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der gartensound

wind und wetter locken dich in den korbsessel hinaus. schön gepolstert ergreifst du das angesagte buch, blätterst und liest dich fest, fester - und dann passiert es: vis-à-vis auf dem häusledach turnt der nachbar mit dem wasserstrahler wider dreck und flechten, schon den dritten tag. ob der noch alle pfannen auf dem dache hat? den kärcher aber hat er.

du suchst die anschlussstelle im buch und vertiefst dich wieder, tiefer – da fällt ein röhren dir ins hirn. der nachbarin putzwahn auch auf der straße: hinter der garage mit dem gebläse übt sie jetzt schon für den herbst, pustet im Juli fallblätter weg. denn das wohnzimmer ist überall. zum kärcher kommt die bläserbrunst.

du schüttelst den kopf, verdrängst den sound und setzt dich um, in eine schallarme ecke. nimmst das buch zur hand und liest den letzten abschnitt neu. achja, so war die geschichte und tauchst ein ins netz der sätze, dich wiegend in bedeutungen, driftest und sinkst – bis dich ein freches jaulen links von dir jäh aus der muße reißt. rasen hat sich doch erdreistet trotz trockenheit zu wachsen. ab den halm und weg als maht! so muss das immer sein. klee für die hummeln wächst anderswo, nicht auf nachbars grünem teppich. und ewig brummt der rasenmäher.

zorn fließt in dir, die kiefer mahlen. musst dich erheben, eine runde gehn und siehst trotz allem die große libelle, aus deinem teich, aus deinem reich. ein lächeln führt dich zurück in den korb, du klappst das buch am lesebändchen auf: die geschichte ist dir schon vertraut, vertrauter noch beim weiterlesen. und der mix vom menschensound wird zum verdrängten rauschen. und du denkst im selbstbetrug: ist ja nicht immer so.

da blubbert ein krad am haus vorbei, im auspuff die explosionen. sie fetzen wie schrapnelle. zutiefst verwundet fliehst du ins innere, donnerst türen und fenster zu. rennst in der wohnung auf und ab. wie könnte die rache sein? da fällt dir noch grade dieses ein: nimm deinen schredder und fülle ihn gut, lass ihn ordentlich kreischen. das buch wirst du später lesen.

schätzchen, wie war dein tag? ach, habe ein wenig im garten gewerkelt und die sonne schien auch schon schön.

© 17.07.2015 brmu

 

Kommentare 1

Gäste - Jutta Rumler am Dienstag, 30. August 2016 15:41

Diese Nachbarschaftidylle ist mir vertraut, ärgert mich aber nicht im mindesten. Ich lese ungerührt mein Buch im fröhlich vor sich hinwuchernden Garten, freue mich meiner Sorglosigkeit und vertraue auf das Schild im Vorgarten: "Naturschutzgebiet".

Diese Nachbarschaftidylle ist mir vertraut, ärgert mich aber nicht im mindesten. Ich lese ungerührt mein Buch im fröhlich vor sich hinwuchernden Garten, freue mich meiner Sorglosigkeit und vertraue auf das Schild im Vorgarten: "Naturschutzgebiet".
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Freitag, 28. April 2017

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