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Camino

(für N. U. in B.)

in 30 tagesetappen von rund achthundert km länge durch Frankreich und Spanien, das ist beileibe kein marketingtrick von schuhfabrikanten. es ist die über­nahme eines kultes längst überwunden geglaubter zeiten, in denen inbrünstler glaubten, ihrem idol näher zu kommen. noch heute ist zu hören, man wandere gegen seinen eigenen, inneren schweinehund an, man wolle sich also selbst überwinden, wolle ein anderer werden, sich selbst etwas beweisen.

gut, sage ich. wer anders werden will, kann das auch im sitzen, sogar in ruhe und stille, allein in der stube. dort kann man so lange hocken, bis die verändernden gedanken im hirne auf­tauchen. die neurologen predigen, dass bahnungen in den tiefen der neuronengewebe uns verändern, einen anderen aus dir machen. denken verändert also radikal das ISE, macht das Ich weit, das Ego weiter, das Selbst weitläufiger.

man schreibe seine gedanken auf, und schon liegt ein spannender erfahrungsbericht über ISE vor. wozu sich die sohlen ablaufen, sich aus den sozialen umgebungen entfernen, weg sein für die liebsten, die freunde, die bekannten? wozu sich vorgetäuschter gastfreundschaft aussetzen, trick­reichen taschenräubern, schmierigen betrügern. das kann man auch zuhause haben, ein­facher in der landessprache.

wie, das sei abenteuerlust? ja, ist es denn nicht abenteuerlich genug, sich am schreibtisch hockend systematisch in seine eigene gedankenwelt hinein zu arbeiten, diese zu notieren und ihre sinnfälligkeit zu prüfen? was, so frage ich erstaunt die unersättlichen kilometerfresser, ist denn edler: atavistisch sich die hacken abzulaufen oder zukunftsorientiert sich des einzig weiter­führenden organs, des hirns, zu bedienen. dabei allerdings darf der körper als veraltete hülle nicht überanstrengt werden. das hirn benötigt sehr viel energie. wenn bei zu erwartender, mäßiger ernährung auf dem Camino die knapp bemessenen energieäquivalente in die füße geleitet werden, dann hungert das hirn, es dorrt. darob stellt es das denken ein, ein zutiefst unwürdiger zustand.

der spruch, man könne sich beim laufen frei denken, gilt in dem sinne, dass man frei vom denken ist. ein trotten stellt sich ein, wie bei rindviechern, die von der alm ins dorf geführt werden oder umgekehrt. unwürdig, wiederhole ich. wozu also diesen Camino gehen? welches geheimnis steckt dahinter? ist da überhaupt ein geheimnis oder nur ein kollektiver irrtum? der wahre stubenhocker, lange zeit verlacht und verhöhnt, schüttelt seinen kopf und wirbelt dabei seine gedanken zu neuen ufern hin.

das ideal der mobilität, überbleibsel aus der alten evolution, wird in zukunft einer glücklichen stuben­hockerei vor dem computer weichen, der alles, was man wissen oder sehen möchte, auch den Camino in all seinen facetten, auf seinem bildschirm erscheinen lässt, vielfältiger als in der so genannten realität.

wozu noch vor die türe gehen? draußen ist smog, feinstaub und lästiges wetter. drinnen ein wohl temperiertes stübchen, alles in reichweite und erwünschter qualität: betten sind nicht verlaust, tische sind nicht verschmiert, gläser sind klar und klingend, speisen standardisiert und millionenfach bewährt, getränke in jeder dosierung zu haben. eine klappe in der küchen­wand nimmt schnell und geruchlos sämtliche abfälle auf.

wie anders doch die mühsal auf dem Camino, die attacken von bremsen, mücken, bakterien und viren gegen den körper, die offenen und eiternden wunden der füße, der aufge­laufene wolf zwischen den beinen, die von sonne gealterte haut des gesichtes, die hände zerschunden von den dornen der macchie am wegesrand. schwielen und blasen allüberall. und der gaumen trocken, der atem rasselnd, die stimme ungeübt und bröckelig mit der gefahr des ewigen verstummens.

nein, mein entschluss steht felsenfest: ich gehe nicht – aus meiner stube und schon gar nicht auf den Camino. ein geräusch an der türe lässt mich aufhorchen. es klingt wie ein sack reis, der umfällt. ich trete hinaus und stolpere fast über den rucksack meines sohnes, der gerade vom Camino kommt. „vadder, es war einfach große klasse“ – und wir umarmen uns, wie wir es noch nicht getan.

© geschrieben am 21.09.2014, gekürzte fassung vom 14.1.2015, brmu

 

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