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litcologne buchgeplauder

bin mal wieder mitgeschleift worden zu einer lesung. großer auflauf im WDR funkhaus. alle jahre wieder diese litcologne. und jetzt war ein autor namens Chris Ranzmay dran.

sie:       der heißt Christoph Ransmayr, langer kerl, langer name!

er:        gut, gut, einigen wir uns auf CR, verbraucht weniger papier.

sie:       wieso, willst du unser geplauder wieder notieren?

er:        klar, alle guten gedanken gehören den nachfahren – und in unserem alter fahren wir ja bald dahin.

sie:       spinner! aber was willst du denn jetzt überhaupt sagen?

er:        ich hatte bislang von dem CR praktisch nix gelesen.

sie:       und warum stehen dann seine bücher bei uns im regal?

er:        vorrat! überraschungsvorrat!

sie:       soll was meinen?

er:        die veranstaltung war gut, weil sie mir klar gemacht hat, dass wir mal wieder die richtigen bücher gebunkert haben.

sie:       ach?

er:        das ist kein verschwiemelter autor oder so, der steht mit beiden beinen im aktuellen leben und hat horizont durch seine explorativen reisen in der welt. ohne den wären wir leser …

sie:       … und leserinnen …

er:        viel ärmer dran. als CR anfing, auf die fragen zu antworten, wurde mir schnell klar, dass der auch ein skeptischer geist ist und mündlich eine wunderbar direkte alltagssprache pflegt.

sie:       beispiel?

er:        als er davon sprach, dass autoren die welt nur spiegeln, aber es die leserinnen und leser – zufrieden? – sein müssen, die diese welt verändern.

sie:       du hast die autorinnen vergessen!

er:        die habe ich besonders in mein herz geschlossen.

sie:       du, wehe!

er:        ha, du fällst auch immer wieder darauf herein, das war doch nur eine wiedergutmachungsformel.

sie:       aua, du plötschkopp.

er:        also, der CR denkt skeptisch, schreibt gut, liest gut. der abend hat sich gelohnt und ich habe sogar sein signum mit datum vor der offiziellen veröffentlichung seines neuesten buches COX ...

sie:       … Cox-orangen?

er:        lass mal den plattquatsch. nein, also wirklich! ein herr Alister Cox, der aber eigentlich im vergangenen leben James Cox geheißen hatte und vor über zweihundert jahren lebte, bei Wikipedia steht von 1723 – 1800, war dem vernehmen nach ein hoch begabter uhren- und automatenbauer. der war nie in China, aber CR schickt ihn dahin.

sie:       warum das denn? nur weil der CR in China war und auf dieser monumentalen mauer gelaufen ist, auch über die offiziellen touristenstellen hinaus und ins weite hügelige land schaute auf den endlosen mauerwurm?

er:        vielleicht auch deswegen, aber er wollte einen spannenden plot mit einer spannenden philosophischen frage verknüpfen. du weißt doch, wenn heute nicht irgendetwas spektakuläres in den büchern passiert, dann gähnen die leute gleich und greifen zu einem krimi.

sie:       wir nicht!

er:        naja, also, lassen wir das mal so stehen.

sie:       und was für’ne philofrage wäre das?

er:        die kaiser von China hatten es verstanden, wie alle anderen potentaten auch, mit den verschiedensten mitteln die chinesen zu veranlassen, ihnen deren huldigungen zu attributieren.

sie:       mann-o-mann, sagt das doch mal in deutschen worten.

er:        wenn man von millionen leuten angehimmelt wird, wird man automatisch zum gott. das ist wie eine spende, ein teil meiner selbst wandert zu dem angehimmelten und wenn das viele millionen so machen, dann akkumu…, äh, dann sammelt sich gewaltige macht an.

sie:       wie das, eben hast du noch von freiwilligkeit gesprochen.

er:        richtig, aus der freiwilligen spendung von bewunderung wird nach deren ansammlung eine „ermächtigung“, so will ich das mal nennen. diesen vorgang kann man in der geschichte tausendfach beobachten. einmal ermächtigt, reduziert sich alles auf den erhalt dieser macht und deren vermehrung. in jenem stadium war also der kaiser von China, Qianlong, als Alister Cox dort mit seinen uhren ankommt.

Sie:      was sagt deine Wiki zu dem typen?

Er:       der kaiser lebte von 1711 bis 1799, gehörte der Qing-dynastie an, ein in dem machtapparat hoch gebildeter mann, der das so genannte goldene zeitalter Chinas verkörpert. der hatte eine enorme sammelleidenschaft und war auch dichter und kalligraf, vielleicht der grund, warum ihn CR als protagonisten in seinem roman wirken lässt.

sie:       und was ist jetzt mit diesem Cox, das musst du noch weiter erläutern, kapier ich noch nicht.

er:        ja, du hast recht. man muss noch wissen, dass der im auftrag des chinesischen kaisers neben anderem klimbim eine uhr für die ewigkeit bauen sollte. der kaiser war aber nach damaligem ritual der hüter der ewigkeit. würde es also Cox gelingen, diese uhr zu basteln, dann hätte er so etwas wie augenhöhe zum kaiser erreicht, was aber nicht sein darf, weil es die macht desselben relativieren würde.

sie:       aha, soso.

er:        so hat es uns zumindest CR in seinem gespräch auf der WDR bühne erzählt. den rest hat er offen gelassen. klarer fall von spannungserzeugung.

sie:       vielleicht hat ihn auch der verlag den finger auf den mund gelegt. wenn schon das buch vor dem offiziellen datum hergegeben wird, immerhin waren ja viele leute anwesend, dann soll der clou nicht verraten werden, is’ doch klar.

er:        ja, das sind die prinzipien des literaturbetriebes. wenn man einmal in diesem hamsterrad steckt, dann hat man sie zu befolgen und rennt man und rennt und rennt und …

sie:       … und kriegt sich manchmal wieder ein. wir waren bei dieser ominösen ewigkeitssache. eine uhr für die ewigkeit zu bauen, das ist doch reiner quatsch. das käme ja einem perpetuum mobile gleich.

er:        eben! und deswegen kann es das nicht geben. eine uhr ist das instrument zur zerhackung der endlichkeit und somit ihr symbol, endlich im sinne der standzeit der batterie oder was auch immer. irgendwann ist der saft alle und dann steht die uhr und verfehlt ihren zweck.

sie:       wieso, genau in dem moment ist sie doch dann aus der zeit gefallen, so würden die philos das nennen, und repräsentiert die ewigkeit, die seinsform ohne die zeit. und wenn du an Einstein denkst, dann auch gleich noch ohne die raumzeit.

er:        tja, und dann sind wir im prallen nichts, ha! ich habe das buch auf dem nachttisch liegen, das erste kapitel ist schon intus.

sie:       da hast du aber schon mal schneller geschmökert.

er:        eben, schmökern geht bei dem buch nicht. die sprache ist elegant, die sätze sind gewandt, alles lässt in dir sofort pralle bilder der erinnerung aufleuchten.

sie:       zum beispiel?

er:        schon erste satz hat mich an die segler von der Kieler Woche erinnert, wie sie langsam die Schlei entlang segeln und in die Ostsee stechen. „unter schlaffen segeln“ in nebelschwaden, genau das habe ich gesehen und dann das klatschen des segeltuchs noch gehört, weil die nur ein paar dutzend meter an mir vorbei tuckerten, mit dem hilfsmotor. dieser erste satz war für mich die einstiegsdroge auf der suche nach weiteren, inneren resonanzen.

sie:       das sagst du öfters, das mit den resonanzen. kann man bei unserem klavier gut nachvollziehen. aber mittels eines buches?

er:        das buch ist doch nur die saite, die leser/-innen die zupfer, ton ist text, der satz, das wort - bei mir eben die erinnerung. du musst dir mal die schiffsaufbauten vorstellen, wie sie an dir vorbei gleiten. dann die leute an der reeling, die riesigen segel, schlapp oder gebläht, je noch wind – einfach toll.

sie:       aber „Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist kein seglerbuch – oder?

er:        nein, aber was es im kern sein will, das muss ich mir noch erlesen. mir scheint, da steckt noch mehr drinnen.

sie:       ach, das wäre auf den dreihundert seiten?

er:        zeitkritik.

sie:       damalige zeiten sind doch schall und rauch, männe. das lockt doch nur geschichtsstudenten des ersten semesters an den lesetisch.

er:        falsch! heutige zeiten sind darin angesprochen. schon die brutale eingangsgeschichte mit den siebenundzwanzig delinquenten, denen strafhalber die nasen amputiert werden, weil sie sich an der börse gegen das gold des kaisers verschworen hatten. weißt du, wie die genannt werden?

sie:       mach’s nicht so spannend, sag’s schon.

er:        säue! in der geschichte sind betrügerische börsianer gemeint. wenn das nicht aktuell genannt werden kann, angesichts des jahres 2008 mit seinem börsen-crash!

sie:       naja, dann lies erst ’mal bis ans end’, dann plaudern wir weiter.

© 24.10.2016 brmu

 

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