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Kutsch in USA

in der bildungsstiftung „International Baccalaureate® (IB)“ in Bethesda, Maryland, US, ist eine entscheidung gefallen: man will das gedicht „Feier des Wortes“ als prüfungsstoff studenten der deutschen sprache vorlegen. warum ist das eine meldung wert?

kein gigant, kein genius oder olympier aus klassikers zeiten hat es geschrieben, sondern ein begabter mensch aus Bergheim, Axel Kutsch, autor und anthologist, der mit und für die lyrik lebt.

lyrik, jenes genre, das die meisten mit wegwerfender handbewegung mit marginalität abstempeln: das liest doch eh keiner. Kutsch ist da ganz anderer meinung, seine innige haltung zu diesem genre hat er litbiss im gespräch kund getan.

nun geschieht ein schritt der anerkennung weit über den deutschen sprachraum hinaus. das ist litbiss ein anlass, sich mit diesem gedicht näher zu befassen.

Feier des Wortes tritt fordernd und selbstbewusst auf, kein hauch von unterwürfigkeit und bittstellerei. der leser hat gefälligst haltung anzunehmen. gleich einer publikumsbeschimpfung fordert das gedicht die leserschaft auf, sich für das gedicht als solches vorzubereiten und für die richtigen rahmenbedingungen zu sorgen. wo hat man solches schon gelesen?

Kutsch’s gedicht mutet wie eine checkliste an. es ist provokant und sagt etwas über das selbstverständnis von lyrikern aus: keine unterwürfigkeit, sondern souveränität des wortkünstlers.

es ist so ungewöhnlich wie fordernd und grenzt sich mit seinem auftreten gegen die prosa als geschwätzigkeit ab. prosa kann man in jeder lebenslage konsumieren, lyrik bedarf des feierlichen eintretens, aber ohne Schuhe, mit gewaschenen Händen. der dreck von hand und fuß als schmutzmetapher der alltäglich platter gedanken soll außen vor bleiben, denn es findet eine feier statt. man ist an religiöse gebräuche erinnert, reinlichkeit vor dem heiligtum. lasche Einstellungen der Alltäglichkeit sollen dem gedicht nicht zusetzen.

der wohlklang der wortfeier, der liturgie der zeilen, harmonie von form und inhalt, soll in den Applaus als signal der resonanz mit dem korpus des gedichtes münden, und das in Respekt und Haltung. als Liederjan der straße wird man sich nicht in die mysterien des gedichtes einführen können.

und wenn diese resonanz eingetreten ist, dann kommt der impuls des redens über das erlebte. wir nennen es interpretation. dafür sei das übliche entfernt, die Zähne geputzt und der mund gespült. Mundgeruch ist fehl am platz, die üblichkeiten der tiefschürferei wissender interpretationen, das schlüpfen ins hirn des dichters, lebend oder tot, soll unterlassen sein.

der genuss am klang der worte, an der tonalität der zeilen, die anhörung des ganzen sei langsam erkundet, wider den hysterisch beschleunigten zeitgeist des raffens und gierens. ein ritual hilft: zeitentrückt sorge man für gedämpftes Licht. so kann man meditieren, wenn die regeln eingehalten werden. dann kommt zeile für zeile und bildet den klangkörper des gedichtes, den einen ton, in dem wir leser genießend aufgehen dürfen.

dies dank der kunst des lyrikers, denn er zentriert auf diesen punkt hin. der prosaist lässt laufen und laufen über hunderte von seiten. eine hatz von protagonist zu protagonist durch ein gewirr von handlungen. nur ab und an ein resonanter satz im textfeld der banalitäten.

möge Axel Kutsch noch lange das mauerblümchen lyrik begießen, möge den studenten sein gedicht eingehen und für sie gute noten erwirken – wenn sie denn genießen können.

wenn sie das gedicht von Sophie Rois im SRF hören wollen, klicken sie auf den titel und dann im neuen fenster auf den starter >.

Feier des Wortes
von Axel Kutsch

Bevor Sie dieses Gedicht betreten,
ziehen Sie sich bitte die Schuhe aus.
Sie werden vom Autor darum gebeten.
Sparen Sie am Ende nicht mit Applaus.

Haben Sie sich schon die Hände gewaschen?
Nein? Dann wird es aber höchste Zeit.
Begegnen Sie Dichtung nicht mit der laschen
Einstellung Ihrer Alltäglichkeit.

Was glauben Sie denn, wo Sie gerade weilen?
Hier findet eine Feier des Wortes statt.
Spüren Sie nicht den Wohlklang der Zeilen,
die der Autor für Sie geschrieben hat?

Da darf er ein bißchen Respekt verlangen.
Nehmen Sie gefälligst Haltung an.
Gerade sitzen! Nicht so durchgehangen
wie ein versoffener Liederjan.

Die Zähne sollten Sie sich auch noch putzen.
Ein Gedicht verträgt keinen Mundgeruch.
Oder geht es Ihnen darum, zu beschmutzen,
was Sie mehr fordert als ein Kalenderspruch?

Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit.
Sorgen Sie noch für gedämpftes Licht.
Sind Sie jetzt endlich soweit?
Dann genießen Sie dieses Gedicht.

© 22.07.2016 brmu
zitat des gedichtes aus: Axel Kutsch, Wortbruch, Ralf Liebe Verlag 1999 mit erlaubnis des autors; Kulturnotizen (KUNO): http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=35411; Kölner Stadt Anzeiger vom 22.7.2016 „Gedicht aus Ahe als Prüfstoff in den USA“ von Dennis Vlaminck

 

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