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Wondratschek's scheck

neun minuten exklusiv in wdr5 scala1. darin die erklärung eines gestandenen literaten der alten brd: autor Wolf Wondratschek: Also, es ist überhaupt kein Protest.

ausgerechnet der unan­gepasste, der couragierte, der linke, der wider den stachel löckende lässt sich in einen marketing coup der ausschließenden art einbinden und beleidigt damit seine kleine schar der mit ihm alternden, bislang treuen leser/innen.

einem unternehmensberater verkauft er das autograf seines neuesten romans mit dem bezie­hungsreichen titel „Selbstbildnis mit Ratte“. who is who? ein schönes geschäftchen für den Verehrer, wie ihn der autor selber nennt.

Wondratschek sagte in dem interview, er habe etwa 15 monate an dem werk gearbeitet, diese Arbeit heißt ja, Tag und Nacht geht einem dieses Ding da im Kopf herum, das ist mörderisch. veranschlagen wir großzügige lebenshaltungskosten für diese zeit­spanne, dann ist der preis für das manuskript überschaubar, es lohnt sich also das warten wie bei aktien.

im bestehenden literaturbetrieb wird sich nach altvater Pawlow eine hohe appetenz einstellen: der roman muss her, koste es, was es solle! die gebote der verlage werden sich steigern und es ist nur eine frage der zeit, wann das schnäpp­chen mit großem gewinn dann doch verkauft und gedruckt wird, in der wohligen gewissheit, einen bestseller für die leserschaft trickreich finan­ziert zu haben. die vermutung des moderators, ob das vielleicht ein neuer Vertriebsweg sei, blieb unbeantwortet.

die verleger sind es und ihr wissen, es verkommt, so Wondratschek. Diese Verleger sind alle selbst inzwischen Romanschreiber und Lyriker und Gedichtefabrikanten geworden, … all diese Leute glauben, sie sind mit mir auf Augenhöhe und das ist kein gutes Verhältnis. Das glaubt Herr M. nicht, er bewundert …

das wird sich dann bald ändern, wenn der coup gelingt, falls der marketing gag klappt und das geld knistert. die verleger werden ihr wissen entdecken, der verehrer zählt bewundernd die knete und der autor ist in aller munde. nur die leserschaft fühlt sich von ihrem autor verarscht. such is life.

denn: ist das wegkaufen eines manuskriptes mäzenatentum, wie es Wondratschek uns weis machen will? er führt die Harriet Weaver an, die James Joyce finanziert habe. hatte die das manuskript „Ulysses“ erworben und vor den leser/innen jahrzehnte lang verborgen? meines wissens nicht. sie glaubte an James als genialen literaten und hat ihn alimentiert. that’s all.

mäzenatentum sei ein alter Hut, wie es Wondratschek ausdrückt. was sich in seinem falle nun abspielt ist kein alter hut. er bewirkt eine einseitige begünstigung eines Verehrers gegenüber allen anderen, potenziellen leser/innen. der bezahlt ein produkt und ab damit in den panzer­schrank, auf das es zu profitabler blüte komme.

auf die entlarvende moderatorfrage, ob denn die hoffnung bestünde, dass dieses Werk wo­möglich doch publiziert wird, so dass es noch mehr Verehrer finden könne, rät Wondratschek energisch ab, der käufer dürfe diesen Fehler nicht machen. na klar, sonst klappt doch der marketing coup nicht und das geschäftsmodell, es scheitert.

und dann kommt die dünne haut des Wondratschek: Ich habe diese Reaktion jetzt: Die Gilde der Kritiker wartet nur darauf, endlich einen Blick in dieses Buch zu werfen, um dann die Messer zu wetzten und das Buch in Grund und Boden zu vernichten. Das ist das, was die Realität ist. Deswegen ist es sehr schön, mit einem Mäzen über eine Wiese zu schlendern und keine scharfen Messer zu hören.

er ergänzt sibyllinisch, nichts gehe verloren in der literatur, irgendwo in einem Koffer im Keller eines Schwiegersohns oder eines Enkelkinds findet man in 70 Jahren ein Manuskript. Und wenn das dann noch von Bedeutung wäre, dann wird es gedruckt. Und dann sind alle diese Messer schwingenden, selbst ernann­ten Literaturpäpste tot.

welch eine arroganz von dir,
lieber Wondratschek,
dann bin ich leider auch schon tot.

mit messern liest sich schlecht, schreibt sich schlecht, diskutiert sich schlecht – das ist wahr. aber als gestandener literat muss man das zischen dieser messer aushalten können, es gehört zum geschäft, wie du nun eines getätigt hast. bedenke: literaten untereinander nutzen diese messer auch, wie du getan gegen die gedichtefabrikanten!

© 10.04.2015 brm ulbrich
1 exklusiv-interview von Jörg Biesler mit Wolf Wondratschek im WDR5, Scala – Neues aus der Kultur, zu seinem Roman „Selbstbildnis mit Ratte“, vom 8. April 2015; wörtliche zitate nach transkription kursiv notiert

 

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