenheit ist
ungleich vergänglichkeit
derer wahrheiten, die
qua publikation ins
öffentliche kommen.

mir ist allerdings auf
gefallen, wie über
holt jedes buch all
ein schon ist, wenn je
mand es veröffent
licht hat er nötig

© 30.01.2014 brmu

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literaturbetrieb

1 literaturbetrieb ≈
wie ein (du bist bereit)
koloratur.singlied
von wahrer eitelkeit

2 ein buhlen um gunst
und anerkennung
öffentlicher dunst
mit namensnennung

3 selbst Artmann befiel das schon
wider die proklamation¹ -
auflage sei der lohn!
wie weit treibst du es schon?

© 18.01.2014 brmu
¹ „Acht-Punkte Proklamation des poetischen Actes“ von Hans Carl Artmann (1921-2000), daraus: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man Dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.

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dichterei

dichterei geht
so
sagen wir mal
ho
quetsch die birne
aus
kommt’s gehirne
raus
auf’s papier
so allhier
als ein gedicht
etwa
oder auch nicht
oh ha

© 16.01.2014 brmu

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poetik der hasen

Michael Krüger hat wieder einen gedichtband einfühlsamer worte vorgelegt, als poetisch-lyrische naturerkunden beschrieben, mit dem titel „Umstellung der Zeit – Gedichte“, im Suhrkamp Verlag 2013 erschienen, dort auf seite 58 das rätsel lüftend, wie lyriker zu ihren gedichten kommen:

„Wie Gedichte entstehen

Jeder kennt den Moment,
da man auf die Lichtung tritt
und die Hasen,
nach einer Sekunde des Zögerns,
im Unterholz verschwinden.
Es gibt kein Wort,
das sie aufhalten könnte.
Du bist wohl nicht bei Trost,
sagte mein Vater,
wenn mir die Tränen kamen.
Wie soll man ein Ganzes denken,
wenn man nicht weiß,
was ein Ganzes ist?“

 

poetik der hasen
(Michael Krüger zugeeignet)

die hasen wissen es
nicht dichten sie
die dichter wissen nichts
und niemand der aus
harrt des einen wortes
das ihm aufhelfen könnte
wie gedichte denken
wenn man nicht weiß*
was ein gedicht ist
da hilft auch keine trost
sagte mein übervater*

© 10.10.2013 brmu
*) s.o.

 

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wenn es

Jeanette Winterson schreibt in ihrem buch mit dem titel „Warum glücklich statt einfach nur normal?“, erschienen im Hanser Berlin Verlag 2013, auf seite 51:

„Wenn es also heißt, Gedichte seien ein Luxus, eine Option oder nur etwas für die gebildete Mittelschicht oder sie seien in der Schule verzichtbar, weil irrelevant, oder sonst etwas von den seltsamen und bescheuerten Dingen, die über Lyrik und deren Platz in unserem Leben behauptet werden, dann behaupten das vermutlich Leute, die es immer ziemlich leicht gehabt haben. Ein raues Leben braucht eine raue Sprache – und genau das schafft die Lyrik. Das ist es, was die Literatur uns gibt – eine Sprache, die mächtig genug ist, um zu sagen, wie es ist. Sie ist kein Versteck. Sie ist eine Fundgrube.“

und weiter auf seite 160: „Lesen ist, wo die wilden Kerle wohnen.“

lesen ist
wo die wilden kerle wohnen
*
vor der tür und auf den stufen
in der kiste unter decken
auf der wiese hinter hecken

lesen ist
was allemal entrückt
weil ertönt was in uns steckt
manchmal prescht auch neues vor
errötet unser leserohr

lesen ist
wie eine wilde schaukel
die schwungvoll durch das leben trägt
ist der schwung jedoch zu doll
fällt das buch zu boden, woll

© 07.10.2013 brmu
*) wörtliches zitat aus Jeanette Winterson, Warum glücklich statt einfach nur normal?, Hanser Berlin 2013, seite 160

 

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hinz.und.kunze

originale haben den sound
wie man so hört und raunt
der Kunze in englisch
mich entzünd’ das nisch

© 28.09.2013 brmu

aus: Per Bregne (ed.), Reiner Kunze, Rich Catch in the Empty Creel, Green Integer Edition, København, Los Angeles, 2013, page 324

what matters
was gilt / (for JS)

Those who are out to stone someone
see everything turn to stone

They settle snugly by your grave,
sit in judgement on you

Judges presiding over the dead

And have no idea: the poem’s sentence
sentences the poet

 

meine unmaßgebliche übersetzung ! ohne kenntnis ! des originales:

was gilt
(für JS)

welche aufs steinigen aus sind
sehen alles zu stein gekehrt

sie lungern schon an deinem grab,
so richtend über dich

richter über den tod bestimmend

und sind ahnungslos: die gedichtzeilen

richten den poeten

 

und das unschlagbare, den sound habende, nachgeschlagene original von Reiner Kunze (1996):

was gilt
für J.S.

Wer steinigen will
dem wird alles zu stein

Sie richten sich an deinem grabe ein
und richten dich

Totenrichter

Und wissen nicht: den dichter richtet

das gedicht

aus: Reiner Kunze, Gedichte, S. Fischer Verlag 20032, seite 291

 

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inter.prêt.à.tion

dem gedicht
interessiert
ihm doch nicht
alles was die
so machen
es packt seine
paar sachen
just geht es auf
reisen um
dann gar nichts zu
beweisen:

ein lila am glas im
sonnenwind dicht
sicht das macht spaß
und spatzen lachen
zänkisch im gebüsch

© 21.08.2013 brmu

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lyriker/innen

(in memoriam)

haben so einen sing sang im
kopf können sie keine noten

haben so bildansichtsfälle in
händen könne sie keine farbe

halten in ihrer verzweiflung
arrangierte fetzen von
text im flatternden satz die
poeme

© 15.08.2013 brmu

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lyrik ist

lyrik entblättert sich
so gedanken aus
die leserfans zupfen
wie weiland im gras:
mich sie liebt mich sie
liebt mich nicht sie lieb
bis der kern entblättert
so gedanken aus …

© 18.07.2013 brmu

 

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poetik ist ...

Juli Zeh schreibt in ihrem gerade erschienenem buch „Treideln – Frankfurter Poetikvorlesungen“ (Schöffling&Co. Verlag 2013) über ihren widerwillen, eine poetikvorlesung abhalten zu sollen und baut dabei relevantes zu dem thema in art eines briefromans ein. für neugierige, dilettanten, profis ein einziger genuss zu lesen. es wird gnadenlos mit dem literaturbetrieb abgerechnet, mit allseits verknöcherten schulpraktiken „was sagt uns der autor?“ ebenfalls.

hieraus einige knackige zitate, direkt die poetik betreffend:

seite 12: „Wenn es Poetik überhaupt gäbe. Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetikvorlesungen eingeladen werden. Erst war die Poetikvorlesung, dann die Poetik.“

seite 28: „Wenn Poetik die Entstehungsbedingungen von Literatur veranschaulichen soll, dann wäre das wahrscheinlich die mit Abstand ehrlichste Herangehensweise. Einfach die Schädeldecke abnehmen und zeigen, wie es in einem Schriftstellerkopf tatsächlich aussieht. Totale Transparenz.“

seite 33: „Auch Romane beginnen mit einem Gedicht, oder besser: mit einer Verdichtung. Einer Situation, einem Gefühl, einem Sprachblitz, vielleicht auch schon mit Bruchstücken einer Geschichte.“

seite 42: „Poetik ist, wenn man eine Schreibkrise hat. Wenn man mangels Stoff zum Schreiben am liebsten übers Schreiben schreibt. Poetik ist, wenn man sich auf die Meta-Ebene flüchtet, sich vom Sekundärbetrieb aufsaugen lässt und das Selbst-Reflexive dem Welt-Reflexiven vorzieht. Poetik ist Nabelschau auf dem Elfenbeinturm. Poetik ist, wenn Autoren glauben, selbst am besten zu wissen, was in ihren Büchern steht. Poetik ist etwas für Besserwisser, die meinen, jedem Gedicht eine Gebrauchsanweisung beifügen zu müssen. … Poetik ist etwas für Nachruhm-Fetischisten, die in ihrem feuchten Träumen bereits vor sich sehen, wie ganze Schulklassen über ihrem abgehobenen Selbstdeutungsgefasel brüten…. Poetik ist etwas für Bedeutungshuber, die jeder ihrer Kurzgeschichten die Weltformel abpressen können. … Poetik ist für jene fatale Mischung aus Adabei und Drückeberger, die sich lieber mit Poetikvorlesungen wichtig macht, als einen neuen Roman zu verfassen.“

seite 132/133: „Literatur ist per definitionem eine vieldeutige Angelegenheit. Sie überlässt es dem Leser, einen Weg durch das Bedeutungsgebäude zu finden. Irrtum, Missverständnisse, Aneinandervorbeireden sind keine Fehler, sondern der Bereich, in dem sich das Kunstvolle des Textes, seine Vielstimmigkeit und Vieldeutigkeit entfalten kann.“

seite 172: „Es gibt einen Unterschied zwischen Schreiben und Literatur. Der Literatur wohnt im besten Falle eine Größe inne, die man übermenschlich nennen darf, weil sie den Autor transzendiert. Das Schreiben hingegen ist nur eine Tätigkeit, die man besser oder schlechter beherrscht. … Am Ende des Schreibens steht die Literatur, und in dieser drückt sich etwas anderes aus. … Nur weil das so ist, weil Literatur größer ist als das Schreiben, lesen Menschen Bücher. Das Schreiben bringt nicht einen, sondern unzählige Texte hervor, nämlich mindestens einen pro Leser.“

 

© 15.06.2013 brmu

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(k)ein gedicht

zitate zur Lyrik aus Petra Morsbach: Dichterliebe, Knaus 2013“:

seite 23: „… wir kämpften um unsere kleinen Freiräume und fassten sie in Worte – Lyrik kann ndas besser als Epik und Dramatik, sie ist formal am sträksten verschlüsselt und dadruch inhaltlich im tiefsten Sinne frei. Wenn Literatur ein Modell für die Welt liefert, ist Lyrik das versponnenste und unabhängigste Modell.“

seite 75: „Das Leben zu flüchtig, die Aufgabe zu groß; der höchste Lohn sind zehn gute Zeilen neben tausend, für die man sich lebenslang schämt. Manchmal erschließt sich einem was, das ist eine Gnade. Keiner weiß, warum er sie bekommt und ob sie wiederkommt. Jeder spürt den Schmerz, wenn sie geht. Sofern er seine Existenz an sie geknüpft hat, erfährt er das als Versagen. Dem entgeht keiner.“

seite 91: „Nach Wochen unersättlichen Lesens begann ich selbst zu dichten, buchstäblich mit zitternder Hand. Eine gelähmte Sprache springt nicht auf und bricht Rekorde, sie wächst langsam, wie Muskulatur, durch Übung und Stimulation. Jede neue Bewegung, jeder Schritt erfüllte mich mit Glück. Ich prüfte und änderte, lauschte dem Klang, spürte die Spannung, die Funken, längst führte ich ein zweites leuchtendes, verheißungsvolles Leben neben dem grauen, zähen ersten. Gelegentlich glückte nun auch mir eine aufgeladene Periode. Ich bekam Herzklopfen, meine Sohlen prickelten, als liefe ich über eine andere Erde.“

seite 96: „Lyrik ist Egozentrik. Sie einem Lyriker vorzuwerfen, hieße ihm vorwerfen, dass er Lyriker ist.“

seite 147: „Ich spüre ihre Dankbarkeit, unter so guten Bedingungen etwas schaffen zu dürfen. Ich sehe ihre Empörung voraus, wenn sie erkennen, dass sie vergeblich geschaffen haben. Sie werden nicht einsehen, dass ihr Werk überflüssig war, sondern die Ungerechtigkeit der Welt beklagen.“

seite 159/160: „Wir sind Wahnsinnige. Wären wir’s nicht, wir würden nichts schaffen. Wir entwerfen Modelle des Lebens, die gut oder schlecht sind, farbig oder schwarzweiß, fein oder grob, doch eins müssen sie liefern, sonst will uns keiner: die Illusion von Bedeutsamkeit – der Menschheit, des einzelnen, des Ich. Das Vergängliche ist kein Gleichnis, es ist vergänglich, sonst nichts. Was wir Dichter stiften, sind Märchen. Nur wenn die überzeugend bedeutsam sind, pompös, schmeichelhaft nach der jeweiligen Mode, können wir unsere Existenz auf sie gründen. Der Haken: Wir müssen selbst daran glauben. Und wer das tut, ist verrückt.“

seite 215: „Das Wort Altersweisheit muß eine Erfindung von Dichtern sein.“

seite 238: „Ich schreibe wieder Gedichte. Es verkürzt das Warten. Es veredelt das Warten. Es rettet mich, obwohl immer ein Ton von Vergeblichkeit und Verderben aufscheint. Es rettet mich, weil dieser Ton aufscheint. Denn der Ton grundiert wirkungsvoll etwas anderes, das mich erleuchtet.“

seite 260: „Es fehlt der zwingende Einfall. Es ist rhythmisierte Prosa, wobei der Grund der Rhythmisierung nicht ersichtlich wird. …

Ein Gedicht setzt Zeichen: Achtung, doppelter Boden. Nicht die Information ist die Hauptsache, sondern die Mehrschichtigkeit der Sprache, die Nebenbedeutungen, Klang, Aura. Das Formale – Graphik, Vers, Reim, Strophe, Zeilenumbruch – sind nur Achtungssignale, die die Assoziationsbereitschaft des Lesers stimulieren. …“

[Der Einfall ist] „der energetische Kern. Das konkrete Wort etwa, an dem der Affekt haftet und das durch keine Umschreibung ersetzt werden kann. Ein Starkregenereignis meint dasselbe wie ein Wolkenbruch, und doch ergäben die Wörter zwei unterschiedliche Welten …“

seite 269: „Man schreibt immer für Publikum. Wer Talent hat, bringt es auch in Bedrängnis zur Geltung.“

 

© 11.06.2013 brmu

 

 

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suchtpotenzial

Herta M. verweigert sich noch
den ganzen langen abend doch
legte sie noch schnell eine ei:
therorie? angeberei!

ließ den Lentz im regen stehen.
tja, so kann es mann ergehen.
schlechte sätze sind die sachen,
die gedichte schlechter machen,

war ihr credo apo diktisch
und ein wenig tauto logisch.
was ficht uns kleine schreiber dies,
uns macht das texten keiner mies.

© 11.01.2013 brmu
reaktion auf den Artikel von Sarah Brasack im KStA 11.3.2013 betitelt: „Das ist wie eine Sucht“. dort werden Herta Müller und Michael Lentz im gespräch anlässlich der lit.cologne zitiert.

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beim schreiben

… gibt es mindestens vier zentrale Probleme, …:
Das erste ist:
Soll der Text wahr sein?
Das zweite ist:
Soll der Text neuartig sein?
Das dritte ist:
Soll der Text die beschriebene Person beeindrucken oder die Leser?
Und das vierte ist:
Soll der Text etwas von der beschriebenen Person vor dem Vergessen bewahren?
Jetzt … noch ein fünftes Problem …:
Darf der Text die beschriebene Person befremden?

fragen, die sich Wilhelm Genazino in seinem neuen Buch „Tarzan am Main“ im Hanser Verlag 2013 auf seite 72 stellt.

mögliche antworten aus unberufenem munde:

zu eins: wahrheit ist nur eine übereinkunft
zu zwei: permutation rührt in der lebenskunst
zu drei: lektorat zuerst in der verlagszunft
zu vier: fantasie wird durch wirkliches verhunzt
zu fünf: nei(n)ja wenn im eigenen lebensdunst

© 18.02.2013 brmu

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schreibend bleiben

V.S. Naipaul, Das Lesen und das Schreiben, Claassen 2003:

seite 33: Allein von dem Wunsch getrieben, ein Buch zu schreiben, griff ich intuitiv, naiv oder verzweifelt auf Ideen und Material zu, ohne wirklich zu verstehen, wo sie mich hinführen würden. Die Erkenntnis kam mit dem Schreiben. Jedes Buch führte mich zu einem tiefer gehenden Verständnis und tieferen Gefühl, was wiederum jedes Mal eine andere Schreibweise hervorbrachte. Jedes Buch stellte ein bestimmtes Stadium in einem Prozess des Suchens dar; es konnte nicht wiederholt werden. Mein Stoff … war festgelegt und, …, abgeschlossen; er konnte nicht ergänzt werden. Und meine Art des Schreibens verbrauchte ihn.

seite 62: Alles Schreiben muss neu sein; und jedes Talent verausgabt sich restlos.

seite 63: Literatur ist die Summe ihrer Entdeckungen. Nachahmungen können eindrucksvoll und intelligent sein. Sie können erfreuen und haben ihre Wirkungsdauer, ob kurz oder lang. Aber letztlich zieht es uns immer zum Original zurück. Was in der Literatur zählt, was bleibt, ist das wirklich Gute. Und gut ist … immer das, was neu ist, sowohl inhaltlich als auch formal. Was gut ist, lässt jegliches Vorbild hinter sich, ist unerwartet; wir müssen es im Flug erwischen. Das Schreiben von Literatur kann nicht in einem Kurs gelehrt werden.“

seite 64: So wie jedes schöpferische Talent sich restlos verausgabt, gelangt jede literarische Form irgendwann ans Ende ihrer Möglichkeiten.

um das hier so festzustellen
muss es den literaturbetrieb geben,
denn wie sonst wäre etwas neu
wenn nicht auf dem hohen haufen
alter epigonenschreibe? -
rührt euch und schreibt weiter
eine/r wird es nächstens schaffen!

© 03.02.2013 brmu

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lyrische dichter

Peter von Matt schreibt in „Öffentliche Verehrung der Luftgeister – Reden zur Literatur“, Hanser Verlag 2003, auf seite 59 (in auszügen):

lyriker/innen hielte man für leicht verrückt, sie nähmen sich merkwürdig aus in der zivilisation, wie relikte aus verschollenen zeiten. der umgang mit ihnen sei schwierig, weil sie empfindlich seinen und beleidigt, bevor man noch den mund geöffnet habe. Sie seien von sich selbst hingerissen und hielten alle anderen für unnötig.

wer sie streichele, den bissen sie in die hand, weil er sie nicht hinter den ohren kraule. wer sie hinter den ohren kraule, den bissen sie in die waden, weil er sie nicht streichele.

heute verachten sie sich selbst, weil sie nicht Rilke seinen, morgen würden sie Rilke verachten. die verdienste Goethes wollten sie nicht bestreiten, hielten ihn aber dennoch für überschützt.

es käme vor, dass sie in der eisenbahn ihre gedichte wildfremden leuten vorläsen. das entsetzen, das sie damit auslösen würden, betrachteten sie als den ausdruck stummer begeisterung.

© 21.01.2013 brmu

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literaturverständnis

ein herkömmliches literaturverständnis lehnt der hier vertretene blogger ab, aus der erkenntnis, dass literatur in einer welt medialer reizüberflutung nichts mehr bewirken kann. er ist radikaler außenseiter, der … bewussten dilettantismus zum stilprinzip erhoben hat, um die mechanismen des literaturbetriebs in frage zu stellen.*

*zitierte und montierte textstellen aus: Konstantin Richter, Bettermann, Verlag Kein & Aber 2007, seite 145/146

© 10.01.2013 brmu

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kleine poetik

zum einprägen von dichternamen*

(je nach wissenstand
nach belieben fortsetzbar)*

jandl hat zwei töpf verlorn
einen mit ’nem horn
einen ohne horn
einen mit und ohne horn
jandl hat zwei töpf verlorn ...

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proklamation

der österreichische dichter h. c. artmann (1921 – 2000) hat 1953 zur theorie der poetik einen beitrag geleistet, seine proklamation des poetischen aktes. hier sinngemäß zitiert, originaltext findet sich hier.

einleitend meint er, man könne dichter sein, ohne auch irgend jemals ein wort geschrieben oder gesprochen zu haben. also quasi der kryptische dichter, der nur von sich selbst weiß. weiters: es gäbe die vorbedingung des gefühlten wunsches, peotisch handeln zu wollen. diese a-logische geste selbst könne zu einem gedicht erhoben werden, wobei schönheit sich in einem erweiterten spielraum bewegen dürfe.

der poetische act also

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kein schlenker

aus: B. Jeßing, R. Köhnen: Einführung in die Neuere deutsche Literaturgeschichte, Verlag J.B. Metzler 2003, seite 96 ein zitat zur "engagierten lyrik":

"Engagierte Lyrik, ..., ist angewiesen darauf, dass ihre Sprache, ihre Metaphern und Bilder verstanden werden.

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reimlos

saß der alte reimer
vor dem leerpapier
kämpft’ wie nirgends einer
er verzweifelt schier

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heimlicher autor

Juli Zeh schreibt in ihrem aufsatz „Von der Heimlichkeit des Schreibens“(1), Sigmund Freud bezeichne in seinem aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ den tagtraum als eine ersatzhandlung für das kindliche spiel, das dem erwachsenen nicht mehr erlaubt sei, während das dichten eine sonderform des tagträumens darstelle.

sie fährt dann wörtlich fort:

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manuskriptsärge

quelle ist das taschenbuch der herausgeber Josef Haslinger und Hans-Ulrich Treichel, "Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller?", edition suhrkamp (SV2395) 2005, darin der beitrag von Juli Zeh "Von der Heimlichkeit des Schreibens". Juli Zeh berichtet von ihren frühen schreibübungen und -anfängen mit einer querverbindung zu Siegmund Freuds aufsatz "Der Dichter und das Phantasieren".

seite 31 "Das Schreiben führte zu einer Professionalisierung des Tagtraums. Wer will schon gern verraten,

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Das Gedicht will

Peter von Matt, emeritierter schweizer Professor für Neuere Deutsche Literatur, regelmäßig Beiträge für die Frankfuter Anthologie schreibend, hat 1998 einen dicken Band mit dem Titel "Die verdächtige Pracht - über Dichter und Gedichte", Hanser 1998, vorgelegt, in dem auf Seite 11 über die Lyrik als Gengre folgendes notiert ist:

"Das nachweisbare Ereignis des Häßlichen im Gedicht der Moderne widerlegt das Prinzip nicht, daß das Gedicht schön sein will. Es schafft auch das Ärgernis dieses Prinzips nicht aus der Welt.

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reden wir über

Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist DIE ZEIT wie immer mit einer Literaturbeilage erschienen (ZEIT&LITERATUR Nr. 41 Okober 2012), darin enthalten auf den Seiten 37-41 ein Werkstattgespräch über Literatur usw. ("Reden wir über das Schreiben") mit der Kritikerin Iris Radisch, dem Kritiker Ijoma Mangold, der Autorin Juli Zeh und den Autoren Thomas Hettche und Clemens Setz.

Darin bekennt Clemens Setz (Roman Indigo bei Suhrkamp 2012), nachdem Thomas Hettche ausgeführt hatte, er glaube,

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so könnte es sein

romane führen durchs leben
novellen zeigen entwicklungen auf
erzählungen beschreiben episoden
kurzgeschichen beleuchten spots
gedichte beschwören augenblicke
aphorismen die splitter im auge
literatur also für's ganze leben

© 1.10.2012 brm ulbrich,
eingestellt am 6.10.2012

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originell wirst du

"Originell wirst du, wenn du plötzlich das Gefühl hast: Das kann nicht von mir sein! - Eben jenes musste endlich einmal abgeschrieben werden."


quelle: Thomas Lehr, Grössenwahn passt in die kleinste Hütte - kurze Prozesse, Hanser2012, seite 47

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ratzefummel

(geheimer bericht aus dem badewannencyclus)

wein, wanne, warmes wasser
innen außen gehts nicht nasser
liegt er still im fluidum
wartet auf verwandelung

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